Fischer und Sie wissen, was Sie essen

6. Februar 2009
Amazon-Rezension von  Dr. Werner Fuchs (Zug, Schweiz)



Seit dem traditionellen Sommerfest der CDU weiß auch Angela Merkel, was sie isst. Denn sie war bei Ludger Fischer. Das war auch ich. Allerdings nur virtuell, als ich mehr über den Autor dieses Buches wissen wollte und googelnd bei einem Namensvetter landete, der Landrauchschinken verkauft, meine Rezensionsüberschrift als Werbeslogan verwendet und offenbar auch die CDU-Spitze bei ihrem gemütlichen Zusammensein verköstigte. Wer jedoch dem Ludger Fischer zuhört, der als Mitglied der "Beratenden Gruppe Lebensmittelkette" in Brüssel wirkt, Politikwissenschaft und Kunstgeschichte studierte, geschliffen schreiben kann, Humor hat und Hobbykoch ist, der beurteilt Landrauchschinken in Zukunft anders. Dieses Buch ist ein absoluter Hammer. Zum Fleischklopfen sollte man es trotzdem nicht verwenden. Denn das macht Plätzchen zwar größer, aber nicht besser. Ohnehin ist es nicht einfach, den Gebrauchswert des Fischer'schen Mythenzertrümmeres richtig einzuschätzen. Die Gefahr, mit all dem neuen Wissen anzuecken, Ehen zu zerrütten und Biofreunde zu vergraulen, ist groß. Und von lieb gewonnenen Verhaltensmustern nimmt der Mensch nicht gerne Abschied. Trotzdem erhält das Buch vom Lebensmittelexperten Ludger Fischer das seltene Prädikat "Wird mein Leben verändern". Ich werde noch weniger von Gewissensbissen geplagt werden, wenn ich Bratkartoffeln esse, weißen Zucker dem braunen vorziehe, das Wasser für Nudeln kurz vor der kritischen Al Dente-Zeit nachsalze, Fleisch irgendwie schneide und nicht bei Kernschmelztemperaturen anbrate, Fleur de Sel nur bei Sichtkontakt mit Gästen verwende, Kaffee nach meiner Art braue und trinke, Linsen nicht nächtelang einweiche, Pilze und Spinat aufwärme, das Bedürfnis nach Rohkost nicht steigere, den Metzger bei seinen Beschreibungen romantischer Landschaften mit glückseligen Ferkeln unterbreche, den Backofen kaum vorheize, beim Rühren beherzt die Richtung wechsle und Gegnern von Genttechnik den Anspruch auf absolute Wahrheit abspreche.

Ludger Fischer will seine Leser nicht mental umpolen. Er preist keine neuen Wunderdiäten an, führt keinen Feldzug gegen Vegetarier, Körnchenpicker oder Biofreaks. Er ist kein Lobbyist der industriellen Lebensmittelproduzenten und träumt nicht jede Nacht von der guten alten Zeit. Er versteht ganz einfach sehr viel von Lebensmitteln, kocht gerne und macht das, was er sinnvoll findet. Und Leser, die ihm nicht glauben wollen, gibt er den banalen Tipp, das Gelesene einfach selber zu versuchen und dann die Resultate zu begutachten oder noch besser, zusammen mit einem kritischen Publikum zu essen. Obwohl ich Ludger Fischer abnehme, dass er aufgrund wissenschaftlicher Forschungsarbeiten vieles besser weiß als Fernsehköche, Rezeptbuchschreiber, Gastrokritiker und kochende Großmütter, behandelt er Andersdenkende mit Respekt. Statt sich über verirrte kochende Mitmenschen lustig zu machen, beschreibt er deren Irrtümer auf unterhaltsame und lustige Weise. Gebt dem Mann sofort eine eigene Fernsehshow und er wird das Werk von Jamie Oliver auf einer anderen Ebene fortführen, indem er all jene Zuschauer entlastet, die es vor lauter politischer Korrektheit kaum mehr wagen, ihren Fuß in einen Supermarkt zu setzen.

Wie in jedem guten Buch findet sich der Leser plötzlich auf unerwarteten Nebenschauplätzen, auf denen sich ebenso merkwürdige wie interessante Schauspiele beobachten lassen. So wird einem durch die vielen Zitate bewusst, mit welchem Gehalt man bei Informationen in Internetforen rechnen muss, auf denen Schauergeschichten wie die von Fleisch fressenden Kolas besondern beliebt sind. Und wenn uns Ludger Fischer mit den Gepflogenheiten der Weinliebhaber bekannt macht, entdecken wir den sozialen Druck, der auf unserer Meinungsfindung und unserem Verhalten in der Gruppe lastet. Nicht alles, was früher seine Richtigkeit hatte, macht heute noch Sinn. Das werden vor allem jüngere Leser dankbar zu Kenntnis nehmen. Wie gesagt, für Konfliktstoff ist gesorgt.

Mein Fazit: Persönlichkeitseigenschaften zu verändern, ist nicht so einfach, wie es die Verfasser von Lebensratgebern behaupten. Aber in diesem Buch geht es vorwiegend um alltägliche Verhaltensmuster, die auf Mythen beruhen und meist mehr einschränken als befreien. Nachvollziehbar und witzig beschreibt Ludger Fischer Küchenirrtümer, die sich hartnäckig halten können, obwohl wir es schön längst besser wissen könnten