1. Kapitel: Die Entwicklungsgeschichte der Burgen und Schlösser, aufgezeigt an der Entstehung des Schlosses Burgrain

 

 

 

 

Da die Begriffe "Burg" und "Schloss" schon oft abgehandelt wurden[1] gebe ich zur Einleitung nur eine kurze Definition. Was hat man sich unter einer Burg vorzustellen? Das Wort "Burg" kommt aus dem Griechischen, wo es "purgos" gleich Turm bedeutet. Die Römer übernahmen das Wort zur Bezeichnung ihrer Wachttürme "burgi".

Es handelt sich um einen geschlossenen Wehrbau, der stets mehrere Funktionen hatte und darum auch mehrgliedrig war. Auf jeden Fall gehörte zur Burganlage ein Turm, die Wehrmauer, der Palas oder die Kemenate, Wirtschaftsgebäude und die Kapelle. Diese Bauteile konnten in den verschiedensten Formen auftreten, also auch mehr oder weniger stark ausgeprägt sein, und in unterschiedlichster Verbindung zueinander stehen. Die Blütezeit der Burg begann mit Karl dem Großen (768-814) und endete etwa 800 Jahre später mit Karl V. (1519-1556)[2]. Meist entwickelte sich die Burg aus einer ersten Festung, deren einzige Aufgabe die Wohnsicherheit war. Sie wurden dann zur Zeit des Rittertums zu wahren Kunstwerken ausgebaut und dienten somit dem Adel, ein prunkvolles Leben zu führen.

Von da an tauchte der Begriff "Schloss" auf. Es war im Gegensatz zur Burg fast ausschließlich zum repräsentativen Wohnen bestimmt und vom jeweils herrschenden weltlichen oder kirchlichen Adel dementsprechend prunkvoll ausgestattet. Als Beispiel soll hier die Burg in Füssen dienen, die unter Bischof Friedrich II von Zollern im 15. Jahrhundert großzügig ausgebaut wurde, und von diesem Zeitpunkt an das "Hohe Schloss in Füssen" genannt wird[3].

Waren die ältesten Schlösser, die sich aus mittelalterlichen Burgen entwickelten, noch unregelmäßig in ihrem Grundriß, so wandelten sie sich im Barock, der Blütezeit des Schlossbaus zu rechteckigen, in einem Park gelegenen Bauten. Sie umschlossen einen Hof und waren meist mit Ecktürmchen versehen.

Oft verschwimmen die beiden Begriffe, und viele Objekte lassen sich nicht eindeutig als Burg oder als Schloß bezeichnen. So wie Dr. Hellmut Kunstmann in seinem Buch "Die Burgen der westlichen und nördlichen Fränkischen Schweiz" Greifenstein, Aufseß und andere Bauwerke einmal als Schlösser einmal als Burgen bezeichnet[4], so muß auch Burgrain im Verlauf dieser Arbeit einmal als Schloß und einmal als Burg betrachtet werden.

Will man eine Burg oder ein Schloß als Bauwerk und als Kunstdenkmal betrachten, muß man drei Gegebenheiten berücksichtigen und in Zusammenhang bringen, erstens die Bauform, zweitens die geschichtliche Eigenschaft und drittens die landschaftliche Lage[5].

1.1               Allgemeine Entwicklungsgeschichte des Schlosses Burgrain bis 1802,

1.1.1          Burgrain als erste Befestigung

a)                   Die günstige Lage als Voraussetzung

Eine günstige geographische und morphologische Lage war auch die Voraussetzung für die Entstehung Burgrains als erste Befestigung. Das Einzugsgebiet der Isen im Bereich der rißeiszeitlichen Endmoräne war wie geschaffen dafür. Da die Nebenbäche meist im spitzen Winkel in die Isen münden und sich dabei tief in die Hochterrasse eingegraben haben, entstanden vor den Mündungen herausragende Bergnasen, die sich als ausgezeichnete Befestigungspunkte anboten. Es ist anzunehmen, daß auf einem dieser Bergsporne schon während der Kelten- und der nachfolgenden Römerzeit ein befestigter Punkt vorhanden war. Beweise dafür sind jedoch nicht vorhanden.

b)                   Kelten - Römer - Baiuwaren

c)                   Das baiuwarische Adelsgeschlecht der Fagana; Erste Erwähnung Burgrains

Am Ende der Völkerwanderung drangen um 500 n. Chr. die Baiuwaren in den beinahe menschenleeren Raum der früheren weströmischen Provinz Rätien. In geschlossenen Sippen bevölkerten sie bald das obere Isental. Eine dieser bayerischen Adelssippen waren die Fagana. Aus ihr ging auch wahrscheinlich der Gründer Burgrains hervor. Da er gleichzeitig ein Bischof von Freising war, ist die weitere Entwicklung Burgrains aufs engste mit der Geschichte Freisings verbunden.

Das Bestreben der Bischöfe lag darin, das kirchliche Leben im oberen Isental zu festigen und ihren Besitz auszuweiten. Unter Atto von Kienberg (783-811) wird zum erstenmal der Name des Ortes "Burgrain" urkundlich erwähnt. In der Folgezeit begegnet uns dieser Name in verschiedenen Formen: Die häufigsten sind: Purcreini, Puregreni und Purchrein. Unter den Bischöfen zu Freising wurde somit die Herrschaft Burgrain gegründet, die ein volles Jahrtausend andauern sollte.

d)                   Die Kaiserinwitwe Kunigunde als Nutznießerin des Schlosses

Am 3. März begeht die katholische Kirche das Fest der heiligen Kunigunde, der Gattin des Kaisers Heinrich II. Der alte Bauernspruch "Kunigund macht warm von unt", will besagen, daß nun der Winter vorbei ist, und daß die Erdwärme ausreicht, um den Frost aus dem Boden -wegzutauen.

Dem Spruch von der hl. Kunigunde liegt aber noch eine andere Bedeutung zugrunde. Die hl. Kunigunde hatte im Einverständnis mit ihrem kaiserlichen Gemahl ewige Jungfräulichkeit gelobt. Diese Josefsehe bedeutete wohl eine schwere seelische Belastung für das kaiserliche Ehepaar, denn die üble Nachrede machte auch vor ihm nicht halt. Die Kaiserin kam in Verdacht der ehelichen Untreue so sagt die Legende, und sie mußte sich dem Gottesurteil unterziehen, das darin bestand, über zwölf glühende Pflugscharen barfuß zu schreiten. Der Bauernspruch entstand also doch wohl in Zusammenhang mit diesem Gottesurteil, das nach der Sage im Schloßhof von Burgrain vollzogen worden sein soll. Die Kaiserin soll vorher im Bergfried in Ketten gelegen haben und deshalb heißt der Turm auch "Kunigundenturm". Da er aber nicht in die Zeit der hl. Kunigunde zurückreicht - er wurde erst um 1200 erbaut (siehe Kapitel Romanik, Seite 9)- wird damit ein Vorläufer dieses Bergfrieds gemeint sein.

Bekannt ist, daß zwischen der Burg Burgrain und der Kaiserin Kunigunde Beziehungen bestanden haben. Bischof Egilbert von Freising überließ nämlich im Jahre 1025 der Kaiserinwitwe Isen und das Schloß Burgrain zur Nutznießung auf Lebenszeit. Sie dürfte sich wohl selbst öfters in der Burg aufgehalten haben, und dies könnte der wahre, historische Kern der Sage sein. Zur Erinnerung daran ließ man bei der Neuerbauung der Schloßkapelle um 1720 den rechten Seitenaltar der hl. Kunigunde weihen. Auf dem farbenfrohen Altarblatt ist die Szene dargestellt, wie die Kaiserin stolzen Hauptes über die glühenden Pflugscharen hinwegschreitet. Eine Inschrift über dem Altar spricht von der Kaiserin als Nutznießerin von Burgrain (vgl. Abb. 11a).

Zum Vergleich sei hier auch die Abbildung "Die Feuerprobe" von Tilman Riemenschneider um 1500 gezeigt. Er hielt diese Szene neben anderen Legenden, die sich um das Kaiserpaar ranken, in kunstvoller Weise auf ihrem gemeinsamen Grabmal im Bamberger Dom fest (vgl. Abb. 11b).

 

1.1.2          Burgrain als mittelalterliche und neuzeitliche Befestigung

a)                   Territorialisierung des Besitzes

Anfang des 13. Jahrhunderts hatte sich die Gleichstellung der geistlichen Fürstentümer mit den weltlichen durch Gesetzgebung vollzogen. Die ersten Burgrainer Herren waren vom Bischof eingesetzte Adelige und wurden allgemein "Burggrafen" genannt. Die Bischöfe sprachen von ihren "capitaneus Burggravius noster in Burkrein"(1227) oder von ihren "Purchgraviis in purchirani"(1228). Burgrain wurde als Lehen bezeichnet, das der Freisinger Bischof einem seiner Adeligen auf Grund eines Burgbewachungsvertrages verlieh. Dieser hatte gegen bescheidenes Entgeld den Schutz der Burg zu übernehmen, stand als Kommandant an der Spitze seiner Burgmannen und. war zur "Residenzpflicht" angehalten, während die späteren Pfleger beliebig von Burgrain fern blieben. So ermahnte Bischof Nicodemus 1426 Lukas von Frauenberg: "Es sol auch der frawnberg bei Haws sel zu Purkrain sitzen, das mit Türmern, Torbärttel und Wächtern versorgen getrewlich"[6].

b)                   Entstehung des Freisinger Bischofwappens

Ausgehend vom Rittertum hat man im späten Mittelalter also begonnen, seinen Besitz deutlich durch ein persönliches Zeichen, dem Wappen, zu kennzeichnen.

Die älteste Darstellung des Freisinger Mohrenkopfes (=caput Aethiopis) befindet sich auf dem Deckblatt der geschichtlichen Aufzeichnungen über die Diözese Freising zu Beginn des 14. Jahrhunderts, die Bischof Konrad III. (1314-1322) hinterlassen hat. Die Tatsache, daß damals schon überall im Bischofsschlosse zu Freising wie in den Burgen des Bistums - also auch in Schloß Burgrain - der Mohrenkopf als bischöfliches Wappen auftritt, beweist, daß um diese Zeit die Entwicklung des Wappenbildes abgeschlossen war. Interessant ist die Frage: "Wie kommt der Mohr in das Wappen?" Die Wahl der meisten Wappenbilder läßt sich nicht genau erklären, und auch das freisingisch-burgrainsche Wappen kann nur gedeutet und phantasievoll erläutert werden. Es gab die kuriosesten Vermutungen über die Entstehung des Wappenbildes, deren Ausführungen hier aber zu weit führten.

M.F. Schlamp versucht das "Mohrenproblem" in einem Sonderdruck aus der Frigisinga, Beiträge zur Heimat- und Volkskunde (1930), neu zu klären:

Er nimmt an, daß die Wappenmohren des Mittelalters oft das Produkt einer auf Verkennung des ursprünglichen Bildes und dessen undeutlicher Darstellung beruhenden Entwicklung waren (S.48). Auch der Gegensatz der Wappenfarben könnte ein Grund für die Wandlung der ursprünglich hellfarbigen Figur hin zum Mohren sein. Ein Schildgrund heller Farbe erforderte die Wiedergabe des Wappenbildes in kontrastierender dunkler Farbe. Dabei bestand die Gefahr, daß die Hautfarbe im Laufe der Zeit in immer dunkleren Tönen erschien. "Auch in Freising läßt sich die Entwicklung des gekrönten Hauptes, welches nach meiner Auffassung ursprünglich kein Mohrenhaupt war, zum Mohrenkopfe mit der hellen Farbe des Wappenschildes (Goldgrund) und mit dem bartlosen Typus der Wappenfigur erklären".(8.49)

Bischof Emicho, der wohl als der Schöpfer den Wappens anzusehen ist, wollte sich ein Symbol schaffen, das geeignet war, die Unabhängigkeit und Reichsunmittelbarkeit seines Gebieten vor aller Welt deutlich zu machen - daher das Bild des gekrönten Herrschers. Die ältesten Siegelbilder zeigen den Kopf bartlos im Profil (nach links). Am Siegel Emichos läßt sich von einem Mohrentypus noch nichts erkennen; weder die gerade kräftige Nase, noch die Mund- und Kinnpartie haben etwas negerartiges an sich. Das Siegel Konrads III. stellt dagegen bereits den Mohren mit starken Wulstlippen dar. Die dreiteilige Krone entspricht der Königskrone dieser Zeit. Da das Wappen ursprünglich das Bild des regierenden Königs trug, und zur Zeit Emichos 1283 Rudolf von Habsburg König in Deutschland war, der bekanntlich einige Körpereigentümlichkeiten wie die kräftige Nase und die auffallende Lippenbildung (Habsburger Unterlippe) besaß, könnte man somit die Darstellung im Wappen erklären.

Auch Bischof Emicho wies zufälligerweise ähnliche Gesichtseigentümlichkeiten auf. Er hatte eine kräftige Nase und eine ungewöhnliche Mundform. Dies wurde bestätigt, als Bischof Eckher Emichos Grab öffnete und dessen Schädel wegen seiner Eigentümlichkeit sogar in Gips gießen ließ. Vielleicht hatte sein Profil etwas negerartiges an sich, das von den Wappendarstellern, bewußt oder unbewußt, allmählich auf den Herrscherkopf im Wappen übertragen worden ist. Verband man nun den so entstandenen Typus mit der dunkleren Farbgebung, so hatte man den Eindruck eines sonnverbrannten Mohren. Wagte man zu Lebzeiten Emichos noch nicht offen von Mohren zu sprechen, so scheute man sich nach dessen Tod nicht mehr, dem vorher nur angedeuteten Mohrentyp eine deutliche Prägung zu geben und diesen auch amtlich zu bezeichnen.

Weltliche und geistliche Machtbefugnisse werden im Wappen weiterhin dargestellt durch Schwert und Bischofsstab. Die ältere Version des Wappens trägt zusätzlich eine Krone mit Kreuz, wie es in der Kapelle in Burgrain zu sehen ist (Abb. 10a und Abb. 10b).

Eine zweite Version dieses Wappens wurde in der Barockzeit wahrscheinlich durch Bischof Eckher geschaffen und zeigt an Stelle der Krone mit dem Kreuz einen Bischofshut, ebenfalls mit einem Kreuz wie es auf dem Stich von Wening von 1702 und auch im Dom zu Freising abgebildet ist.

 

c)                   Burggrafen und Pfleger auf Schloß Burgrain:[7]

1147-1156          Isenreich der Burkrain

1182-1195          Otto und Heinrich von Burkrain

1286,1316          Chunradus et Reinricus de Burchrein

1308                   Ditricus Tilman Castellanus

1319                   Ulrich der Puecher, Burggraf

1345                   Ditow Chlahal de Purchrain

1356                   Jordan der Prämer, Burggraf

 


 


 

Verzeichnis der Pfleger

1353                 Hans der Muschelrieder

1359                 Thomas von Frauenberg

1361-1381        Ulrich der Puecher

1381                 Wilhelm v. Massenhausen

1382                 Christian v. Frauenberg

1391                 Wolfhard der Steinberger

1400-1406        Konrad Gieser

1410                 Ulrich und Kaspar Torrer

1414                 Georg v. Frauenberg

1421                 Heinrich der Adelzhauser

1424                 Michael Weinmaier

1424-1425        Otto der Pienzenauer

1426-1429        Lukas v. Frauenberg

1430-1433        Thomas v. Preysing

1435                 Lukas v. Frauenberg

1440-1441        Heinrich v. Freysing

1444                 Gabriel Auer zu Herrenkirchen

1446-1451        Konrad v. Freyberg

1452-1483        Friedrich v. Preysing

1487-1496        Warmund v. Frauenberg

1496-1506        Wolfgang v. Freysing

1507                 Jakob der Tannberger

1507-1508        Stephan d. Haushaymer

1509-1532        Wolfgang der Pusch

1532-1536        Ulrich der Ebran

1537-1554        Wilhelm v. Ahaim

1556-1560        Augustin Lösch

1560                 Tristram v. Götzengrien

1564                 Ortolph v. Sandizell

1565-1575        Moritz v. Rohrbach

1575                 Georg Taufkircher

1576-1612        Konrad der Staudinger

1612-1631        Georg Friedrich d. Staudinger

1649-1687        Wilhelm Gebeck

1665-1685       Heinrich Prändel (Pflegeverwalter)

1685                 Oswald Ulrich Ecker

1712-1747        Franz Siegmund Ecker

1749-1781        Josef Christof Ecker

1782-1795        Heinrich v. Welden

1795                 Joh.Willibald v. Freyberg

1798-1802        dessen Witwe Ludovika v Freyberg


In erster Linie hatten die Burggrafen und ab der Mitte des 14. Jahrhunderts die Pfleger militärische Befugnisse über das freisingische Interessengebiet im oberen Isental. Auch das Stift St. Zeno in Isen sollten sie schützen, doch brauchte dies eher einen Schutz gegen die Burgrainer "Kapitäne".

d)                   Gerichtsbarkeit - Wirtschaft - Seelsorge - Bildungswesen

In zweiter Linie waren sie Richter oder hatten seit 1308 eigene Richter. Die niedere Gerichtsbarkeit unterschied sich von einer höheren. Vor den niederen Richter gehörten die Vergehen, die Geldstrafen verlangten, vor den höheren Richter die Verbrechen an "Leib und Leben", Streit über Grundeigentum und Freiheit.

In der burgrainischen Strafgerichtsbarkeit spielte weniger die Freiheitsstrafe als vielmehr körperliche und entehrende Strafe eine Rolle. Züchtigungen mit Ruten, Landesverweise und der Pranger waren die häufigsten. Zu erwähnen ist, daß jahrhundertelang zwischen dem bayerischen Landgericht Erding und dem freisingischen Gericht Burgrain um die Blutgerichtsbarkeit gestritten wurde. Bayern forderte die Auslieferung der Verbrecher nach Erding. Damit zusammen hing der niemals ruhende Grenzstreit mit Erding. Man einigte sich endlich, alle verbrecherischen Personen nach Erding zu überführen mit der Bedingung, daß die nicht zum Tode Verurteilten wieder herausgegeben würden.

Gewöhnlich hatte Burgrain außer einem Pfleger und einem Richter bzw. Gerichtsschreiber auch einen Kastner. Dieser verwaltete die Schloßwirtschaft, vor allem die Getreidekästen und kümmerte sich um die bauliche Instandhaltung der Schloßgebäude, das Steuerwesen und die Buchführung über alle Ausgaben.

Wie sah es nun mit den wirtschaftlichen Verhältnissen in der Herrschaft Burgrain aus?

Dazu erhalten wir aus den Urbarien ab 1418 detaillierte Auskunft. Sie enthalten nämlich die Verzeichnisse über den Bestand der Grundherrschaft. Dazu kommen noch andere Register über Zehntwesen, Leibeigenschaft und Forstwirtschaft. Es gab damals keine freien Bauern. Die meisten Landbewohner waren mehr oder weniger abhängig von der Grundherrschaft. Doch wurden Klagen nur in Notzeiten oder bei ungerechten Forderungen einzelner Pfleger laut. Selbst die vielen burgrainischen Leibeigenen wurden weder ausgebeutet noch unterdrückt. Auf Grund der von Kaiser Karl dem Großen erhobenen Kirchensteuer und Armensteuer bestand auch in der Herrschaft Burgrain der jährliche Getreidezehnt.

Im 16. Jahrhundert, vor dem 30jährigen Krieg, war das Volk im allgemeinen wohlhabend; nicht das Bier sondern der Wein war damals das Volksgetränk. Der bayerische Rotwein floß so reichlich, daß er sogar nach Frankreich und andere Länder exportiert wurde. Damals existierten außerdem im Markt Isen sechs Brauereien. In Burgrain wurde 1626 nach Plan des Bischofs Veit Adam eine Brauerei gegründet und vor allem Weißbier gebraut. Nachdem die Brauerei 1632 von den Feinden zerstört wurde, baute Fürstbischof Eckher den Betrieb neu auf und vergrößerte ihn erheblich. Er florierte schließlich so, daß bedeutende Biermengen als Teil des Einkommens an das Amtspersonal abgegeben werden konnten.

Die damalige Ortschaft Burgrain war nicht groß, (vgl. Abb. 1). Am Fuße des Schloßberges lag die Tafern, heute noch "Gasthaus zur Burg" genannt. Auch die übrigen damaligen Holzhäuschen sind heute noch, trotz ihrer modernen Bauweise zu erkennen. Die Straße Hohenlinden - Dorfen verläuft wie früher in einer starken Z-Kurve durch das Dorf.

Die Bischöfe vergrößerten ihr burgrainisches Herrschaftsgebiet durch Kauf oder Tausch. Dies gelang vor allem den geldkräftigen Bischöfen des 16. und 17. Jahrhunderte. Die freisingische Herrschaft Burgrain war damals ein Ländchen, das man leicht an einem Tage umwandern konnte, (vgl. Abb. 2). Dennoch war Schloß Burgrain von den Bischöfen als Sommersitz bevorzugt, da die freie und weite Landschaft ihnen mehr zusagte als das Gebirge ihrer Besitztümer, der Grafschaften Werdenfels, Partenkirchen und Mittenwald. Der Bischof sah höchstpersönlich nach dem Rechten und ordnete alle Angelegenheiten. Auch als die Verwaltung dem Pfleger oblag, mußte dieser oder sein Gerichtsschreiber alles dem Bischof vorlegen. Alle Untertanen bildeten eine große Familie, und es herrschte eine patriarchalische Regierung. Bei kirchlichen Festen, Jagdveranstaltungen und während des Sommeraufenthalts pflegte der Fürstbischof persönlichen Kontakt mir Bürgern und Bauern. Er fühlte sich als eigentlicher Herrscher, dem allein gehuldigt werden durfte. Aber dies besagt noch nicht, daß man von den Burgrainern etwa ein eigenes freisingisch-burgrainisches Nationalbewußtsein gefordert hätte. Man brachte im Krieg auch Opfer für das weiter Vaterland, und zu Burgrain wurden die bayerischen Gesetze eingehalten, nur wenig vermischt mit burgrainischen Gewohnheitsrechten.

Religiöse Betreuung erhielt Burgrain in frühester Zeit von dem Benediktinerkloster St. Zeno in Isen (Abb. 3). In Burgrain war wahrscheinlich eine Laienkirche. 1315 wird es als alter Pfarrsitz bezeichnet, der so ausgedehnt war, daß die Pfarrer die Seelsorge nur mit ständiger Aushilfe der Isener Kanoniker bewältigen konnten. Da Burgrain keinen Friedhof hatte, wurde die Pfarrei unter Bischof Johann III. dem Stifte Isen einverleibt. 1540 wird der Pfarreisitz nach Mittbach verlegt. Heute gehört die Schloßkapelle zur Pfarrei Pemmering, bildet aber innerhalb dieser Pfarrei immer noch den Mittelpunkt des kirchlichen Lebens. Früher hatte der Pfleger als Vertreter seines bischöflichen Herren in Kirchenangelegenheiten ein Wort mitzureden. Ihm wurden die Kirchenrechnungen aller Gotteshäuser der Umgebung vorgelegt und mit Bemerkungen versehen nach Freising geschickt. Er mußte mit den Pfarrern über Kirchenbau und Pfründewesen verhandeln und hatte mit dem weltlichen Arm der Kirche zu helfen, besonders später, während und nach dem 30jährigen Krieg. Er griff auch streng durch, als andere Glaubensströmungen, u.a. auch das Luthertum sich bemerkbar machten. Die Strafe für den Schuldigen war die Verbannung aus der Herrschaft.

Auf dem Gebiete des Bildungswesens sorgte zuerst die Benediktinerschule von St. Zeno in Isen, später die Schule des Kollegiatstiftes, an der ein weltlicher Lehrer unter der Aufsicht des Scholastikus als "oberster Schulmeister" tätig war. 1649 wurde auch in Burgrain eine Schule gegründet, die zuerst nur aus einem Schloßzimmer bestand, aber einen eigenen Schulmeister hatte. Später sorgte der Pfleger Franz Ecker für einen Schulhausbau auf dem Schloßberg und für eine Lehrerwohnung.

Die heutige noch bestehende Schule wurde 1876 unten im Dorf gebaut.

e)                   Entstehung der Burganlage

Burgrain verdankt seine Entstehung wie schon erwähnt der äußerst günstigen Lage. Die Burg liegt auf einer 40m hohen, gegen Norden keilförmig in das Tal sich vorschiebenden Bergnase und war nach mittelalterlichen Begriffen eine ausgezeichnete Befestigung. West- und Nordhang fallen steil ab und erleichterten somit die Verteidigung. Die ungeschützte Südseite wurde durch Gräben und Abschnittswälle gesichert, die in Resten erhalten sind. Außerdem schirmte der ursprünglich freistehende Bergfried und eine Ringmauer die Angriffseite. Östlich vom Schloß wurde im Isental ein See angelegt, der ebenfalls der Verteidigung des Schlosses diente. Der dazu nötige Staudamm verlief vom Schloßberg zur gegenüberliegenden Anhöhe und ist zum Teil noch erhalten (vgl. Abb. 1). Nach Walter Hotz’s "Kleiner Kunstgeschichte der deutschen Burg" könnte man die Bauform von Schloß Burgrain als Axialanlage bezeichnen, eine rechteckige oder besser trapezförmige Burg mit Frontturm. Auf jeden Fall wurde ihre Form geprägt von der spitzzulaufenden Bergnase, die auch ein Schmälerwerden der Burganlage nach Norden hin verlangte.

Romanik

Beherrschender und ältester Teil der Burg ist der Bergfried in der Mitte der Südseite. Der ehemalige, mit einem Satteldach gedeckte, quadratische Turm besteht aus massigen Nagelfluhsteinen und ist heute in seinem Unterbau bis zu einer Höhe von 11,50 m noch gut erhalten. Die sorgfältige Quadertechnik weist in die Frühzeit des 13. Jahrhunderts, also in die romanische Zeit zurück.

In der Burgrainer Chronik steht über den Bergfried. "Noch immer lenkt er die Aufmerksamkeit sofort auf sich, obwohl er nicht mehr frei und stolz in die Lüfte ragte wie sein nächster Nachbar in Haag, sondern mit den südlichen Gebäuden verbunden ist." [8] (vgl. Abb. 4) Auf dem Stich von 1702 beherrscht er dagegen noch das Bild (vgl. Abb. 1).

Der Turm wurde hauptsächlich als Gefängnis. den sog. "Diebsturm" benutzt.

Gotik

Ein zweiter Bauabschnitt vollzog sich in gotischer Zeit, in der die Schloßbauten, ursprünglich wohl aus Holz- und Fachwerkbauten unter den Bischöfen Herman (1412-1421) und Nicodemus (1422-1443) durch Steinbauten ersetzt wurden. Dies führte zur mittelalterlichen Festung (vgl. Grundriss-Skizze I).

Dem Bergfried gegenüber entstand auf der schmalen Nordseite der Palas. Dieser war im allgemeinen der Repräsentativbau einer Burg. Er hat die Form eines rechteckigen Hauses, das über einem fensterarmen Kellergeschoß meist zwei Stockwerke enthält. Ähnlich ist die Einteilung des Palas von Schloß Burgrain. Über dem gewölbten Kellergeschoß lagen die Fürstenzimmer. Gang und Vorsaal haben noch heute eine spätgotische Balkendecke. Einer der wuchtigen, geschnitzten Balkenträger wurde leider während der Säkularisation entfernt und ist heute im Bayerischen Nationalmuseum in München zu besichtigen (vgl. Abb. 5).

Im 2. Geschoß befindet sich der Rittersaal von 25,5m Länge, 14,7m Breite und 3m Höhe, dessen Unterzug sich auf vier spätgotische Föhrensäulen stützt. Leider wurde auch er geplündert und die wertvollen Gegenstände weggeschleppt. Später diente er als Wäschetrockenplatz.

Im nüchternen, damals noch einstöckigen Ostbau waren die Dienstwohnungen untergebracht.

Von der spätgotischen Kapelle in der Südwestecke des Schlosses ist das Baujahr unbekannt. Schon 1662 aber scheint sie baufällig gewesen zu sein, da bereits ein neuer Bau geplant war. Seit 1712 die gotische Kirche abgerissen wurde, steht nur noch der hohe quadratische Unterbau mit vier, von einem viereckigen Mittelpfeiler getragenen Gewölbejochen (Abb. 8). Auf dem Stich (Abb. 1) sieht man noch den gotischen Spitzhelm des Kapelltürmchens hinter dem Bergfried hervorschauen.

Die Wehrmauer schloß im Süden den Bergfried und die Kapelle ein, verlief an der gesamten Westseite entlang und verband so die Bauten im Süden und Norden. In die Wandfläche waren schmale, rechteckige Schartenfenster eingelassen, die zur Beobachtung oder zum Beschuß dienten. Wahrscheinlich hatte der gesamte Wehrgang einen Holzaufbau, der aber nicht mehr erkennbar ist und nirgends erwähnt wird (vgl. Grundriss-Skizze I).

Die Wasserversorgung des Schlosses und besonders der späteren Brauerei war im Mittelalter eine wichtige und schwierige Angelegenheit. Damals kannte man drei Arten von Brunnen: Grundwasserbrunnen, fließende Brunnen (Röhrenbrunnen), Zisternen[9]. 1517 wurde durch den damaligen rührigen Pfleger eine Wasserleitung geschaffen. Dabei wurden Quellen, auf einer Wiese bei Mittbach entdeckt, in einer gemauerten Wasserstube zusammengefaßt und von dort in einem Röhrensystem, das wahrscheinlich aus Holz bestand, ins Schloß geleitet. Der Besitzer der Wiese, ein Bauer aus der Herrschaft Burgrain erhielt als Gegenleistung eine Befreiung vom "schärberchm (Scharwerk), solange der Brunnen in Benützung wäre[10].

Noch im Mittelalter muß der wuchtige Bau im Süden entstanden sein, in dem Ställe und Getreidekästen untergebracht waren, und der bis 1957 als Kuhstall und Heuboden diente. Dabei wurde der südliche Wehrgang zum Teil abgetragen oder in die neue Außenfassade eingebaut. Erst als das Ordinariat 1970 auf den Vorschlag meines Vaters hin, der Kirche einen eigenen Eingang zu schaffen, mit dem Abbruch des alten Jungviehstalles an der Südfront begann, kamen wieder 3 herrliche Rundbögen zum Vorschein, die möglicherweise einen späteren Teil der südlichen Ringmauer darstellten (vgl. Abb. 6).

       












Grundriss-Skizze 1

und

Grundriss-Skizze 2

Barock

Eine weitere Veränderung wurde 1686 durch die Aufstockung des Ostflügels vorgenommen.

Dem Fürstbischof Johann Franz Eckher, den Max Spindler für einen der baufreudigsten Bischöfe überhaupt hält[11], lag Burgrain sehr am Herzen. Da er es aber schmucklos und bescheiden fand, begann er 1719 mit einem neuen Kirchenbau. Während er jedoch die Schloßkapelle entsprechend den Stilformen seiner Zeit völlig neuerbaute, beschränkte er sich bei seinen eigenen Wohnräumen, den Fürstenzimmern, auf bauliche Befestigung und wohnliche Einrichtung. Auf diese Weise blieb hier der gotische Stil erhalten.

Die neue Schloßkirche, die dem hl. Georg geweiht wurde, entstand an Stelle der abgebrochenen gotischen Kirche, die wie erwähnt schon 1662 baufällig war. Johann Franz Eckher sorgte hier für eine bedeutende Vergrößerung, indem er einen Chor anbauen ließ und das Ganze überwölbte, wobei das Langhaus drei Joche zählt und ein Tonnengewölbe trägt, während der Chor aus einem quadratischen Vorchor mit Kuppel und einem rechteckigen Chor mit gedrückter Apsis besteht. Aus genauen Kirchenrechnungen geht hervor, wer für den Bau mitverantwortlich war. Die größten und schwierigsten Arbeiten wurden Freisinger Meistern anvertraut, von Isener Handwerksleuten unterstützt.

Auf Nikolaus Liechtenfurtner geht die herrliche Stuckdekoration, die hauptsächlich aus Akanthusranken besteht, zurück. In dieser flach aufgetragenen und in zarter Farbgebung gestalteten Stukatur zeigt sich der besondere Reiz dieser Kirche.

Auch die drei Altäre sind Meisterwerke. Die Altarfiguren, zwei Bischöfe, Korbinian und Lambert darstellend, die für die Gründung den Bistums Freising von besonderer Bedeutung waren, wurden von Hofbildhauer Franz Anton Mallet (1720-1722) gefertigt.

Die Altarbilder des hl. Georges, der hl. Kunigunde und der hl. Katarina dagegen von Caspar Sing (1722-23). Unter dem Marienaltar befindet sich der gläserne Schrein, in dem das kunstvoll geschmückte Skelett des hl. Albertus aufbewahrt liegt. Dieser, ein Märtyrer, wurde nach alten Angaben aus den Katakomben Roms nach Freising und von dort nach Burgrain überführt[12].

An der Stelle des gotischen Türmchens wurde ein höherer Turm mit kupferner Kuppelhaube erbaut, in dem zwei Glocken hängen. Trotz der Schlichtheit zeigt der schlanke Turm in seinen Abstufungen feine Konturen und prägt heute das Bild des Schlosses.

Die Einweihung des Gotteshauses 1723 war ein großes Fest. "In höchster Gegenwart des Hochwürdigist- und Hochgeborenen Herrn Johannes Francisci, Bischoffen und des Hl. Römischen Reichs Fürsten zu Freising"[13] und einer großen im Schloßhof versammelten Volksmenge hielt der Domprediger eine Festrede. Diese wurde gedruckt und befindet sich in der Dombibliothek Freising.

So hatten sich die Herren auf Burgrain den Wunsch erfüllt, in der Schloßkapelle ein kleines Abbild ihres prächtigen Freisinger Doms zu schaffen, den sie auch bei ihren Sommeraufenthalten auf Burgrain nicht missen wollten (vgl.Abb.7a und Abb.7b) . Ein weiterer Schritt hin zur heutigen Burganlage hatte sich somit vollzogen, denn die neue Kirche berührt die Südwestecke des Bergfrieds. An der Südseite des Bergfrieds wurde auf die ehemalige Ringmauer in Höhe des Oratoriums ein überdachter Umgang gebaut, damit der Fürstbischof bequem von seiner Wohnung aus den für ihn bestimmten Kirchenstuhl erreichen konnte. Zwangsläufig wurde somit der Bergfried im Süden und Osten in den gesamten Gebäudekomplex einbezogen. Der Gang, der auf diesen Seiten an ihm vorbeiführt heißt heute noch Kapellengang.

In dieser Anlage blieb Schloß Burgrain bis kurz nach der Säkularisation bestehen (vgl. Grundriss-Skizze I und Grundriss-Skizze II)).

f)                   Streitigkeiten mit der Grafschaft Haag

Auch in dem friedlichen Ländchen der Herrschaft Burgrain ging es nicht immer ohne Kriege, die meist aus weltlichen Gründen geführt wurden. Über einzelne Streitigkeiten mit den Frauenberger der Grafschaft Haag gibt es zum Beispiel reiches Archivmaterial:

Ursache des Streites war 1425 der zahlungsunfähige Bischof Nicodemus. Schon Bischof Hermann scheint viel Geld "zu Erbauung der Veste und Schloß Burgrain" gebraucht zu haben. Jörg Frauenberg von Haag erhob Ansprüche auf 400 ungarische Gulden, die er zum Bau geliehen hatte. Schon 1421-1422 hatte Jörg Frauenberg Streit mit dem Freisinger Domkapitel wegen einer Summe, die er Bischof Hermann vorgestreckt hatte. Das Kapitel erklärte aber von der Sache nichts zu wissen. Nun begann der Frauenberger nach dem Vorbild seines Ahnen Seyfried, die freisingischen Untertanen zu bekriegen. Dabei wurden Briefe gewechselt, die in einem Heft gesammelt wurden. In einem wütenden Schreiben an den Kastner von Burgrain behauptete der Frauenberger, daß die Burgrainer ihm seine Schafe geraubt hätten und fügte wütend hinzu: "... luge, daz du mir meine schaf zalst."[14] Mit dem rauhen Rittersmann war jedenfalls nicht zu spaßen. Vor dem Kaiser Sigismund machte Herzog Heinrich dem Jörg Vorwürfe, daß er wegen solcher Bagatellen des Bischofs Güter und Leute bekriege und schwer schädige und drohte mit der ganzen "Römisch königlichen Macht und Gewalt", wenn er nicht endlich sein Unwesen einstelle.

1425 sprach Herzog Heinrich zu Landshut das Urteil, daß Bischof Nicodem dem Jörg das schuldige Geld, 700 ungarische Gulden bezahlen soll. Danach war wieder Friede. Wie es scheint hatte der Frauenberger selbst Schulden zu begleichen, denn gleich darauf übergab er das Geld seinem Vetter Lukas Frauenberg. 1426 quittierte er einen weiteren Betrag von 400 fl. aus den Händen der Freisinger Bischöfe.

Auch ein früherer Frauenberger, Siegfried IV., befriedigte seine Machtgelüste auf gewaltsame Weise. In einer Fehde mit den Freisinger Bischöfen Emicho und dessen Nachfolger Konrad III. wegen Grenzstreitigkeiten gegen Burgrain, fiel er, so wird in der Freisinger Geschichte von Meichelbeck berichtet, in das bischöfliche Gebiet ein, drang, da die Besatzung von Burgrain, zu dieser Zeit bestehend aus einen Torwart, einem Türmer, einem Ballesterkundigen und acht Wächtern, keinen Widerstand leisten konnte, bis Kranzberg vor, nahm den Kranzbergern 200 Pfund Gold ab, ließ etliche verstümmeln und 10 im Gefängnis töten und verursachte einen Sachschaden von 6000 Pfund Silber. Erst 1318 konnte er durch Herzog Otto gezwungen werden, wenigstens einen kleinen Teil des Schadens mit 2000 Pfund Pfennigen wieder gutzumachen[15]. Grenzstreitigkeiten bald mit der Grafschaft Haag, bald mit den Gerichten Erding und Schwaben waren an der Tagesordnung. Einmal ging es um die Jagd, wobei es der Burgrainer Pfleger Wolfgang (P?)Busch mit den Grenzen nicht so genau nahm, ein andermal ging es um Waldungen.

Zur Sicherung der Herrschaftsgrenzen wurden große Grenzsteine aus Granit aufgestellt von denen heute noch 18 Stück meist schwer auffindbar im Wald stehen. Die meisten befanden sich im Osten und markierten die Grenze zur Grafschaft Haag. Sie stammen fast alle aus dem Jahre 1725 und zeigen das Wappen der Herrschaft Burgrain mit dem gekrönten Mohrenkopf nach Westen hin, auf der Ostseite dagegen das Wappen der Grafschaft Haag mit Darstellung eines springenden Schimmels (vgl. Abb.9a und Abb.9b).

Der örtliche Heimatpfleger Zeno Pfest hat eine Liste der gesamten noch bestehenden Grenzsäulen aufgestellt und bemüht sich gegenwärtig, daß diese steinernen Zeugen einer längst vergangenen Epoche unter Denkmalschutz gestellt werden.

g)                   Der 30jährige Krieg

Der 30jährige Krieg machte auch vor der Herrschaft Burgrain nicht halt. 1632/33 sollte sie den Krieg mit all seinen Schrecken kennen lernen.

1632 wurde der Markt Isen, der damals in wirtschaftlicher Blüte stand geplündert und viele Häuser zerstört.

Das gleiche Schicksal erlitt ein Jahr später Schloß Burgrain. Der Überfall der Schweden kam völlig unerwartet. Eine Kommission der Freisinger Regierung, die später auf dem Schloß erschien und eine neue Forstordnung, eine Untersuchung des Bräuhauses und der Marktrechnung von Isen vornahm, mußte daraufhin im Burgrainer Gasthof einquartiert werden, da im geplünderten Schloß bis auf den letzten Teller alles entwendet war. Auch die Schloßkapelle wurde von den Schweden nicht verschont. Die "Maleficanten", die diesen Raubzug unternommen hatten, wurden auf über Tausend geschätzt. Der 30jährige Krieg wird als jener furchtbare Kampf bezeichnet, der in Deutschland etwa 2000 Burgen, über 1000 Städte und rund 18000 Dörfer zerstörte, die Einwohnerschaft um zwei Drittel verminderte und große Teile des Landes in eine Wildnis verwandelte.

So fallen auch die Zerstörung der Vesten Hohenburg und Königswart und die Vernichtung des Klosters Gars in diese Zeit.

Ein Kinderreim schildert uns die damalige Not in plastischen Versen:

 

Und d’Schwed’n san kummen,

ham olles mitgnummen,

ham Fenster ei’gschlogn

und ‘s Blei davo- trogn,

ham Kug’ln draus gossn

und Bauern daschossn.[16]

 

h)                   Die Schlacht bei Hohenlinden und die Säkularisation (vgl. Abb. 12)

Unter dem Namen "Schlacht von Hohenlinden" ist ein bedeutungsvolles Ereignis in die Geschichte eingegangen. Es beendete mit einem dramatischen Schlußakt den zweiten Koalitionskrieg Österreichs und Bayerns gegen Napoleon auf der Bühne "Süddeutschland".

Burgrain blieb auch in diesem Krieg von Plünderungen nicht verschont. Während die Russen Ende des 18. Jahrhunderts friedlich durch das Isental in ihre Heimat zurückzogen, nachdem der russische Kaiser aus der Koalition ausgetreten war, besetzten die Franzosen im Jahre 1800 Isen und die umliegenden Gebiete. Am 29. November 1800 wurde Schloß Burgrain von französischer Kavallerie und Infanterie überfallen und geplündert. Sie hatten es vor allem auf die Brauerei abgesehen. Der letzte Burgrainer Gerichtsschreiber Gaßner berichtet: "19 Halbfässer Weißbier, und eine ganze Sud braunes Schankbier wurden samt den Zubern und Kübeln zu einem Zechgelage in den Wald geschleppt."

Am 3. Dezember 1800 geriet die Österreichische Armee unter Graf Baillet-Latour bei Hohenlinden in einen Hinterhalt der Franzosen. In dieser Schlacht gab es 12000 Tote, Verwundete und Gefangene. Die Franzosen gingen mit 1300 Toten als Sieger hervor und feierten dies am 4. Dezember, indem sie den restlichen Burgrainer Biervorrat auf das Wohl der Republik vertranken. Am 6. Dezember ließ General d’Espagne die Getreidekästen sprengen und beschlagnahmte alle Vorräte an Hafer, Gerste und Heu. Gaßner berechnete den Schaden an den Gebäuden auf 2865 Gulden den Gesamtschaden auf 4416 Gulden[17].

Mit diesen Ereignissen wurde der Niedergang der Festung Burgrain eingeleitet, und mit der Säkularisation 1803 war die Blütezeit der Burgrainer Herrschaft unter den Bischöfen zu Freising endgültig vorbei.

Nach der für Deutschland so folgenschweren verlorenen Schlacht von Hohenlinden mußte im Frieden von Luneville 1801 der größte Teil des linken Rheinufers an Frankreich abgetreten werden. Die Fürsten forderten Entschädigung für die ihnen abgenommenen Territorien, und nach langen Verhandlungen kam es am 21. Februar 1803 in Regensburg zum Reichsdeputationshauptschluß, der die kirchlichen Herrschaftsgebiete aufhob und den Fürsten unterstellte - säkularisierte[18].

So fielen auf Betreiben des Grafen Montgelas die Bistümer Freising, Bamberg, Würzburg, Augsburg sowie eine Reihe von Abteien und mehrere Reichsstädte an Bayern. Schon am 3. November 1802 brachen nachts 40 Kommissäre von München auf, um den Abteien usw. ihre Aufhebung zu verkünden. An 27. November verlas Freiherr von Aretin auf dem Marktplatz in Freising die Verfügung, die dem Fürstbischof seine Besitzungen nahm. Dazu gehörten: Seine Besitzungen an der Isar, die Grafschaft Werdenfels mit Garmisch, Partenkirchen und Mittenwald, die Herrschaft Burgrain mit dem Markt Isen und die Grafschaft Ismaning. Außerdem gehörten zum Hochstift Freising Territorien unter habsburgischem Szepter: im Erzherzogtum Österreich, in der Steiermark, Krain und Tirol. Der damalige Fürstbischof Josef Konrad von Schroffenberg war schon im August 1802 nicht mehr Herr seiner Haupt- und Residenzstadt Freising. 56 Mann vom kurfürstlich bayerischen Leibregiment hielten sie besetzt. Bischof Josef v. Schroffenberg, der sich am 26. Juni 1802 aus Regensburg nach Berchtesgaden zurückgezogen hatte, überlebte die Zerschlagung der alten Ordnung nur kurze Zeit. Er starb am 4. April 1803[19]. Am 22. April 1803 wurde für ihn der letzte Gottesdienst in dem Freisinger Dom gefeiert. Bis zum 15. August 1805 blieb der Dom, zum Abbruch bestimmt, geschlossen. Erst 1821 bekam die Diözese Freising wieder einen Oberhirten.

Diese Zeit brachte neben Enteignung und Plünderung auch Abbruch und Zerstörung mit sich. Die verlassenen Burgen und Kirchen waren Beuteobjekte für die Bevölkerung, die durch das schlechte Beispiel des Staates dazu angeleitet wurde, zu stehlen und zu brandschatzen.

Die allgemeine Vernichtungswut machte aber auch vor weltlichen Burgen nicht halt. So sank z.B. die Burg in Haag, die neben der in Burghausen wohl eine der größten in Südbayern war und als Symbol einer jahrhundertelang währenden Macht galt, in Schutt und Asche. Ein für Haag unwiederbringlicher Verlust. 1804 wurde damit begonnen, das schon stark baufällige Schloß abzubrechen. Doch müssen sich die Abbrucharbeiten über viele Jahre erstreckt haben. Der damalige Besitzer, der Pfälzer Kurfürst Maximilian IV., hatte anscheinend weder Geld noch Lust, das Schloß zu erhalten. Die Auswirkungen der 1803 einsetzenden Säkularisation mögen seinen Absichten entgegengekommen sein. Nur der imposante 42 m hohe Schloßturm überdauerte die Jahrhunderte und beherrscht als Wahrzeichen die Gegend [20] (vgl. Abb. 13).

Geschleift wurde außerdem in nächster Umgebung die weltliche Burg Kling bei Wasserburg.

Burgrain entging diesem Schicksal, aber alles was nicht "niet und nagelfest" war wurde entfernt. So wurde die Burg jeder historischen Kostbarkeit beraubt. Einer der letzten wertvollen Balkenträger aus dem Fürstensaal ist wie erwähnt heute in Kirchensaal des bayerischen Nationalmuseums zu sehen.

Nachdem sich die Verhältnisse wieder etwas normalisiert hatten, ging der bayerische Staat daran, die verwaisten Objekte zu versteigern, soweit er sie nicht für sich behielt.

Schloß Burgrain war damals in allen Teilen reparaturbedürftig. Die Mauern im Wohnstock waren dem Einsturz nahe und die Decken bereits eingestürzt. Die herrschaftlichen Gebäude wurden für die Brandversicherung geschätzt. Das Schloß mit Kirche, Wohnhaus, Getreidekästen, Stallungen und Stadeln schätzte man auf 18350 Gulden, das etwa dem Wert von 200000 DM entspricht. Durch Plakate gab man bekannt, daß Schloß Burgrain mit allen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, sämtlichen Feldern und Wiesen am Montag, den 12. März 1804 öffentlich versteigern werde. Kauflustige sollten sich im Schlosse einfinden. Die Versteigerungssumme betrug mit allen Ländereien nur 18000 Gulden. Man vergleiche sie mit der hohen Schätzsumme der Brandversicherung. die nur die zum Teil baufälligen Gebäude betraf.

Auch damals schätzte man ein Objekt also schon oft über seinem Verkaufswert ein, um eine möglichst hohe Jahresprämie zu erlangen. Ähnlich ist es heute mit der Festlegung der Einheitswerte, die bei einigen Grundstücken weit über dem Verkaufswert liegen. Beispiel dafür sind die Steilhänge am Schloßberg, die mit 5 DM pro qm angesetzt sind, bei einem Verkauf jedoch als minderwertiger Waldboden in Betracht kämen und damit höchstens 0,50 DM pro qm einbringen würden.

1.2               Der Fortbestand Burgrains in privater Hand

1.2.1          Schneller Wechsel der Besitzer bis 1919

Seit der Versteigerung 1804 ist Schloß Burgrain in Privatbesitz. Aber der Besitzerwechsel vollzog sich in den folgenden 100 Jahren schnell, denn kaum einer konnte das Objekt länger als 20 Jahre halten.

Die erste Besitzerin Burgrains nach der Säkularisation war eine Gräfin. Sie erhielt das gesamte Schloßgut mit umliegenden Feldern und Waldungen aber unter Ausschluß der Kapelle als einer zur Pfarrei Mittbach gehörenden Filiale. Im gleichen Jahr noch dürfte Josef Gnatz das Schloß erworben haben. Da schon vor der Säkularisation eine Schloßbrauerei florierte - das Burgrainer Bier war schon immer berühmt - entschloß sich Herr Gnatz zu einem für die damaligen Verhältnisse sehr großen und aufwendigen Neubau der Brauerei. Zu diesem Zweck ließ er bedenkenlos die obere Hälfte des wuchtigen Bergfrieds abtragen und verwendete die Nagelfluhquader als Fundament für einen Eiskeller, der in 4 große Kellergewölbe gegliedert ist und 8 m unter dem gewachsenen Boden liegt. Im Sommer wurde dort das Bier in großen Fässern gelagert. Das Eis erhielt man im Winter aus dem dafür angelegten Weiher im Isental, der als Rest des Stausees anzusehen ist, der im Mittelalter zur Befestigung und Sicherheit des Schlosses diente und 1803 durch Abtragung des Staudammes und durch Beseitigung der Schleusen trockengelegt wurde. Der Bergfried, oder was noch davon übrig war, wurde nun vollends in die umliegenden Gebäude einbezogen, indem man ihn in Höhe des Südosttraktes überdachte. Er ist seither äußerlich nur noch an der alten unverputzten Naturbauweise zu erkennen, durch die er sich so von den angrenzenden Gebäuden abhebt. (vgl. Abb. 4)

Gleichzeitig wurde ein Bräuhaus innerhalb des Schloßbereiches längs des Wehrganges an der Westseite errichtet. Zu diesem Zweck wurde der Wehrgang als Außenmauer in das Bräuhaus einbezogen. Die Bögen und die Stützpfeiler in Höhe von 5 m sind noch deutlich zu erkennen. (vgl. Abb.14) Das Bräuhaus selbst wurde doppelt so hoch und reicht in der Breite 15 m in den Schloßhof hinein, so daß durch diesen Anbau die Proportionen der Schloßanlage zum größten Nachteil verändert worden sind. Der Hof wirkt seither eng, gedrückt und dunkel (vgl. Grundriss-Skizze III) .

Durch diese beiden folgenschweren Eingriffe, erstens durch die Abtragung des Bergfrieds und zweitens durch den Einbau des unförmigen Bräuhauses, ist die Harmonie der ursprünglichen Schloßanlage völlig zerstört worden. Trotz den blühenden Brauereigewerbes hatte sich Herr Gnatz finanziell so übernommen, daß er "auf die Gant kam", d.h. gepfändet wurde. 1820 ging Schloß Burgrain in den Besitz von Michael Seidenschwarz über, der eine Tochter des Herrn Gnatz heiratete, und so blieb das Schloßgut in der Familie.

Von 1858 - 1873 war Josef Seidenschwarz Herr auf Burgrain und wurde es nochmals von 1883 - 1897, nachdem er es 1873 an Dominikus Streibl verkauft und 1883 wieder erworben hatte. Wahrscheinlich waren seine emotionalen Bindungen an das Schloß mit seiner herrlichen Landschaft stärker als seine wirtschaftlichen Bedenken. Ein Grund für den abermaligen Verkauf dürften die für die deutsche Landwirtschaft nachteiligen Folgen der Handelspolitik des preußischen Handelsminister Graf von Caprivi gewesen sein, der die Zölle für Getreide stark senkte, so daß viele landwirtschaftliche Betriebe aufgeben mußten.

1897 kaufte Sebastian Niederreither das Schloßgut, wirtschaftete aber nur 9 Jahre und übergab es 1906 mit dem gesamten Grundbesitz dem Verein "Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde München".

Der Verein hatte sich das Ziel gesteckt Blinden, die nicht bei Angehörigen oder in den Heimatgemeinden Versorgung fanden, ein Heim zu schaffen, das ihnen Unterkunft und Verpflegung, Beschäftigung und Ausbildung bieten sollte. Das Gut wurde, sofern es nicht durch die Blindenanstalt in Anspruch genommen wurde, verpachtet, was für die Weiterentwicklung des Vereins, der damals schon über 1000 Mitglieder zählte, aus finanziellen Gründen notwendig war. Schon nach kurzer Zeit erzielte man Verbesserungen in der Brauerei und Landwirtschaft, und auch die Schloßgebäude wurden repariert. Die Errungenschaft dieser Zeit war die Neuanlage der Wasserleitung von 1517 mit einer Wasserreserve im Bergfried, der eigens dafür ausbetoniert wurde. Diese Wasserleitung besteht heute noch und ist trotz ihrer Schadhaftigkeit für das Schloß unentbehrlich.

Auf Grund dieses zweifellos großen Aufschwungs des Schloßgutes wurden leider nochmals bauliche Veränderungen vorgenommen, durch die das Bild der Burganlage, ja sogar die Zimmeraufteilung in den Wohntrakten ihr heutiges Gepräge erhalten haben. Die Anstalt befand sich im Ostflügel das Schlosses, griff aber auch mit einem Teil auf die Wirtschaftsgebäude im Westen über.

Im Erdgeschoß befanden sich Küche, Speisekammer, Gaststube und Bräustüberl. Vom Torweg führt heute noch eine Freitreppe aus Granit zum Treppenhaus, dessen Eichentreppen durch drei Stockwerke bis zum Dachraum reichen. Dieses Treppenhaus in der Südostecke der Burg ist einer der Anbauten des Blindenheims und sollte den Behinderten das Treppensteigen erleichtern (vgl. Abb.4). Im 1. Stock des Ostflügels war die Frauenstation im 2. Stock die Männerstation untergebracht. Beide Stockwerke enthielten Aufsichts- und Arztzimmer, Kranken- und Pflegezimmer mit 1. und 2. Klasse, Vorräume mit Schränken für die Wäsche und die Bibliothek. Jedes Stockwerk hatte außerdem ein Badezimmer. Alle Räume waren damals mit elektrischer Beleuchtung, die Wohnzimmer der Anstalt zusätzlich mit einer Klingel versehen. Die Erweiterung des Blindenheimes auf den vorgesehenen Stand von 50 Pfleglingen wurde mit dem Umbau des nördlichen Schloßflügels eingeleitet. Außerdem entstand in der Nordwestecke des Burghofes der "Wittelsbacher Bau" (vgl. Abb.15 und Grundriss-Skizze III).

Am 5. Juni 1910 feierte man die Eröffnung den Blindenheims. Zahlreiche geladene Gäste und die Einwohner der ganzen Gegend waren gekommen. Die Feier begann mit einer vom zuständigen Pfarrvorstand, Pfarrer Kranz in Pemmering, zelebrierten Feldmesse. Danach hielt der 1. Vorsitzende des Vereins, Generalmajor z.D. Ritter von Graf eine Festrede und übergab den Schlüssel an den Inspektor Dr. Christ in Isen, der dann zur allgemeinen Besichtigung der Anstalt einlud.

Die aufgenommenen Blinden, die an die Hausordnung gebunden, aber in ihrer persönlichen Freiheit wenig beschränkt waren, beschäftigten sich je nach Fertigkeit und Neigung mit Bürsten- und Flechtarbeiten, teilweise arbeiteten sie auch im Haushalt mit. Die Ausbildung im Lesen und Schreiben, sowie in der Musik gehörte mit zu den Grundsätzen der Anstalt, und auch in Glaubensgrundsätzen hatten die Pfleglinge größtmögliche Freiheit.

Der Wunschsatz, wie er am Schluß der Chronik steht:

"Möge das Schloß mit seiner neuen Bestimmung als Blindenheim sich weiter entwickeln und festigen, möge Segen daraus erwachsen für unsere hilfsbedürftigen, des Lichtes beraubten Mitmenschen jetzt, aber auch dauernd für künftige Zeiten!" - ging aber nicht in Erfüllung.

Die Erwartungen, die sich an die Errichtung eines Blindenheimes in Burgrain geknüpft hatten, wurden nicht erfüllt, so heißt es im letzten Jahresbericht des Vereins von 1917. Beim Ausbau des Schlosses stellte sich heraus, daß die Gebäude mit ihren ausgedehnten Dachungen, und auch die Wasserleitung in einem schlechteren Zustand waren, als vorher bemerkt werden konnte. Auch die Bewirtschaftung des Gutes mit Brauerei bereitete weit größere Kosten und Schwierigkeiten, und die weite Entfernung vom Sitze der Vorstandschaft war ebenfalls von Nachteil. Zu diesen Schwierigkeiten kam noch, daß es der Vorstandschaft, trotz großer Mühe nicht gelungen war, die Zahl der Pfleglinge über ein bescheidenes Maß hinauszubringen.

Diese Faktoren mußten zu der Erkenntnis führen, daß die Verhältnisse in Burgrain unter solchen Umständen nicht haltbar waren, und daß eine Abstoßung des großen und beschwerenden Besitzes herbeigeführt werden sollte. 11 Jahre lang war Schloß Burgrain im Besitze des Vereins gewesen. Von den umfangreichen Planungen für den Um- und Ausbau des Schlosses war unter großem Aufwand an Geldmitteln erst ein kleiner Teil durchgeführt. Zwei vom Staate bewilligte Lotterien, deren Hauptgewinne an den Verein fielen und reiche Spenden von Staat, Behörden und Privaten hatten gerade genügt, um wenigstens das Wohngebäude (Ostfront) und den sog. Wittelsbacher Bau zur Aufnahme der Blinden herzurichten. Abgesehen von der Erneuerung der Wasserleitung, dem Bau eines über alles Maß hinausgehenden Treppenhauses und einigen wenigen Verbesserungen an den Wirtschaftsgebäuden, sowie einigen Anpflanzungen in dem fast völlig abgetriebenen Waldbesitz, war eigentlich nichts geschehen. Der Nordbau und die Stallungen boten nach wie vor ein Bild des Verfalls.

Die Nachfolger des Vereins, die Pächtereheleute Max und Maria Rombach, die wohl selbst nicht über ausreichende Mittel verfügten, erwarben den Besitz mit geliehenem Geld. Durch den Verkauf von Liegenschaften und vor allem der Brauerei mit der gesamten Einrichtung und des Braurechts auf ewige Zeiten, begannen sie den einst so schönen Besitz zu zertrümmern, ohne daß von Behörden oder der Gemeinde Einspruch erhoben wurde. Burgrain, Isen und Umgebung verloren so durch Verkauf der Jahrhunderte alten Schloßbrauerei einen der Hauptanziehungspunkte der ganzen Gegend.

1.2.2          Heutiger Besitz der Familie Klapp

Mein Großvater, Major der Artillerie und ursprünglich Berufsoffizier mußte wegen einer schweren Kopfverletzung seinen Abschied nehmen. Da er nun ohne Beruf war aber schon von Kind auf großes Interesse an Land- und Forstwirtschaft hatte, sah er sich gleich nach seiner Entlassung nach einem geeigneten Objekt im süddeutschen Raum um. Auf Grund der rasch fortschreitenden Inflation nach dem verlorenen Krieg waren gute Kaufobjekte kaum zu haben. Viele Monate reiste er hauptsächlich im bayerischen Raum umher, bis er schließlich auf Burgrain stieß, das seiner Ansicht nach einen gewissen Vorteil bot, auch im Hinblick auf die große Familie. So konnte er z.B. seine drei Söhne in die Dorfschule In Burgrain schicken und mußte sie nicht, wie auf anderen Gütern, weit über Land fahren lassen bzw. sich einen Hauslehrer anstellen. Auch die bayerische Hauptstadt war mit 40 km nicht allzu weit entfernt und bot doch einige kulturelle Möglichkeiten. Außerdem konnte mein Großvater seinen dort schon vorher bestehenden Waldbesitz besser betreuen.

Laut Urkunde des Notariats München 13 vom 29.10.1919 ging der gesamte Besitz des Schloßgutes Burgrain an Max Klapp, Kgl. Preuss. Major a.D. Der Kaufpreis betrug für alles zusammen 430000 Inflationsmark (vgl. Abb.16a und Abb.16b).

Es stellten sich sehr bald die ersten Unzulänglichkeiten, die man beim Kauf übersehen hatte, heraus. Diese Schwierigkeiten galt es zu überwinden. Sorge mit dem dauernd wechselnden Personal und mit baufälligen Gebäuden war nichts außergewöhnliches. 1922 mußte das Dachauflager des Nordbaus infolge Fäulnis wenigstens notdürftig repariert werden. Die Kosten betrugen ca. 30 000 Mark.

Zunächst waren in der Landwirtschaft kaum Erfolge zu erzielen. Der Betrieb wurde durch Zuschüsse meines Urgroßvaters und durch die Pension meines Großvaters notdürftig aufrecht erhalten. Neben den zersplitterten und gebirgigen, zum Teil versumpften landwirtschaftlichen Nutzflächen (vgl. Abb.16a und Abb.16b) , war auch der von Rombach übernommene Viehbestand mehr als dürftig. Das Jahr 1923 brachte einen absoluten Tiefstand, weil in diesem Jahr alles Unglück zusammentraf: Der erste harte Schlag war die Vernichtung der gesamten Ernte durch Hagel - die ausbezahlte Versicherungssumme deckte zu dieser Zeit gerade eine Briefmarke, denn der Dollar stand auf ca. 6 Billionen Reichsmark -. Der zweite Schlag war der Befall des Viehbestandes von der Maul- und Klauenseuche, wobei es bei den Verlusten keinen Ersatz gab. Ein Hochwasser, das das Isental in seiner ganzen Breite überflutete und somit die Wiesen zum Teil durch Verkiesung und Verschlammung schwer schädigte, machte das Maß voll.

Einen Wendepunkt brachte die erste Währungsreform im Herbst 1923, denn die Reichsmark wurde durch die sog. Rentenmark ersetzt, die einem Kurs von 0,25 Dollar entsprach. Damit war ein wirtschaftlicher Neubeginn aus dem totalen Nichts möglich. In der Land- und Forstwirtschaft ging es langsam bergauf. Ab 1928 konnte mit Hilfe von sehr zinsgünstigen Auslandsanleihen eine Reihe wesentlicher Verbesserungen durchgeführt werden. Zunächst wurde der Oberlauf der Isen reguliert und die feuchten Wiesen durch Drainagen zur Isen hin entwässert. Dadurch wurde wertvolles Mähweideland in der Talsohle der Isen gewonnen. Auch die übrigen zum Teil zu stauender Nässe neigenden Äcker und Wiesen wurden durch Entwässerung in ihrer Bodenqualität wesentlich verbessert. In kürzester Zeit gelang es meinem Großvater durch Zukauf und durch ausgewählte Zuchtmaßnahmen, daß der Viehbestand als anerkanntes Zuchtvieh im "Verband bayerisches Fleckvieh", mit Sitz in Mühldorf, aufgenommen wurde.

Noch bestand eine starke Fluktuation der Arbeitskräfte, und mit dem erneuten wirtschaftlichen Zusammenbruch ab 1929 setzten für die Landwirtschaft wieder ungünstige Zeiten ein. 1933, nach der Machtübernahme durch Hitler begann ein sehr rascher wirtschaftlicher Aufstieg, der sich auch auf die Landwirtschaft auswirkte. Es wurden außer günstigen Darlehen vor allem für Gebäudesanierung und -erneuerung verlorene Zuschüsse bis zu 33 1/3 % gewährt. Diese Gelegenheit nutzte mein Großvater sofort, indem er neben anderen Reparaturmaßnahmen fast die gesamte Fassade des Schlosses nach der Hofseite zu neu verputzen ließ. Er mußte also nicht nur mit den Schwierigkeiten in der Land- und Forstwirtschaft kämpfen, sondern fühlte sich gleichzeitig verpflichtet, für die Erhaltung der historischen Bausubstanz des Schlosses Sorge zu tragen. Es kann hier nicht verschwiegen werden, daß infolge der Autarkiebestrebungen Hitlers in Laufe der 30er Jahre und auch noch bis zum Beginn des 2. Weltkrieges die Wirtschaft in eine relativ günstige Lage versetzt wurde, so daß das erste Mal seit eine Chronik besteht, gesagt werden konnte, "der Betrieb konnte sich ohne Zuschüsse aus sich selbst heraus erhalten". Da für Mastvieh und Mastschweine ein ständig gleichbleibend hoher Verkaufspreis garantiert wurde, vergrößerte mein Großvater den Schweinebestand, soweit es die Gebäulichkeiten zuließen. Er nutzte weiterhin die Gelegenheit, im Nordbau und im Bereich das verfallenen Rittersaales Landarbeiterwohnungen für seine festangestellten landwirtschaftlichen Kräfte und deren Familien auszubauen.

Ab 1943, als sich der Krieg zu Ungunsten Deutschlands wendete, und die Städte in Schutt und Asche sanken, mußte im Zug der Evakuierung zunächst die einheimische Stadtbevölkerung, nach 1945 auch Flüchtlinge aus den Ostgebieten in alle noch zur Verfügung stehenden Räume aufgenommen werden. Nach den Kriege hausten somit zeitweise bis zu 85 Personen unter den schwierigsten Bedingungen im Schloß. Dieser Zustand der Zwangseinquartierung, der noch 20 Jahre später spürbar war, machte dem Besitzer, den Einquartierten und den Angestellten des Betriebes durch ständige Reibereien das Leben im Schloß schwer. Die Wohnungen waren nicht abgeschlossen, und auch die sanitären Einrichtungen waren für so viele Menschen nicht geplant.

Der Land- und Forstwirtschaft ging es auch nach dem Kriege noch verhältnismäßig gut, da noch keine Industrie vorhanden war und daher billige Arbeitskräfte jederzeit zur Verfügung standen. Dieses Bild änderte sich jedoch sehr bald, als nach der Währungsreform 1948 und mit Beginn der 50er Jahre die 2. große Industrialisierung einsetzte. In dieser Zeit des Wandels übernahm mein Vater 1954 den Betrieb, da er, nachdem seine beiden Brüder gefallen waren, der einzige Erbe war. Er verzichtete auf die Ausübung seines Berufes als Meteorologe, um sich ganz seiner neuen Aufgabe als Landwirt widmen zu können. Bereits 1955 aber trug er sich mit dem Gedanken, das Schloß mit den umliegenden Ländereien zu verkaufen, denn die Verhältnisse in der Landwirtschaft hatten sich speziell für das Schloßgut Burgrain rapide verschlechtert. Es war damals ein mittlerer Großbetrieb mit ca. 40 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche gemischter Bewirtschaftung, wobei der Schwerpunkt auf Mähweidebetrieb lag und mit 25 ha Wald.

Der Betrieb benötigte außer einem Melkerehepaar mindestens 4 landwirtschaftliche Arbeiter, war also als Familien- bzw. Einmannbetrieb nicht zu bewirtschaften. Die jährlich um ca. 8 %ige Lohnerhöhung und die gleichzeitige Arbeitsminderung infolge der Überalterung des Betriebs und der Belegschaft - junge Arbeitskräfte wanderten in die Industrie ab - ließen bei gleichzeitigem Einfrieren der Erzeugerpreise Anfang der 50er Jahre die Betriebsausgaben über die Einnahmen steigen. Es kam erschwerend hinzu, daß die teuren Maschinen, die zu dieser Zeit vielfach technisch noch nicht ausgereift und daher reparaturanfällig, sowie infolge ungünstiger Geländeverhältnisse nur bedingt einsatzfähig waren, von den Einnahmen nicht mehr bezahlt werden konnten. Durch den zunehmenden Kraftfahrzeugverkehr auf der engen Dorfstraße, war ein geregelter Viehtrieb nicht mehr möglich und damit das Rückgrad der Grünlandwirtschaft gebrochen, da die einzelnen Grünländereien sehr zerstreut bis zu 1 ½ km entfernt lagen (vgl. Abb.16a und Abb.16b) . Auf der engen Bergnase war das Arbeitsfeld sehr beengt und behindert, die alten historischen Gebäude nur in beschränktem Maße oder überhaupt nicht modernisierbar. Im übrigen waren Zersplitterung und mittelgebirgsartige Bodengestaltung äußerst ungünstig.

Aus diesen Gründen gab mein Vater die Landwirtschaft 1957 auf, verkaufte das Vieh und verpachtete die Ländereien an die umliegenden Bauern. 1970, als das Bauernsterben begann und immer mehr Land brach liegen blieb, verkaufte er einen großen Teil des Grund und Bodens entweder als Bauerwartungsland oder als Baugrundstücke, deren Erlös heute die Grundlage unseres Lebensunterhaltes darstellt.

Das Schloß, das seit 1957 zu ¾ leer steht, ließ sich bis jetzt nicht verkaufen und träumt einer neuen Aufgabe entgegen.


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