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Die Ratten auf der Straße

Kurz nachdem mir wieder einmal das Haus gezeigt worden war, in dem der Sage sich Süchtige unverzüglich nach dem Besuch beim Dealer auf dem Treppenabsatz eine Dosis verpasst haben, sah ich die zweite Ratte innerhalb einer Woche am hellichten Tag vorüber hasten.
Ich habe auf Hamburg-St.Pauli eine Wohnung mit Mäusen geteilt und mit meinem gleichermaßen poetisch veranlagten menschlichen Mitbewohnern über geeignete Tötungsmethoden spekuliert, um uns schließlich mit dem unvermeidlichen Getier zu arrangieren, das sich so diskret wie möglich verhielt. In jenen Tagen begegneten mir nachts am Hafen Ratten, und ich betrieb Verhaltensstudien. Seit ich neben einem Hühnerauslauf aufgewachsen war, der vor Ratten geschützt werden musste, schauderte mich das Auftreten dieses Tiers in der Stadtlandschaft allenfalls deshalb mehr als jedes andere, weil es gemeinhin ungesehen zu bleiben versucht. Soviel als Ausweis, dass ich, ohne Fachmann zu sein, mich auf andere als televisionäre Anschauungen stütze, wenn ich die Ratten des Altländer Viertels für dreist halte.
Die erste Ratte, die ich bemerkte, lief ganz ungeniert an der Altländer Straße entlang. Erst als ich ihr nahe genug kam, um sie zu erkennen und meine Kamera anzulegen, wich sie ins Gebüsch aus. Auch beim zweiten Mal war die Ratte schneller als meine Hand, aber ich hatte Zeugen, und es müsste einen unwiderlegbaren Beweis gegeben haben in Form einer Videoaufnahme.
Ich machte im Winter 2006/07 Fotos von den Kameras, die das Viertel überwachten. Dabei ergab sich die paradoxe Situation, dass ich zwei Jugendliche, die nur allzu bereit waren, sich ablichten zu lassen, über ihre Bildrechte belehren musste. Ich machte freilich ein paar Aufnahmen von den beiden mit den Kameras, von denen sie beobachtet werden sollten (wobei zu jenem Zeitpunkt rechtlich vollkommen unklar war, wer dazu befugt sein sollte und die technischen Möglichkeiten hatte, sowie wie diese beschaffen waren) – aber ich würde sie nicht zur Illustration meines Artikels benutzen.
Ich sah die Ratte erst, als die anderen mich hinwiesen. Sie passierte einen Hausdurchgang, in dem eine Kamera hing, die Gehweg und Parkplatz observierte. Das Objektiv müsste die rasende Ratte immerhin als huschenden Schatten eingefangen haben.
Sie verschwand in einem deutlich erkennbaren Loch in einem wüsten Gartenbeet neben dem Hauseingang, das von den Kindern als Spielplatz genutzt wurde; sie könnten das Rattenloch aus Neugier vergrößert haben. Die Ratte hauste irgendwo im Keller.
Ich erinnerte mich an die Besichtigung eines berüchtigten Kellers unter einem baufälligen Hochhaus, der mehr als einmal, wegen Wasserrohrbruchs wie bei heftigem Regen, unter Wasser stand, ein für alle Zeiten vermodertes Gelass, in dem Ratten hausen sollten. Wie zu hören war, soll der vom Rathaus protegierte Verwalter Betriebskostengelder kassiert, aber nicht weitergeleitet haben. Wie der Keller wohl inzwischen aussieht?
Die Ratten haben das Viertel nicht mehr verlassen, seit die „Neue Heimat“ gesunken ist. Sie waren da, als in den Treppenhäusern und neben den Eingängen die Spritzen lagen; sie waren ein drängendes Problem, als die millionenschwere Sanierung begann. Und sie waren noch da, als deren Erfolg zum tausendsten Mal verkündet wurde.

 

von Uwe Ruprecht

 

 
Foto: Ruprecht