Aus dem Album des Grabsteinforschers
Grabsteinforscher nannte
ihn der Lebensgefährtin seiner ehemaligen Zimmerwirtin, weil er alle Tage auf der
Suche nach Geschichten über Friedhöfe schlich. Er nahm den Titel an, zumal er von einem Klempner kam. Klempner
sind wichtige Leute auf dem Lande, die viel herumkommen. Wen man an die Eingeweide des Hauses lässt, muss so
vertrauenswürdig sein wie der Arzt, in dessen Hände man die eigenen Organe legt. Die Dichtung kann man getrost
den Klempnern überlassen.
Camper Speeldeel
Mahnmal 2009
In einem der Winkel des Horst-Friedhofs, der
aus lauter solchen besteht, befindet sich ein Mahnmal (das größte auf dem Gelände, wenn ich es richtig sehe), dessen Geschichte
nurmehr alte Leute kennen. Möglich, dass in den Laientheaterspielgruppen des Landkreises die Legende wach gehalten wird; aber
erzählen kann man sie nicht, ohne über die Epoche zu reden, von der bevorzugt geschwiegen oder in der Form "hier war doch
alles nicht so schlimm" gesprochen und am besten gar nicht geschrieben wird.
Mahnmal 1998
Über plattdeutsches Laientheater kann ich allenfalls kulturanthropologisch mitreden, und das genügt mir. Es gibt wohl
plattdeutsche Literatur, die diesen Namen verdient, aber sie ist seltener, als gewisse Zeitungen und die heimischen
Buchhändler glauben machen wollen, die jedes Stammeln als vorväterliche Lyrik verkaufen.
Niederdeutsches Laientheater ist bis heute ein Element dörflichen Lebens wie das Schützenfest. Der Versicherungsmakler und
der Sozialarbeiter, der ehrenamtlicher Bürgermeister ist, der Redakteur einer Reisezeitschrift aus Hamburg, der hier sein
Häuschen hat sind sich nicht zu vornehm, bei den Blödeleien mitzumachen. Das Lokalblatt bejubelt jede Aufführung so
pflichtgemäß wie sie die Krönung des Schützenkönigs vermeldet. Das Plattdeutsche üben auch die Amateur-Spieler oft wie
eine Kunstsprache, wie das Latein eines versunkenen Reichs. Der bräsige Tonfall des Dialekts wirkt als Entschleuniger und
trägt das Emblem "Gute alte Zeit" vor sich her wie ein S.P.Q.R. auf dem Schild.
Ehrengrabstätte mit Allee
Einmal in der Saison stand im Ohnsorg-Theater zu Hamburg ein Problemstück auf dem Programm. Außer lachlustigen Idyllen vom
dösigen Bauerndasein zeigten beachtliche Schauspieler, die sonst als Chargen beklatscht werden, das Landleben einmal von der
finsteren Seite, als Drama statt als Klamauk. Im September 1987 war ich ein einziges Mal und noch dazu als Theaterkritiker in
dem Haus, das ich wie jeder Norddeutsche meiner Generation aus dem Schwarz-Weiß-Televisor kannte. Das Stück, das gegeben
wurde, war nicht farbiger - "Teufel Alkohol siegt" überschrieb ich meinen Artikel. Der Abend endete auf der Bühne mit Suizid.
Das Stück war "Bahnmeester Dood".
Logo der Camper Speeldeel
Am 14. Dezember 1934 streifte die Weltgeschichte Stade. In der Todesfahrt der niederdeutschen Laientheatergruppe Camper
Speeldeel kann mehr gesehen werden als eine schlichte Katastrophe, ein Busunglück, wie es alle Tage vorkommt. "Hier hett
de Dood sien Willn kreegen", rief der überlebende Leiter der Kompagnie bei der Trauerfeier seinen Mitspielern nach: Hier
hat der Tod seinen Willen bekommen in einer seiner speziellsten Inkarnationen.
Bahnmeester Dood an Block 61a Die Todesfahrt der Camper Speeldeel
Ein verspätetes
Fräulein mit einem Koffer wäre an jenem Freitag der zwanzigste Passagier gewesen. Trotzdem der Omnibus 20 Minuten später als
geplant abgefahren war, hatte sie ihn verpasst. Das rettete ihr Leben.
Fritz Krüger, 46, war der Chauffeur. An Bord: 13 Schauspieler sowie drei Musiker und der Friseur Paul Weber, der als
Maskenbildner fungierte, außerdem das Ehepaar Scholvin, das Verwandte besuchen wollte.
Abfahrt war um zehn vor drei an den Garagen der Autovermietung Fricke am Judenfriedhof. Am Abend sollte die Speeldeel in
Verden an der Aller "De Hochtied in de Pickbalje" aufführen. Weil das Stück mit einer Hochzeitsgesellschaft endet, musste die
ganze Spielerschar aufgeboten werden; einige kamen mit dem PKW nach. Für die Aufbauten der zwei Bühnenbilder wurde ein
Anhänger an den Bus gekoppelt.
Programmzettel der Speeldeel
Die 1922 von dem Lehrer Georg Beermann im damals selbständigen Dorf und heutigem Stadtteil Campe gegründete Speeldeel
war eine der ersten plattdeutschen Laienspielbühnen Norddeutschlands und wurde rasch zur bekanntesten. Die rund 20 Mitspieler
zählende Amateurtruppe brachte es im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens auf 300 Aufführungen in über 50 Orten zwischen Cuxhaven
und Lüneburg, Harburg und Bremen. Besonders stolz waren die Speeldeeler darauf, auch in kleinen Dörfern aufzutreten.
Ihr Repertoire umfasste Uraufführungen wie die "Swienskomödie" von Ludwig Hinrichs, die unter dem Titel "Krach um Jolanthe"
zum Publikumsrenner wurde, oder Dramen wie "Bahnmeester Dood". Seit 1931 führte Mittelschuldirektor Heinrich Holsten die
Geschäfte der Speeldeel. Dienstpflichten verhinderten, dass er nach Verden mitfuhr.
Die Fahrten der Theatertruppe waren gesellige Angelegenheiten. Man scherzte, lachte und sang. Hinter Zeven brach bereits die
Dunkelheit herein, und Nebel stieg auf. Chauffeur Krüger verlor die Orientierung.
In Rotenburg verpasste er den Abzweig nach Verden und fuhr zunächst lange Richtung Visselhövede, bis der Irrtum bemerkt wurde.
Mühseliges Wenden mit den Anhänger, die Rückfahrt bis Rotenburg - die Zeit wurde knapp, die Passagiere nervös, Krüger trat
aufs Gaspedal.
Neben dem Chauffeur spähten zwei Reisende in den Nebel. Sichtweite keine 50 Meter. Gegen 17 Uhr passierte der Bus das Dorf
Walle zwischen Langwedel und Kirchlinteln. Ein paar Kilometer nur noch bis zum Ziel. Die Anspannung ließ nach, einer der
Beobachter zog sich schon seine Arbeitshose an, um ungesäumt mit dem Bühnenaufbau beginnen zu können.
Hinter Walle führte die Landstraße in eine Geländemulde, in der sich der Nebel schlagartig verdichtete. Chauffeur Krüger
bemerkte den Bahnübergang nicht, auf den er zusteuerte.
Die Bahn traf kein Verschulden, ergaben die Ermittlungen. Die Schranken waren seit fünf Minuten geschlossen, die Warnlampen
leuchteten - so weit der Nebel es zuließ. Die Lichter eines nahenden Schnellzuges, die im Nebel verschwammen, waren für den
Busfahrer außerdem von einem Bahndamm und Gebüsch verdeckt.
In "langsamem Tempo", wie sich ein Überlebender erinnerte, geradezu gemächlich durchbrach der Bus die erste Schranke und blieb
auf den Schienen stehen. Krüger versuchte zurückzusetzen - zu spät.
Die Scheinwerfer einer Lokomotive hüllten den Bus in blendende Helligkeit. In Höhe des Fahrersitzes wurde das Auto erfasst
und herumgerissen, so dass auch der hintere Teil gegen die Lok prallte und zertrümmert wurde. Die Vorderachse wurde 200
Meter weit mitgeschleift. Der Ruck trennte den Anhänger ab, der unbeschädigt blieb.
Bahnblock 61a
13 Reisende waren auf der Stelle tot; zwei weitere erlagen kurz nach der Einlieferung ins Verdener Krankenhaus ihren
Verletzungen; ein Passagier starb am nächsten Morgen. Eine 27-Jährige wurde schwer verletzt, während drei Reisende, die
auf der hintersten Bank gesessen hatten, mit leichten Blessuren davonkamen, unter ihnen der 37-jährige Kaufmann Harry
Lüneburg, einer der Hauptdarsteller der Speeldeel.
Die Insassen des Zuges hatte der Unfall nur ein wenig geschüttelt, die Beschädigungen an der Lokomotive waren nicht schwer
wiegend. Sobald der Zug hielt, stürzten Bewaffnete heraus und durchkämmten die neblige Umgebung. Erst nachdem klar war, dass
kein Attentat stattgefunden hatte, leistete ein Arzt, der sich im Zug befand, erste Hilfe. Feuerwehr und Sanitäter trafen
ein, Polizei und Staatsanwaltschaft.
Presse über den Hitler-Besuch
Nicht irgendein Zug, der Sonderzug des Führers hatte die Speeldeel am Bahnblock 61a ausgelöscht. Am Freitagmorgen
war überraschend bekannt geworden, dass Hitler beim Stapellauf des Ostasien-Schnelldampfers "Scharnhorst" auf der Werft der
AG Weser in Bremen höchstselbst zugegen sein würde. In seiner Begleitung der Wehr- und der Verkehrsminister, der
Reichsbankpräsident und der Chef der Marine. Bewachung durch die Leibstandarte unter SS-Obergruppenführer Joseph "Sepp"
Dietrich. Im Anschluss an die Taufe besichtigte der Reichskanzler in Bremerhaven weitere Schiffe.
An der Unglücksstelle verließ Hitler sein Abteil nicht. Die Strecke wurde rasch geräumt, damit er seine Fahrt fortsetzen
konnte. Um 23.37 Uhr traf er im Lehrter Bahnhof in Berlin ein. Daraufhin soll ein Spruch in Stade die Runde gemacht haben:
Der Führer sei nicht ausgestiegen, weil er kein Blut sehen könne.
Die erste Nachricht vom Unglück erreichte Stade gegen 19 Uhr. Eine Stunde später berichtete der Rundfunk. In der Nacht noch
war Bürgermeister Arthur Meyer am Schauplatz des Schreckens. Am Samstag zwischen 12 und Viertel nach läuteten alle
Kirchenglocken. "Ein Schicksalsschlag von beispielloser Härte hat die Stadt Stade heimgesucht", titelte das Lokalblatt.
Die prominente Beteiligung an der Katastrophe wurde nur am Rande und fast verschämt erwähnt.
Die offiziellen Verlautbarungen missbrauchten die Trauer für das Dritte Reich. "Es war die einzige plattdeutsche Spieltruppe
des Gaues, die in der letzten Zeit in der Hauptsache für die NS-Kulturgemeinde spielte", wurde die Speeldeel
gewürdigt. Einer ihrer Mitbegründer rief den Toten nach: "Im Wirken und Schaffen für die Wiedergeburt unseres Volkes vom
Natürlichen, Bäuerlichen her, sind die Braven in den Sielen gestorben." Nicht wie Unfallopfer, sondern wie Kriegshelden
wurden sie verabschiedet: "Sie kämpften und starben für Volkstum und Heimat."
Unglücksmeldung im Lokalblatt
Die Trauerfeier wurde für Dienstag, den 18. Dezember, anberaumt. Am Vormittag verbreitete sich das Gerücht, Hitler werde
selbst daran teilnehmen und von Hamburg her mit einem Kraftwagen kommen. "Die Durchfahrtsstraßen Hamburg-Stade waren in
Kürze von Volksgenossen, die den Führer grüßen wollten, umsäumt", notierte die Gestapo-Dienststelle in Harburg-Wilhelmsburg.
Tatsächlich entsandte Hitler seinen Adjutanten, SA-Obergruppenführer Brückner, der den Hinterbliebenen eine Geldspende
übergab und eine Stiftung ankündigte, die im folgenden Jahr eingerichtet wurde und bis 1944 Zahlungen leistete.
An allen Häusern hingen Fahnen auf Halbmast, die Geschäfte blieben während der Trauerfeierlichkeiten von ein bis vier Uhr
geschlossen. Um den Andrang zu regeln, wurden Einlasskarten ausgegeben und die Sitzordnung in der Kirche St. Wilhadi vom
Lokalblatt bekannt gegeben. 1.500 Menschen versammelten sich im Kirchenschiff. "Hier hett de Dood sie'n Willn kreegen",
sagte Speeldeel-Leiter Heinrich Holsten in seiner Ansprache. "Wi ward jur Arbeit wieder drägen!" Die Liturgie
übernahm Pastor Johann Gerhard Behrens - jener Geistliche, der im folgenden Jahr mit dem Schild "Ich bin ein Judenknecht"
vom Mob durch die Gassen getrieben und fast gelyncht wurde.
Presse über die Trauerfeier
14 Ackerwagen mit den Särgen, voran Nazi-Prominenz wie Gauleiter Otto Telschow aus Lüneburg, zogen aus der mit Hakenkreuzen
geschmückten Stadt. Drei Opfer wurden auf dem Camper Friedhof beigesetzt, 11 erhielten ein Ehrengrab auf dem Horst-Friedhof.
Zwei Tote waren von Verden nach Hemelingen und Wedel in Holstein überführt worden.
Das Spiel, der Führer, der Tod, die Katastrophe. Alle Elemente, aus denen sich der Rausch der kommenden Jahre bildet, sind
versammelt. Das Dritte Reich ist keine Zone für Traulichkeiten, es steht von Anfang an im Zeichen des Unheils. Der Führer
rammt die Laienspielschar und fährt ungerührt weiter.
Allee zum Ehrenmal
Die Camper Speeldeel bildete sich sogleich neu und nahm im Februar 1935 den Spielbetrieb wieder auf. Nach 1945 wurde
ihr vorgehalten, dass sie sich für die NS-Ideologie hatte vereinnahmen lassen. Ihren letzten Auftritt hatte sie 1970. Zwei
Jahre später, zum 50. Jahrestag, löste sich die Theatergruppe auf.
Uwe Ruprecht
weitere Blätter aus dem Album des Grabsteinforschers:
Julius Plege Mordopfer im Alten Land
Die Hingerichteten von Stade
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