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Aus dem Album
des Grabsteinforschers


Grabsteinforscher nannte ihn der Lebensgefährtin seiner ehemaligen Zimmerwirtin, weil er alle Tage auf der Suche nach Geschichten über Friedhöfe schlich. Er nahm den Titel an, zumal er von einem Klempner kam. Klempner sind wichtige Leute auf dem Lande, die viel herumkommen. Wen man an die Eingeweide des Hauses lässt, muss so vertrauenswürdig sein wie der Arzt, in dessen Hände man die eigenen Organe legt. Die Dichtung kann man getrost den Klempnern überlassen.


Hinrich Hüge


Foto: Ruprecht

Grabplatte

"Alhier ruhen die Gebeine des königlich groszbritannischen und churfürstlich braunschweig-lüneburgischen Schiffs-Capitain Hinrich Hüge. Er war geboren den 4. Febr. 1733, starb den 27. Dec. 1777, diente dem Könige 10 Jahr als Capitain und hinterliesz aus einer zehnjährigen Ehe 4 Kinder."
So der Text einer der Grabplatten, die verstreut auf dem Rasen des Granisonsfriedhofs liegen - vielleicht dort, wo sich die Gräber befinden, vielleicht woanders.
Kapitän Hüge gehört zu einer Geschichte des Niedergangs. Einst war der Stader Hafen bedeutender als Hamburg - eine Erinnerung, mit der man in der Gegenwart Touristen zu täuschen versucht, indem man sich den Titel einer Hansestadt beilegt, nachdem man einst aus dem Wirtschaftsverband ausgetreten war. Hinrich Hüge befuhr die Elbe als eine Art behördlich bestallter Freibeuter.

Foto: Ruprecht

Grabstelle


Die Spannung im Gedränge nahm zu, Fanfarenstöße und noch mehr Böller zerrissen die Luft. Nun wurden die ersten Stützen unter dem Schiff losgeschlagen. Am späten Nachmittag des 24. Mai 1773, einem Sonntag, waren Tausende im Hafen von Stade versammelt, um dem Stapellauf einer Fregatte beiwohnen. Es knallte und schallte, es drängelte und stieß, es jauchzte und brüllte.
Vor dem Schiff ruderten drei betrunkene Matrosen einen Kahn. Gerade trieb er unter den Bug, als eine Stütze von selbst fiel. Mit einem Ruck und dann gemächlich rollte die Fregatte ab. Die Menge schrie auf, die Blasmusik unterbrach sich. Zwei der trunkenen Matrosen im Kahn starrten bloß gebannt auf das über ihnen aufragende Schiff, während der dritte genug Geistesgegenwart besaß, sich mit den Füßen von Rumpf abzustoßen, so dass er den Kahn fast aus der Gefahrenzone brachte. Der Kiel der Fregatte erfasste und zerbrach das kleine Boot, kaum dass die Matrosen über Bord gesprungen waren.
Bei dem Schiff, das mit diesem dramatischen Intermezzo, das von keinem Geringeren als Georg Christoph Lichtenberg überliefert wurde, die Werft verließ, handelte es sich um eine Elbzollfregatte. 200 Jahre lang, von 1650 bis 1850 patrouillierten bewaffnete Boote auf der Elbe, um in Namen des jeweiligen Landesherrn Grenzabgaben für Stade einzutreiben. Die schwedische Besatzung nach dem Dreißigjährigen Krieg unter Generalgouverneur Königsmarck hatte die Zollwacht in Brunshausen an der Schwingemündung eingeführt, und alle nachfolgenden Regierungen - die Braunschweig-Lüneburgische, wieder die schwedische, die dänische und die Hannoversche - übernahmen sie.

Zeichnung: urian


Kapitän des frisch getauften Schiffes, dessen Name nicht überliefert ist, wurde Heinrich Hüge, der Wunschkandidat der Stadtoberen. Das Vorgängerschiff hieß Weißes Ross und war nach 25 Jahren im Dienst abgewrackt worden. Es war zuletzt von einem Kapitän befehligt worden, dessen stürmischer Charakter dem Schiffsnamen gerecht wurde, und den los zu sein die Stader froh waren.
Joachim Wilhelm Brockes war ein Sohn des Hamburger Senators und Dichters Barthold Brockes. Schon mit 23 Jahren hatte er einen Konvoi befehligt, der Hamburgische Handelsschiffe vor algerischen Piraten schützen sollte. Danach segelte er auf englischen Kriegsschiffen über die Weltmeere, hatte zuletzt ein Kommando in Holland, bis er als 35-Jähriger die Elbzollfregatte übernahm.
In Stade begegnete man ihm mit Misstrauen und zweifelte zwiefach an seiner Loyalität. Der Zoll, den die Stader kassierten, stammte von Schiffen, die von oder nach Hamburg fuhren. Die Wacht auf der Elbe erschien der freien und damals größten deutschen Stadt wie Wegelagerei, die von ihrer Wirtschaftskraft schmarotzte. Zum Verdacht, Brockes hege Sympathien für seine Hamburger Heimat, kam der Zwiespalt, dass der Kapitän zwar von der Königlich-Großbritannisch und Kurfürstlich-Hannoverschen Regierung eingesetzt wurde und "in erster Linie" dem Ministerium an der Leine unterstand, aber aus der Stader Stadtkasse entlohnt wurde. Die daraus folgenden bürokratischen Zwistigkeiten machten Brockes in seiner Amtszeit von 1757 bis 1767 mehr zu schaffen als Schmuggler und Piraten.
Der stolze Seemann Brockes hatte für die Stader Amtsleute nur Verachtung übrig. Ein ums andere Mal, wenn sie ihm Anweisungen geben wollten, verwies er darauf, dass nur Hannover ihm zu befehlen hatte. Als die gestürzte dänische Königin Karoline Mathilde, eine Schwester des englischen Königs und Herrn von Hannover, Stade auf dem Weg in ihr Exil in Celle passierte, hätte Brockes Fregatte ihr "die Honneurs" machen, sie also mit gehöriger Beflaggung begrüßen sollen. Er lehnte ab; die Regierung habe ihn nicht instruiert. Die Majestätsbeleidigung, die ihm die Stader anhängen wollten, verfing nicht. Karoline Mathilde war eben kein gekröntes Haupt mehr. Die liberalen Reformen, die sie und ihr Geliebter Struensee angezettelt hatten, kosteten diesen den Kopf. Ihre Verwandtschaft mit dem englischen König rette Karoline Mathilde das Leben; mehr hatte sie nicht zu erwarten.
Der Stader Amtschef Bodo von Bodenhausen sammelte unverdrossen Aktenmaterial über die Verfehlungen des störrischen Fregattenkapitäns, so dass es nur eines Tropfens brauchte, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Brockes wurde entlassen, als er gerade auf Urlaub war, und statt eines Mannes mit "eigener Denkungsart" engagierte man den 34-jährigen Amtsschreiber Heinrich Hüge. Hannovers einziges Kriegsschiff wurde zehn Jahre lang von einem studierten Juristen befehligt - zur vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Hüge vertrat die Behörde an Bord, für das Seemännische waren andere zuständig. Wenn es nicht genügte, einen potenziellen Schmuggler mit einem Schuss vor den Bug zu stoppen, sondern ihn auszumanövrieren oder gar zu verfolgen galt, war Brockes der bessere Mann gewesen. Aber Hüge erledigte anstandslos, was Bodenhausen ihm auftrug. Und seine Abrechnungen über die Prisen waren nie zu beanstanden.
Korruption hatte einen der ersten Elbzollfregattenkapitäne den Posten gekostet. In seiner Stammkneipe hieß Oltmann Ehlers nur "der alte Quackel", und im Suff hatte er auch mal die eigenen Matrosen mit dem Degen angegriffen. War er einigermaßen nüchtern, handelte er mit den Kapitänen von ihm angehaltener Schiffe einen Zoll zu seinen Gunsten aus. Nach nur einem Jahr wurde er 1677 ohne großes Aufsehen aus dem Dienst entfernt.
Von ganz anderem Kaliber war Christian Gottlieb Daniel Müller, der die längste Zeit, 35 Jahre lang, mit der Zollfregatte auf der Elbe kreuzte. Der 1753 in Göttingen Geborene hatte in seiner Heimatstadt bei den bedeutenden Mathematikern Kästner und Lichtenberg studiert und als 21-jähriger Marineleutnant Piraten gejagt. Bei einem Kanonenunfall brach sein linkes Bein, wuchs schief an und zwang ihm zeitlebens einen Krückstock auf. Er tat sich auch als Theoretiker der Schifffahrt hervor, verfasste Schriften zur Erziehung des teutschen Seemanns oder über Anfangsgründe der Schiffsbaukunst.
Schwere Gefechte verzeichnet die Chronik der Elbzollfregatte nicht. Zwar wurde sie manches Mal in Kriegshandlungen verwickelt, doch der gewöhnliche Wachtdienst beschränkte sich auf einzelne Schüsse hin und her. Gewiefte Schmuggler entkamen mitunter, weil es sich beim Wachtschiff nicht immer um das neueste und schnellste handelte, und ehe es die Verfolgung aufnehmen konnte, die Kontrahenten schon im Hafengewühl von Hamburg untergetaucht waren. Dann konnte man bestenfalls warten, bis sie wieder elbaufwärts segelten und sich erneut gegenüber der Schwingemündung blicken ließen.

Foto: Ruprecht

Grabplatte


Womit die Zollschiffe es stets wie heute die Küstenwache zu tun hatten waren Verkehrsrowdys. Jeder, der sich auf die Elbe wagte, hatte Flaggenkommandos zu beachten, um das königliche Wachtschiff nicht zu provozieren. Die Herren der besten Stader Gesellschaft, die an einem Herbsttag 1833 ihre Damen zu einem Ausflug mit der Wassernixe auf den Strom fuhren, unterließen es, den Wimpel einzuziehen, wie es sich gehört hätte - wäre die Wassernixe ein Kriegsschiff gewesen. Das Fähnlein, das der Ausflugssegler flattern ließ, hätte er gar nicht aufziehen dürfen.
Prompt schlug ein Kanonenschuss aus der Brigg The Piercer unter Oberzollinspektor Roscher, der nach dem Tode des Kapitäns das Kommando vorübergehend versah, ins Wasser vor der Ausflugsgesellschaft. Die Damen ängstigen sich wie gewünscht, die Herren feixten. Noch ein Warnschuss, dann wurde auf der Wassernixe der Wimpel ein wenig herunter gezogen - und gleich wieder rauf.
Die Piercer war inzwischen nah genug, damit man auf der Wassernixe Inspektor Roschers Befehl zum scharfen Schießen hören konnte. Die Herren der Ausflugsgesellschaft beendeten den Spaß und zogen den Wimpel ein. Eine Schaluppe, die von der Piercer herüberkam, präsentierte die Rechnung, ein Bußgeld von einer Mark und 14 Groschen. Keiner wollte zahlen.
Zwei Wochen später erhielt der Zoll zwar eine Mark, bestand aber auf den fehlenden Groschen. Also wurde der Wortführer der Herren von der Wassernixe angezeigt, der junge Pastor Lunecke von St. Nicolai, Cosmae und Damiani. Die Stader erwarteten gespannt, wie die Sache ausging. Um seiner Reputation willen griff der Pastor in die Börse.
Mit der Dampfschifffahrt endete die Epoche der Elbzollsegler. Zu viele und zu schnelle Schiffe befuhren die Elbe, um sie einzeln überwachen zu können. Außerdem lief die Zeit der Kleinstaaterei in Deutschland ab und mit ihm das überkommene Zollwesen; 1866 eroberte Preußen Stade.


Uwe Ruprecht

weitere Blätter aus dem Album des Grabsteinforschers:

Julius Plege Mordopfer im Alten Land

Camper Speeldeel Todesfahrt einer Theatertruppe

Die Hingerichteten von Stade