
Aus dem Album des
Grabsteinforschers
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Grabsteinforscher nannte
ihn der Lebensgefährtin seiner ehemaligen Zimmerwirtin, weil er alle Tage auf der
Suche nach Geschichten über Friedhöfe schlich. Er nahm den Titel an, zumal er von einem Klempner kam. Klempner
sind wichtige Leute auf dem Lande, die viel herumkommen. Wen man an die Eingeweide des Hauses lässt, muss so
vertrauenswürdig sein wie der Arzt, in dessen Hände man die eigenen Organe legt. Die Dichtung kann man getrost
den Klempnern überlassen.
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SS-MANN
52729

von Uwe Ruprecht
Weblinks
Feinkost und Massenmord
Für eine Schachtel Zigaretten
Ein offenes Geheimnis
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Vaters Obelisk
Bedächtig versenkten die Totengräber den Sarg. Betäubend schwerer Duft von Blumengebinden und Kränzen überdeckte den Modergeruch aus dem Erdloch. Trauergast um Trauergast trat an den Grubenrand und warf aus einer Schaufel Erde auf den Deckel der Kiste. Pochend schlug der Dreck auf das Holz.
Um Platz für die neue Grube zu schaffen, war der schwarz glänzende Obelisk beiseite gerückt worden, auf dessen Sockel seit vier Jahrzehnten der Name des Vaters des frisch Verstorbenen prangt. Er allein ist in Stein gemeißelt an der Stelle, wo außer ihm seine Frau, die Frau seines Sohnes und nun der Sohn selbst das Jüngste Gericht erwarten.
Rund 70 Bürger, darunter der zweithöchste Beamte der Stadt, ein ehemaliger Stadtdirektor und ein Ministerialbeamter, gaben dem mit 96 Jahren verschiedenen Feinkosthändler am 8. Dezember 2004 das letzte Geleit.

Grab von SS-Mann 52729 am 8. Dezember 2004
Bis zur Sterbestunde und weit darüber hinaus, bis heute, halten sie ihm die Treue und verteidigen seine Ehre mit Zähnen und Klauen. Seine Ehre ist auch die ihre. Der Feinkosthändler war einer der ihren, eine Stütze der Stader Gesellschaft.
Zunächst wurde die Geschichte des geschätzten Mitbruders von mehreren Stimmen erzählt. Ein verzerrter Spiegel davon ist weiterhin im Internet erhalten, auch nachdem eine »antifaschistische« Organisation ihren Frieden machte mit denen, die sie anderweitig zu Propagandazwecken als Feinde anprangert, und anstößige Seiten ihrer Homepage löschte. (Wie jene, die hier wieder verfügbar gemacht wird.)
Einen, der es gewagt hatte, über die Causa des Feinkosthändlers laut zu reden, korrumpierte man, indem man dem vormaligen Paria das Gefühl gab, mitspielen zu dürfen unter den honorigen Herrschaften. Einem anderen, der zur selben Klasse wie die Freunde des Feinkosthändler gehörte und als Mitbruder in Frage kam, verzieh man seine harschen Worte, und er selbst vergaß sie, um wieder geliebt zu werden von denen, die ihn geschmäht hatten.
Ihres guten Gewissens wegen mussten die beiden Vorgenannten einen Dritten ächten, der nicht ablassen wollte von der wahren Geschichte, während sie in den Chor der rituellen Erinnerung einstimmten, der redliches Eingedenken übertönen soll. Der eine erklärte den Unbotmäßigen zum Neonazi, zur Unperson schlechthin; der andere wollte dessen Wort das Gewicht entziehen, indem er ihn als seinen Gehilfen ausgab.
Allein der Grabsteinforscher verbreitet also weiterhin, was das Lokalblatt vorsorglich »unterschwellige Unterstellungen« genannt hatte, um die gar nicht undeutlichen oder zweideutigen Tatsachen, die der Gescholtene mitgeteilt hatte, verschweigen zu können. Für die Unterstellungen sorgten andere, die die Motive des Grabsteinforschers interpretierten, ohne sie zu kennen. Deshalb ist eine Nachrede übel, wenn sie ohne Wahrnehmung oder Wahrheit auskommen will. Ein gefügiger Reporter auf der Lohnliste soll ihnen genügen, verlogenem Geschwätz der Anschein von Sachhaltigkeit zu verleihen.
Bei seinen Gängen über den Totenacker, auf dem niemand ihm Nahestehender bestattet ist, inmitten von erkundeten Geschichten Gestorbener, schaudert den Grabsteinforscher nur bei dem gewissermaßen anonymen Grab des Massenmörders, der mitgewirkt hatte, etliche Tausende anonym in Gruben zu bringen. Finstere Ironie, dass es selbst namenlos ist, unter den Namen des Vaters verschwindet, des Patriarchen – wie der Tote seine Verbrechen im Namen anderer beging und seine Schuld auf sie abwälzte.
Ungeachtet der Bemühungen seiner Freunde, den Feinkosthändler mit höchsten Ehren zu versehen, holten ihn vielmehr genau damit seine Verbrechen ein, und man wird sich, wenn überhaupt, nicht an ihn als den ehrbaren Kaufmann erinnern, als der er sich maskierte, sondern als den Schwarzen Schergen, dem die Gesellschaft seine Verbrechen nicht nur verziehen hatte, ohne dass er je Reue gezeigt hätte oder dazu aufgerufen worden wäre, sondern dem die Gemeinschaft seiner hochgestellten Freunde eine allerhöchste »Anerkennung für seine Lebensleistung« zukommen ließ.
Sie machen viel her mit ihrer Zuneigung zu Israel, dachte der Grabsteinforscher, und entsenden als Botschafter ihres Philosemitismus jene, die den Judenmörder ehrten. Wenn diese sich im Judenstaat je zum mörderischen Mitbruder hatten verhalten müssen, haben sie es in der Heimat nicht oder nur hinter vorgehaltener Hand mitgeteilt. Haben sie Unverständnis geheuchelt, Unwissen vorgetäuscht oder auf den Boten verwiesen, der an der Botschaft Schuld sei? Oder ist das vielemehr für jene Art von Beziehung, die man unterhält, egal?
»Die Gedanken sind frei« bimmelt ein Glockenspiel am Rathaus alle Stunde. Nur denken sollte der Grabsteinforscher, was ihm zum Feinkosthändler einfiel. Es laut zu sagen, kam einem Verbrechen gleich, dass die Freunde des Verehrten als schlimmer empfanden und darstellten als das Leichenwerk ihres Mitbruders.
Eine Ahnenreise nannte er es bei sich. »Nur wenige verstehen hier unter politischer Kultur, deutsche Vergangenheit als persönliche, sich selber als jemanden aus deutscher Vergangenheit anzunehmen«, notiert Bodo Morshäuser in Hauptsache Deutsch (1992), seinen facettenreichen Betrachtungen über ganz gewöhnliche Tötungsdelikte auf dem norddeutschen Lande vor dem Hintergrund des Progroms von Rostock-Lichtenhagen. Faschismus, Nationalsozialismus, Totalitarismus aller Art, tragen sich nicht in Büchern oder auf dem Mond zu, sondern stets im eigenen Herz und Hirn.
Die Rituale öffentlich formvollendet zu vollziehen, sich sogar neue ausdenken und mit rhetorischer Inbrunst zu verdammen, was geächtet gehört, verträgt sich bestens mit privater Bewusstlosigkeit dem gegenüber, was eben noch beschworen wurde. Was verinnerlicht wäre bräuchte keine Rituale. Die Heiligung der Zeremonien, die Konzentration auf sie zeigt vielmehr, wie sehr die Haltung, die einzunehmen feierlich vorgegeben wird, auf Krücken angewiesen ist oder diese als Sache selbst simuliert.
Der Grabsteinforscher schlendert über den Friedhof, um eine aktuelle Aufnahme des Grabmals zu machen. Er hat erst einen Blickwinkel abgelichtet, als die Kinder des Toten nahen. Er macht sich aus dem Staub. Er weiß nicht, ob sie ihn erkennen würden, den vermeintlichen Verfolger ihres Vaters.
Er ist dem Alten mehrfach zufällig begegnet, während er Daten über seinen ehrbaren Lebenslauf sammelte, um seine Lebens-, soll heißen Mordleistung einschätzen zu können. Einmal sah er den Greis an der Grabstelle kauernd und stumme Zwiesprache mit seiner jüngst verstorbenen Frau halten. Der Passant sprach ihn selbstverständlich nicht an, lauerte ihm nicht auf, um ihn später abzufangen, schon aus Angst, den Uralten zu erschüttern, indem er ihn mit seinen eigenen Verbrechen konfrontierte.
Wenn er denn erschüttert worden wäre. Der Grabsteinforscher war nicht zum Rächer erkoren. Niemand hatte ihn ermächtigt, dem Greis den Krückstock aus der Hand zu schlagen, auf den er sich stützte, während er auf Vaters Obelisk starrte.
Über seinen ehemaligen Rechtsanwalt, einen Bürger, der von seinen demokratischen Tugenden viel hermacht, ließ er anfragen, ob der Feinkosthändler seine Sicht darstellen wolle. »Hat er bereut?«, war der Grabsteinforscher oft gefragt worden, nachdem er die Geschichte des ehrbaren Massenmörders erzählte. Keine Ahnung, musste er antworten, der Alte hat sich nicht geäußert.
Auch der Anwalt und Mitbruder stellte sich vor seinen früheren Mandanten und bezog die Anfrage bemerkenswerterweise auf sich, als ginge es dem Grabsteinforscher nicht um das, was er vorgab. War dem Advokaten Heuchelei derart zur zweiten Haut geworden, dass er sich nicht mehr vorstellen konnte wie es ohne ging?
Der Grabsteinforscher hatte ein Jahrzehnt lang Verbrecher in Gerichtssälen beobachtet und Dutzende von historischen Strafakten studiert. Aufschließende Worte des Verbrechers sind Raritäten. Es war nicht sehr wahrscheinlich, dass ein 95-Jähriger, der schon in reifem Mannesalter nur Ausreden anbot, wenn er zu seinen Taten einvernommen wurde, je ein wahres Wort über seine Verbrechen sprechen würde, und ob der Fragende ihn auch schimpfte und schüttelte.
Die Frage war zu stellen, auch ohne Erwartung auf Antwort. Hat er bereut? Und wenn – hätte er dann einen Ehrenbrief verdient? Für die »Lebensleistung« als Feinkosthändler? Wenn jeder Krämer, einfach weil er da ist, ein Bundesverdienstkreuz kriegt, kann man es besser abschaffen und die Kosten sparen.
Die Geschichte des ganz gewöhnlichen Massenmörders, und das hat sie mit der ganzen Geschichte gemeinsam, ist eine einzige unbeantwortete Frage. Eine, auf die es auch keine Antwort geben soll; eine, die nicht gestellt werden darf. Politisch allenfalls, aber nie persönlich.
Die Geschichte hätte den Grabsteinforscher nicht weniger beschäftigt, wenn SS-Mann 52729 bereits tot gewesen wäre oder sie sich in einer anderen Stadt zugetragen hätte. Allenfalls hätte er sie dann weniger sorgfältig in Augenschein genommen. Die unbeantwortete Frage reicht weit hinaus über die speziellen Verhältnisse des Feinkosthändlers, über seine Bruder- und Freundschaften, über den spezifischen Mief seiner Heimatstadt. Deshalb können sein Name und der Name der Stadt weggelassen werden.
Ein Verfolger, fand der Grabsteinforscher, war er allenfalls wie ein Schatten. Ein Televisor-Journalist hätte sich den Alten am Grab so wenig wie die Kinder entgehen lassen. Der Grabsteinforscher war einst über die Berliner Boulevards auf Beute aus getigert und hatte Hinterbliebene gestalkt; er kannte den Unterschied besser als die, die ihn damit identifizierten.
Das Gewissen, das sich der Grabsteinforscher machte, betraf nicht die Geschichte sondern die Gegenwart und ihren Umgang mit der Geschichte. Eine Art Ahndung der Verbrechen von SS-Mann 52729 hatte sich erledigt, auch wenn ausgerechnet jene, die sich hernach dem Totschweigen anschlossen, die Idee aufbrachten, ihn strafrechtlich belangen zu wollen und entsprechende Institutionen bemühten.
Warum aber ließen seine Freunde den Alten nicht in Ruhe sterben, sondern mussten ihre Akzeptanz seines Lebenslaufs durch eine Ehrung unterstreichen? Und wie war das noch mal genau – wer fing damit an? Wer wollte unbedingt, dass 52729 zur öffentlichen Figur wird? Der Grabsteinforscher war es jedenfalls nicht, er könnte einen anderen Namen bezeugen.
Etwas wollten seine Freunde mit der Ehrung für den Judenmörder sagen, aber etwas, worüber sie nicht reden wollen. Man müsste das Sagbare mit dem Ungesagten verbinden, um die Antwort zu umkreisen, solange die Akteure ebenso schweigen wie der, den sie auszeichnen, seine Verbrechen durch Gedächtnisschwund zu leugnen versuchte.
»Es kommt mir nach dieser langen Zeit nicht mehr in Erinnerung«, sagte SS-Mann 52729 im Polizeiverhör. »Ich weiß nicht«, sagte er, »ich erinnere mich nicht.«

Vaters Obelisk
Aus dem Album des Grabsteinforschers: SS-MANN 52729
Mann am Grubenrand
Massaker auf der Blutwiese
Ordinary man
Hochgeehrter Massenmörder
Quellen und Literaturauswahl
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