Heimat war Hartherns Lebensthema, geradezu seine Besessenheit. Nicht erst seit 1933, als er entlassen wurde, weil er Jude
war, oder 1936, als er ausgebürgert wurde.
Für seinen literarischen Widergänger Axel Merten verkörpert buchstäblich der Mutterleib das Ersehnte. Er ist ein Zerrissener;
die Mutter Jüdin, der Vater Christ, er selbst blond und blauäugig. Axel sagt von sich, "dass es keinen gibt, der das Wort Heimat
so tief empfindet, und die Heimat so sehr entbehrt, wie ich".
Seine Geschichte beginnt mit dem frühen Tod der Mutter im norwegischen Gebirge; seinen Untergang besiegelt der Satz eines
Verlegers: "wir sind hier Arier und keine Semiten", durch den er seine Mutter "beleidigt" sieht. Ein Sprung von den Bergen,
in denen ihr Grab einer Fabrik gewichen ist, beendet seinen Weg.
Harthern selbst sah seinen Vater zuletzt als Siebenjähriger, die Mutter starb, als er neun war. Er wuchs unter der Obhut
einer ungeliebten Tante auf. Mehr noch als das jüdische Verhängnis bestimmen diese Verluste seine "Heimatverlorenheit".
Heimaterde als Mutterboden. Oder als geliebte Frau ("Heimat war mir dieser junge Frühlingsmensch geworden"), als
wiedergefundenes Land, als eins im anderen. Dreimal war Harthern verheiratet: in Norwegen mit einer Norwegerin, in Dänemark mit
einer Dänin, in Schweden mit einer Schwedin.
Letzte, haltbarste Zuflucht war die Muttersprache für den Übersetzer von 70 Werken, dessen eigene Bücher zwar übersetzt,
aber nach 1945 nicht in deutsch veröffentlicht wurden. Heimat, das deutsche Mysterium, unübersetzbar wie Gemütlichkeit,
Schadenfreude, Rausch.
Seit 1926 lebte Harthern in Kopenhagen als Korrespondent des Scherl-Verlags, der zum Hitler unterstützenden Hugenberg-Konzern
gehörte, und wie eine heutige Nachrichtenagentur 200 Zeitungen mit Meldungen und Feuilletons belieferte. Lion Feuchtwanger
vermittelte Harthern einen Verleger für den Roman Jud Süß.
Zuerst auf dänisch erschien Hoyers erfolgreichstes Buch. Deutsche Erstausgabe 1932: 75.000 Exemplare, die US-Taschenbuchausgabe
Man into woman brachte es auf 1,25 Mio.; es wurde ins Ungarische, Tschechische, Japanische, Spanische, Holländische
und Französische übertragen. Als einziges seiner Bücher wurde es 1954 unter dem Titel Wandlung auf deutsch neu veröffentlicht.
Lili Elbe: Ein Mensch wechselt sein Geschlecht, aus hinterlassenen Papieren herausgegeben von Niels Hoyer wird
im Vorwort ausgegeben als "wahrhaftiger Lebensbericht, niedergeschrieben von einem Wesen, dessen Weg auf Erden sich zu einer
beispiellosen Schicksalstragödie gestaltet hat, die Lebensbeichte eines Menschen, dessen Heimsuchungen außerhalb der Bezirke
unserer gewohnten Vorstellungen liegen."
In einem Brief skizzierte Harthern 1959: "Dies Buch behandelt die ans Unglaubliche streifende Lebensgeschichte eines dänischen
Malers, Einar Wegener, den ich seit 1914 gut kannte, der in Dresden im Jahre 1930 vom dortigen berühmten Gynäkologen Prof. Dr.
Warnekros in eine Frau umgewandelt worden ist. Sie nannte sich Lili Elbe, sie besuchte mich danach, und auf Anraten von Prof.
Warnekros schrieb ich im Jahre 1931 die Lebensgeschichte dieses Menschen..." – der sich als Maler Andreas Sparre nannte – ein
Mensch mit drei Namen wie Harthern selbst.
Lili Elbe treibt das Heimatmotiv als Identitätssuche auf die Spitze. Und nicht im Roman, sondern wie Notschrei
als literarisch gestaltetes, als dramatisches Dokument. Lili Elbe ist ein Meilenstein der Geschichte der Transsexualität und
wird als solcher im Internet zitiert.
Am 28. März 1933 schrieb Harthern einem dänischen Journalistenkollegen über "Hitlers historische Aufgabe, die großen Massen
dem Kommunismus fernzuhalten (...) Es war eben eine Revolution, und, denkt man daran, so ist alles ja fast mustergültig, ruhig
und gewaltlos verlaufen (...) Dass ich aus einer jüdischen Familie stamme, die schon seit 400 Jahren Deutsche Familie ist, ist
meine Privatangelegenheit", glaubte er da noch.
"Als der erste April über die deutschen Juden kam", zum Auftakt von Pogromen und KZs, wurde Harthern "mustergültig, ruhig und
gewaltlos" entlassen. Doch beharrte er darauf, "Deutscher ohne Adjektiv" zu sein. In einem Schreiben an den "Reichsverband der
deutschen Presse" vom 26. Januar 1934 erwiderte er auf das Berufsverbot: "Muss ich auch aufhören, deutscher Journalist im Sinne
der neuen Gesetzgebung zu sein, so höre ich doch nicht auf, Deutscher zu sein."
Da war er gerade aus dem entstehenden Staat der Juden zurück. Vier Monate war er 1933 für einen dänischen Verlag unterwegs mit
dem Auftrag zu einem "Kundschafterbericht aus Erez Israel". Zugleich sondierte er die eigenen Möglichkeiten zur Übersiedlung.
Sein Sohn Holger, Kunststudent in Hamburg, war schon entschlossen, Bauer zu werden.
Ein Jude reist durch Palästina heißt, übersetzt, die dänische Ausgabe von 1934, Going Home die englische,
Heimwärts die deutsche, 1936 in Den Haag und Wien gedruckte. Die detailreiche Reportage von Fakten sowohl wie Stimmungen
in der Emigration und bei der Staatsgründung wird deutlich verhangen von Hartherns Melancholie, die vorausdeutet darauf, dass
er hier nicht zuhause sein wird.
"Ich sage immer noch: mein Land", stellte der dem Zionismus Ferne in der Fremde fest, die Heimat seines Volks ist. "Ich
habe zu viel mit einem anderen Lande zu tun gehabt, mit dem Lande, für das ich so etwas wie ein Menschenleben voll Arbeit und
Liebe hergegeben habe, von dem ich, mag es mit mir tun, was es will, nie und nimmer mit dem Herzen los kommen kann (...) Habe
ich denn eine andere Heimat als Deutschland mit den vielen Gräbern meiner Ahnen?"
Vorfahren wie dem Ur-Ur-Urgroßvater. Israel Jacobson war der erste jüdische Geistliche, der nur deutsch predigte. "Wegen
seines Deutschtums" wurde er Ehrendoktor. "Wenn man von mir etwas Gutes sagen will, dann soll man nur sagen, dass ich ein
treuer Deutscher gewesen bin", zitierte Harthern in Heimwärts zustimmend das Testament des 1828 Verstorbenen.
"Ich weiß nur eins ganz tief und wahrhaftig über mich: ich habe richtiges, ganz einfaches Heimweh. Aber nur Gott weiß, wo
dieses Weh sein Heim hat." Hartherns Unruhe war älter als Exil. Ahasver, der ewig Landflüchtige und immer ungebetene Gast,
wurde schon in Notschrei porträtiert. Eine andere Art Staatsanwaltschaft verfolgte Harthern weiter. Vor den deutschen
Besatzungstruppen setzte er sich 1943 aus Dänemark nach Sigtuna in Südschweden ab. Für sein letztes Vierteljahrhundert
wurde der 59-Jährige hier sesshaft, als Übersetzer und Feuilletonist.
Einer schreibt einen Brief an sich sollten die Erinnerungen heißen, an denen er zuletzt arbeitete. "Elu [von
Ernst Ludwig]", hatte einst Moritz Rosenbaum dem Knaben in Stade prophezeit, "Elu, du wirst einmal ein Dichter und wirst
dafür zu leiden haben."
Die Schauplätze der Kindergeschichte hat er 1954 noch einmal besucht. Von den Grabsteinen des jüdischen Friedhofs sind
zwei der Vernichtung, dem Zerschlagen und Vermahlen zu Mörtel, entgangen. Wo der seiner Mutter geblieben, habe er erfahren,
schrieb Harthern in einem Brief: "Ich will Dir nicht sagen, wo." Erhalten ist der Stein des Onkels, der ihn vor Gericht
"Lumpenhund" nannte.
Am 8. Juni 1969 starb Harthern 84-jährig in Sigtuna.