Auszug aus
Kapitel 1
3. März 1795
Knigge ächzte, als der Wagen hielt. Bettwagen klang gut, war aber dasselbe elende Geschaukel wie in einer ordinären Kutsche.
Den zweiten Tag unterwegs war er überzeugt, im Sitzen besser dran zu sein. War das Sitzen nicht deshalb die übliche Form des
Transports, weil der menschliche Körper dafür geeigneter war? Solange der Körper lebte. Nachher würde er liegend verfrachtet.
So wie er jetzt.
Ich bin schon so gut wie tot, dachte Knigge und rief nach dem Kutscher, um sich aus dem Wagen helfen zu lassen.
Im Liegen sah er praktisch nichts von der Landschaft. Nur Himmel, Wolken und verwischende Baumwipfel. Er kannte das platte
Land von früheren Reisen und wusste, dass er keine Sehenswürdigkeiten versäumte.
Der März fuhr mit Eis und Schnee über das Land. Der späte, dafür um so heftigere Winter stempelte Knigges Reise endgültig
zu einer aberwitzigen Unternehmung. Vernunftbegabte saßen am prasselnden Ofen und ließen sich nur durch allerdringendste
Geschäfte, einen Notfall von der Wärme vertreiben.
Knigge war krank, und er hatte nichts Lebenswichtiges zu beschicken, um sein behagliches Heim zu fliehen und im Bettwagen
durch die norddeutsche Tiefebene zu holpern. Er gehorchte lediglich einem albernen Befehl seiner Obrigkeit.
Aber er gehorchte. Der freie Herr, wie er seinen Adelstitel Freiherr interpretierte: nicht als angeborenen
Gesellschaftsrang sondern als Signum eines unabhängigen Individuums – der aufrechte Bürger diente und buckelte, indem er
seinen hinfälligen Leib durch die Kälte karren ließ.
Sein Sicherheitsbedürfnis und die Verpflichtungen als Familienvater standen dem Freigeist ebenso im Weg wie der Leib die
Entfaltung seiner Persönlichkeit behinderte. Den in seinem Kopf facettierten idealen Weltentwurf spiegelte die Wirklichkeit
nur in kümmerlichen Fragmenten. Als Untertan musste er auf seine Worte achten, als Kranker auf jede seiner Bewegungen. Die
Freiheit kam im Korsett daher. Der Fürstenhasser hatte sich als Fürstenknecht verdingt. Und machte doch den Mund immer wieder
zu weit auf. Sein lautes Pochen auf Vernunft hatte ihn in die gegenwärtige vernunftwidrige Lage gebracht. Er zerrte aufs
Äußerste an den Widersprüchen.
Diesmal riskierte er vielleicht nicht allein Stellung, Einkommen, Haus, die behagliche Versorgung. Wollte er den Warnungen
seiner Freunde, den Ängsten seiner Gattin und eigenen Kombinationen trauen, wartete seine Obrigkeit bloß auf einen Fauxpas,
um ihn zu verhaften. Dann könnte diese überflüssige Reise doch existenziell gewesen sein. Sofern ihm die Strapazen nicht
sowieso den höchsten Preis abverlangten.
Das eigene Los ängstigte ihn weniger. Er sehnte das Ende der Plagen nicht geradezu herbei, aber als verderbliche Lockung
harrte es am Rande des Bewusstseins. Sein derzeitiges Amt war das letzte seines Lebens. Verlöre er es, hätte er weder die
Kraft, ein neues zu erringen, noch würde jemand ihn Kranken für eine Anstellung ernsthaft in Betracht ziehen. Er könnte
nur auf die Mildtätigkeit von Freunden hoffen. Und das Netz seiner Beziehungen war erheblich ausgedünnt, seit er der
Geheimbündelei abgeschworen und aufgehört hatte, für die Illuminaten zu werben.
Der Familie wegen klammerte er sich an das Amt, das nach seinem Ableben ihre Versorgung sichern sollte. Er hatte seine
Ideale nicht verraten und galt der Regierung deshalb als Umstürzler. Gleichwohl ergab er sich der Erniedrigung, die sie
ihm abverlangten, um sein Amt zu wahren und damit das Auskommen von Frau und Tochter.
Der Kutscher versorgte die Pferde, Knigge humpelte am Gehstock in den Gasthof.
Sie befanden sich neben einer breiten Chaussee, die durch einen Wald geschlagen worden war. Die regnerische Dämmerung
ließ nicht zu, weitere Gebäude zu erkennen außer einem groben Kasten aus Fachwerk; es mochte noch Stallungen und Scheunen
geben. Gekreuzte Pferdeköpfe am spitzen Giebel des Wirtshauses; es könnte überall im Norden sein. Knigge hatte keine Ahnung,
wo er sich befand.
Und es war ihm herzlich egal. Er sehnte sich nach einem ruhigen Gemach mit einem stillen Bett und der Pastille, die dem
Steinleiden Paroli bot. Das Kügelchen Opium würde die Plagen des Leibes nicht beseitigen, aber überdecken. Das Gefäß des
Körpers würde den Geist eine Weile nicht mehr beengen, er würde es fast verlassen können. Fast und schließlich ganz; am
Leib hatte der freieste Geist seine letzte Kette, seufzte Knigge philosophisch auf und wandte sich der Wirtsstube zu.
Eigentlich hätte das Hufgetrappel den Wirt herauslocken müssen. Wie kalt es war, würde er doch sehen müssen wollen, wer
bei ihm einkehrt. Im Kerzenschimmer erkannte Knigge ein halbes Dutzend Gestalten an den Tischen. Der Wirt hinter seinem
Tresen, ein fetter Schwarzbart, trat nicht zum Empfang des Gastes hervor, beließ es bei förmlichem Brummen: »Ihre Gnaden?«
»Ein Zimmer für mich und Unterkunft für Kutscher, Pferde und Wagen selbstverständlich.«
Statt sich unverzüglich um die Annehmlichkeit des Gastes zu bemühen, starrte der Wirt ihn an. »Ihr seid nicht von hier.«
Knigge grimassierte, als habe ihn ein plötzlicher Schmerz überfallen. »Ich müsste sonst nicht im Gasthof nächtigen«,
versetzte er.
»Und woher seid Ihr?«, begehrte der Wirt zu wissen.
Knigge bezähmte sich. Sein Habitus hätte dem Wirt als Ausweis genügen müssen, er hätte sich gefälligst nach den Wünschen
des Gastes erkundigen sollen statt ein Verhör anzustellen.
Knigge war zu schwach auf den Beinen für ein Rencontre. »Bremen«, antwortete er. »Wie steht es mit dem Zimmer?«
»Weiß nicht«, murmelte der Wirt.
Knigge steuerte eine Sitzbank an und ließ sich darauf fallen. Gebeugt, die Hände am Griff des Stocks verklammert, atmete
er durch.
Seit gestern früh auf Achse; zu allen gewohnten Malaisen taten ihm vom Geratter des Wagens die Knochen weh – endlich
landete er im Irgendwo einer Verlassenheit, und statt zur Ruhe zu kommen musste er mit einem mürrischen Wirt disputieren.
Aus dem Hintergrund der Wirtsstube trat jemand herzu und wandte sich in vertraulichem Ton an den Wirt. »Mach schon,
Kröger, richte ein Zimmer her. Der Herr ist ein Freund von mir.«
Knigge hob den Kopf und blinzelte. Er sah einen langen Kerl in einem verschlissenen grünen Uniformrock. Wie ein Bauer trug
er keine Perücke, anders als beim Landmann war sein Haar ungebunden und lang gelockt wie bei einem Wilddieb.
Erst als der Mann aus dem Widerschein der Kerzen und näher trat, erkannte Knigge ihn. »Grothaus«, hustete er. »Sie sind wie
stets an der unwahrscheinlichsten Stelle zu treffen.«
»Ein Bier für den Freiherrn«, rief Grothaus dem Wirt zu und setzte sich zu Knigge. »Sie sehen nicht gut aus.«
»Danke, das höre ich öfter.«
Knigge achtete auf seinen röchelnden Atem. Er benahm sich nicht höflich, er hatte keine Kraft dazu. Grothaus würde es ihm
nachsehen. Der Mann ohne Perücke legte Förmlichkeiten nach Laune aus und benahm sich mit dem Fuhrknecht bisweilen genauso wie
mit Fürsten. Auf seine verquere Art war Grothaus ebenfalls ein freier Mann.
Dem Wirt hatte er sich als Freund ausgegeben. Das war nach den strengen Vorschriften, die Knigge dafür in Anschlag brachte,
nicht zutreffend, mochte aber als Floskel für den Wirt hingehen. Guter Bekannter wäre korrekter.
Baron Grothaus war einige Jahre älter als Knigge, am Ende seiner Vierziger. Unmöglich, seinen Stand zu benennen. Soldat wäre
weitgehend richtig; zuweilen agierte er als Diplomat; als studierter Mathematiker und korrespondierendes Mitglied der Göttinger
Akademie konnte er als Wissenschaftler gelten; viele sahen in ihm vor allem einen Hochstapler und Hasardeur. Wie Knigge hatte
er keine feste Stellung in der Welt. Anders als jener hatte er sich nie darum bemüht.
Ihre letzte Begegnung lag lange zurück, aber im Vorjahr hatte Knigge literarische Kunde von Grothaus erhalten, durch eine
anonym publizierte Lebensgeschichte des Barons, die seine »politische Wichtigkeit, besonders in Rücksicht auf die französische
Revolution« herausstellte. In der Neuen Allgemeinen Deutschen Bibliothek rezensierte Knigge das Machwerk als
Märchen-Sammlung, die er den wunderbaren Reisen des Barons von Münchhausen an die Seite stellte.
Grothaus galt vielen als Aufschneider, weil er gern die absurdesten oder abenteuerlichsten Anekdoten zum Besten gab. Bei
einer solchen Gelegenheit hatte Knigge ihn in einer Göttinger Wirtschaft kennen gelernt. Grothaus erzählte eine Episode, die
ihn Knigge nachher mehrmals in Variationen wiederholen hörte, wonach er anno 1769 dem korsischen Freiheitskämpfer Pasquale
Paoli und seinen Truppen bei der Flucht vor den Franzosen nach Italien behilflich gewesen war. Grothaus berichtete in einer
unglaubwürdigen Art, als handele es sich um eine Legende. Und als Seemannsgarn fasste Knigge es zunächst auf.
Doch der Baron log nicht. Er war erwiesenermaßen viel herum gekommen, buchstäblich zu Fuß, da er ein eingeschworener Feind
aller Vehikel war. Es war seine Manier, sich selbst wie eine literarische Figur zu nehmen, als eine Erfindung mehr denn als
jemanden, der das Dargestellte durchlitten hatte. Seine Ironie erschien schlichteren Gemütern als heuchlerische Verstellung,
Männer von Bildung erkannten in ihr einen Wahnsinn.
mehr über Knigge in Stade:
Mit doppelter Dosis Opium
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