Die Lage der Literatur in Stade

Auf der Landkarte der Literatur ist Stade ein weißer
Fleck. Daran ändert das kommerzielle Aufhebens nichts, das die Buchhändler gegenwärtig um so genannte
"Regionalkrimis" machen. In 1015 Jahren schriftlich dokumentierter Geschichte war das "Holpergassengewirr"
nie ein Pflaster für Dichter und Denker. Das Denken sollte man den Pferden überlassen, heißt es, die haben
den größeren Kopf, und von Dichtung verstehen die Klempner am meisten.
Bedeutende Bücher, die in Stade geschrieben wurden, Bücher, die in Universitätsbibliotheken aufbewahrt werden und auch anderswo
als in der Stadt selbst, wenn dort überhaupt, zur Kenntnis genommen wurden?
Langes Schweigen. Achselzucken.
Einer der frühesten bekannten Reiseführer entstand im Kloster St. Johannis der Franziskaner: das Itinerar (Wegweiser),
das der Abt Albert als Teil seiner Chronik der Weltgeschichte, der Stader Annalen,
verfasste. 1236 unternahm der etwa 50-jährige Albert einen Fußmarsch von Stade nach Rom. Er war wenigstens ein halbes Jahr
unterwegs und legte über 3.500 Kilometer zurück. Sein Buch ist in weiten Teilen eine Art Straßenkarte in Worten: "Von Stade
sind es 10 Meilen bis Bremen, 4 M bis Wildeshausen, 2 M bis Vechta, 5 M bis Bramsche, 3 M bis Tecklenburg, 5 M bis Münster,
3 M bis Lüdinghausen, 1 M bis Sülsen; dort kommst du über den Lippe-Fluss."
Vergessen sind die Werke des Johann Ulrich Wallich. Allenfalls seine Vera relatio de incendio Stadano, ein
wahrer Bericht vom großen Stadtbrand 1659, wird von Historikern konsultiert. Wallich war geboren in Weimar und weitgereist.
"Sein Geist ihn lange Zeit hat in die Welt getrieben, dass er unmüßig ist nicht an einem Ort geblieben", dichtete ein Bekannter
über ihn. Wallich gehörte zum Stab des schwedischen Generalgouverneurs von Königsmarck, der seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges
von Stade aus das Elbe-Weser-Dreieck regierte. Beim Großen Brand verlor Wallich seine Bibliothek, eine der umfangreichsten in
der Stadt. "Gerade wie einstmals an einem Orte in Burgund Raben glühende Kohlen in den Schnäbeln getragen und fallen gelassen
und so ganze Dörfer angezündet, so sei auch dieser Brand gleichsam mit den Händen über die Stadt gestreut worden", schrieb
Wallich.
Als Astronom weilte der Göttinger Philosoph Georg Christoph Lichtenberg 1773 für ein halbes Jahr in Stade, um den Platz
der Festungsstadt auf dem Globus zu vermessen. Von hier aus unternahm Lichtenberg einen Ausflug nach Helgoland, der wie Alberts
Itinerar für die Geschichte des Reisens bedeutsam ist. Die Aufzeichnungen über seinen Aufenthalt wurden selbst von jenen nicht
zur Kenntnis genommen, die 1999 auf der Museumsinsel eine Statue des gelehrten Gnoms aufstellen ließen. Er interessierte sie
nur insoweit sie sich mit ihm schmücken konnten. Als kurioses bucklichtes Männlein ließen sie ihn gelten, wollten aber seine
Beobachtungen und Gedanken tunlichst nicht wahrhaben. Das zufällig zur gleichen Zeit in Dortmund und Bielefeld erschienene
Buch eines Stader Autors, das Lichtenbergs Unbehagen mit der Stadt schildert, wurde nach Kräften ignoriert und als Anschlag
verstanden auf die gemütliche Eintracht der Statuenaufsteller mit dem Berühmten.
Der Dramatiker und Bibliothekar Gotthold Ephraim Lessing kam nicht bis Stade. Er fiel im Zuge der Vorbereitungen seiner
Hochzeit 1776 in Jork in einen Entwässerungsgraben, heißt es.
Als sich der Verfasser des europäischen Bestsellers Über den Umgang mit Menschen, Adolph Freiherr von Knigge, 1795
an der Schwinge aufhielt, wurde er als vermeintlicher Aufrührer von der Stader Regierung schikaniert. Dem Schwerkranken, der
die Tage fern von seinem Bremer Heim nur mit doppelter Dosis Opium überstand und kaum das Bett verlassen konnte, wurde befohlen,
eine königliche Hoheit auf der strapaziösen Kutschfahrt nach Cuxhaven zu begleiten und unterhalten. Die literarische Frucht von
Stades Umgang mit Knigge ist eine briefliche Beschimpfung: "Vier Wochen lang, in einem elenden Städtchen, in einem Wirtshause,
wo es Tag und Nacht nicht ruhig wurde; in einem Bette, das um einen Fuß zu kurz war, in einem Zimmer, unten an der Erde, wo ich
keinen Bedienten abrufen, noch schellen konnte, wo der Windzug grade auf mein Bett stieß, wo jedermann mir neugierig in das
gardinenlose Fenster gaffte..."
Das mit Abstand wichtigste Buch, das mit Stade assoziiert werden kann, ist eine Landkartensammlung: der vor 100 Jahren von
Carl Diercke konzipierte Weltatlas für Schüler.
Es ist nicht bekannt, ob es in Stade ein Exemplar des 1869 erschienenen Buchs über die Theorie der "Dynamomonaden" gibt,
verfasst von dem aus Bützfleth stammenden Direktor der Höheren Töchterschule am Cosmae-Kirchhof, Ernst Friedrich Wyneken.
In Antiquariaten findet sich allerdings ein Werk seines Sohnes, Abschied vom Christentum, in einer Taschenbuchausgabe
von 1970. Als Mitgründer der Freien Schulgemeinde Wickersdorf in Thüringen fehlt der Name Gustav Wyneken in keinem
Buch über die Geschichte der Reformpädagogik. 1875 in Stade geboren lebte er seit 1931 in Göttingen als "freier Schriftsteller".
Zu seinen Schülern gehörte Walter Benjamin, einer der einflussreichsten Denker deutscher Sprache im 20. Jahrhundert: "Mein
Denken geht immer wieder von meinem ersten Lehrer Gustav Wyneken aus, kommt immer wieder dahin zurück." Als der Bewunderte
den Ersten Weltkrieg pathetisch begrüßte und zur Teilnahme aufrief, sagte Benjamin sich von ihm los. In der regionalhistorischen
Literatur taucht Wyneken nicht auf. 1999 ging ein anderer in Stade verachteter Autor für einen in Hamburg erschienenen
Zeitungsartikel seinen Spuren nach.
Der unlängst verstorbene Lyriker Peter Rühmkorf erinnerte sich nur ungern an seine Schuljahre in Stade und hat der
Stadt kein weiteres Wort gewidmet.
Frank Schulz ist aus Hagen. Das gehört irgendwie sowieso nicht zu Stade. Und er wohnt in Hamburg, das ist auf der
anderen Seite der Elbe. In der Stadtbibliothek kennt man ihn immerhin.
Das allerdings ist seltsam: Dass eine so aliterarische Stadt wie Stade eine gut sortierte öffentliche Bibliothek hat. Es
ließe sich für jemanden, der sich nicht so viel Bücher kaufen kann, wie er liest, sonst nicht aushalten. Und solange die
Stadtbibliothek nicht allein mit Bestsellern vollgepackt wird, besteht die Gefahr, dass ein Eingeborener hier Worte findet,
die er in der Stadt nicht laut sagen darf.
Die Bibliothek brannte allerdings auch einmal wie diejenige Johann Ulrich Wallichs unter bis heute ungeklärten Umständen ab,
woraus der mit der heimischen Denkungsart Vertraute allerhand symbolische Schlüsse ziehen könnte - ebenso wie aus den
mannigfaltigen Schwierigkeiten, mit dem das Projekt "Stade liest", das von der Tatkraft einer einzigen Person abhängt,
seit je zu kämpfen hat.
Ein grelles Schlaglicht auf Stades Verhältnis zur Literatur und deren Produzenten, sofern sie das Schreiben nicht als Hobby
und zum vornehmlichen Pläsier der Buchhändler und ihrer mehr oder weniger vermögenden Kundschaft betreiben, sondern gar - o Graus -
der Sprache wegen, wirft der Umgang mit dem einzigen Schriftsteller, der je in den Gassen geboren wurde und ihnen mehr als ein
paar verächtliche Worte gewidmet hat.
Für sein 1989 erschienenes Buch über den Landkreis Stade in der Zeit des Nationalsozialismus entdeckte der Kölner Historiker
Hartmut Lohmann den Verfemten. Doch jene Kreise der Stadt, die sich selbst als kulturelle Elite begreifen, scherten sich nicht darum.
So genannte Literaturinteressierte verwundern sich, wieso ein toter Autor noch Leser finden sollte. Lektüre als öffentliche
Veranstaltung ist längst kein Beiwerk, sondern gibt dem Ganzen Sinn. Die Bücher leben, wenn nicht vom persönlichen Kontakt mit
dem Autor, von Televisor- und Pressebildern, von virtueller Teilhabe am Literaturbetrieb. Man liest saisonal, was angesagt ist,
um im Gespräch zu bleiben.
Das Kapitel über Stade im Roman Axel Mertens Heimat (1913) von Ernst Harthern ist die umfangreichste literarische
Beschreibung, die Stade je gewidmet wurde. Seit 1994 war sie immerhin als Fotokopie im Stadtarchiv vorhanden. Noch das im selben
Jahr herausgegebene Stadtlexikon erwähnt Harthern nicht. Als zur Tausendjahrfeier 1994 Frankfurter Rundschau und
Hamburger Morgenpost das geistige Erbe der Stadt sichteten, vermerkten sie das lückenhafte literarische Vermächtnis ausdrücklich.
Zu seinem 110. Geburtstag im September 1994 erklärte eine "Initiativgruppe", wie sie später genannt wurde, Hartherns Heimholung
zur öffentlichen Aufgabe und brachte eine provisorische Gedenktafel am erhaltenen Geburtshaus Bungenstraße 14 an. Versuche, im
Vorfeld der Aktion mit der Stadtverwaltung ins Gespräch zu kommen, scheiterten: "Man hat sich in der verschlafenen Kleinstadt
nicht erinnern wollen", bemerkte der aus Stade stammende Hamburger Journalist Volker Stahl.
Seit Dezember 1996 gibt es eine Gedenktafel. Bei Stadtführungen werden das Geburtshaus des eingeborenen Autors und seine
Erfahrungen mit Stade freilich übergangen. Zwar fand im September 1995 eine "wissenschaftliche Tagung" statt, bei der
vorsichtshalber nicht Hartherns Verhältnis zu Stade sondern zu seinem skandinavischen Exil thematisiert wurde. So musste
sich kein Bürger angesprochen fühlen.
Ein Buch mit ausgewählten Texten, Hartherns eigentlichen Gedenksteinen, wurde von der Stadtverwaltung 1995 angekündigt, blieb
aber "jahrelang unter den wechselnden Alltagsgeschäften liegen", wie es nun heißt, bis es Anfang 2009 vor ausgewählten
Pressevertretern vorgestellt wurde. Dabei wurde selbstverständlich mit keinem Wort erwähnt oder erklärt, weshalb es 14 Jahre
bis zur Drucklegung brauchte. Dazu nämlich hätte man etwas anstellen müssen, wozu jene Literatur anhält, die nicht nur
Unterhaltung ist und deren Produkte sich bei einmaligen Lesen verbrauchen: Selbstreflexion.
Seit Jahren werden mit öffentlichen Geldern die vermeintlichen Aufenthalte von Literaten in einem abgelegenen Häuschen gefördert.
Texte zu Stade scheinen dabei nicht entstanden zu sein. Oder es handelt sich um solche, die man
nicht oder erst in 100 Jahren veröffentlicht sehen möchte. Könnte ja ein Satz enthalten sein, der nicht mit den
herrschenden Sprachregelungen konveniert. Ein wahrer Satz.
Ernst Hartherns lange Heimkehr in Publikationen
Hartmut Lohmann: Bald kamen seine Werke in den "Giftschrank". Ernst Harthern - Ein vergessener Schriftsteller
aus Stade. Zwischen Elbe und Weser N°4, Oktober 1989
Hartmut Lohmann: Heimatloser auf der Suche nach dem Ich. Auf den Spuren des Schriftstellers und Juden Ernst
Harthern. Stader Tageblatt 24.3.1990
Hartmut Lohmann: "Hier war doch alles nicht so schlimm". Der Landkreis Stade in der Zeit des Nationalsozialismus.
Stade 1991
Uwe Ruprecht: Stille Insel in der Zeit. Tausend Jahre Mittelmaß: die Kreisstadt Stade feiert Geburtstag.
Frankfurter Rundschau 19.2.1994
Volker A. Stahl: "Nur zwölfe abgebüßt". Ernst Harthern: Kleinstadt tut sich schwer mit Erinnerung. Jüdische
Allgemeine Wochenzeitung 30.6.1994
Stader Exil-Autor soll geehrt werden. Stader Tageblatt 3.9.1994
Ausgangspunkt einer Flucht. Hamburger Abendblatt 7.9.1994
Jörn Bosse: "Verschlafene Stadt mit engem Holpergassengewirr". Ernst Hartherns Erstlingsroman "Axel Mertens
Heimat" verrät Lesern eine intime Kenntnis der Geburtsstadt des Autors. Stader Tageblatt 5.11.1994
Immer die Heimat im Arm wie eine Waise. Kulturelles Exil in Skandinavien und die Bedeutung Ernst Hartherns
als Kulturvermittler zwischen Skandinavien und Deutschland. Stade 1995
Uwe Ruprecht: Niels Hoyers Odyssee und das ständige Heimweh nach Stade. Der Schriftsteller Ernst Harthern.
Hamburger Abendblatt 15.2.1996
Uwe Ruprecht: Dichter der geschändeten Jahre. Gedenktafel am Geburtshaus von Ernst Harthern in Stade. Hamburger
Abendblatt 19.12.1996
Ernst Harthern. Journalist, Autor, Übersetzer. Eine Auswahl aus seinen Werken, bearbeitet von Jörn Bosse. Stade 2008
Mehr über Hartherns Leben und Werk:
»Die Kugel im Rücken«
Ernst Hartherns Heimsuchung
mehr über Stade und
G. Chr. Lichtenberg
Freiherr von Knigge
Gustav Wyneken
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