Heimliches Pflaster
Absätze aus dem Passantenalltag
"... keine Heimatkunst, vielmehr ist der Blick des Allegorikers, der die Stadt trifft, der Blick des Entfremdeten.
Es ist der Blick des Flaneurs" (Walter Benjamin: Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts)
"Driftin' like a dream out on the sea... Nobody pays the price for me" (Tim Buckley: Live at the Troubadour 1969)
Tanz in den Mai
30. April 2009
Der Mai kommt, was schlägt nicht alles aus. Ein Klischee? Eben schrieb der Passant den Satz eingangs der
Holzstraße in sein Notizbuch, dann überholt er ein plaudernd schlenderndes junges Pärchen.
Das Zugucken bleibt den alten Männern, vermerkt der Passant mit Blick auf Pferdemarkt 7/9, während eine Drei-Mann-Gruppe über
den leeren Platz radelt und nichts sieht. Dicht neben der Schulter verwirbeln sie die ruhige Luft.
Ein Brodem wie Nebel schwebt in den Gassen. Die Spitzen von Wilhadi und Cosmae stecken in blauem Dunst. Der feuchte Schleier
verwischt das Licht und verleiht den Farben einen träumerischen Schimmer.
Ein langer Bursche, Gardemaß, ruft den beiden Mädels an seiner Seite "Stechschritt" zu, und sie paradieren ein paar Meter am
Rathausportal vorbei. Seltsame Einfälle gebiert der Übermut. Sieht der Bursche seine Begleiterinnen als Soldatinnen oder testet
er bloß seine Befehlsgewalt auf die nächstliegende Weise? Solange ein Wort wie "Stechschritt" zum Sprachgebrauch gehört und
Zwanzigjährige, die weder in Preußen, unter Hitler oder in der DDR gedient haben, wissen wie es geht, bleibt die Welt ein
grauer Ort.
Die Katze an der Schwelle des offenen Hauseingangs ist scheu, erhebt sich aber und kommt mit aufgerichtetem Schwanz näher. Sie
hätte sich streicheln lassen - hätte nicht das Auto, das in dieser schmalen Gasse ohne Bürgersteige fahren darf, die
Besinnlichkeit gestört.
Die Innere Stadt von Stade ist ein beachtliches Fußgängerreservat. Immer wieder versuchen Automobilisten, das Terrain
zurückzuerobern. Manche Fahrzeugführer werden von den für sie ausnahmsweise gesperrten Gassen herausgefordert zu nächtlichen
Spazierfahrten, mit denen sie das Revier für eine spätere Inbesitznahme markieren.
Noch rasch vor 22 Uhr in den Supermarkt am Rand der Niere oder Muschel, als die der Umriss des Gekröses und Geschachtels der
Inneren Stadt bezeichnet worden ist. An der Kasse vertreibt sich der wartende Ästhetiker im Ruhestand die Zeit mit den Gesichtern
dieser oder jener Verkäuferin.
Vor einem Baugerüst macht sich eine lärmende Männergruppe breit. Bis zum Pferdemarkt begleitet ihr Durcheinandergrölen, bei
dem sie einander übertönen wollen. Die Stimme, die als letzte verklingt, ist wie die eines Jugendlichen, hell und wie unberührt.
Sie wendet sich an alle und niemanden, und der Passant versteht kein Wort.
Das Duo der Bürgerwehr quatscht in der Holzstraße über die rechnerischen Chancen der Bayern, Fußballmeister zu werden. Teure
uniformgeblähte Spaziergänger. Dass sie beobachtet werden, entgeht ihnen, die für Aufmerksamkeit bezahlt werden.
Die Einkäufe kurz daheim abgeworfen, dann noch einmal vor die Tür. Es ist die Zeit, wenn in der Fantasie allzu vieler Bürger
das Gesindel aus den Löchern kriecht und hinter den paar Bäumen lauert, um Fußgänger und Radfahrer zu überfallen.
Wie stets um diese Zeit begegnet dem Passanten kein Mensch. Zuweilen rauscht ein Auto vorbei, sonst sind die gefährlichen
Gassen still und stumm. Auf ein Rascheln im Dunkel zu lauschen wäre paranoid. Freilich ist das Böse immer und überall möglich.
Alltags ist der Passant das Finsterste, das einem hier begegnen kann.
Hinter den Scheiben flackern die Televisoren. Als der Passant an einer Hausecke verweilt, um die Stimmung einzufangen, hört er
hinter einem Fenster Schnarchen.
Uwe Ruprecht
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