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Beobachtungen · Bemerkungen · Berichte vom Pferdemarkt

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Heimliches Pflaster

Absätze aus dem Passantenalltag

 

Gespenster und Medien

16. Mai 2009

Er hat Bill Clinton nicht gesehen und es auch gar nicht versucht. Der Passant sah zwei Tage zuvor zufällig Secret-Service-Männer in schwarzen Anzügen die Gefahren eines Spaziergangs durch die Innere Stadt am Fischmarkt und in der Hökerstraße prüfen. Er überlegte, ihnen zu folgen, sie zu fotografieren – und ließ es.
Stattdessen blieb der Passant am Eingang der Bungenstraße stehen und erörterte mit einer anderen zufälligen Begegnung eine Geschichte, die wahrscheinlich nirgendwo anders als hier demnächst erzählt werden wird, und die mit mehr Wahrheit berichtet werden kann als beim besten Willen von Clinton – selbst wenn der Passant in irgendeinem Pressepulk mitgelaufen wäre.
Aus seinem Blickwinkel taugt Clinton allenfalls zu einer Glosse. Um den Pferdemarkt, seiner Quelle zeitgenössischer Geschichten, war sowieso nichts davon zu hören. Nur er selbst brachte das Thema auf und erntete Achselzucken.
Bevor das Lokalblatt begann, breit über den bevorstehenden Besuch zu berichten, war der Passant von einem Polizisten, der eben erst aus dem Urlaub zurückgekehrt war, gefragt worden, ob er Näheres wisse. Hätte er sollen? Jedenfalls verfolgte der Passant daraufhin die Nachrichtenlage. Doch auf dem Pferdemarkt war niemand interessiert an dem, was in der Zeitung stand oder stehen könnte.
Die Leute haben andere Probleme – wie der Polizist, für den Clinton in erster Linie Mehrarbeit hieß. Doch etwa das Vorkommnis aus seiner Perspektive zu schildern, kam nicht in Frage – allenfalls nachher. Bei Gelegenheiten, die als hoch bedeutsam gehandelt werden, sind Journalisten auch nichts anderes als privilegierte Zaungäste, die unter bestimmten Bedingungen für eine Weile innerhalb des Gatters zugelassen werden, um die erwarteten Bilder zu schießen und die geläufigen Phrasen nachzuplappern. „Nice city“, würde Clinton sagen und vor dem Hintergrund des Schwedenspeichers abgelichtet werden.
Die belanglose Stippvisite der Zelebrität groß herauszustellen bedeutet dem Lokalblatt vor allem die Pflege der Beziehungen des Zeitungsverlages als Wirtschaftsunternehmen zum Einladenden. Schmückt sich einer der Kunden und Abonnenten des Blatts mit einem gewesenen US-Präsidenten ist es, als adle es sie alle. Die Tuchfühlung mit der Gestalt der Geschichte gibt außerdem einen schönen Schnörkel zum Selbstporträt als Hansestadt, bei der man sich Geschichte so zurechtbiegt, bis sie der Eitelkeit passt.

Foto: Ruprecht

Geisterbeschwörung: Hansestadt schon gedruckt,
bei der Adresse haspert, Pardon: haperts

Von Schweinegrippe und der Urteilsverkündung im Sittensen-Prozess solle er berichten, wurde der Passant aufgefordert. Die Anregungen erfolgten selbstverständlich erst, nachdem man bereits davon gehört hatte, von anderen Medien, und nicht nur aus einem, und man erwartete nicht viel mehr als Augenzeugenschaft von dem, was als bekannt vorausgesetzt wurde: jemand, der die TV-Bilder verbal wiederholt, die man mit der Wirklichkeit zu verwechseln gelernt hat. Niemand fand etwas berichtenswert, das nicht bereit bekannt war, weil jedem nur der Kanon dessen einfiel, was die Medien, voran der Televisor, bereits als maßgeblich gesetzt hatten.
„Die meisten Menschen nehmen die Meinungen an, so wie sie von andern gemacht worden sind. Der Deutsche geht hierin unbegreiflich weit“, meinte Georg Christoph Lichtenberg in Sudelbuch D, begonnen 1773, dem Jahr, als er in der Stadt weilte, wo der Pferdemarkt vielleicht noch mehr das war, was er heute noch ist, ein Marktplatz in mehrfachem Sinn.
Medien wird heute nicht mehr so verstanden, wie es Ende des 19. Jahrhunderts Mode war: als Geisterbeschwörer. Versteht man Medium derart, lässt sich die gesellschaftliche Rolle der Presse (um einen anderen, ursprünglich auf Print-Medien gemünzten Sammelnamen zu verwenden) leichter begreifen.
Medien beschwören Gespenster. Schon redet niemand mehr von Schweinegrippe und ein Versuch, die Schweine herauszuhalten und das wenig schlagkräftige „Neue Grippe“ zu etablieren, war schon deshalb vergeblich, weil was eben noch in aller Munde war, längst vergessen ist.
Man kann sein Berufsleben als Journalist allerdings damit zubringen, über Clinton und die Schweinegrippe zu schreiben, indem man Agenturmeldungen und Telefonate mit Behördensprechern zusammenklaubt und das, was man nicht wirklich weiß, sondern nur gehört oder gelesen hat, wiederkäut.
Christian Friedrich Daniel Schubart, der Name, den sie allenfalls auf ihren Schulen auch einmal gehört haben, sollte allen deutschen Journalisten ewig in den Ohren klingen. Er hatte keine Verlautbarungen abgeschrieben, sondern die Verhältnisse beschrieben, wie sie sich dem Volk darstellten. Weil ein Herzog ihn nicht nach Recht und Gesetz belangen konnte, ließ er Schubart entführen und ohne Prozess für mehr als ein Jahrzehnt einkerkern.
Doch Schubart hielt nicht den Mund. Selbst ohne Papier und Stift diktierte er seine Lebensgeschichte dem Gefangenen in der Nachbarzelle. Unterdessen hatten die Gedichte, derentwegen der Publizist gefangen gehalten wurde, europäischen Marktwert erlangt. Das Buch, das eigentlich verboten und verbrannt sein sollte, ließ der Herzog folglich selbst drucken, um davon zu profitieren, und den Autor weiter schmachten.
Der Passant konnte sich die Phrasen, für deren Ausstoß ihn niemand entlohnte, ersparen und den Samstag mit einer Arbeit verbringen, für die zwar ebenso wenig bezahlt wurde, indem er die Abseite des Clinton-Besuchs studierte, nachdem er bis 13.30 Uhr diese Betrachtungen angestellt hatte.

Foto: Ruprecht

Heiser gebrüllte Geisterbeschwörung im Kostüm am Rathausportal

Wie sich zeigt, hat der Passant nichts versäumt, nichts versäumen können. Clinton war, wie eigentlich nie anders angekündigt, nur zu einem privaten Besuch bei seinem Geldgeber erschienen, und die Exklusivrechte für die Berichterstattung über die Plauderei in intimer Runde hatte sich das Lokalblatt gesichert. Dutzende Journalisten, die sich für einen potenziellen Spaziergang im Holpergassengewirr hatten akkreditieren lassen, sowie Stadtväter, die ihre besten Anzüge frisch aus der Reinigung geholt und Stunden über die Auswahl der Krawatte gegrübelt hatten, guckten in die Röhre.
Vor dem Schaukasten des Lokalblatts trifft der Passant seinen Freund S., und sie feixen über die abgesagte Show. Das Nicht-Stattgefundene passt nun erst Recht zur neuen Hansestadt, die anno dazumal keine mehr sein wollte.
Beim Gang durch die Hökerstraße weist nichts auf Enttäuschung der Bürgerschaft hin über den schnöden König, der nur gekommen war, um sich sein Handgeld abzuholen, so wenig wie vorher die Jubelfähnchen bereit gehalten worden waren – außer von denen, die sich von dem feudalen Ritual irgendeinen Vorteil versprochen hatten. Wäre es wenigstens ein echter König gewesen und nicht nur ein abgedankter Herrscher wie die Hansestadt auf eine erledigte und einst sogar verachtete Macht verweist.
Als sie das Rathaus passieren, plaudern S. und der Passant stattdessen über die anschwellenden Aktivitäten von Rechtsextremisten in der Region, in Lüneburg und Tostedt. Ein einheimischer Führer hat sich nach schwerer Krankheit zurückgemeldet, und die Hinweise auf Auftritte seiner Partei im Europawahlkampf vermehren sich. Beim letzten Wahlgang vor fünf Jahren stattete sie der Inneren Stadt mehr Besuche mit Wahlkampfständen ab als die anderen, und in Himmelpforten wurde eine viel beachtete Kranzniederlegung inszeniert.
Am 16. Juni 2004 beflaggte die Partei sogar das Rathaus. Um die Fahne gab es Streit zwischen Vertretern zweier anderer Parteien, ob er das dürfe. Keine Partei darf das, fand die Polizei und hängte die Flagge ab.

Foto: Ruprecht

Ein Gespenst beschwört ein anderes und wird beschworen

Über das antifaschistische Straßentheater im nachfolgenden Bundestagswahlkampf meldete der Weser-Kurier im August 2005: „Bei bisher vier Wahlkampf-Auftritten in den Fußgängerzonen von Stade und Buxtehude lief die NPD gegen eine Mauer aus demokratischer Kultur. (...) Die jungen Leute, die Adolf Dammann auf die Straßen schickte, begegneten einer Handvoll Gleichaltriger, die ihnen mit sanftem Nachdruck, mit entwaffnendem Lächeln, in Aktionen und Schulungen die Tür wiesen. Die Polizei hielt sich diskret im Hintergrund. Weder Festnahmen noch Platzverweise. (...) Gegen die Ironie des Straßentheaters haben die Parteisoldaten kein friedliches Mittel. (...) Toleranz kann für die, die sie nicht ertragen und abschaffen wollen, äußerst quälend sein.“
Eben noch in Erinnerungen befangen, Gespenster berufend, treffen S. und der Passant vor dem Discounter am Rande des Gassenknäuels einen der damaligen Akteure aus dem Gefolge des heutigen Kreistagsabgeordneten aus Neukloster, der mehrmals auf dem Pferdemarkt den Geist der alten Zeit auszurufen versucht hatte.
Inzwischen Mitte 20 hat er sich aus der Szene wie aus ihren Anschauungen ausgeklinkt. Zur Illustration erzählt er eine heitere Begebenheit aus seinem Berufsalltag als Vertreter. In Bremervörde steht er vor der Tür und klingelt. Einmal, zwei Mal. „Ein Deutscher klingelt nur einmal“, belehrt ihn der erboste Hausherr und hält ihm eine Standpauke über das, was „damals“ besser war und wieder werden sollte. Wie er davon erzählt, ausgerechnet einstigen Feinden, lässt seine Jugendjahre bei den Braunen als Spuk erscheinen, als überwundenen Albdruck.
Am Abend kramt der Passant alte Fotos aus und findet den ersten flüchtigen Eindruck bestätigt. Obwohl der Bursche damals jünger war, wirkte er älter, verhärmter, verbissener als jetzt, vor dem Discounter, an der Hand die Freundin, die von den alten Geschichten nichts hören will. Als Wahlkämpfer war er auf einem Weg, der ein für allemal vorgezeichnet schien. Fest eingebunden in einer Gemeinschaft, mit klaren Befehlen versorgt und dem unverbrüchlichen Versprechen auf Erlösung von allem Übel. Lässt das vorzeitig vergreisen? Die Gemeinschaft, die sich als Nucleus der Volksgemeinschaft begriff, war freilich in sich derart zerstritten, dass der junge Mann an den Beschwörungsformeln zu zweifeln und sie mit der Wirklichkeit zu vergleichen begann.
Grinsend zog der Passant weiter. Er musste keine Gespenster beschwören und für ein Zeilengeld von ein paar Cent einem Medium die Wiedererweckung eines Totgesagten verkaufen, indem er drastischere Worte wählte als hier, kürzere, knappere Sätze bildete, und wie ein Gaukler statt mit Bällen mit Namen und Zitaten jonglierte.
Am Ausgang der Inneren Stadt traf der Passant noch einen Polizisten, der... Aber auch darüber wird hier geschwiegen.

Foto: Ruprecht

 

Uwe Ruprecht