Der erste Mord wurde zunächst nicht als solcher erkannt. Matthias K., 56, war auf der Schwebefähre über
die Oste tot zusammengebrochen. Der Notarzt untersuchte ihn flüchtig und eilte zum nächsten Einsatzort.
Später mochte oder konnte niemand den Eintrag "Herzversagen" als Todesursache auf dem Totenschein erklären.
Schätzungsweise die Hälfte aller Tötungsdelikte bleibt unentdeckt, weil auf eine ordentliche Leichenschau
verzichtet wird oder der gewöhnliche Mediziner verräterische Anzeichen dennoch nicht bemerkt.
Beim zweiten
Mal war ein natürliches Ableben allzu unwahrscheinlich: Celina B. war 17. Allerdings erfuhr die Polizei von
dem Vorfall erst, als die Leiche bereits im Krankenhaus eingeliefert war. Die Spurensuche auf der Fähre, die
unterdessen weiter benutzt worden war, erbrachte nichts.
In seiner Vernehmung erwähnte der Fahrer des
Rettungswagens beiläufig, wenige Tage zuvor einen Toten von Anleger abgeholt zu haben. Matthias K. war
noch nicht beerdigt. Wie bei Celina B. diagnostizierten die Gerichtsmediziner eine Vergiftung. Das
verwendete Ungeziefervertilgungsmittel war in Drogerien erhältlich.
Matthias K., Versicherungskaufmann
aus Drochtersen, war allein unterwegs gewesen, Celina B. in Begleitung zweier Freundinnen. Die Mädchen konnten
sich zwar erinnern, worüber sie geschwatzt hatten, aber nicht, wann die Tote was getrunken hatte. Als
einstweilen einzige Zeuginnen für den zweiten Mord konnten sie keinen weiteren Fahrgast namhaft machen
oder auch nur beschreiben. Auf die Passagiere der Fähre beim ersten Mord hatte die Polizei überhaupt keine
Hinweise.
Eine Adresse, etwas über die Fährgäste zu erfahren, war der Fährmann. Doch der war eine
Vertretung, kurzfristig eingesprungen für seinen erkrankten Onkel. Stammgäste kannte er sowieso nicht,
wohnte auch nicht in der Nähe und vermochte Einheimische nicht von Touristen zu unterscheiden.
Reiseveranstalter, Fremdenverkehrsbüros und die Mitglieder des Vereins, der die Fähre betrieb, wurden
abgefragt und eine Gruppe aus Hamburg ermittelt, die zugegen war, als Celina B. starb. Die Leute hatten
Augen für anderes und das Mädchen erst bemerkt, als seine Freundinnen zu kreischen anfingen.
Vor einem
öffentlichen Zeugenaufruf hütete sich die Polizei. Die Region an der Oste warb für sich als "Krimiland",
in dem dutzendfach fiktive Mörder umgingen. Zuletzt war die Schwebefähre selbst als Tatort für erfundene
Verbrechen ins Gerede gebracht worden. Die Kripo fürchtete einen Andrang von Wichtigtuern und
Sensationshungrigen. Vor der Polizeiinspektion würden ständig Reporter und Kamera-Teams lauern, jeder
Ermittlungsschritt müsste gegen die Medien abgeschirmt werden.
Gleichwohl schlugen die Befragungen
der Polizei Wellen. Mich erreichten sie über den Schulhof, auf dem Celinas Freundinnen trotz Ermahnung
nicht den Mund gehalten hatten, durch die Tochter einer Bekannten. Anfangs wollte der Polizeisprecher
alles abstreiten. Aber ich hatte bereits Celinas Eltern aufgesucht. Sie standen kurz davor, ihr Schweigen
zu brechen und die Lokalzeitung anzurufen. Dort wusste man, wie sich herausstellte, Bescheid und hatte ein
Agreement mit den Behörden.
Ich ließ mich auf keine Absprache ein, weshalb ich vom Pressesprecher
weniger erfuhr, als ich längst wusste. Auch konnte er kein Argument für Zurückhaltung vorbringen, das mir
nicht schon selbst eingefallen wäre. Behinderung der Ermittlungen? Das hätte man mir überzeugend erläutern
müssen; ein dafür nötiges Gespräch mit dem Ermittlungsleiter wurde verweigert. Rücksichtnahme auf Celinas
Eltern als Opfer im weiteren Sinne hatte sich erledigt. Rücksichten, die ich trotzdem hatte nehmen können,
indem ich zum Beispiel den Redaktionen kein Foto der Hinterbliebenen anbot, würden hinfällig sein, sobald
diese das erste Televisor-Team bereitwillig einließen.
Ich ging davon aus, dass die Lokalzeitung von
meiner Anfrage bei der Polizei informiert wurde und sich womöglich anders besann. Ihr Artikel würde die
Nachrichtenagenturen auf den Plan rufen und meinen Exklusivitätsvorteil rapide schwinden lassen. Das
Medienbüro, das meine Arbeiten vermakelte, bot die Geschichte diversen Redaktionen an. Falls die Story
nicht gleich gekauft würde, könnte immerhin ein Auftrag für die unvermeidliche Pressekonferenz der
Polizei herausspringen, von der man ansonsten Agenturmeldungen gebracht hätte. Mir blieb ein Tag, um mehr
herauszufinden als die Kollegen, die sich mit offiziellen Stellungnahmen zufrieden geben würden.
Von
Celinas Eltern hatte ich zwei Namen: Jemand vom Schwebefähren-Verein, der zur Tatzeit an Bord gewesen war,
und ein Rentner, der aus Begeisterung häufig mit der Fähre fuhr, manchmal bloß hin und zurück. Meine
Kenntnis von den Morden machte das Schweigen, um das die Ermittler auch diese Zeugen gebeten hatte,
sinnlos. Dem Schwebefähren-Freund war die Angelegenheit peinlich. So erbaulich erdichtete Verbrechen, so
gräßlich waren wirkliche; sein Sohn besuchte dieselbe Schule wie Celina. Er malte sich die hämischen
Schlagzeilen aus. Nur eine zügige Festnahme könnte den Image-Schaden begrenzen, meinte er.
Bei der
Recherche nach Matthias K. kam ich auf sein Büro und interviewte seine Sekretärin. Er war Witwer gewesen.
Sein in Bremen lebender Sohn ließ mich am Telefon nicht einmal ausreden. Ich machte Fotos von der
Friedhofskapelle, in der die Leiche sichergestellt worden war.
Die Polizei würde der Presse keine
Namen verraten. Sobald jedoch die Medien in Massen auftauchten, war mit anderen Informanten zu rechnen,
und alle würden sich auf Celinas Eltern stürzen, die ich abgehakt hatte. Die Zeugen taugten allenfalls
für ein, zwei Zitate und eine kurze Angabe darüber, was sie auf die Fähre gebracht hatte. Das reichte
mir noch nicht.
Nach einer Serie von Telefonaten forderte ich das Glück des Suchenden heraus.
Schwerlich würde ich fündiger werden als die Streitmacht der Polizei. Freilich musste ich keinen Täter
aufspüren, sondern eine schöne Geschichte schreiben. Ich trieb mich am Tatort herum, hoffte auf
Eingebungen und traf mich mit Zeugen, um wenigstens mein Foto-Sortiment zu erweitern.
Als ich am
Anleger in Osten auf die Fähre wartete und eine Notiz über den Fluss als Styx machte, fiel mir der
Fährmann ein. Charon, der beide Opfer ins Jenseits befördert hatte, wäre ein Aufhänger für meine
Story.
Der Fährmann war Mitte 30, mit dürrem blonden Haar und einem wie vom Wind glatt geschliffenen
Flachlandgesicht. Er tat, als erfordere die Steuerung des Fährwagens seine völlige Konzentration.
Ich brachte keinen ganzen Satz aus ihm heraus und war im Zweifel, ob er mein Anliegen nicht verstand
oder mürrisch missbilligte.
Wie etliche andere Passagiere machte ich Fotos von dem Stahlgerippe,
unter dem die Plattform hing. Als ich den Zoom auf den Fährmann richtete, bemerkte er es und drehte
sich weg. Am anderen Ufer nahm ich ihn mir wieder vor. "Ich bin nur die Aushilfe", beschied er mich.
Als spreche ihn das von irgend etwas frei. Mit Mühe konnte ich ihm entlocken, dass er einen Verwandten
vertrat. Wie krank der denn sei, ob man ihn befragen könne? Keine Antwort; ich gab auf.
Ohne
Geistesblitz erkundete ich den Anleger. Einem Anwohner fiel mein Herumschleichen auf, und er sprach
mich an. Die Rede kam auf den eigentlichen Fährmann. Der wüsste vielleicht andere absonderliche
Begebenheiten vom Tatort oder hatte Beobachtungen im Vorfeld der Morde gemacht. Ich ließ mir die
Adresse geben.
Ein winziges altes Haus am Deich. Keine Reaktion auf Klingeln und Klopfen. Schlief
der Kranke so tief? Ich umrundete das Gebäude. Die Hintertür zum Garten hatte ein Glasfenster, das
die Küche zeigte. Unterhalb der Spüle lag der verwesende Leichnam.
Kurz bevor ich die Polizei
anrief, verübte der Aushilfsfährmann seinen vierten Mord. Sandra J., 34, Bankangestellte aus Hemmoor,
nahm einen kräftigen Schluck aus einer mit Ungeziefervertilgungsmittel präparierten Getränkedose, die
der Killer ihr irgendwie zukommen ließ. Einige Passagiere hatten Gerüchte von den Morden gehört,
diesmal wurde die Polizei unverzüglich alarmiert. Einem Fahrgast gelang es, alle anderen zu
veranlassen, auf das Eintreffen der Beamten zu warten. Allein der Aushilfsfährmann machte sich
unter einem Vorwand aus dem Staub. Letzthin war er wie ein Kapitän, und niemand hielt ihn auf.
Der
Fährmann war keineswegs sein Onkel. Bei der Zeugenvernehmung des Täters war geschlampt und der
Personalausweis nicht kontrolliert worden. Fingerabdrücke waren reichlich vorhanden, aber nicht
registriert. Der Serienmörder blieb namenlos. Die Medien porträtierten ihn als von "Krimiland"
inspirierten Psychopathen. Die Polizei fand kein schlüssigeres Motiv. Das missglückte Foto, das
ich auf der Fähre gemacht hatte, erwies sich als das beste Fahndungsmittel.
Dass sie ungelöst
waren, machte die Morde auf der Schwebefähre um so populärer. Heute trägt der Fährmann ein schwarzes
Kostüm mit aufgemaltem Skelett. Kinder gruseln sich gerne, wenn er ihnen eine Dose Lethe reicht.
Kriminalhistorische Darstellungen reihen den Fähren-Killer inzwischen neben Jack the Ripper ein.
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