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Ripper auf dem Styx

Foto: Wolfgang Kröger

Eine Geschichte aus „Krimiland“

Verbrechensdurchschnitt in Stade


Tötungsdelikte sind für die Beamten und Angestellten der Polizeiinspektion eine ebenso gewaltige Abweichung vom Alltag wie für die Bürger, zu deren Schutz sie berufen sind. Übers Jahr haben die Ordnungshüter mit einem halben Dutzend gewaltsamen Todesfällen zu tun. Meist handelt es sich um das, was Juristen als Totschlag klassifizieren: Bei einem Streit zwischen Lebenspartnern oder bei einer Kneipenschlägerei verliert jemand sein Leben.
Die Ermittlungen sind üblicherweise weder langwierig noch aufwändig oder gar schwierig. Der Täter wird oft noch am Tatort gestellt; Spurensicherung ist Formsache, um einem gewieften Verteidiger im Gerichtssaal keine Angriffspunkte zu liefern: „Es müsse alles getan werden, um kleinste Ungereimtheiten auszuschließen, die einem später bei der Gerichtsverhandlung um die Ohren gehauen werden könnten“, zitierte das Lokalblatt die Kriminalkommissare zu ihren Motiven während der Ermittlungen im Fall eines Doppelmords.
Kriminalisten sind Beamte, die einen Job erledigen, nicht die Wahrheitssucher, zu denen die Romanliteratur sie stilisiert. Das untersuchte Verbrechen zu verstehen kann nicht schaden, sofern es hilft, die für einen hinreichenden Tatverdacht erforderlichen Beweismittel zu finden. Allein diese materiellen Zusammenhänge zählen für die Gesetzeshüter. Sie sollen die Ausgrenzung des Täters vollziehen und müssen sie nicht begreifen.
Die Polizei geht auf Nummer Sicher und nimmt stets das Schlimmste an. Fahrlässige Tötung behandelt sie vorsorglich als Totschlag, Körperverletzung mit Todesfolge als Mord. Von über 1.000 Mordverdächtigen, die in den jährlichen Registern der Sicherheitsbehörden aufgeführt sind, werden keine 300 als Mörder verurteilt.
Der Strafprozess endlich dreht sich weniger um die Feststellung der Schuld als um deren Ausmaß. Die Schuld ist fast immer zweifellos. Die Anhörung von Zeugenaussagen oder der Vortrag von Gutachten bei der Beweisaufnahme dient dazu, das Verhältnis von Angeklagtem und Tat auszuloten, seltener ob überhaupt eine solche Beziehung besteht.
Jene Sorte Mord, den Kriminalschriftsteller fantasieren, das gravierende Rätsel, das nur ganz Gescheite entschlüsseln können, ist in der Realität eine Rarität. Der Ehemann, der für seine Geliebte frei sein will und die Gattin in Sicherheit wiegt, ihr einen aufregenden Abend verspricht, sie mit Champagner in die Badewanne lotst, um sie hinterrücks zu erschlagen, ist die pittoreske Ausnahme. Gewöhnlich erschlägt der sturzbetrunkene Ehemann seine Frau im Streit um Nichtigkeiten und wird dabei von sich selbst schockiert.
Der alltägliche Mörder handelt aus Wut, nicht aus Berechnung. Sein Blut ist nicht kalt, sondern kocht. Bleibt er danach nicht schreckensstarr am Tatort und erwartet die Festnahme, verwischt er vielmehr Spuren oder legt falsche, bringt er die Affektentladung, die als Totschlag hätte gewertet werden können, erst in Mordverdacht. Betrüger planen ihre Verbrechen, Gewalttäter seltener.
Je mysteriöser ein Verbrechen, desto unwahrscheinlicher die Aufklärung. Der am Baggersee mit einer Schrotflinte Erschossene kann immerhin nach einer Weile identifiziert werden; seine Mörder bleiben unbekannt. Das nach 15 Jahren erhaltene Spurenmaterial des Vergewaltigers und Mörders, dessen Serie plötzlich abbrach, reicht nicht für eine zuverlässige genetische Analyse; zum Vergleich hätte man womöglich Verdächtige aus ihren Gräbern holen müssen. (Gemessen an der Zahl der Exhumierungen, die der Krimi-Leser von der Polizei erwartet, müssten die Toten auf dem Friedhof rotieren.) Komplizierte Deduktionen enden in Wirklichkeit häufig im Leeren oder retten sich in Verschwörungstheorien.  

 

Ripper auf dem Styx
Eine erfundene
Kriminalgeschichte

Randbememerkungen

Erfundene und wahre Kriminalgeschichten

Uwe Ruprecht