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Ripper auf dem Styx

Foto: Wolfgang Kröger

Eine Geschichte aus „Krimiland“

Himmlers Flucht und Ende


Nachdem ich nicht in einem Buch über den Nationalsozialismus oder einer regionalhistorischen Abhandlung, sondern in einem britischen Schauerroman (James Herbert: Spear, 1978) von Himmlers Ende in meiner Nachbarschaft gelesen hatte, forschte ich nach. Tatsächlich dürften die am weitesten verbreiteten Schilderungen in deutscher Sprache die Übersetzungen von angelsächsischen Thrillern (und Passagen aus Rezensionen von Peter Longerichs jüngst erschienener Himmler-Biografie) sein.
In Longerichs Buch (Heinrich Himmler. Biographie. Siedler Vlg, München 2008; Signatur in der Stadtbibliothek Stade: Eyk Him) gibt es auf Seite 757 eine bezeichnende Verwirrung zwischen Bremervörde und Meinstedt.
„Von Neuhaus ging es zu Fuß weiter, in die Gegend von Meinstedt. Dort trennten sich Brandt, Müller und Kiermaier von der Gruppe, um ihre Ausweise vom britischen Stadtkommandanten abstempeln zu lassen, kehrten jedoch nicht wieder aus der Stadt zurück. Müller sollte es als Einzigem aus der Gruppe gelingen, tatsächlich spurlos unterzutauchen.“
Demnach wären die ersten drei zum Stadtkommandanten von Meinstedt gegangen?
Longerich weiter: „Himmler, Grothmann und Macher setzten ihren Marsch fort, gerieten jedoch am 22. Mai in der Nähe von Bremervörde an einen Kontrollposten, den aus der Kriegsgefangenschaft entlassene sowjetische Soldaten erreicht hatten.“
Als Quelle nennt Longerich: „Public Record Office, WO 208/4474, Bericht über Grothmanns Vernehmung, 13. Juni 1945“. Dabei dürfte es sich um das Original der Kopie aus den National Archives and Records Administration, Washington D. C., Records of the Army Staff, Record Group 319, Entry 134B [Himmler, XE 00 06 32] handeln, die ich für meinen Essay über den Tod im Erkerzimmer (im Stader Jahrbuch 2001/2002) heranzog.
Die betreffende Passage des Berichts lautet (in eigener Übersetzung):
„15. oder 16. Mai 45: Es gelang ihnen, die Elbe bei Neuhaus in einem kleinen Fischerboot mit Hilfsmotor zu überqueren. Grothmann stellt fest, dass sie das Boot ausliehen, und dass der Fischer, von dem sie es erhielten, keine Vorstellung davon hatte, wem er half. Von Neuhaus gelangten sie zu Fuß über Lamstedt und Bremervörde in die Nachbarschaft von Meinstedt. Brandt, Müller und Kiermaier verließen die Gruppe, um in der Stadt Bremervörde ihre Ausweise durch den britischen Bürgermeister abstempeln zu lassen, kehrten aber leider nicht zurück, so dass Himmler, Grothmann und Macher allein nach Meinstedt hinein gingen. Dort wurden sie von drei russischen Soldaten verhaftet.“

Grothmann-Protokoll


Wie also? Bis Meinstedt und zurück nach Bremervörde, um Passierscheine abstempeln zu lassen, oder bis Meinstedt und dann weiter nach Bremervörde, wie Longerich schreibt, was jedoch eine Rückkehr bedeutet?
In dem mir vorliegenden Bericht wird übrigens zwei Mal als Datum der Festnahme Grothmanns in Meinstedt der 21. Mai genannt. „Am folgenden Tag, 22. Mai“, an dem laut Longerich die Festnahme erfolgte, werden laut „Interim Report in the case of Werner Grothmann“ „die drei Männer in ein anderes Lager bei Bremervörde gebracht, wo sie kurz verhört werden.“
Die Verwirrung könnte sich daraus erklären, dass Grothmann sich in der Gegend nicht auskannte, seine Vernehmer ebensowenig – und Peter Longerich vielleicht auch nicht. Weder Verhörtem noch Verhörern wären derartige Ungenauigkeiten sonderlich aufgefallen.
Im Bericht über die Vernehmung taucht etwa ein „camp at Seelos-bei-Bremervörde“, das vielleicht zu entschlüsseln wäre, aber keinen existierenden Ort bezeichnet.
Die Zusammenfassung der Vernehmung steuert an der zitierten Stelle auf den ja bereits längst bekannten Verhaftungsort hin und schreibt möglicherweise daher „in die Nachbarschaft von Meinstedt“. Tatsächlich hätte die Gruppe das von den Briten weiträumig besetzte Bremervörde bereits weit hinter sich lassen müssen, um nach Meinstedt zu gelangen.
Unabhängig davon, dass sich die Gruppe länger zwischen der Elbe und Bremervörde aufgehalten hat als es bräuchte, um nur die Strecke zu durchmessen und andere Quellen einen Aufenthalt am Rand des Bremervörder Stadtgebiets (in der Gegenrichtung zu Meinstedt) belegen sollen, fragt sich, warum die Gruppe ausgerechnet an einem vom vielen beliebigen Kontrollposten, der sonst nirgendwo sonderlich verzeichnet wird (vielleicht eine Bewachung der Oste-Brücke bei Heeslingen, die sich von der Meinstedter Anhöhe durch wenige Geschütze oder einen Panzer beherrschen ließ), anhalten und ein Teil von ihnen in das von Soldaten wimmelnde Bremervörde zurückgekehrt sein sollte, das sie unbeschadet hinter sich gelassen hatten auf ihrem mutmaßlichen Weg in den Harz – um Passierscheine zu besorgen.
Es gibt allerdings Schilderungen, an denen besonders in Bremervörde festgehalten wird, dass Himmler auf der dortigen Brücke über die Oste festgenommen worden sein soll. Keine bisherige Schilderung seiner Fluchtroute lässt ihn zuerst nach Meinstedt und dann nach Bremervörde gelangen.
„... so dass Himmler, Grothmann und Macher allein nach Meinstedt hinein gingen“ – als hätten sie die eine Straße, aus der Meinstedt, heute ein Ortsteil von Heeslingen, damals bestand. „Himmler, Grothmann und Macher entered Meinstedt alone“ klingt seltsam unausweichlich. So hätten sie nach Bremervörde hineingehen können, aber nicht in den verlorenen Weiher.

Grothmann-Protokoll


Die örtlichen Gegebenheiten sprechen dafür, dass Himmler, Grothmann und Macher am Rand von Bremervörde vergeblich auf Brandt, Kiermaier und Müller warteten und dann ihren Marsch fortsetzten, um dann in bei Meinstedt gefangen genommen wurden.
Wie die Festnahme ablief, schildern weder Grothmanns Vernehmer noch Longerich. Und welche Rolle die Sowjets dabei spielen, als Kriegsgefangene, wie bei Longerich, oder als „three Russians soldiers attached to a British security control“, wie der Vernehmungsbericht schreibt.
Himmlers Flucht und Ende bleiben auch nach Erscheinen von Longerichs Opus so rätselhaft wie 1999, als ich schrieb, der Mythos sei nicht mehr aufzuhalten, weil die Aufklärung zu lange gewartet hat. Und mich mit der Rechtsabteilung der Stadt Lüneburg über Einsicht in die Todesurkunde streiten musste.
Macht das etwas aus? Sehr wohl tut es das. Ein paar Klicks im Internet zeigen, dass Himmlers Ende zwar seine unmittelbaren Anhänger eher abschreckte, mit zunehmender Distanz aber an Aufmerksamkeit bei deren Enkeln gewonnen hat.
„Wie die Geschichte aller drei Stätten sinnfällig zeigt, kam Himmlers Versuch, mit Hilfe von heiligen Orten, besonderen Ritualen und symbolträchtigen Gaben eine SS-eigene Weltanschauung zu zelebrieren, über Ansätze nicht hinaus“, schließt Longerich seine Betrachtungen über die Externsteine bei Detmold, den Sachsenhain in Verden (nicht „bei Verden“, wie er schreibt) und die Wewelsburg.
Historisch ist das irgendwie richtig – und auch wieder nicht. Denn alle drei Orte stehen ganz oben auf der Liste nicht nur von Himmlers Bewunderern, sondern im Mythenschatz des Dritten Reichs. Eben las ich den Thriller von James Twinig, Black Sun, mit einer Schwarzen Sonne, dem Symbol aus dem Obergruppenführersaal der Wewelsburg, das die Alliierten nicht kannten und daher nicht verbieten konnten, auf dem Titel, in dem eine unentdeckte Krypta in Himmlers Burg eine Rolle spielt. Schwarze Sonne heißt ein Film, der schon vor vielen Jahren den Kult um die Externsteine beschrieb. Man gehe in einen der Esoterik-Läden und prüfe die Quellen der Bücher über Runen. Auf der Homepage von Recherche Nord sehe ich, dass mal wieder Neuheiden und Neonazis am Sachsenhain aufmarschiert sind.
Die Bücher, die sich ganz Himmlers Ende widmen verfolgen sämtlich die Tendenz, einen Mord, ein Vertuschungsmanöver der Briten, eine Verschwörung aus Lügen über den Abgang des Reichsführers plausibel zu machen. Longerich tut die Flucht als dilettantisches Einherstolpern ab. Das war es auch. Aber es war auch etwas, das sich für ebenso viele andere Deutungen anbietet wie der entschieden besser dokumentiere Untergang Hitlers inspiriert hat. Und diese sind längst in der Welt, nicht nur von Spinnern im Internet, sondern in Taschenbuchgroßauflage, ganz selbstverständlich in jeder gut sortierten Buchhandlung erhältlich.
Longerich tut sogar noch ein Weiteres, und bringt Raubgräber und Devotionalienfreaks in Aufruhr: „...die Grabstätte blieb namenlos“, schreibt er und merkt an: „Zur Lage des Grabes siehe weitere Korrespondenz in dieser Akte.“ Wie denn – ist die Lage etwa bekannt, das Grab nur nicht gekennzeichnet? Ich könnte, ohne die Akte zu kennen, den Gedanken sofort aufgreifen und einen Platz benennen. Dann kennt David Irving ihn auch.

Ripper auf dem Styx
Eine erfundene
Kriminalgeschichte

Randbemerkungen

Verbrechensdurchschnitt in Stade

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Uwe Ruprecht