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Topografie
einer kleinen Stadt



Kasernenhofplatz



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Der Kasernenhofplatz ist die prominenteste und umfangreichste Abseite der Inneren Stadt.

Am Sande (Foto: Ruprecht)


Einige Monate lang starrte ich hinter meinem Monitor auf die kahle Fläche. Aus dieser Perspektive war der Blick auf die Ödnis als meditiere man am Meer. Das graue Rechteck war wie ein leeres Blatt mit einer zarten Lineatur aus den Spalten der Pflasterplatten, eine freie Fläche, um darauf Gedanken schweifen zu lassen.
Einst diente die Aussparung im Gassengewinkel den ringsum einquartierten Soldaten zum Exerzieren. Schließlich, nach der Verlegung der Garnison vor die Stadttore, wurde eine Grube gegraben, mit Beton ausgegossen und eine Tiefgarage installiert. Ihr Deckel ist der gähnend brache, von den Passanten gemiedene Platz. Anstelle der Kasernen erstrecken sich an drei Seiten backsteinerne Kästen, in denen Behörden und Kreisparlament residieren. Als ein Wachturm erhebt sich in der hintersten Ecke der Speicher des Staatsarchivs.

Am Sande (Foto: Ruprecht)

Der Platz ist eine Narbe im Gewebe der Gassen, das aus dem Mittelalter überkommen war. Nach dem verheerenden Brand, den die Annalen nahezu jeder Stadt verzeichnen, war das alte Wegenetz nicht wie anderswo revidiert worden, sondern der Wiederaufbau folgte dem alten Grundriss. Die Bombardements des letzten Kriegs verschonten die Innere Stadt, den Backstein und die schwarzen und weißen Balken, die barocken und klassischen Fassaden. Neubauten haben sich dem überlieferten Maß anzupassen und imitieren mit oft kruden Mitteln die Stilelemente der älteren Nachbarn, als sei keine Zeit vergangen. Von einem Plan, Schneisen in die Schlingen der schmalen und schiefen, mit holprigen und schlüpfrigen Steinen gepflasterten Gassen zu schlagen, um die Innere Stadt den Bedürfnissen des Automobilverkehrs anzupassen, war nur die Tiefgarage realisiert worden.

Am Sande (Foto: Ruprecht)

Sogar bei drängendstem Gewimmel in der Stadt bleibt der Kasernenhofplatz verwaist. Im Winter tobt ein seit altersher berüchtigter Wind sich auf ihm aus, der wie gefangen durch die Gassen fegt und um Hausecken strudelt; Sommers brütet die Hitze auf der Betonplatte. Die Bäume, die den Exerzierplatz soundsoviel hundert Jahre lang umstanden und beschattet hatten, waren beim Ausschachten der Garagengrube rasiert worden. Eine Neuanpflanzung ist so ausgeschlossen wie jede andere seither ausgedachte und probierte Nutzung der Fläche.

Am Sande (Foto: Ruprecht)

Die ursprüngliche Planung hatte den Garagendeckel als Standort für den alljährlichen Jahrmarktsrummel vorgesehen, doch die Belastung durch das Riesenrad nicht eingerechnet. Jahrzehnte später verfielen Verantwortliche erneut auf die Idee, den Jahrmarkt anzusiedeln und machten laut davon reden. Das frühere Scheitern war inzwischen vergessen oder in den Aktenbergen nicht wiedergefunden worden.
Als eines Sommertages die Armee mit Panzern und Raketen ihre Wehrkraft zur Schau stellte, kam der Platz vorübergehend zu sich, indem er sich mit seiner namensgebendem Vorgeschichte verband.

Am Sande (Foto: Ruprecht)

Während ich dort hauste war die gepflasterte Lücke Tribüne für einen Kanzler. Die Anwohner wurden sicherheitsdienstlich überprüft, mir blieb der Aufenthalt im Zimmer gestattet. Ich mischte mich stattdessen unter die Volksmasse und kam dem Herrscher, als er den Platz betrat, zufällig nahe genug für ein wenigstens verbales Attentat. Indes war ich zu perplex von der massigen nackten Gestalt, die sich den Weg durch die Leiber bahnte.
Um die Schande des toten Platzes zu mildern, zieht das Schützenfest auf. Ein Wochenende lang saufen und singen die bewaffneten Nachfahren der revolutionären Bürgerwehren in einem weißen Zelt, das wie ein Segel verloren über der grauen Pflastersee spannt.

Zeitungspreußen

Gescheitert war die Umsiedlung des Marktes der Landwirte und fliegenden Händler. Das Gedrängel zwischen den Buden am Brunneneck ist zwei Mal die Woche gesellschaftliches Ereignis. Ordnungspolitikern war das Geschiebe und Gerede suspekt, sie empfanden die Veranstaltung als Verkehrsstörung und befahlen die Stände zum Kasernenhofplatz. Dort verloren sich die Leute zwischen den in weiter Leere säuberlich im Quaree aufgereihten Buden. Die Störung am Brunneneck war beseitigt, aber ohne drangvolle Enge verwelkte der Markt, die Händler blieben fort. Die Verlegung wurde zurückgenommen.

Entwurf für den Platz

Zuletzt wird der Deckel der Tiefgarage immer öfter als Parkplatz freigegeben.

Uwe Ruprecht