11. Staffel

 

 

 

166. Folge: Guten Morgen! (von Paula_Tracy)

„Lasst uns hier sitzen bleiben!“ schlug Baby Jane vor. „Die anderen werden bestimmt auch gleich wach, die Sonne ist ja fast schon komplett aufgegangen. Und dann wird das große Aufräumen anfangen...Ohne uns...“ Sie grinste. Paula und Scarlet zwinkerten sich ebenfalls zu und schlossen wie Baby Jane ihre Augen.

Genauso war es auch – an Deck bewegte sich was, und jeder hielt sich den Kopf oder den Bauch. „Man könnte meinen, wir hätten getrunken, als gäbe es morgen nichts mehr!“ sagte Det zu dem Forenmanager, der neben ihr lag und sie mit einem geradezu fast dämlichen Grinsen anstarrte. Doch sie hatte das Gefühl, als ob sie auch nicht anders guckte – so etwas war ihr wirklich
schon lange nicht mehr passiert. Immerhin hatte er jetzt seine Kumpels – den immer etwas ungeduldig dreinblickenden Ralf und Armin mit der Möwe auf der Schulter – überreden können, ein paar Tage auf der Werderania dranzuhängen. Ein paar Tage blieben ihnen also noch, und dann? Det seufzte. Dann würde sie wieder auf Monate, wenn nicht gar Jahre, mit Dr. Few Master auf diesem Schiff, verratzt sein. Sie lachte, als sie in seine Richtung sah. Der war gestern nacht ja auch ganz schön ausgelassen gewesen. So hatte sie ihren Chef noch nie erlebt. Und auch die brave Frau Doktor! Ja, was Alkohol aus manchen Leuten machen konnte. Leider wusste sie nicht mehr, ob sie sich nicht auch etwas merkwürdig verhalten hatte – ob Henning das wusste? Sie beschloss erst einmal, die Schiffsjungen, die um Mitternacht ein besonders schönes Geburtstagslied zum besten gegeben hatten, zu wecken, damit hier aufgeräumt wurde. Dann würde sie erst mal Ona in der Küche helfen, der gute Gandalf war mit Sicherheit noch nicht fähig dazu.

Auch die drei Schiffsjungen waren alles andere als gut drauf. Besonders Willi war
schlecht gelaunt. Mickey hatte sich gestern abend eine heftige Diskussion mit dem Reeder geliefert, was mit einer Kündigung des Reeders geendet hatte. Um drei Uhr nachts hatte er Mickey wieder eingestellt, weil der Kapitän darauf bestanden hatte. Anarky, der jüngste, hatte gestern nicht viel getrunken, außerdem hatte Det das Gefühl, dass ihn etwas bedrückte. Sie nahm sich vor, ihn nach dem Aufräumen mal darauf anzusprechen. Hoppla! Fast wäre sie über Fischkrepp gefallen. Er murmelte etwas, das wie „Helli“ klang, aber da hatte sie sich bestimmt verhört. Was sollte der 1. Offizier mit der Gräfin zu tun haben? „Det, Liebes!“ Dr. Few Master war nun auch aufgewacht und erstaunt, einen Bierkasten im Arm zu halten. „Wie geht es Ihnen heute morgen?“ Oh Mann, war der heute liebenswürdig... Sie hatten zwar Brüderschaft getrunken gestern abend, aber da er ihr Chef war, wollte er wohl die Form weiter wahren. Det überlegte schon, ob der Reeder das auch tun würde – immerhin waren sie ja alle, außer den Passagieren, bei ihm angestellt. „Danke gut, Chef!“ erwiderte Det. „Ich räume etwas auf und helfe Ona in der Küche.“ Dr. Few Master lächelte gütig. Merkwürdigerweise hatte er keinen Kater, er fühlte sich prächtig. Er erinnerte sich zwar nicht mehr so gut an die letzte Nacht, aber Paula – wo war sie eigentlich – würde ihm sicher helfen, seine Erinnerungslücken zu füllen. Er stand auf und streckte sich. Was für ein wundervoller Tag! Er sah auf seinen schlafenden Chef und dessen Freundin nieder. Falk Rickmers hatte ihm die angedrohte Abmahnung noch nicht gegeben. Ob er sie noch bekam? „Fewie, Du musst mir helfen!“ Es war die aufgeregte Ona, die plötzlich an seinem Arm riss. „Fewie, bitte!“ „Was ist denn los?“ staunte Few – so aufgelöst hatte er die fröhliche Ona selten gesehen. „Der Pianomann – De Guy! Er spricht wirres Zeug! Bitte, komm mit – er hat das Essen weg geschlagen, das ich ihm bringen wollte. Du musst mit ihm reden!“

 

 

167. Folge: Dolmetscher gesucht (von Paula_Tracy)

Dr. Master folgte der besorgten Ona eilig in den Maschinenraum. Ona schloss die Kammer auf, und beide brachten De Guy erst einmal dort hinaus und legten ihn auf eine der gepolsterten Luxus-Sonnenbänke. De Guy schaute den Doktor verwirrt an und brabbelte etwas, das in des Doktors Ohren wie bayerisch klang – ein Dialekt, den er nie verstanden hatte und wohl auch nie verstehen würde. Ona zuckte die Schultern. „Ich habe ihn nie bayerisch reden hören“, meinte sie. „Wir dachten immer, er müsse Skandinavier sein.“ „Vielleicht kommt sein Gedächtnis zurück?“ vermutete Few Master. „Am Ende ist er gar Bayer?“ Ona starrte ihn entsetzt an. „Das ist ja schrecklich“, sagte sie. „Haben wir jemanden aus Bayern an Bord?“ „Paula hat ein paar Jahre in der Oberpfalz und in Oberfranken gelebt“, antwortete Few, „aber sie ist keine Bayerin. Sie kommt aus Wameru und hat den bayerischen Dialekt nie gelernt. Aber der österreichische Dialekt müsste dem bayerischen sehr nahe kommen. Und an Österreichern mangelt es ja wahrhaftig nicht an Bord. Hol’ einfach mal eine von den Ösi-Mädels, Ona – notfalls auch den Arnie, der wird es ja auch nicht verlernt haben. Ansonsten muss De Guy uns eben aufzeichnen, was er meint. Mein Gott, was für eine Sprache!“ Ona wollte schon aufspringen, da fiel ihr etwas ein. „Anna Nümosia!“ keuchte sie. „Die ist doch aus München!“ „Gut, dann hol sie her! Notfalls aber trotzdem eine von den Ösi-Girls – ich bezweifle, dass heute alle aufnahmefähig sind, besser wir haben zwei, die das begreifen!“

 

 

168. Folge: Alles Gute kommt von oben (von Scarlet)

Ona rannte also wieder ans Pool-Deck, wo sie Anna Nümosia zuerst einmal wecken musste. Als Ihr Ona erklärte, worum es ging, erklärte sie sich aber sofort bereit mitzukommen. Anna mochte den Klavierspieler, er war ihr schon in den ersten Tagen an Bord sehr sympathisch. Sanft bettete sie den Kopf des schlafenden Luxemburger Prinzen auf einen Schwimmreifen, der in greifbarer Nähe lag, leise und zufrieden grunzte er, dann stand Anna auf und folgte Ona.
Die Köchin sah sich suchend um, bis ihr Blick aufs Oberdeck fiel, wo Paula, Baby Jane und Scarlet noch immer auf den Liegestühlen saßen und vor sich hindösten. Unweigerlich
schüttelte Ona den Kopf. Kannte denn keiner hier an Bord Maß und Ziel beim Alkoholgenuß? Gandalf klagte über Bauchschmerzen, etliche über Kopfschmerzen, na das kann ja heiter werden!
Am Weg hinauf zum Oberdeck begegnete die Köchin auch Marjorie, die sie auch gleich zum Mitkommen überredete. Oben angelangt, erzählte Ona vom verwirrten Pianoman und meinte, ob nicht eine der Österreicherinnen als Dolmet
scherin mitkommen könnte, Bayrisch und Österreichisch wären ja ziemlich ähnlich. „Sakra!“, entfuhr es Baby Jane, „Warum glauben immer alle, dass Bayrisch und Österreichisch eh dasselbe ist!?“ Ona sah flehend in die Runde. „Na, ist schon gut, ich komme mit, aber Du kommst auch mit!“, erklärte sich Baby Jane bereit und nahm gleichzeitig Marjorie an der Hand, die es sich gerade auf einem der freien Liegestühle bequem machen wollte. Widerwillig stand die wieder auf und ging mit, leise murmelte sie noch: „Warum ausgerechnet ich?“, dann verschwanden alle vier. Paula und Scarlet sahen ihnen nach, dann sahen sie einander an, zuckten mit den Schultern, lehnten sich zurück und schlossen wieder die Augen und genossen noch die morgendlich Stille.

Diese Ruhe währte jedoch nicht lange, sie wurde jäh durch ein dröhnendes, herannahendes Motorengeräu
sch unterbrochen. Erschrocken fuhren die beiden Damen und auch die Passagiere und Crew-Mitglieder die sich am Pool-Deck befanden auf. Schnell war der Lärmverursacher ausgemacht. Es war derselbe Hubschrauber mit der Aufschrift R.T.Firefly, der gestern gekommen war, um Sir Hilary abzuholen. Er kam immer näher.
Der Reiseveranstalter Andreas Hansen stand fluchend am Pool-Deck, und deutete mit der geballten Faust nach oben in Richtung Hub
schrauber. Das Fluggerät war allerdings so laut, dass man kein Wort von dem, was er offensichtlich brüllte (sein Kopf war knallrot!), hörte. Nur wenn der Wind günstig war, verstand man einzelne Wortfetzen wie ‚Kohlendioxid’, ‚Emissionen’, ‚Auswirkungen Luftverkehr’, Klimaschutz’.
Der Hub
schrauber kreiste über der Werderania und positionierte sich dann direkt über dem Pool-Deck. Die Anwesenden mussten in Deckung gehen, wegen des starken Windes, den die Rotorblätter erzeugten.
Plötzlich wurde eine Strickleiter herabgelassen und ein selig grinsender Hilary stieg aus der Luke und kletterte wie in Trance die Strickleiter herunter. Unten angekommen machte er eine segnende Geste, wie man sie sonst nur vom Papst kannte, in Richtung Hub
schrauberpilot, danach warf er sich zu Boden und küsste die Planken der Wederania.
Doch was war das? Der Hub
schrauber drehte noch nicht ab, wie es eigentlich alle erwartet hatten, nachdem Hilary wieder an Bord war. Nein! Es schien so, als ob noch eine Person herunterkäme! Und tatsächlich: zunächst sah man nur mit Sandalen bekleidete Füße auf die Strickleiter steigen, danach ein knöchellanges, schwarzes Kleid. Für eine Frau eindeutig zu große Füße… Die Person trug über dem schwarzen Kleid ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift ‚Volunteer’ in weißen Lettern und die Person hatte keine Haare! Doch Moment, die Person drehte sich jetzt um! Oh doch! Sie hatte Haare, sogar jede Menge! Und zwar am Kinn! Außerdem trug der Mann einen großen Kreuz-Anhänger um den Hals. Sobald auch der kahlköpfige Bartträger an Bord war, drehte der Hubschrauber unverzüglich ab.

Wer war dieser Mann, warum hat ihn Sir Hilary mitgebracht? Hilary wollte sich an die Menge wenden, die ihn fragend ansah. Hilary öffnete den Mund und heraus kam….nichts! Nur ein Krächzen! Hilary deutete mit der Hand auf seinen Hals und machte eine verneinende Geste und stammelte heiser ein kaum hörbares: „Benedetto, Benedetto!“

 

 

169. Folge: Die Beichte [1. Teil] (von Helli Gräfin E.)

Pater Bug, so hieß der junge sympathische Geistliche, eroberte die Herzen der Passagiere im Sturm. War es der übermäßige Alkohogenuß der vergangenen Tage, das ewige Hin und Her, die ganzen ungelösten Fragen und Probleme und der Liebeskummer fast aller Passagiere und Crewmitglieder, der sie so offen und bereit machte für das schlichte bescheidene Auftreten eines Vertreters Gottes auf der Werderania? Ja, der Wunsch nach seelischer und geistiger Nahurng brachte viele der Reisenden in ein anderes Extrem, auf den Knien robbten unter anderem die drei Schiffsjungen Pater Bug entgegen und riefen "Segne mich!", was dann allerdings doch als etwas übertrieben empfunden wurde und bevor Pater Bug verlegen das Wort ergreifen konnte, vom Reeder mit einem kurzen und prägnanten Platzverweis für die Spontanpilger unterbunden wurde. Auch Baby Jane hatte kopfschüttelnd diesem Treiben zugesehen, sah aber durch das Eintreffen das katholischen Bartträgers die Chance für etwas anderes gekommen. Kurz besprach sie sich mit Dr. Tracy: "Meinst Du nicht, dieser Pater Bug sollte mit der Gräfin sprechen? Diese Adeligen sind doch bestimmt alle katholisch und gläubig. Vielleicht kann er mehr erreichen, wenn er Helli auf die zehn Gebote verweist." Paula schüttelte den Kopf. "nein, ich weiß zufällig dass Helli aus der Kirche ausgetreten ist, und sie war protestantisch. Obwohl...gläubig scheint sie immer noch zu sein. Ich hab mal gesehen, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen als Sir Hilary Sonntagsmorgens mal ganz laut sein Halleluja gesungen hat. Wir sollten nichts unversucht lassen. " Baby Jane nickte etwas abwesend, die Gräfin weinte bei Gesängen des kleinen Detektivs? Das wollte ihr nicht aus dem Kopf gehen. Sie hatte Helli eigentlich sehr gemocht, aber das Auftreten der Gräfin erschien ihr doch immer suspekter. Die Dame schien noch verwirrter zu sein, als sie gedacht hatte.

 

 

169. Folge: Die Beichte [2. Teil] (von Paula_Tracy)

“Überfallen wir ihn nicht”, meinte Paula. „Er ist doch gerade erst angekommen. Außerdem haben wir als akuten Fall erst mal den Pianomann. Habt Ihr eigentlich was aus ihm rauskriegen können?“ „Few hat ihn auf die Krankenstation gebracht“, sagte Baby Jane. „Wirklich verstehen konnten wir nicht, was er sagte. Es ist ein sehr merkwürdiges Bayerisch, das er spricht. Anna meinte, es klinge wie tiefstes oberpfälzisch.“ Paula winkte ab. „Oh je! Da könnte er genauso gut chinesisch reden. Damit haben sogar die anderen Bayern große Probleme. Aber Few kriegt bestimmt etwas aus ihm raus, er ist so einfühlsam.“ Sie lächelte, und Baby Jane grinste. „Ona bleibt erst mal bei ihm“, sagte sie. „Few hilft stattdessen in der Küche. Ich glaube, unsere gute Ona hat eine Schwäche für bayerische Pianisten.“ „Sollten wir dann nicht auch in der Küche helfen?“ schlug Paula vor. „Ohne Ona kann das ja Stunden dauern...“ „Geh ruhig“, meinte Baby Jane. „Ich... helfe hier ein wenig.“ Wobei, war ja egal – helfen konnte man immer, und sei es mit der Kraft der Gedanken, dachte Baby Jane und schloss wieder die Augen.

Kapitän Rickmers war offenbar nicht so begeistert, einen Geistlichen an Bord zu haben, auch wenn er so sympathi
sch daher kam wie Pater BUG. Dies hing aber mehr mit der Platzfrage zusammen, denn es gab keine freien Kabinen mehr. „Willi, Du ziehst einfach wieder zu Mickey und Anarky“, überlegte er. „Dann kann der Pater zu Heino ziehen.“ Willi protestierte, und auch die anderen beiden Schiffsjungen sahen entsetzt drein, Heino jedoch machte ein erfreutes Gesicht. Doch bevor dies entschieden werden konnte, nahm jemand, von dem man es gar nicht erwartet hätte, die winzige kleine Tasche des Paters.. „Sie können bei mir wohnen“, sagte Fischkrepp. „Ich habe eine Offizierskabine, die ist groß genug für zwei Personen.“ Der Kapitän und die Schiffsjungen rissen vor Erstaunen die Augen auf. Fischkrepp! Damit hätte nun wirklich keiner gerechnet. BUG sah den ersten Offizier ein wenig skeptisch an, erkannte jedoch auf den ersten Blick, dass dieser Mann offenbar ein Problem hatte, über das er reden wollte. Sir Hilary war auch enttäuscht, er hatte gehofft, dass Pater BUG bei ihm wohnen würde, man hätte auf diese Weise die wunderbaren Erlebnisse des Weltjugendtags noch einmal Revue passieren lassen können.

Pater BUG sah sich in der Kabine des Offiziers um. „Sie haben keine Bilder an den Wänden“, meinte er. „Keine Familienfotos? Darf ich dann wenigstens ein Bild unseres Herrn aufhängen?“ Fi
schkrepp nickte. „Ja, machen Sie nur. Ich... muss zum Dienst, richten Sie sich ein, wie Sie es mögen. Ich würde gerne heute Mittag mal mit Ihnen reden, wäre Ihnen das recht?“ „Dafür bin ich da“, sagte Pater BUG. „Sir Hilary hat mich deshalb mitgebracht – er meinte, es gäbe einige Menschen an Bord, die große Probleme haben und ein wenig kirchlichen Beistand brauchen könnten. Wissen Sie, wo ich z. B. die Kabine der Gräfin Ermakova finden kann? Sir Hilary meinte, bei ihr wäre es sehr dringend.“ „Was ist mit der Gräfin?“ Die Augen des 1. Offiziers flackerten. „Hat sie Probleme? Wieso braucht sie Beistand?“ Der Pater sah ihn durchdringend an. Warum wollte Fischkrepp das wissen? Die „kalten Fischaugen“, die ihm Sir Hilary geschildert hatte, konnte er nicht bei ihm ausmachen, im Gegenteil, er wirkte auf ihn total verunsichert und um die Gräfin merkwürdig... besorgt. „Bringen Sie mich zu ihrer Kabine“, sagte Pater BUG. „Sie werden aber verstehen, dass ich nicht darüber reden kann – die Schweigepflicht ist in der katholischen Kirche ein wichtiger Bestandteil – Sie verstehen?“

Also brachte Fi
schkrepp den Pater zur Kabine der Gräfin, Dr. Few Master ließ in der Küche die Brötchen verbrennen und De Guy versuchte Ona zu erklären, woher er kam und wo er hin wollte...

 

 

169. Folge: Die Beichte [3. Teil] (von Paula_Tracy)

Marjorie Deckard verabschiedete sich sehr schnell von der Gräfin, als der Pater vor der Tür stand. Helli war zwar erstaunt, den merkwürdig gekleideten Herrn vor ihrer Tür zu sehen, aber auf diesem Schiff geschahen so merkwürdige Dinge, dass sie dazu nichts mehr sagte. Sie fing einen Blick des 1. Offiziers auf, der ihn mitgebracht hatte und war einen Moment irritiert. Doch dieser Moment – und auch Fischkrepp – war sehr schnell wieder weg. „Ich bin Pater BUG!“ stellte sich der junge Geistliche vor. „Sir Hilary hat mich mitgebracht, weil ich auch eine günstige Überfahrt nach Amerika gesucht habe und von daher hat es sich einfach angeboten. Er meinte, es wäre vielleicht gut, wenn ich mal mit Ihnen rede.“ „Aber...aber worüber denn?“ Helli war verstört. Was konnte dieser Hercule Poirot (wieso war der eigentlich schon wieder da – der Papst war doch auch vier Tage in Deutschland gewesen) nur wissen? Andererseits war es schon merkwürdig, wie sie den letzten Tag abgeschottet wurde. Dabei hatte sie sich innerlich schon ein wenig von den Mordgedanken distanziert – zumindest was Paula und Det anging. Sie hatte eingesehen, dass die beiden wirklich unschuldig waren. Sie würde gleich zu Matalo gehen und mit ihm darüber sprechen. Der Pater nahm ein Bild vom Nachttisch der Gräfin. „Ist das Ihr Mann und Ihre Tochter?“ fragte er. „Mein verstorbener Mann Danilo ist das“, erwiderte die Gräfin, und ihre Stimme zitterte leicht. „Und das ist Ninschen, ja, meine Tochter.“ „Wo ist Ninschen denn jetzt?“ fragte BUG behutsam. Die Gräfin setzte sich. Tränen stiegen in ihre grünen Augen, und sie schniefte. „Sie ist verschwunden – seit fünf Jahren! Nach einem Arztbesuch ist sie niemals mehr aufgetaucht – aber sie lebt noch, da bin ich ganz sicher! Mein Ninschen ist nicht tot, sie kann nicht tot sein, sie...“ „Ruhig, meine Liebe, ganz ruhig!“ Bug strich ihr über das Haar. „Das ist alles sehr, sehr schlimm für Sie. Aber denken Sie, das ist ein Grund, einen solchen Hass zu entwickeln gegenüber anderen Menschen? Mordpläne zu schmieden?“ Helli riss die Augen auf. Woher wusste der Pater das? Von Sir Hilary? Und woher wusste Sir Hilary das? War sie erkannt?

BUG setzte sich ebenfalls. „Wollen Sie mir nicht erzählen, was zwi
schen Ihnen und dem Doktor vorgefallen ist? Warum Sie ihn so sehr hassen? Sir Hilary hat mir die Geschichte erzählt – im Gegensatz zu mir hat er keine Schweigepflicht. Er weiß es, liebe Gräfin – und ich denke, außer ihm gibt es noch ein paar mehr auf diesem Schiff. Wir wollen Ihnen helfen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen – Gottes Weg. Alles was Sie mir heute erzählen, wird unter uns dreien bleiben, das verspreche ich Ihnen.“

Mit zitternder Stimme begann die Gräfin zu erzählen, und BUG unterbrach sie kein einziges Mal. Als sie fertig war, begann sie zu weinen, und BUG ließ sie weinen. „Was soll ich denn nur tun?“
schluchzte die Gräfin. „Mein Leben ist so sinnlos ohne meinen Danilo, ohne mein Ninschen! Ich hasse meine gesellschaftlichen Verpflichtungen, die ständigen Parties und Cocktailempfänge. Ich will meine Familie zurück!“ Der Pater überlegte. „Mit Ihrem Hass und einem Rachefeldzug wird es nur noch schlimmer“, meinte er dann. „Sie sollten stattdessen aktiv werden. Abschied nehmen von Ihrem Danilo, sein Grab besuchen, einen Privatdetektiv beauftragen, Ihr Ninschen zu suchen...“ Die Gräfin putzte sich lautstark die Nase. „Danilo ist nie gefunden worden“, schluchzte sie. „Man vermutet, er ist aus dem Auto herausgespült worden und liegt irgendwo auf dem Grund der Donau. Die Trauerfeier für ihn war einfach wunderbar...Danilo hätte das sehr gefallen.“ „Und Ninschen?“ fragte BUG. „Lassen Sie nach ihr suchen?“ „Brooklyn sucht sie“, antwortete die Gräfin. „Brooklyn, mein treuer Privatsekretär. Leider hat er bisher keine Spur von ihr gefunden.“ „Vielleicht sollten Sie keinen Sekretär, sondern einen guten Detektiv engagieren“, riet BUG. „Wenn sie noch lebt – sie war ja damals erst 15 – muss es doch Spuren geben. Kommen Sie“, er reichte ihr ein sauberes Taschentuch. „Wir schauen mal in die gelben Seiten und suchen uns einen richtig guten Detektiv. Sir Hilary hat extra ein Exemplar aus Köln mitgebracht, weil Sie ein paar Mal danach gefragt haben.“

Ja, endlich waren die gelben Seiten da! Und die Gräfin
schöpfte wieder Hoffnung.

 

 

170. Folge: Ein Geständnis (von Scarlet)

Gemeinsam blätterten der Pater und die Gräfin die gelben Seiten durch und stießen auf eine international tätige Detektei, die den beiden sehr vertrauenswürdig und seriös erschien. Sofort notierte der junge Geistliche die Adresse der „XY-Detektei, Zimmermann, Nidetzky & Tönz“ und versprach der Gräfin, diese Profis umgehend mit der Suche nach ihrem Ninschen zu beauftragen. Da BUG Helli nicht alleine in ihrer Kabine zurücklassen wollte, überredete er sie, mit an Deck zu kommen, während er mit dem Ermittlungsbüro Kontakt aufnehmen würde. Nach dem sie sich rasch frisch gemacht hatte, verließ die Gräfin mit dem Pater die Kabine und dachte mit einem hoffnungsvollen Blick auf den jungen Mann: ‚Den hat mir der Himmel geschickt! Interessant, ob der wohl einen Bausparvertrag hat…?’

In der Zwi
schenzeit saß Ona am Bett des Pianomannes, der noch immer unverständlich vor sich hinstammelte, aber jetzt gerade war es Ona, als ob er ihren Namen gesagt hätte. Sie drehte sich zu ihm um und er sah sie an: „Ona, was ist passiert? Wo bin ich denn hier?“ „ Du bist hier im Krankenzimmer der Werderania, Du konntest Dich an nichts erinnern…und du hast so komisch gesprochen, dann hast du mir den Teller aus der Hand geschlagen…“, erklärte Ona dem verwirrten De Guy. „Ach Ona!“, seufzte der Mann und griff sich an den Kopf, „Wenn du wüsstest!“, er machte eine Pause. „Weißt du, ich habe eigentlich nie mein Gedächtnis verloren, ich konnte mich immer an alles erinnern. Ich habe wirklich früher mit Kat zusammengearbeitet, aber sie hat mich nie beachtet. Irgendwann habe ich dann gekündigt und habe hier am Schiff angeheuert, da habe ich behauptet, ich könnte mich an nichts erinnern. Niemand hat etwas gefragt, also habe ich auch nichts gesagt. Ich wollte wirklich am liebsten alles vergessen, mich an nichts mehr erinnern, ich wollte mein altes Leben zurücklassen. Und dann habe ich dich gesehen… aber auf einmal war Kat hier an Bord. Als ich sie sah“, De Guy blickte auf den Boden, „da dachte ich, vielleicht ist das ein Wink des Schicksals. Zunächst hat es ja wirklich so ausgesehen… Aber da war ja auch noch der Kapitän. Für den schien sich Kat ja viel mehr zu interessieren. … Da war es mir dann auf einmal klar! Da habe ich dann irgendwie durchgedreht… Es war damals wirklich eine Kurzschlusshandlung, Ona, das musst du mir glauben!“, flehte er die Köchin an. Traurig sah Ona den Pianomann an: „Du hast mich belogen. Du hast mir vorgemacht, du wärst krank. Ich habe Dir geglaubt und ich habe mich um dich gekümmert, ja ich habe mich sogar für dich eingesetzt. Dabei war das alles eine große Lüge. Warum hast du mir nicht die Wahrheit gesagt?“ Enttäuscht sah Ona De Guy direkt in die Augen. „Aber Ona, verstehe’ mich doch! Wie hätte ich es dir denn sagen sollen?“ „Du hättest mir einfach die Wahrheit sagen sollen.“, antwortete sie ruhig. „Aber Ona! Hättest Du mir denn geglaubt? Wir kennen uns jetzt, seit ich hier an Bord bin, da hätte ich dir doch nicht jetzt nach so langer Zeit sagen können, dass ich…, dass alles anders ist, als es scheint! Und jetzt, wo ich weiß, dass Kat nichts von mir wissen will...“ Ona wollte nicht mehr hören. Das was De Guy da sagte verletzte sie zu sehr. Sie stand auf. „Ona!“, rief der sonst so ruhige Klavierspieler, „Ona! Bitte bleib hier!“ Doch Ona blieb nicht. „Ona! Ich muß dir etwas sagen! Es ist wichtig! Ona! Bitte! Ich will doch von Kat auch nichts mehr wissen! Ona! Ich weiß jetzt, dass ich nur Dich liebe! Ich liebe Dich, seit ich Dich zum ersten mal in Deiner Kochschürze mit den Tomatensauceflecken hier an Bord gesehen habe! Ona!...“
Doch Ona hörte ihn nicht mehr, sie hatte die Krankenstation bereits verlassen. De Guy wollte aufstehen und der Köchin nachlaufen doch ihm wurde
schwindelig und er sackte auf das Krankenbett zurück. Verzweifelt stützte er den Kopf in die Hände, leiste flüsterte er immer wieder: „Ach Ona. Ich bin kein Betrüger. Ich liebe dich doch.“
Am Flur rau
schte die innerlich aufgewühlte Ona an Det und dem Doktor vorbei, sie hörte nicht, als der Arzt seine Helferin anwies sich doch um den Patienten in der Krankenstation zu kümmern: „Det, Liebes, schau doch bitte einmal nach De Guy. Er hat eine leichte Gehirnerschütterung. Heute Nacht, als ich ihm ein Stück von der Geburtstagstorte bringen wollte, ist er mit dem Kopf gegen die Tür geknallt, als ich sie öffnete. Ich habe ihm noch gestern eine Kopfschmerztablette gegeben. Anscheinend war es doch nicht so gut, dass er sie mit einem Schluck Wodka hinuntergespült hat. Eigentlich hätte ich als Arzt es ja besser wissen müssen, aber ich war gestern… Aber egal, kümmern sie sich um ihn.“

 

 

171. Folge: Halleluja! (von Scarlet)

Inzwischen saßen die meisten mit Kopf- oder Bauchschmerzen - aber trotzdem mit bester Laune - am Sonnendeck bei einem Katerfrühstück. Sir Hilary berichtete in den schillerndsten Farben über seinen persönlichen Eindruck vom Weltjugendtag. Er war so begeistert, dass er sich die Freude, an diesem Ereignis teilgenommen zu haben, auf gar keinen Fall von irgendwelchen Kritikern, die sich zweifellos auch an Bord befanden, vermiesen lassen wollte. Das ließ er die Anwesenden nachdrücklich in aller Deutlichkeit wissen. Die meisten wollten Hilary den Spaß nicht verderben, obwohl hinter seinem Rücken doch einige den Kopf über seine Euphorie schüttelten. „Man kann ja alles übertreiben.“, meinte Baby Jane zu ihrer Nachbarin.

Die Gräfin er
schien an Deck, gerade als Hilary mit heiserer Stimme aufrief, den Papst-Song ‚Jesus Christ, you are my life’ anzustimmen. Zuvor rief er zur Einstimmung zur Melodie von Händels Halleluja ‚Bee-ne-detto, Bene-detto, Bene-detto, Bee–nee-dee-ttoo!!!’
Der Großteil der Anwesenden konzentrierte sich jedoch viel mehr auf die Rollmöpse, sauren Gurken und die Spiegeleier, als auf Sir Hilary. Aus diesem Grund waren alle ziemlich überra
scht, als die Gräfin dem singenden Hilary eine schallende Ohrfeige verpasste. Man konnte ihr die Begeisterung direkt ansehen, mit der sie das tat. Sie herrschte ihn an: „Merken sie eigentlich, dass sie hier alle - und vor allem mich - tierisch nerven? Sie Benedetto-Kreischer! Können sie nicht endlich die Klappe halten? Der Papst ist schließlich kein Popstar!! Auch wenn ich der katholischen Kirche nicht nahe stehe, so bewegt es mich, gegen meinen Willen, doch immer wieder, wenn ich so große Menschenmengen glücklich sehe, aber wenn ich neben unangemeldetem Besuch und Leuten, die immer nur das lesen, was sie lesen wollen eines hasse, dann ist das dieses Benedetto-Gekreische! Viel schöner wäre es doch, wenn von diesen Tagen viele kleine und große Lichter im Herzen, in den Worten und vor allem den Taten in die Welt getragen werden!“
Sprachlos sah Hilary die rabiate Gräfin an. Er reagierte nicht einmal mit einer Abwehrgeste auf die Ohrfeige! Wie es sich für einen anständigen Katholiken gehörte, hielt er die zweite Wange hin und wartete. Aber es passierte nichts. Zum Glück! Die Gräfin war eben nicht katholi
sch und so verging diese Gelegenheit ungenutzt. Beleidigt verkroch sich Hilary auf einen Liegestuhl in einer Ecke.

Erleichtert, das ausgesprochen zu haben, was ihr in diesem Moment auf der Seele brannte, bediente sich Helli am herzhaften Kater-Frühstücks-Büffet und setzte sich in einen der freien Liegestühle. Als sie sich umsah, erntete sie neben ein paar misstraui
schen Blicken auch anerkennendes Nicken. Fröhlich verspeiste sie einen Rollmops. Der Tag fing ja gut an! Jetzt wo Pater BUG auf ihrer Seite war und sie unterstütze, konnte eigentlich nichts mehr schief gehen. Seit langer Zeit war sie zum ersten mal wieder zuversichtlich, dass sie ihr Ninschen doch wieder sehen würde.
Paula sah Baby Jane fragend an, was war plötzlich mit Helli los? Wieso war sie auf einmal so fröhlich? Bei nächster Gelegenheit würden sie Marjorie Deckard fragen, was passiert war.

 

 

172. Folge: Wir schalten um nach München (von Helli Gräfin E. und Baby Jane)

Es klingelte. Laut. Nicht an der Tür. Es war das Faxgerät. Und das am Sonntag. Unangemeldet. Was für eine Unverschämtheit.
Kopf
schüttelnd erhob sich Ede Zimmermann, Chef der Detektei Zimmermann, Nidetzky & Töns und ging zu besagtem Krachmachergerät, das fleissig dicht beschriebene Bögen ausspuckte. Und sogar ein Foto. Von einem etwas pummeligen Mädchen.
Ätzend. Wie Zimmermann das hasste. Fast so wie Pralinen oder neunmalkluge Gutmen
schkommentare. Sollen die Leute doch auf ihre Gören besser aufpassen anstatt ihn damti zu behelligen. Schließich war ganz allein . Neimand wußte, dass Nidetzky und Töns in Wirklichkeit die beiden Wellensittiche waren, die mit ihrem Munteren Gezwitschere, die lieben kleinen Freunde, sein Büro - auch gleichzeitig Wohung- erfüllten. Denn das wieder mal eine Range weg war, wußte Zimmermann soofrt. Meistens ging es um verschwundene Familienangehörige, die einfach die Nase voll hatten von ihrer buckligen Verwandtschaft und deshalb das Weite suchten. Widerwillig las er sich das Geschreibsel, dass offenkundig von einem Schiff geschickt worden war, durch, allein seine finanzielle Situation, die man mehr als desaströs bezeichnen mußte, ließ ihm keine Wahl. "Donnerwetter aber auch" rief er aus, als er die Höhe des versprochenen Vorschusses las. Die Frau Gräfins cheint es sich was kosten lassen zu wollen, murmelte er und über sein fleischiges Gesicht und er schmatzte in nahezu unnachahmlicher Weise vor sich hin.

 

Edes Blick wanderte über seine kleine Detektei. In der Sekunde, in der sein Blick auf die Sittiche Tönz und Nidetzki fiel, begannen sich die beiden in ihrem Volaire eifrig zu bewegen. Tönz griff mit einem Beinchen nach einem imaginären Telefonhörer und führte ihn zum Ohr. Auch Nidetzki tat so, als telefoniere er fleißig. Sodann zwitscherten sie Ede wichtig etwas von "sachdienlichen Hinweisen aus Zürich" (bzw. "Wien") zu.

Ede sah zum Fenster hinaus. Sofort machten es sich die Vögel wieder auf ihren Stangen bequem. Nidetzki gähnte, Tönz betrachtete sich im Spiegel. "Hoffentlich gaht d'r Alte bald z' Hüs", dachte Nidetzki, "sonst müsse mer wied'r des blödi Telefong'
schäftl ihm vorspielen."

 

 

173. Folge: Vier gegen Willi [1. Teil] (von Paula_Tracy)

“Hast Du eigentlich keine Angst mehr vor Helli?” fragte Baby Jane Paula. Paula zögerte ein wenig. „Na ja, so richtig traue ich ihr noch nicht über den Weg“, meinte sie. „Aber Few meinte, er wird schon mit ihr fertig, und Matalo...“ sie senkte ihre Stimme, denn der neugierige Willi war in der Nähe, „Matalo ist kein Killer. Er ist Schauspieler! Er hat es Few gestern Abend verraten. Wir haben Theaterkarten für sein neues Stück geschenkt bekommen. Sobald Few Landurlaub bekommt, werden wir ins Theater gehen.“ Baby Jane beugte sich vor. „Mensch, ich verstehe kein Wort, was flüsterst Du denn so?“ „Willi“, flüsterte Paula. „Der tratscht doch alles weiter. Eine alte Klatschbase ist das. Manchmal gibt er sich sogar als jemand anders aus, nur um was zu erfahren. Gestern Abend z. B.! Er behauptete plötzlich „Veschperwilli“ zu heißen, aber ich habe ihn erkannt! Trotzdem meinte er, er wäre nicht Willi...Der lügt doch wie gedruckt!“ Baby Jane schüttelte den Kopf. „Paula, Du hast gestern ein bisschen zu viel von dem billigen Rotwein-Fusel getrunken. Willi würde man doch erkennen, warum sollte er sich plötzlich ‚Veschperwilli’ nennen?“ „Ich werde noch herausfinden, wer dieser Veschperwilli war“, meinte Paula. „Und wenn es das letzte ist, was ich tue.“ Baby Jane schüttelte noch einmal den Kopf. Ihre Freundin hatte eindeutig zu viel Alkohol erwischt, aber ihr ging es ja auch nicht besser. Sie hatte gestern den 17. Heiratsantrag von Yeti-Klaus angenommen, und da sie im allgemeinen zu ihrem Wort stand, würde sie es wohl wagen. Vorbei, schöne Freiheit!

Xhosa und Tom lagen händchenhaltend nebeneinander in den Liegestühlen. Verliebt wie am ersten Tag, hatten sie natürlich nicht mitbekommen, dass es einen neuen Passagier an Bord gab. Als ein Schatten über sein Gesicht fiel, blinzelte Tom kurz. Der Schatten ging nicht weg. Tom blinzelte wieder und riss dann erstaunt die Augen auf. „Ja, ich werde verrückt!“
schrie der sonst so ruhige Städteplaner. „BUG! Was machst Du denn hier?“ Xhosa kannte ihren Freund nicht wieder, denn der tanzte mit einem merkwürdig aussehenden jungen Mann in einem braunen Kleid herum. „Hier an Bord treffen sich ja lauter Bekannte!“ sagte Leo zu Kaschi. „Ich habe gehört, Du hättest eine Vorliebe für die Ex des Kapitäns gehabt?“ Kaschi wurde rot. „Na ja... Ja, hatte ich!“ gestand er dann. „Aber das ist vorbei, wirklich!“ beteuerte er und sah Leo treuherzig an. „Seitdem ich Dich gesehen habe... Aber woher weißt Du das?“ „Willi“, sagte Leo nur. „Irgendwann hänge ich ihn an den höchsten Mast“, meinte Kaschi leise.

„Du hast was?“ Falk war fassungslos. „Du hast diesem Ralf versprochen, wieder bei der Forencorporation anzufangen? Ich dachte, wir beide planen unsere Zukunft zusammen? Du machst die Werbung für die BrandungsFelsen-Reederei und arbeitest hier auf der Werderania? Stattdessen willst Du zurück nach Hamburg?“ Kat druckste herum. „Falk, versteh doch – ich brauche meine Freiheit, zumindest meine berufliche! Die andere Alternative wäre doch, dass ich nach El Paso gehe. Sei ehrlich – wäre Dir das recht?“ „Nein, natürlich nicht“, brummte Falk wieder versöhnlicher. „Aber meine Süße, ich will einfach, dass Du bei mir ist – immer...“ Kat zerzauste ihm die Locken. „So oft es geht, werde ich bei Dir sein, Liebster! Aber – woher weißt Du eigentlich, dass Ralf mit mir gesprochen hat?“ „Willi hat es erwähnt“, antwortete Falk. „Willi – natürlich!“ Kat war ärgerlich. Irgendwann würde sie diesem Schiffsjungen ein Bein stellen, Willi sollte sich nur vorsehen.

„Smartie, mach doch auf!“ Anarky hämmerte jetzt
schon seit einer Stunde an die Tür der jüngsten Passagierin an Bord. „Wenigstens was essen musst Du doch!“ „Geh weg!“ Ihre Stimme war angsterfüllt, gar nicht mehr so forsch und frech, wie er das gewöhnt war. „Ich komme hier nicht raus, bevor die Forenmanager weg sind.“ „Da kannst Du aber lange warten!“ rief Anarky. „Die schippern noch eine Weile mit. Warum hast Du denn solche Angst vor denen?“ Die Tür öffnete sich ein wenig, und Smartie steckte vorsichtig ihren Kopf heraus. „Die wollen mir kündigen“, murmelte sie. „Wo ich doch so lange eine Lehrstelle gesucht habe... Wenn die sehen, dass ich hier bin, habe ich die Kündigung praktisch schon in der Tasche. Die sind eiskalt, sage ich Dir. Eiskalt! Ach übrigens, Anarky, ich suche noch den neuesten Werbesong von Langnese, haste den irgendwo?“ Anarky lachte. So schlecht konnte es Smartie gar nicht gehen. „Mensch, die Forenmanager sind richtig gut drauf, Smartie, in Urlaubsstimmung eben. Die kündigen Dir nicht, da bin ich sicher. Aber entschuldigen musst Du Dich doch für Dein Fehlen, da kommst Du nicht drum rum. Wer hat Dir denn gesagt, dass die Dir kündigen wollen?“ „Willi hat das erzählt – er meinte, wenn sie mich jemals wieder an meinem Arbeitsplatz sehen würden, bekäme ich sofort eine fristlose Kündigung...“ Anarky ballte die Fäuste. „Jetzt reicht es mir! Immer Willi! Na warte, den mache ich fertig!“ Wütend stapfte Anarky davon. Er würde mit Mickey und Gandalf reden, vielleicht machte Kaschi auch mit, der regte sich auch ständig über Willi auf. Willi brauchte endlich mal eine aufs Maul – es wurde Zeit!

Dunkle Wolken über Willi zogen sich da zusammen. Würde Heino ihm beistehen? Oder Fi
schkrepp? Oder vielleicht einer, mit dem keiner rechnete? Würde Pater BUG helfend einschreiten? Bleiben Sie dran!

 

 

173. Folge: Vier gegen Willi [2. Teil] (von Paula_Tracy)

Willi ahnte nicht, was ihm bevorstand – im Gegenteil, er war äußerst gut drauf. Der böse Blick von Miss Tracy irritierte ihn zwar ein wenig, und auch die Frage, was er normalerweise so veschperte, aber Frauen waren ja manchmal merkwürdig, und wenn die erst mal einen Kerl abgekriegt hatten –selbst wenn es solche Typen waren wie der Doktor – wurden die noch komischer. Nee – er würde sich nicht mehr auf eine Frau einlassen! Das Desaster mit Ute hatte ihm gereicht.

Momentan lief es einfach gut bei ihm. Er war 1. Schiffsjunge an Bord, und er wusste immer, was um ihn herum vor sich ging. Und nun – der absolute Höhepunkt seiner Karriere: er war Heinos persönlicher Assistent geworden. Bald konnte er dieses Schiff Schiff sein lassen und würde sich nur noch auf seine Show-Karriere konzentrieren. Heino hatte sicher gute Verbindungen und würde ihn dem einen oder anderen jüngeren Kollegen empfehlen, den er dann betreuen konnte. Ja, bald würde es alle wissen: der Willi war der beste Künstleragent, den man sich vorstellen konnte! Aber er musste vorher unbedingt noch mit Miss Deckard sprechen – die kannte Heinos besondere Vorlieben etwas besser, vielleicht konnte die ihm den einen oder anderen Tipp geben! Ach – da hinten stand sie ja! Redete mit Arnie – komi
sch, dass die Österreicher so gerne unter sich blieben. Ein merkwürdiges Völkchen, obwohl er Miss Scarlet schon sehr nett fand. Er konnte gar nicht verstehen, was die an dem Reeder so faszinierte. Er, Willi, sah doch viel besser aus! Er schaute in seinen Taschenspiegel. Ja, er sah wirklich gut aus – besser als Anarky sowieso und über Mickey, hey, da brauchte man doch erst gar nicht drüber reden. Gandalf war allerdings eine echte Konkurrenz – nicht was das Aussehen anging, aber mit welchem Recht bekam dieser Penner eine echte Heino-Gitarre geschenkt? Er hätte wer weiß was drum gegeben – aber nein, Gandalf bekam diese Gitarre. Bloß weil er am 20. August geboren war. Wahrscheinlich übte er so lange, bis alle an Bord wahnsinnig waren und verscherbelte die dann bei Ebay – wie viel die wohl bringen mochte? Er, Willi, würde ja nicht im Traum daran denken, so ein kostbares Stück zu verkaufen. Aber Gandalf – dem traute er alles zu. Mensch, jetzt war Miss Deckard weg – Weiber konnte man doch keine Sekunde aus den Augen lassen. Ach, da hinten – jetzt stand sie bei Baby Jane (ja, er wusste es – Österreicher halt!), schnell hin, bevor sie wieder weg war! Willi wusste gar nicht, wie ihm geschah, denn plötzlich lag er am Boden – er war über das ausgestreckte Bein der Kapitänsfreundin gestolpert, die ihm mit einem falschen Lächeln aufhalf und sich entschuldigte. Verdammt, das hatte weg getan – diese dumme Pute sollte doch Acht geben, wo sie ihre Beine hinstellte! Und jetzt kamen auch noch Anarky, Mickey, Gandalf und Kaschi auf ihn zu. Gandalf und Kaschi packten ihn am Arm – Moment! Was wollten die denn jetzt von ihm? Warum lachten die so scheinheilig, und warum sah Anarky so wütend aus? Und warum wollten sie mit ihm unter Deck in den Maschinenraum gehen? Die wollten doch nicht... Nein, das konnte nicht sein, jetzt wo alles so gut lief, und Heino... Hilfe!

 

 

174. Folge: Bisher keine Ergebnisse (von Helli Gräfin E.)

Eduard Zimmermann goss sich die dritte Tasse Kaffee ein am Montagmorgen und kratzte sich leicht stöhnend am Kopf. Gestern hatte er noch per Fax die Auftragssuche nach der vermissten Komtess Ninschen von Ermakova angenommen, nicht ohne gleichzeitig seine Kontonummer anzugeben, versteht sich, aber dieser Fall schien ihm doch etwas ominös.-
Weshalb sollte ausgerechnet dieses Pummelchen einfach so ver
schwinden? Hatte doch alles gehabt, eine liebe reiche Mutter, jeglichen Luxus, Weltreisen, Internate... Nur einmal schien es Ärger gegeben zu haben, als Frl. Ninschen, die ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl zu haben schien, ihrer Internatskollegin Chiara Ohoven in Gesicht geschlagen hatte, weil diese gemeinsam mit einer gewissen Kathy der armen aber anständigen Klassenkameradin Bianca dumme gemeine Streiche spielte. Die aufgespritzten Lippen von Frl. Chiara waren daraufhin wohl geplatzt und hatten im Umkreis von zehn Metern unverwüstliche Fettflecken hinterlassen. Das ganze kam wohl erst dadurch an die große Glocke, da Gräfin Ermakova sich weigerte, die Fettflecken entfernen zu lassen als auch die Lippen neu aufzuspritzen, bzw. bot sie für letzteren Zweck lediglich etwas (minimales) überschüssiges Fett ihres gräflichen Hinterteils als kostenlose Gabe an, was von Familie Ohoven entrüstet zurück gewiesen wurde.
Die Ge
schichte kam nie zu einem Ende, da die Komtess dann nach einem Arztbesuch spurlos verschwand. Den Arzt, dem die Gräfin anscheinend alle Schuld der Welt gab, hatte er bereits durchleuchten lassen. Der Sohn seiner Nachbarin, Gerd Heymann, war bei der Münchner Kripo gelandet und gab ihm, obwohl weder er noch seine Kollegen einen PC hatten (Eduard wunderte sich immer, wie die wohl an ihre Informationen kamen), bereitwillig Auskunft, wenn er mal Fragen hatte. Dieser Dr. Few Master schien bis auf ein trauriges Privatleben und einen Hang zur Lyrik über keinerlei Auffälligkeiten zu verfügen, ja, er hatte anscheinend nicht mal mehr lieben Besuch bekommen in den vergangenen Jahren. Frl. Ninschen war eigentlich die letzte gewesen, die an seiner Tür geklingelt hatte. Aber..machte ihn das verdächtig? Zimmermann war erfahren und er verließ sch gern auf seinen untrüglichen Riecher. Nein, der Doktor führte nicht weiter. Das spürte er. Aber musste etwas tun. Stöhnend machte Zimmermann sich daran, das Foto von Ninschen zu kopieren, um es erst einmal bei sich in Schwabing an die Bäume zu heften. Etwas anderes wollte ihm so recht nicht einfallen. Hoffentlich half ihm seine liebe Stieftochter Sabine. Er selbst war nicht mehr so gut zu Fuß unterwegs und außerdem musste der Vogelbauer von Nidetzky und Töns dringend sauber gemacht werden.

 

 

175. Folge: Mickey geht von Bord [1. Teil] (von Paula_Tracy)

Mickey, Anarky, Kaschi und Gandalf schleppten den wild um sich schlagenden Willi in den Maschinenraum. Kaschi und Gandalf hielten ihn fest und Anarky begann zu tänzeln. Kaschi konnte sich das Grinsen kaum verbeißen, und auch Gandalf sah zur Seite, es zuckte verdächtig um seinen Mund. „Und jetzt – ab in die Fresse!“ rief Gandalf, und Anarky platzierte seine Rechte direkt auf Willis Nase. Es knackte verdächtig, und Willi fiel hintenüber direkt auf die Polsterung einer Sonnenbank. „Du hast ihm die Nase gebrochen!“ rief Mickey, und es klang fast vorwurfsvoll. Willi stöhnte und richtete sich wieder auf. Tatsächlich – es blutete! Dieser Anarky hatte vielleicht einen Schlag! „Jetzt Du, Mickey!“ feuerte Anarky seinen Kollegen an. Kaschi und Gandalf hoben Willi wieder hoch, Anarky sah Mickey erwartungsvoll an, doch der begann plötzlich zu schluchzen. Und bevor sich die anderen von ihrer Überraschung erholen konnten, fiel Mickey Willi um den Hals. „Ach, ich werd’ Dich so vermissen!“ „Häh?“ Anarky verstand kein Wort mehr, denn zu allem Überfluß fiel ihm Mickey jetzt auch um den Hals. „Und Dich auch! Ihr werdet mir alle so fehlen! Komm her Gandalf!“ Auch Gandalf wurde umarmt, und Kaschi kam ebenfalls an die Reihe. Willi tastete nach seiner Nase – nein, gebrochen war sie wohl nicht. Die anderen beachteten ihn gar nicht mehr, denn der Ausbruch von Mickey hatte alle völlig überrascht. „Was ist denn los, Kumpel?“ fragte Willi dann. „Wo willst Du denn hin?“ „Ich heuere auf der Ovela an! Heute morgen kam die Zusage! In vier... in vier Stunden werde ich abgeholt...“ Willi starrte ihn entsetzt an. „Aber... Mensch Mickey, das geht doch nicht. Das... das kannst Du doch nicht machen. Was mach’ ich denn ohne Dich? Der Chef hat die Kündigung doch zurückgenommen!“ „Glaubst Du im Ernst, hier bleibe ich noch?“ fragte Mickey. „Hier versteht mich doch keiner! Ich hab gestern Nacht noch an den Käpt’n der Ovela gefunkt, und es trifft sich gut, die haben eine Auszubildende an Bord, die unbedingt mal auf ein anderes Schiff will – wir können also tauschen.“ „Ein Mädchen?“ fragte Willi entsetzt. „Ein Mädchen als Schiffsjunge?“ Gandalf grinste. „Ist doch mal was anderes – vielleicht wird das ganz lustig.“ Dann machte er wieder ein ernstes Gesicht. „Ach Mickey – wir werden Dich so vermissen...“ Ein paar Tränen schimmerten in seinen Augen, und auch Kaschis wurden feucht. „Was wird denn jetzt aus unserer Boygroup?“ weinte Anarky. „Wir können doch kein Mädchen in eine Boygroup lassen!“ „Na, und ich?“ warf Gandalf ein. Dann mache ich eben bei Euch mit – ich habe doch jetzt eine Gitarre! Und ich finde, wir sollten ein Abschiedskonzert für Mickey geben!“ Willi setzte sich total erschlagen wieder auf die Sonnenbank. Mickey wollte weg! Nie hätte er gedacht, dass Mickey irgendwann mal weggehen könnte. Die Prügeleien mit ihm waren so was wie eine liebe Gewohnheit geworden. Ja, mit wem, zum Teufel, sollte er sich denn in Zukunft noch richtig zünftig streiten können? Anarky war sonst nicht so, und auch Gandalf war bei weitem nicht so reizbar wie Mickey. Keine Sekunde dachte er mehr an die bevorstehende Karriere als Heinos Agent, äh, Assistent natürlich. Mickey setzte sich zu ihm und legte ihm den Arm um die Schulter. „Hey Willi, nimm’s nicht so schwer, ich bin doch nicht aus der Welt! Ich...“ Die beiden Schiffsjungen begannen zu schluchzen, und die anderen drei schämten sich ebenfalls ihrer Tränen nicht. „Ja, was ist denn hier los?“ polterte es da von der Tür her, und herein kamen Falk Rickmers, H. G. Werderaner und Dr. Few Master. „Meine halbe Mannschaft macht sich hier einen Lenz, und oben läuft gar nichts!“

 

 

175. Folge: Mickey geht von Bord [2. Teil] (von Scarlet)

Mit verweinten Augen drehten sich die Schiffsjungen zu ihrem Chef um und machten keine Anstalten, Haltung anzunehmen. „Meine Güte, was ist denn hier los?“, entfuhr es Rickmers, sein Blick fiel auf den blutenden Willi. Der Schiffsarzt folgte dem Blick des Kapitäns und erschrak, als er das das blutüberströmte Gesicht des ersten Schiffsjungen sah. Sofort stürzte er mit seiner Arzttasche zu ihm hin, um ihm erste Hilfe zu leisten.

Der Reeder, der die Sachlage sofort durch
schaute polterte los: „Um Himmels Willen! Was seid ihr denn? Seid ihr Männer oder seid ihr Memmen? So eine Runde Fraztengeballer ist doch kein Grund zum Heulen! So was steckt man doch weg. Also als ich noch so ein Jungspund war… naja, damals war ohnehin alles anders, die heutige Jugend verträgt offenbar nichts mehr. Damals gehörte das dazu, da haben wir so etwas noch mir Anstand und Würde erledigt. Und danach haben wir uns wieder vertragen und waren wieder die besten Freunde. Also mit einem, mit dem ich einmal eine Prügelei hatte, bin ich bis heute bestens befreundet!“
Ka
schi verzog das Gesicht, als H.G. in Erinnerungen schwelgte, er erinnerte sich noch zu gut an diese Prügelei. Kaschi hatte sich einen Scherz mit Miss Piggy, dem Teammaskottchen der Schülermannschaft erlaubt. Er hatte es in den Teamfarben der Gegnermannschaft besprüht, woraufhin ihm H.G. einen Fausthieb versetzte, dass er Sternchen sah und die Englein singen hörte. Aber wie der Reeder gerade sagte, das war schon sehr lange her, vergeben und vergessen – naja, fast vergessen.
Als des Reeders Blick auf das vor Erinnerung
schmerzverzerrte Gesicht des Maschinisten fiel, klopfte er ihm wohlwollend auf die Schulter: „Ach ja, Kaschi, richtig, du warst das damals! Ach, Kaschi mein Freund. Lange’ ist’s her!“ „Ja Werder, ich war das.“, erwiderte Kaschi. „Aber darum geht es jetzt gar nicht!“ „Worum geht es denn dann? Was zum Donnerwetter ist denn hier eigentlich los? Der eine liegt in einer Blutlacke, die anderen stehen um ihn herum und heulen, als ob sein letztes Stündchen geschlagen hätte....“, donnerte wütend der Kapitän.
„Äh…Nein Captain, er wird nicht sterben, er hat nur Nasenbluten und die Nase ist ge
schwollen…“, berichtigte Dr. Few Master.
„Was zum Teufel soll das? Kann mich bitte jemand aufklären, was das Ganze hier soll!“, Rickmers war jetzt wirklich wütend.

Da Ka
schi immerhin einen guten Draht zum Reeder hatte, stießen ihn die Schiffsjungen nach vorne, sodass er sich gezwungen sah, die vom Kapitän geforderte Erklärung abzugeben. „Es geht um Mickey, Chef.“, lautete seine lapidare Auskunft. „Wie, es geht um Mickey?“, fragte Falk ungeduldig, „Was soll das bitteschön wieder heißen?“
Willi blutete doch, wieso sollte es jetzt um Mickey gehen? Rickmers verstand nichts mehr. „Hochverehrter Kapitän“, wandte sich jetzt Mickey selbst an Falk, „es ist so, dass ich mich ent
schlossen habe, dieses Schiff zu verlassen. Ich werde heute Nachmittag von einem Beiboot unseres Schwesternschiffs Ovela abgeholt und fange dann dort zu arbeiten an. Im Austausch würde statt mir eine Auszubildende von dort hier auf der Werderania arbeiten. Ich hoffe, sie nehmen es mir nicht übel, dass ich sie erst so spät darüber in Kenntnis setze, dass ich den Dienst hier quittiere. Aber es ist einiges vorgefallen, was mich schlussendlich zu diesem Schritt veranlasst hat. Sie können mir glauben, dass ich mir diesen Schritt sehr gut überlegt habe und mein Entschluss steht fest, sie brauchen nicht versuchen, mich zu überreden doch zu bleiben.“
Willi
schluchzte laut auf bei den letzten Worten seines lieben Freundes, sodass der Doktor, der ihm eine Kühlpackung auf den Nacken drückte erschrak.
„Ja, lieber Mickey, was soll ich dazu sagen? Es steht ihnen frei, eine andere Stelle anzunehmen, wenn sie anderswo ein besseres Angebot haben.“, meinte der Kapitän. „Es tut mir zwar leid, dass sie uns verlassen möchten, aber es ist ihre freie Ent
scheidung. Auf die Ovela also, sagen sie. Jaja, gutes Schiff, gute Crew, gute Entscheidung. Ich gratuliere ihnen!“ Falk streckte Mickey die Hand entgegen, Mickey ergriff sie und der Kapitän schüttelte kräftig. „Eine Auszubildende sagen sie also?“ Mickey nickte. „Ich glaube, wir werden auf die verzichten können. Unser Team ist sehr gut eingespielt, wir werden das auch ohne sie schaffen. Ich bin nicht der Meinung, dass wir uns in Anbetracht des ohnehin schon sehr knappen Platzangebots auf unserem Schiff eine Auszubildende antun sollten. Ich werde das gleich meiner Sekretärin sagen, dass sie das an die Ovela weiterleitet.“ Der Kapitän wollte sich schon umdrehen und gehen, als sich Gandalf der Steward an ihn wandte: „Entschuldigung, ich hätte da noch eine Bitte!“ Rickmers drehte sich zu ihm um und sah ihn fragend an. „Können wir zu Mittag eine kleine Abschiedsfeier für Mickey organisieren, mit ein bisschen Musik und so? Das sind wir ihm doch schuldig…“, schon wieder stiegen Gandalf die Tränen in die Augen. Der Reeder schüttelte missbilligend den Kopf und murmelte: „Memmen!“ „Ja ja, gerne, macht das ruhig“, antwortete der Kapitän. Gegen eine kleine Feier hatte er nichts einzuwenden und machte sich auf den Weg in sein Büro, der Reeder folgte ihm.

 

 

176. Folge: Abschieds-/ Überraschungs-Party [1. Teil] (von Scarlet)

Sobald der Kapitän wieder auf der Brücke war, beauftragte er Tapetchen damit, dem Kollegen auf der Ovela bescheid zu sagen, dass man die Austausch-Auszubildende nicht benötigen würde, was sie auch umgehend machte.

Dr. Master verarztete noch ra
sch Willi, denn plötzlich hatten es alle eilig, um so schnell wie möglich die kleine Feier zu Mickeys Abschied vorzubereiten. Willi wollte sofort mit Heino ein Lied einstudieren, aber der Arzt untersagte es ihm aus gesundheitlichen Gründen. Mickey erklärte sich bereit, auf den angeschlagenen Freund aufzupassen, denn bei den Vorbereitungen wollten ihn die anderen ohnehin nicht dabei haben, anscheinend planten sie eine Überraschung. Kaschi wurde beauftragt, alle an Bord über die Abschiedsfeier zu informieren.

Gandalf suchte Ona, die er
schließlich auf dem Sonnendeck fand. Irgendwie war sie nicht so gut aufgelegt wie sonst. Es schien so, als ob ihr eine Laus über die Leber gelaufen wäre. Ob ihr der Abschied von Mickey wohl auch so nahe ging? Aber woher sollte sie denn überhaupt schon davon wissen, der Schiffsjunge hatte ja gerade erst seinen Freunden erzählt, dass er kündigen würde.
Jetzt sprach Ona gerade mit Miss Scarlet, die bei Onas Erzählung immer wieder ungläubig mit dem Kopf
schüttelte. Als Gandalf näher kam, unterbrachen die beiden plötzlich ihr Gespräch, setzten eine unverbindliche Miene auf und sprachen über das schöne Wetter.
Gandalf war es eigentlich egal, worüber die beiden gerade gesprochen hatten, er wollte Ona doch nur von der Ab
schiedsfeier für Mickey erzählen, gleichzeitig wollte er sie bitten doch Mickeys Lieblingsspeisen zu kochen und außerdem eine schöne Torte vorzubereiten.
Ona war zwar überra
scht, dass Mickey die Werderanai verlassen würde und das auch noch so schnell, aber sie stimmte zu, sich um alles zu kümmern. Als Miss Scarlet ‚Torte’ hörte, zuckte sie zusammen. „Ona!“ rief sie „Weißt du was?“ Ona sah die Wienerin erstaunt an, was war denn jetzt in die gefahren? „H.G. hat doch auch Geburtstag!!“ „Oh Gott ja!“, rief die Köchin. „Wenn wir schon Mickeys Abschied feiern, könnten wir doch gleichzeitig eine Überraschungsparty für Werder organisieren! Was sagst Du Ona? Er selbst ist doch viel zu bescheiden, um uns an seinen Geburtstag zu erinnern. Sicher rechnet er nicht damit, dass wir daran denken.“, meinte Scarlet. „Ja, stimmt.“, pflichtete Ona bei, „Ich bin mir sicher, er liebt Überraschungspartys! Ich kümmere mich also um die Küche und du sagst den anderen Bescheid, ok? Ach, er wird sich sicher freuen!“
Onas
schlechte Laune war auf einmal wie weggeblasen. Jetzt wo sie eine Feier vorbereiten konnte, war sie wieder in ihrem Element. Vor ihrem geistigen Auge sah sie schon, wie sich alle im Speisesaal verstecken würden und dann, wenn der Reeder den Raum betreten würde, würden sie alle hervorspringen und ‚Überraschung’ rufen! Er würde begeistert sein!
Schnell machte sich die Köchin auf den Weg in die Küche, Gandalf zog sie am Ärmel mit: „Komm mit, dich brauche ich in der Küche!“ rief sie ganz enthusiasti
sch.

Scarlet sah sich um, zum Glück waren die meisten noch am Sonnendeck, da würde sie bald alle über die Mickey-Ab
schieds-Werder-Überraschungs-Geburtstagsparty informiert haben…

 

 

176. Folge: Abschieds-/ Überraschungs-Party [2. Teil] (von Paula_Tracy)

H. G. Werderaner spürte, dass etwas im Busch war – alle sahen ihn so geheimnisvoll an. Die planten doch nicht etwa eine Überraschungsparty für ihn? Das mochte er ja gar nicht! Zumal er es ein wenig schade fand, die Abschiedsparty des Schiffsjungen mit seiner Geburtstagsparty zu vermischen. Er mochte Mickey zwar nicht sonderlich, aber Abschied war Abschied und Geburtstag nun mal Geburtstag. Er zwinkerte Miss Scarlet zu, die mit Miss Deckard flüsterte und marschierte geradewegs zu Ona in die Küche. „Ona – ich möchte in keinem Fall, dass heute Mittag bei der Schiffsjungen-Verabschiedung etwas von meinem Geburtstag erwähnt wird, haben Sie das verstanden? Die sollen ihren sentimentalen Quatsch ohne mich abhalten. Heute Abend an der Bar lasse ich es aber krachen, da können Sie sicher sein!“ Ona lachte – ja, irgendwie hatte der Reeder ja sogar recht – es war Mickeys Abschiedsfeier, da noch jemand anderen hochleben zu lassen, wäre schade für Mickey. Seine Beiträge in diesem Forum – äh, auf diesem Schiff, würden zweifellos fehlen, und das sollte entsprechend gewürdigt werden.

Heino war sehr aufgeregt, als er hörte, dass ein Boot von der Ovela kommen würde, um Mickey abzuholen. Auf der Ovela war doch seine Hannelore! Ob sie auf dem Boot sein würde? Ob sie überhaupt wusste, dass ein Boot zur Werderania fahren würde? Das musste sie doch erfahren! Sofort würde er zum Kapitän gehen und ihn bitten, einen Funkspruch zur Ovela zu veranlassen – hoffentlich waren die noch nicht unterwegs!

„Hm“, sagte Falk Rickmers. „Haben Sie sich das auch gut überlegt, Prinz Malko? Die Ovela fährt nach Alaska – es ist also eine etwas andere Route. Wollen Sie wirklich das Schiff verlassen – mit der Witwe Nümosia?“ „Es ist eine gute Gelegenheit!“ meinte der Prinz, der vor Aufregung ganz rote Wangen hatte. „Jeder hier
schaut mich komisch an, wegen dieser Sache mit dem äh, Rettungsboot. Und die Prügelei neulich – mit Ihrem Chef und dem Ingenieur. Und Frau Nümosia geht es ähnlich. Wir waren noch nie in Alaska und würden gerne mit der Ovela weiterreisen.“ „Nun gut“, erwiderte Falk Rickmers etwas skeptisch. Hatte die Witwe denn überhaupt genügend Pelzmäntel für das raue Klima in Alaska dabei? „Tapetchen, verbinden Sie mich bitte mit dem Käpt’n der Ovela. Wenn er schon seine Auszubildende nicht los wird, wird er sich vielleicht über zwei neue Passagiere freuen.“ Sein Blick fiel auf Heino, der gerade zur Tür reinstürzte. „Käpt’n – Sie müssen unbedingt zur Ovela funken! Hannelore – das ist die Gelegenheit!“

„Was sollen wir denn nun singen?“ Anarky machte den trauernden Willi ganz verrückt. „Ich möchte auch mal ein Solo singen, nicht immer nur den Chor! Ich kann genauso gut singen wie Du, Willi!“ „Nerv mich nicht!“ fuhr Willi ihn an. „Ich überlege noch... Vielleicht ‚Ein Freund, ein guter Freund’? ‚Sag beim Ab
schied leise Servus’, ‚Abschied ist ein scharfes Schwert’, ‚Abschied ist ein bisschen wie Sterben’?“ Anarky war beleidigt. Willi tat so, als ob er der beste Freund von Mickey gewesen wäre, dabei hatten die sich immer nur gekloppt. Er beschloss, noch einmal bei Smartie vorbeizuschauen. Vielleicht hatte die ja eine Idee.

Die Gräfin stand an der Reling. Die allgemeine Ab
schiedsstimmung – obwohl es sich um einen Schiffsjungen handelte, mit dem sie wenig zu tun gehabt hatte – ging ihr sehr nahe. Fast jeder, der zur Besatzung gehörte, hatte Tränen in den Augen, und auch die Passagiere wirkten merkwürdig bedrückt. Ja – es hatte sich ein sehr starkes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt in den letzten Tagen. Vielleicht hatte Pater Bug recht, und Ninschen wurde bald gefunden. Und vielleicht war Dr. Few Master wirklich unschuldig? Sie sah gerade, wie er mit Miss Tracy eine Art neckisches Fang-mich-doch spielte und musste sogar ein wenig lächeln. Ja, mit ihrem Danilo hatte sie das auch immer gemacht... Sie schluckte. Danilo! Wie lange hatte sie die kleine Gedenkstätte in Budapest nicht mehr aufgesucht und mit ihm – zumindest in Gedanken - gesprochen! „Danilo“, flüsterte sie, und der Schmerz überwältigte sie komplett. Sie schluchzte auf und trat einen Schritt zurück – direkt auf einen Männerschuh mit dicken Kreppsohlen. Die Gräfin erschrak, Fischkrepp heulte auf. „Können... können Sie denn nicht Acht geben“, wollte Helli fauchen, doch etwas in den Augen des 1. Offiziers ließ sie innehalten. Stattdessen murmelte sie „Verzeihung, habe ich Ihnen weh getan?“ „Nein, ich muss mich entschuldigen“, sagte Fischkrepp. „Sie haben mich wohl nicht gehört.“ „Das sind Ihre Sohlen“, meinte Helli. „Wo kaufen Sie eigentlich Ihre Schuhe?“ Fischkrepp starrte betroffen auf seine Schuhe. „Die sind sehr praktisch. Sie...“ ...“sind scheußlich!“ fiel ihm die Gräfin ins Wort. „Haben Sie keine anderen?“ „Doch, ich habe noch ein anderes Paar!“ Die Gräfin fasste ihn am Arm. „Dann zeigen Sie mir das mal – wissen Sie, ich hasse Kreppsohlen!“

 

 

176. Folge: Abschieds-/ Überraschungs-Party [3. Teil] (von Paula_Tracy)

Während die Vorbereitungen für Mickeys Abschiedsfeier in vollem Gange sind, schauen wir mal, was in Fischkrepps Kabine vor sich geht:

Erstaunt sah sich die Gräfin in der Kabine des 1. Offiziers um. „Sie teilen Ihre Kabine?“ fragte sie. „Ja, Pater BUG wohnt bei mir“, antwortete Fi
schkrepp. „Wie nett!“ stotterte Helli. Irgendwie wurde ihr gesamtes Bild von dem 1. Offizier über Bord geworfen. Konnte jemand, der seine Kabine mit einem Pater freiwillig teilte, ein schlechter Kerl sein?

Fi
schkrepp zog ein paar Lederschuhe unter seinem Bett hervor – relativ einfach, schwarzes Glattleder, mit braunen Biesen abgesetzt. „Hm“, machte Helli. „Die sind schon besser, aber auch nicht wirklich schön. Aber schlüpfen Sie doch mal rein, so was muss man getragen sehen.“ Als Fischkrepp in Socken vor ihr stand, zog Helli merklich die Luft ein. Konnte es auf der ganzen Welt noch ein paar Füße geben, die so aussahen? Merkwürdig, es gab Dinge, die man nie vergaß. „Warten Sie“, presste sie mühsam heraus. „Ich komme gleich wieder.“ Sie eilte in ihre Kabine, wo Miss Deckard ihr verständnislos zusah, wie sie eine kleine Reisetasche hervorzerrte und ein Paar hochwertige, bildschöne italienische Männerschuhe herausholte. „Hey, was ist los?“ rief Marjorie ihr noch hinterher, doch die Gräfin war schon wieder verschwunden. Aufgeregt stellte sie die beiden Schuhe – getragen, aber sehr gepflegt – vor den wartenden 1. Offizier. „Die müssten Ihnen passen.“ Sie zerrte ein wenig an seinen gelb-schwarz geringelten Socken, und Fischkrepp fing an zu kichern. „Bitte nicht – ich bin so kitzlig...“ Helli starrte ihn ungläubig an. Na ja, kitzlig sind sicher viele... Fischkrepp schlüpfte in die Schuhe – perfekt. „Haben Sie auch genügend Platz?“ fragte Helli. „Der Schuh ist vorne etwas enger geschnitten, es ist eine Spezialanfertigung.“ „Wie für mich gemacht!“ sagte Fischkrepp. „Wo haben Sie die Schuhe her?“ „Es ist ein Andenken“, antwortete Helli. „Ich habe sie immer bei mir. Entschuldigen Sie mich bitte...“ Wie eine Schlafwandlerin ging Helli aus der Kabine des 1. Offiziers und lehnte sich draußen an die Wand. Diese Schuhe anzufertigen, hatte ein kleines Vermögen gekostet – wie alle Schuhe für Danilo. Ihr italienischer Haus-Schuhmacher (nicht zu verwechseln mit dem Hausschuh-Macher) hatte mal behauptet, dass es wohl kein zweites Paar Füße auf der Welt gäbe, die in diese Schuhe passten. Hatte er sich geirrt? Man hörte ja oft von Doppelgängern – vielleicht gab es auch Doppelgänger, die sich nur auf bestimmte Körperteile beschränkten, z. B. Füße? War dieser Fischkrepp vielleicht ein entfernter Verwandter von Danilo? Hatte er jemanden in der Familie, der zur See fuhr? Irgendetwas in seinen Augen hatte sie auch an Danilo erinnert – aber das konnte doch nicht sein, sie hatte wahrscheinlich Wahnvorstellungen... Sie musste es herausfinden – trotzdem. Sie würde den Kapitän fragen, wer dieser Fischkrepp war. Ja – wer hieß denn überhaupt Fischkrepp? Er würde ja wohl einen normalen Namen haben. Oder – nein. Sie würde Kat fragen, die brachte bestimmt mehr raus aus Falk Rickmers. Ja, Kat musste ihr helfen. Nicht, dass sie sich für einen kreppsohligen Schiffsoffizier interessierte, aber trotzdem: wer die gleiche Fußform hatte wie ihr Danilo...

Sie seufzte und ging an Deck, wo die Vorbereitungen für Mickeys Feier inzwi
schen in die letzte Phase getreten waren. Der Kapitän hielt sogar schon eine kleine Abschiedsrede. Da stand Kat – natürlich nicht weit von ihm entfernt! Sie zupfte Pater BUG, der genau vor ihr stand, am Ärmel und flüsterte ihm etwas zu. Er nickte und ging nach vorne. Die Gräfin war so aufgeregt – was sie wohl von Kat wollte?

 

 

176. Folge: Abschieds-/ Überraschungs-Party [4. Teil] (von Scarlet)

Pater Bug ging zu Kat und flüsterte ihr etwas ins Ohr, sie blickte zur Gräfin herüber, sah danach den Geistlichen an und nickte. Beide kamen sie jetzt zu Helli zurück. „Was ist den los?“, flüsterte Kat und sah dabei die ungeduldig wirkende Gräfin fragend an. Mit den Worten: „Sie entschuldigen mich“ enfernte sich der Pater und ließ die beiden Damen alleine. Bestimmt hatte der feinfühlige Mann bemerkt, dass Helli alleine mit Kat sprechen wollte.
Jetzt wo sie unter sich waren, konnte die Gräfin Kat ihr Anliegen unterbreiten. Sie war so aufgeregt, dass Kat nur die Hälfte von dem verstand, was Helli da erzählte. Sie sagte etwas von Schuhen, Füßen und immer wieder erwähnte sie den Namen Danilo. Aber auch die Bezeichnung ‚Fi
schkrepp’ fiel immer wieder. Kat konnte sich keinen Reim darauf machen, was Helli von ihr wollte, außerdem wurde in der Zwischenzeit die Musik im Speisesaal viel zu laut, so dass man kaum mehr ein Wort verstand. Kat schüttelte den Kopf, nahm Helli an der Hand und zog sie aus dem Saal. Sie würden sich besser draußen an Deck unterhalten, da sollte ihr die Gräfin noch einmal alles in Ruhe erklären.

Nachdem der Kapitän seine kleine Ab
schiedsrede beendet hatte, erfüllte ein Tusch den Raum, den Det mittels CD-Player einspielte. Das war das Zeichen für Ona und ihre Mannschaft, mit dem Essen einzumarschieren. Zu den Klängen der Fächerpolonaise servierte das Küchenpersonal Mickeys Lieblingsspeisen auf Silbertablettes, dazwischen sprühten tausende von Funken, wie man das nicht einmal noch auf dem Traumschiff gesehen hatte. Ja, Ona hatte sich wieder einmal selbst übertroffen!
Mickey
schaute etwas wehmütig drein, als Ona höchstpersönlich den Teller vor ihm platzierte, nie hätte er gedacht, dass er den Menschen hier an Bord doch so viel bedeutete, dass sie keine Kosten und Mühen scheuen würden wegen seines Weggangs. Er war überwältigt von dieser Feier. Er hatte ja gewusst, dass spontan eine Feier zu seinem Abschied geplant wurde, aber so etwas hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht erwartet. Der Speisesaal war mit Luftschlangen und Luftballons verziert, die Tische waren mit den besten Tischtüchern, Servietten und dem edelsten Geschirr gedeckt und an Stelle des Willkommens-Schriftzuges, der immer bei der Ankunft der neuen Passagiere aufgehängt wird, hing jetzt ein buntes, selbst gebasteltes ‚Allzeit gute Fahrt Mickey!’ über der Speisesaaltüre. Mickey war wirklich gerührt, als er das alles sah. Und die Rede des Kapitäns! Ach, war die schön! Mickey dachte noch einmal an die Abschlussworte von Rickmers Abschiedsrede: ‚Gar freundliche Gesellschaft leistet uns ein ferner Freund, wenn wir ihn glücklich wissen’ hat er gesagt, als er ihm für seine neue Tätigkeit auf der Ovela viel Glück und Erfolg wünschte. Ja, es war zu schön! Fast bereute er seinen Entschluss, die Werderania zu verlassen schon. Aber ein Mann, ein Wort, er musste jetzt zu seiner Entscheidung stehen!
Die Stimmung während des Diners war sehr gedrückt. Obwohl die meisten Anwesenden gar nie so viel mit dem
scheidenden Schiffsjungen zu tun hatten, war dieser Abschiedsschmerz der Crew doch in einer Art und Weise ansteckend. Irgendwie war man in den letzten Tagen doch zusammengewachsen. Man hatte so viel zusammen erlebt und durchgestanden, dass man das Gefühl hatte, man sei eine große Familie und Mickey war doch einer von ihnen! Zudem wollten auch noch der luxemburgische Prinz und die fidele Münchnerin das Schiff verlassen. Schmerzlich wurden so alle daran erinnert, dass die Schiffsreise wohl bald zu Ende gehen würde und dass es dann für alle Abschied nehmen hieß…

Den Höhepunkt der dramati
schen Abschiedsfeier bildete das Konzert, das die Schiffsjungen für ihren Kollegen organisiert hatten. Der Reihe nach kamen sie auf die Bühne. Zuerst sangen Anarky und Smartie ein Duett. Smartie hatte auf einen Werbesong bestanden und Anarky ließ sich ihr zu Liebe überreden, ‚That's What Friends Are For’ aus irgendeiner Kinderschokolade-Werbung zu singen. Bei der Stelle

‚Oh and then for the times when we're apart
Well then close your eyes and know
The words are coming from my heart
And then if you can remember

Keep smiling, keep shining
Knowing you can always count on me, for sure
That's what friends are for
For good times and bad times
I'll be on your side forever more
That's what friends are for’

standen vielen der Anwesenden Tränen in den Augen, vor allem Willi musste sich sehr beherr
schen.
Als nächstes sangen Ona und Det „Time to say Goodbye“ als Duett. Der eine Forenmanager, der bei Smarties Darbietung nur mit Mühe von seinen Kollegen zurückgehalten werden konnte, auf die Bühne zu stürzen und die Angestellte zur Rede zu stellen, lehnte sich jetzt wieder entspannt zurück und schmolz dahin, als er Dets liebliche Stimme hörte.
Als nächstes kam Reggae-Gandalf, der einen selbst komponierten Raggea-Song zum Besten gab und sich dabei auch selbst mit der Gitarre - mehr
schlecht als recht - begleitete. Es traten noch einige auf, auch Heino ließ es sich nicht nehmen für Mickey zu singen. Als letztes aber wollte Willi für seinen liebsten Freund etwas singen, er hatte sich ein Lied von A-ha ausgewählt, das er ein klein wenig abänderte. Mit zittriger, tränenerstickter Stimme sang er:

We sit and watch umbrellas fly
I'm trying to keep my newspaper dry
I hear myself say,
"Your boat's leaving now"
...so we shake hands and cry
Now I must wave goodbye
Wave goodbye

In Heavy-Metal-Manier setzten jetzt Anrky und Gandalf ein:

You know
I don't want to cry again
Don't want to cry again
I don't want to say goodbye
Don't wanna cry again

Willi konnte jetzt nicht mehr weitersingen, er stand auf der Bühne und
schluchzte vor sich hin, sein Gesicht verbarg er in seinen Händen. Die Damen im Publikum zückten ihre Taschentücher und auch die Herren räusperten sich verdächtig. Mickey lief zu Willi und umarmte ihn, auch er weinte jetzt. Det versuchte die Situation zu retten und schaltete den CD-Player wieder ein und es ertönte ‚Say goodbye, goodbye with a smile
Soon there’ll be a new hello. Say goodbye, goodbye Say goodbye with a smile…’ Das war das Lied, das zum Ab
schluss eigentlich alle gemeinsam für Mickey singen wollten, doch anstatt dessen standen jetzt alle auf der Bühne und lagen sich weinend und schluchzend in den Armen. Sogar der Reeder, der etwas abseits stand und die Szene durch seine angelaufene Brille beobachtete, wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

Mitten in diese ergreifende Szene ertönte eine Schiffshupe, alle horchten auf. Ja, jetzt war es wohl so weit, jetzt hieß es wirklich Ab
schied nehmen. Das Beiboot der Ovela wartete bereits auf Mickey! Mickey wischte sich schnell über die nassen Augen und schnappte seine Sachen, die er schon vorbereitet hatte und machte sich auf den Weg. Er bat alle, nicht mitzukommen und zu winken, da ihm das den Abschied unnötig erschweren würde. Lady Patricia versprach dem Schiffsjungen, sich um die Zurückgebliebenen zu kümmern, denn die würden bestimmt psychologische Betreuung brauchen. Auch Frau Mümosia und Prinz Malko verabschiedeten sich. Dabei vermieden sie jeglichen Blickkontakt, denn der Zwischenfall bei den Rettungsbooten war ihnen immer noch sichtlich peinlich. Schließlich verließen die drei den Speisesaal.
Es war ruhig, niemand sagte etwas, bis der Reeder das Wort ergriff. „ Ja, liebe Anwesende, was soll ich sagen, the show must go on! Da ich soeben zumindestens mit einem weinenden Auge in meine 2. Hälfte der 40-er gehe“, er nahm die Brille ab, und wi
schte seine Augen trocken, „würde ich es zu diesem Anlass gerne heute Abend an der Bar krachen lassen! Vielleicht ist das ja für sie alle eine willkommene Ablenkung. Ich würde sagen, so gegen 21:30 Uhr. Power-Feiern! Ich lasse mich überraschen!“
Ja, warum eigentlich nicht, man muss die Feste feiern wie sie fallen und so ergriff gleich einmal Marjorie Deckard die Initiative und verpflichtete Willi, gemeinsam mit Heino, die musikali
sche Gestaltung des Abends zu übernehmen, das würde den Schiffsjungen bestimmt von seinem Abschiedsschmerz ablenken!