3. Staffel

 

 

 

43. Folge: Der rote Faden [2. Teil] (von Paula_Tracy)

Während Kat sich noch über diesen merkwürdigen Strickponcho wunderte (schließlich war es Sommer, und welcher Mann trug schon einen Poncho), waren schon einige Passagiere und Teile der Besatzung in den großen Ballsaal gekommen.

Anna Nümosia und die Gräfin unterhielten sich lebhaft, welches Kleid Lady Patricia wohl tragen würde, und sogar die vernünftige Paula und die liebreizende Baby Jane ließen sich davon anstecken. Miss Scarlet trug ein cremefarbenes Spitzenkleid, das ihre
schmale Taille vorteilhaft betonte, die Gräfin hatte ein leichtes Cocktailkleid aus Shantungseide im Farbton „Azalee“ gewählt. Baby Jane führte ihr neues rosafarbenes Satin-Ensemble aus, und Paula trug ein knallrotes Kleid mit einem weiten Rock. Kurz: Die Damen sahen bezaubernd aus. Aber auch die Herren konnten sich sehen lassen, allen voran Yeti-Klaus. „Eitler Gockel“, meinte Baby Jane zu Paula verächtlich. „Ich verstehe gar nicht, weshalb ich noch immer bei ihm bin. Nach der Reise mache ich Schluss. Ich glaube, ich liebe Falk noch immer. Ich hätte mich nie scheiden lassen sollen.“

Nach einem kurzen Geplänkel betrat der Kapitän die Bühne, Baby Jane seufzte und die bereits anwesenden Gäste nahmen Platz. Falk Rickmers nahm sein Mikrofon und begann: „Meine lieben Gäste, heute haben wir ein ganz besonderes Abendprogramm. Wir werden Zeuge, wie sich zwei Men
schen zueinander bekennen und zwar auf die stärkste Art und Weise, wie es zwei Menschen nur tun können. Sie sagen „ja“ zueinander. Sie sagen: Ich will dorthin gehen, wo Du auch hingehst. Ich habe ein ganz besonderes Verhältnis zu diesen beiden Menschen. Sie haben sich hier – auf diesem Schiff – kennen gelernt. Zwei völlig unterschiedliche Menschen sehen sich und wissen: Sie sind für einander bestimmt. Und heute: Die Krönung ihrer Liebe. Und wir alle werden Zeuge sein.“ Kurze Pause, Falk Rickmers räusperte sich. „Nun, unser Pianist ist noch nicht da, um das traditionelle Hochzeitslied zu spielen, daher möchte ich die Bühne erst einmal freigeben für einen unserer Schiffsjungen: Hier kommt Willi! Er hat heute eine große Überraschung für Sie, aber was es ist – das will er Ihnen selbst sagen. Applaus für unseren Willi!“

 

 

43. Folge: Der rote Faden [3. Teil] (von Paula_Tracy)

Die Tür klapperte, und Kat erschrak. Da stand er: De Guy, wie immer etwas verwirrt aussehend, mit einem gütigen, milden Lächeln auf den Lippen. Kat lächelte unsicher zurück und meinte: "Das ist ein schönes Kleidungsstück, dieser Poncho... Woher hast Du ihn?" De Guy kam näher, fasste sie um die Taille und sah ihr tief in die meerblauen Augen. "Ist das wichtig?" flüsterte er. "C&A, Kaufhof, Karstadt oder Hertie - Namen sind Schall und Rauch, nur Gefühle sind wichtig..." Langsam ließ er seinen Zeigefinger unter den Träger ihres seegrünen Etuikleides gleiten (das im Übrigen überhaupt nicht zu den meerblauen Augen passte), während seine andere Hand... Kat riss sich los, denn De Guy hatte eine so schreckliche Knoblauchfahne, dass ihr ein weiteres Näher kommen unerträglich geworden wäre. "Du warst schon am Buffet?" fragte sie. "Ja, es gibt ein ausgezeichnetes Zaziki", meinte De Guy. "Sollen wir heute nicht lieber in der Kabine bleiben?" flüsterte er und kam wieder näher. "Nur wir beide? Ich habe zwar das Gefühl, Dich schon ewig zu kennen, weiß aber gar nichts von Dir... Wir sollten uns endlich besser kennen lernen..." "Nicht heute Abend", wich Kat aus, "ich brauche noch etwas Zeit, und die Überfahrt ist noch so lang... Außerdem will ich nicht ins Gerede kommen, diese Anna Nümosia sieht alles. Und wenn sie es weiß, weiß es bald das ganze Schiff." De Guy lächelte milde. "Das kann ich verstehen, mein Liebstes. Dann gehen wir heute wohl auch zu der Hochzeit. Ich muss ja ohnehin den Hochzeitsmarsch spielen, danach hätte ich erst frei gehabt... Dann gehöre ich ganz Dir!" Kat schloss die Augen. Wie sollte sie ihm nur sagen, dass sie gegen Knoblauchgeruch allergisch war? Wie sollte sie ihm heute nur aus dem Weg gehen, ohne dass er böse auf sie war? War das die erste Prüfung ihrer jungen Liebe?

Während draußen Schiffsjunge Willi von seinen Kollegen Mickey und Anarky gnadenlos ausgebuht wurde, machten sich ernste Zweifel in Kats Herzen breit - würde sie diese Allergie nicht überwinden können, wenn sie ihn wirklich liebte? War es ein Zeichen?

 

 

44. Folge: Zaziki und Käsesahne (von Paula_Tracy)

Willi war stinkwütend. Diese Zwerge bildeten sich ein, ihn, den Chef der Schiffsjungen, auslachen und ausbuhen zu müssen! Dabei sang er genauso gut wie Heino, und seine Version von „Blau, blau, blau blüht der Enzian“ war einfach genial. Heino suchte einen Nachfolger, der in seine Fußstapfen treten wollte, und Willi hatte sich heute Nachmittag persönlich in seiner Kabine beworben. Heino hatte zwar etwas merkwürdig gewirkt, als Willi anfing zu singen und noch merkwürdiger, als er aufhörte, aber das war sicher auf seine Kopfschmerzen zurückzuführen, die er angab, als er Willi bat, ihn allein zu lassen. Mit ihm würde Heino einen würdigen Nachfolger gefunden haben! Und nun pfiff Mickey und Anarky rief „Buh“ – aber ihm war schon klar, dass Mickey den nur aufgehetzt hatte. Mickey war scharf auf seinen Posten und er sägte bei jeder passenden Gelegenheit. Na warte!!!

Ehe sich der verdutzte Mickey versah, war Willi von der Bühne gesprungen und stürzte sich auf ihn. Eine muntere Prügelei begann, Willi versetzte Mickey einen derartigen Kinnhaken, dass dieser in die Schüssel mit Zaziki am Buffet fiel. Sofort formierte sich ein Kreis um die prügelnden Jungen, und Mickey revanchierte sich, in dem er Willis Kopf in die Ananas-Bowle tauchte. Das ließ Willi sich natürlich nicht gefallen, und Mickey machte Bekannt
schaft mit der Käsesahnetorte. Es wäre sicherlich noch weiter gegangen, wenn da nicht unerwartet jemand eingegriffen hätte, von dem man es am wenigsten erwartete...

... es war der stille Städteplaner Tom, der sich die beiden schnappte und sie anherrschte: "Jetzt ist aber mal Ruhe! Das ist doch kein Kindergarten!"

 

 

45. Folge: Ziel verfehlt (von Scarlet)

Augenblicklich waren die beiden Schiffsjungen ruhig, überrascht darüber, dass der sonst so zurückhaltende Tom die Beherrschung verlor. Mickey sah den Städteplaner sprachlos – und das kam bei Mickey nicht allzu oft vor – an. Diese Gelegenheit nutzte Willi und versetzte ihm einen kräftigen Tritt gegen das Schienbein, woraufhin dieser markerschütternd aufschrie. Dieser Angriff konnte nicht ungerächt bleiben und so setzte Mickey zu einer erneuten Attacke an. Tom gelang es nur mit großer Mühe, die beiden Streithähne auseinander zu halten.

Dr. Tracy war gerade wieder dabei, ihre bewährte Betäubungsspritze auszupacken, als Xhosa eingriff. Xhosa, die im traditionellen Feiertagsgewand des Stammes der Xhosa er
schienen ist, zog ein Blasrohr aus ihrem Gürtel, das zu der Tracht gehörte, die sie trug und füllte den dazugehörigen Pfeil mit Paulas Serum. Blitzschnell und gekonnt zielte sie und traf… Lady Patricia. Diese war gerade in den Saal gekommen, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war, denn sie hatte anstatt des Hochzeitsmarschs nur ein lautes Poltern und Schreien gehört. Da bemerkte sie den Streit zwischen Willi und Mickey. Jetzt konnte sie zeigen, was sie in ihrem Mediatoren-Fernkurs alles gelernt hatte, dachte sie. Übereifrig war sie zur Stelle um einzugreifen und den Streit zwischen den beiden Schiffsjungen zu beenden, denn sie wollte, dass bei ihrer Hochzeit alles friedlich und harmonisch verläuft.

Er
schrocken starrten alle auf Lady Patricia, die taumelte und nur mehr ein „Ja, ich will!“ flüsterte, bevor sie bewusstlos in Yeti-Klaus’ starke Arme sank. Yeti-Klaus hatte blitzschnell reagiert, als er den Giftpfeil kommen sah. Sofort sprang er, ohne Rücksicht auf seinen tiefseeblauen Armani-Anzug, auf, um der Lady beizustehen. Durch sein heldenhaftes Handeln hatte er Schlimmeres verhindert und Baby Jane war sehr stolz auf ihn.

Xhosa machte sich fürchterliche Vorwürfe, dass sie Mickey, ihr eigentliches Ziel, verfehlt hatte und anstatt dessen die Braut getroffen hatte. Tom, der ja alles aus allernächster Nähe miterlebt hatte, versicherte ihr, dass sie keine Schuld trifft, nicht einmal er hätte bemerkt, dass Lady Patricia auf einmal neben ihm stand. Auch Leo, die neben Xhosa stand, als diese den Pfeil abfeuerte, bestätigte, das Lady K. ganz plötzlich zwi
schen die beiden Schiffsjungen sprang, sodass gar keine Chance bestand, das Unheil zu verhindern.

Nachdem sich alle einigermaßen beruhigt hatten, be
schloss man Nobbi, der noch immer vor dem Ballsaal auf das Erklingen des Hochzeitsmarsches wartete zu informieren, was geschehen war. Doch wer sollte diese schwierige Aufgabe übernehmen?

 

 

46. Folge: Der Schlachtplan (von Paula_Tracy)

Ungeduldig trat Nobbi von einem Fuß auf den anderen. Warum ertönte denn der Hochzeitsmarsch noch nicht? Stattdessen schienen sich drinnen irgendwelche Typen zu schlagen – bestimmt wieder Mickey und Willi, er kannte das noch von früher. Spinnefeind waren sich die beiden Jungs. Mickey war scharf auf Willis Job, und Anarky machte mit. Ach ja, als er noch auf dem Schiff war, hatte ein Wort von ihm genügt, und die beiden waren ruhig. Vielleicht sollte er... Doch da war ja... Kaschi! Sein alter Freund! Mensch, der sah ja belämmert drein. „Hey Kumpel, was ist passiert?“ fragte Nobbi, als Kaschi einfach, ohne ihn zu beachten, an ihm vorbei wollte. „Ach Nobbi, Du bist es...“ Kaschis Augen blickten ein wenig glasig, fast, als ob er zu tief ins Glas geschaut hatte. „Weißt Du, wer auf dem Schiff ist? Baby Jane. Du weißt doch...“ Nobbi schlug sich vor die Stirn. „Na klar! Deine alte Liebe, die Ex vom Chef! Das ist ja dumm für Dich.“ Kaschi nickte sorgenvoll. „Ja, und sie ist immer noch mit diesem Bergsteiger zusammen – seit 17 Jahren. Wankelmütigkeit kann man ihr wirklich nicht vorwerfen.“ „Aber... das war doch immer rein platonisch zwischen ihr und Dir?“ fragte Nobbi behutsam (er hatte von Patricia einiges gelernt, er war Mr. Einfühlsam persönlich). „Nicht nur das“, meinte Kaschi, „sie weiß noch nicht einmal, was ich für sie empfinde. Damals in Wuppertal hatte sie nur Augen für den Captain, danach nur für diesen Gockel. Ich weiß nicht, was ich machen soll.“ „Du musst sie auf Dich aufmerksam machen!“ rief Nobbi. „Aber wie?“ Kaschi war ratlos. „Vielleicht sollte ich ihr was vorjodeln? Das haben wir früher gerne gemacht. Ich war besser als der Captain, und Baby Jane fand das immer toll.“ „Hm – das wäre zwar eine Möglichkeit, aber jodeln kann Yeti-Klaus auch, damit kannst Du ihr nicht imponieren!“ fand Nobbi. „Vielleicht solltest Du ihr einfach zeigen, dass andere Frauen Dich attraktiv finden. Manche Frauen werden erst dann auf einen aufmerksam und werden interessiert. Lass mal überlegen: Gibt es hier auf dem Schiff eine Frau, die das mitmachen würde? Die so tun würde, als ob sie ganz verrückt nach Dir wäre?“ „Ach was, das macht keine mit“, resignierte Kaschi. „Was ist mit dieser Arzthelferin? Die hat ein paar Mal in Deine Richtung geschaut, als wir ankamen und Du dieses verschwitzte T-Shirt trugst.“ „Det?“ fragte Kaschi erstaunt. „Det schaut in meine Richtung?“ Nobbi fasste Kaschi um die Schulter. „Jetzt pass mal auf, wir gehen jetzt in den Maschinenraum, lassen uns von Gandalf ein Bier bringen und hecken einen Schlachtplan aus!“ Mit keinem Gedanken mehr dachte Nobbi an seine Lady, er war nur vom Gedanken beseelt, seinem alten Freund zu helfen. Und während er mit Kaschi und dem Chef-Steward Gandalf, der die Reste der Käsesahne und des Zazikis mitbrachte, überlegte, wie man Baby Jane auf Kaschi aufmerksam machen konnte, suchte man auf dem ganzen Schiff nach Nobbi. Wo war der Bräutigam? Sollte denn wieder alles schief gehen an diesem Abend? Konnte auf diesem Schiff nicht einfach mal etwas normal laufen? Die Braut bewusstlos, der Bräutigam verschwunden, keine Käsesahne – kein Steward zum Bedienen der Gäste... Was würde wohl als nächstes kommen?

 

 

47 Folge: Eisberg voraus (von cessnaritter)

Ja, was würde wohl als nächstes kommen? Kümmerte sich überhaupt noch jemand darum, wohin dieses Schiff eigentlich gesteuert wurde? Durch die amourösen Verwicklungen mittlerweile fast aller leitenden Offiziere des Schiffs, war es niemanden aufgefallen, wie die Werderania immer mehr nordwärts driftete und so in die berüchtigte Labradorströmung kam, die ja bekanntlich die Heimat vieler kleiner und großer Eisberge war.
Zu allen Verwirrungen des Tages hörten Passagiere wie Mann
schaft plötzlich zunächst ein Knacksen und dann eine männliche Stimme aus den Lautsprechern:
"Achtung, Achtung! Eisberg voraus!"
Alle sahen sich er
schrocken an. Eisberge? Wo? Und wer sagte dies? Die Stimme aus den Lautsprechern kam kaum jemanden bekannt vor.
Da ging auch
schon ein Zittern und Stampfen durch das Schiff. Offensichtlich versuchte man auf der Brücke, zu retten, was zu retten war.
Eine Sirene begann zu heulen, der Kapitän stürmte auf die Brücke und mit ihm auch der Reeder und der Reiseveranstalter.
"Was hat dieser verdammte 1.Offizier nun
schon wieder angestellt?" presste der Kapitän beim Spurt auf die Brücke hervor. Auf dem Weg dorthin kam ihnen schon Fischkrepp entgegen.
"Captain!" rief er laut. "Captain, wir sind auf Eis gelaufen!" sprudelte er atemlos hervor. "Ich habe gleich Volle Fahrt zurück und Ruder hart steuerbord befohlen, aber es war zu spät, wir haben eine Eis
scholle gerammt!"
"Meinen Sie, dass das Schiff
schwer beschädigt ist?" fragte der Reeder.
"Keine Ahnung!", meinte der Kapitän. "Aber auf jeden Fall haben die Passagiere erst einmal die Rettungsboote aufzusuchen. Und jeder, der mindestens 3x "Die letzte Nacht der Titanic" gesehen hat, bekommt das Kommando über ein Rettungsboot, verstanden?"
"Aye, aye, Captain!" sagte Fi
schkrepp dienstbeflissen und stürmte davon.

 

 

48. Folge: Wer wird Filmionär? - Der Untergang der Titanic + Nachtrag (von Paula_Tracy und cessnaritter)

"Meine Sonnenbänke, meine Sonnenbänke!" rief H. G. Werderaner wie von Sinnen. "Das sind Prototypen - Captain, Sie müssen die Werderania in jedem Fall über Wasser halten - sie darf nicht sinken. Ich mache Sie persönlich für meinen Verlust verantwortlich." "Wenn Sie meinen!" fuhr Falk ihn an. "Ich bin vor allen Dingen für meine Mannschaft, meine Passagiere und deren Leben verantwortlich. Ihre Sonnenbänke sind wirklich das letzte, worum ich mir momentan Gedanken mache. Gehen Sie sofort an Deck und folgen Sie den Anweisungen meiner Mannschaft." Der eisige Blick, mit dem er bedacht wurde, verfehlte seine Wirkung nicht. Werderaner ging, doch er nahm sich vor, diesen Kapitän so bald wie möglich seines Amtes zu entheben.

Auf dem Oberdeck war Panik ausgebrochen. Anna Nümosia und die Gräfin hielten sich weinend in den Armen, Kat hatte sich den roten Poncho von De Guy um ihre nackten Schultern ge
schlungen und starrte fassungslos hinaus. Sollte die Werderania tatsächlich untergehen? Ihr junges Glück schon vorbei sein? Was zählte wirklich im Leben? War es wirklich so schlimm, dass De Guy ein Freund von Knoblauch war? Vielleicht war es in einigen Minuten schon zu spät, jemals darüber nachzudenken...

Dr. Few Master und Det hatten Mühe, die aufgeregte Menge zu beruhigen. Heino
schlug wild um sich, und nur Willis Versprechen, ihm bald wieder etwas vorzusingen, konnte ihn zum Schweigen bringen. Paula und Baby Jane machten sich auf, um eventuell in den Kabinen verbliebene Passagiere aus diesen zu holen. Fischkrepp, Mickey und Anarky machten währenddessen die Rettungsboote klar.

"Man merkt gar nicht, dass wir sinken", meinte Scarlet zu Cessnaritter. "Wir sinken ja auch nicht", sagte der nur. "Das ist nicht die Titanic, und der Autor hat dies nur aus dramaturgi
schen Gründen eingebaut. Dies ist das neueste Rätsel aus dem Filmionär - "Der Untergang der Titanic" - natürlich nur der Film mit Barbara Stanwyck! Ich mag diese neuen Filme nicht - die alten sind viel besser. Gleich wird der Kapitän Entwarnung geben, und wir werden zurück in den Ballsaal gehen. Und dann werde ich Sie um einen Tanz bitten, Miss Scarlet..."

"Aber solange werden wir zumindest noch so tun, als ob wir sinken!" keuchte Fi
schkrepp. "In die Rettungsboote, Frauen und Kinder zuerst!"


Insgeheim freute er sich darüber, dass sein Plan funktionierte. Natürlich hatte die Werderania nur eine Eis
scholle ganz sanft gestreift, das Schiff war überhaupt nicht beschädigt. Aber sobald alle Passagiere und Mannschaftsmitglieder in den Rettungsbooten saßen, würde er auf die Brücke zurückkehren und mit dem Schiff fliehen. Dann hatte er es endlich geschafft. So war sein düsterer Plan.

Würde es ihm gelingen?

 

 

49. Folge: Zu den Rettungsbooten (von Scarlet)

Filmionär? Rätsel? Miss Scarlet war verwirrt. Was hatte der Cessnaritter damit gemeint? Gestern Abend hatten die Damen in Gräfin Ermakovas klimatisierter Kabine ein paar Runden „Filmionär“ gespielt und tatsächlich wurde auch einmal nach dem Film „Untergang der Titanic“ gefragt. Natürlich hatte sie den Film nicht erraten, überhaupt hatte sie die meiste Zeit nur still daneben gesessen und kaum einen Film erraten, nach dem gesucht wurde. Aber es war jetzt nicht die Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Viel wichtiger war, dass der Cessnaritter gesagt hat, dass das Schiff ja gar nicht sinken würde (woher wusste er das bloß?) und auch Fischkrepp hatte gesagt, dass man nur so tun würde als ob… Na ja, damit konnte sie leben, sie würde das Spiel einfach mitspielen. Sie würde diese hässliche orangefarbene Schwimmweste anlegen und sich gemeinsam mit dem Cessnaritter zu einem der Rettungsboote begeben. „Es werden ja wohl hoffentlich genug Boote da sein, denn wie gesagt, wir sind ja nicht auf der Titanic, wir tun ja nur so…“, dachte sie und begab sich ruhig zu den Rettungsbooten, wo sie warten wollte, bis endlich die Entwarnung des Kapitäns kam…
Auch die anderen Passagiere machten sich auf den Weg zu den Rettungsbooten und trugen dabei ihre Schwimmwesten. Die immer noch bewusstlose Lady Patricia hatte man der Gräfin Ermakova und Anna Nümosia anvertraut. Sie nahmen sie in die Mitte und
schleppten sie zu den Booten. Auch Dr. Tracy und Baby Jane erschienen jetzt wieder, um mitzuteilen, dass sich niemand mehr in den Kabinen befand. Jetzt wurden der Reihe nach die Boote beladen, wie üblich durften zuerst die Damen einsteigen. Danach begaben sich die Herren in die kleinen Boote. Nach den Passagieren stiegen dann auch die Crew-Mitglieder ein. Komischerweise fehlten Gandalf, Kaschi und Nobbi. Jedoch beschloss man, nicht weiter nach ihnen zu suchen, da man vermutete, dass sie eines der Boote an der Backbordseite genommen hätten. Sie kannten sich ja schließlich bestens aus, was in einem solchen Fall zu tun war, sie hatten schon an zahlreichen Übungen teilgenommen. Zum Glück ist der Ernstfall – bis heute – noch nie eingetreten.
Außer dem Kapitän und dem ersten Offizier befand sich nun niemand mehr an Bord und die in den Booten Sitzenden warteten darauf, dass diese zu Wasser gelassen würden (und Miss Scarlet wartet zusätzlich auf die Entwarnung durch den Kapitän).

 

 

50. Folge: Auf der Brücke (von Scarlet)

Während also die Rettungsaktion in vollem Gange war, stand der erste Offizier Fischkrepp auf der Brücke und hantierte mit den Instrumenten, Plänen und Zirkeln, verglich verschiedene Distanzen auf den Seekarten, die vor ihm ausgebreitet lagen. Er war ganz auf seine Arbeit konzentriert und wiegte sich zudem in Sicherheit, da er alle anderen bei den Rettungsbooten glaubte. Allerdings hatte er da nicht mit dem Kapitän gerechnet und so zuckte er zusammen, als dieser plötzlich hinter ihm stand und ich ansprach.
Fi
schkrepp hatte nicht bemerkt, dass leise die Türe aufgegangen und der Kapitän eingetreten war. Einige Zeit lang stand er schon dort und hatte den Offizier beobachtet, gerade lange genug, um sich zusammenreimen zu können, was dieser vorhatte. „Was haben sie eigentlich vor?“, fragte Rickmers. „Haben sie denn wirklich gedacht, dass ihr Plan gut gehen könnte? Wie wollten sie es anstellen, das Schiff zu entführen? Sie haben doch nicht allen Ernstes gedacht, ich würde mein Schiff, die Werderania, im Stich lassen! Sie wissen doch so gut wie ich, dass der Kapitän selbst immer zu letzt in eines der Rettungsboote steigt und sollte dort kein Platz mehr sein, so bleibt der Kapitän bei seinem Schiff und geht mit ihm unter! Oder haben sie noch nie den „Untergang der Titanic“ gesehen?“ Rickmers machte eine Pause. „Aber ich habe mir schon gedacht, dass sie so etwas in der Art vorhaben, sie intriganter Fischkrepp, sie!“ setzte er fort, „Aus diesem Grund habe ich heute auch diese nicht angekündigte Notfallsübung angesetzt. Deshalb habe ich auch vor einigen Tagen die Sirene getestet. Ich habe damals das bezaubernde Fräulein Kat gebeten, die Schuld dafür auf sich zu nehmen, damit sie keinen Verdacht schöpfen. Der Cessnaritter war von Anfang an eingeweiht in meinen Plan und sie sind darauf reingefallen, sie Stümper! Sie sind überführt, ich hoffe, das ist ihnen klar? Aber ich will mal nicht so sein. Aufgrund unserer langjährigen Zusammenarbeit und Bekanntschaft will ich ihnen noch eine Chance geben.“ Er dachte an die gemeinsam verbrachten Nächte in den Hafenkneipen mit den Karaoke-Shows zurück, „Aber ich warne sie, sollten sie sich noch einmal gegen mich wenden…“, er sah Fischkrepp drohend an „Ich kenne ihre wahre Identität, vergessen sie das nie!!“ Der Offizier sah den Kapitän sprachlos und schuldbewusst an und senkte den Kopf. „Und jetzt geben sie das Mikrofon her!“, schrie ihn Rickmers an. Er reichte es ihm. „Liebe Mitreisende, liebe Kollegen!“, wandte sich Rickmers mittels des Mikrofons an die Schiffsbesatzung, „Hiermit erkläre ich diese Notfallsübung offiziell für beendet. Es tut mir leid, dass ich sie über die Tatsache, dass es sich hier um eine Übung handelte, im Unklaren gelassen habe, aber um es möglichst realitätsnah zu gestalten, musste ich ihnen das leider vorenthalten. Ich beglückwünsche uns alle, dass diese Übung so positiv verlaufen ist und danke ihnen für ihr Verständnis! Als Entschädigung für diese Unannehmlichkeiten, freue ich mich, ihnen mitteilen zu können, dass der Ball wie geplant stattfinden kann! Sollten sie noch Fragen an mich haben, sie finden mich im Ballsaal, dort stehe ich ihnen zur Verfügung!“ Noch einmal blickte Falk Rickmers strafend auf den ersten Offizier: „Nun bringen sie das Schiff auf Kurs und denken sie daran, was ich ihnen gesagt habe. Von mir wird niemand etwas von dem Vorfall hier erfahren.“ Dann drehte sich Falk um und ging.

 

 

51. Folge: Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs / Die Katastrophe (von Helli Gräfin E., Baby Jane und Scarlet)

Nach der Entwarnung kletterten die Damen, unterstützt von den Galans der Werderania, aus den Rettungsboten und eilten in ihre Kabinen, um sich frisch zu machen. Die Herren zogen sich geschlossen an die Bar zurück - man wollte sich einen Erfrischungsdrink gönnen und den Ablauf der Übung analysieren: "Krombacher - eine Perle der Natur" rief Cessnaritter und versuchte, sein Bierglas in die Kamera zu halten. Captain Rickmers schob ihn unsanft zu Seite: "Einmal noch einen deiner subtilen Schleichwerbungsversuche und ich quetsche deine verdammte Seifenkisten-Cessna eigenhändig zu einem handlichen, kompakten Schrottpaket." Cessnaritter schwieg gekränkt. Die anderen Männer lachten dreckig.

Kats Kopf hämmerte und pochte, dass es eine Qual war. Die Kopf
schmerzen (die Aufregung der letzten Tage forderte ihren Tribut) machten sie fast wahnsinnig und sie begab sich auf die Suche nach einer Aspirin, die sie zum Glück auch von Det, der freundlichen jungen Arzthelferin bekam. Dankend nahm sie das Angebot an und setzte sich auf einen Stuhl neben Dets kleinem Schreibtisch, um die Wirkung der Tablette abzuwarten. Es lief alles mal wieder so anders, als gedacht!!
Sie war regelrecht froh, in dieser kleinen stickigen Kabine Zuflucht zu finden und Ruhe, auch vor De Guy, den sie, Knoblauch sei Dank, im Moment am liebsten nur noch von hinten sehen würde.
Warum war das Leben so
schwer?
Kats Gedanken flossen zurück in die Jugendzeit, damals, an die unbe
schwerten Tage auf dem Internat Lindenhof, im Kreise der Freundinnen. Oh ja, wie sehr würden sie jetzt die munteren Zwillinge Hanni und Nanni trösten, wie sehr bräuchte sie jetzt den verständigen Rat der Klassensprecherin Hilda oder hätte Lust, manch munteren Streich mit Bobby und Jenny zu spielen, selbst die weinerliche Elli wünschte sie nun an ihrer Seite.
Und die Mitternachtspartys!
Kat lachte auf, was von Det mit einem fragenden Blick quittiert wurde. "Ent
schuldigen Sie, Det. Aber ich dachte gerade an meine Internatszeit zurück. Kennen Sie Lindenhof? Die Direktorin Frl. Theobald hatte die gütigsten Augen der Welt und unsere Französischlehrerin Mamsell verlor ständig ihre Haarnadeln aus dem Dutt. Dort habe ich gelernt, was Gerechtigkeit bedeutet und das jeder vor eigenen Haustüre kehren sollte, sowie im Glashaus nicht mit Steinen zu schmeißen." Die junge Det verneinte, erzählt aber, dass ihre Eltern sie hätte nach Schloss Einstein schicken wollen, da es dort keine Werbepausen gab. Letztlich hätten sie aber kein Geld gehabt und für ein Stipendium, hier senkte Det etwas verlegen die Stimme, habe sie einfach nicht genügend gelernt gehabt, so dass sie bei der Aufnahmeprüfung durchgefallen sei.

Die beiden kamen ins Plaudern und Kat merkte, wie sie sich zunehmend entspannte. Das war es, war ihr hier fehlte, Freundinnen! Die mit einem durch dick und dünn gehen! Da lösen sich so manche Probleme von selbst. Und war nicht
schon in der Kabine der Gräfin, als sie alle miteinander Filmionär spielten, so etwas wie eine Gemeinsamkeit aufgekommen?

Kat stand ent
schlossen auf. " Wissen Sie was, Det? Ich mache eine Mitternachtsparty. Ohne die Jungs. Sie lade ich hiermit als Erste ein, dann können wir mal alles besprechen, was so anliegt. Wo kann man denn hier Proviant klauen?"
Det verstand zwar nicht ganz, was los war, half aber bereitwillig bei den Vorbereitungen und
schrieb sogar auf Kats bitte hin kleine Einladungskarten, an die auf dem Schiff befindlichen Damen.

Die Aufregung der Katastrophenübung war bald vergessen, als die letzten Sonnenstrahlen das Deck des Schiffes in
schimmerndes Gold tauchten und sich auch die Damen (bereits in Ballgarderobe) wieder an die Bar gesellten. Man plauderte und schlürfte gerade bunte Cocktails, als Gräfin Ermakova gellend zu schreien begann: "Der Hund! Der Hund! Seht doch, der Hund!"

Pudel Chrisquito war an Heino hochgesprungen, hatte sich dessen Designer-Sonnenbrillen ge
schnappt und rannte mit der Beute im Maul im Kreis, wobei er seine spitzen Zähne fest in einen der breiten schwarzen Bügel gebohrt hatte. Man hörte Heino laut aufstöhnen - doch da war Schiffsjunge Willi zur Stelle. Mit einem Satz warf er sich auf den lichtempfindlichen Barden und presste seine Wange auf dessen Gesicht, um ihn vor Blendung zu schützen. "Ruhig, ganz ruhig, Heino", flüsterte Willi begütigend, seine Lippen in Heinos weißblondes Haar gepresst, "Ich beschaffe dir eine Ersatzbrille - koste es, was es wolle!"

Dr. Few Master hatte einige Mühe, Willi von Heinos Körper loszueisen und ein Tuch, das er in seinem russi
schen Arztköfferchen ständig mitführte, über des Sängers Haupt zu breiten. Paula Tracy beobachtete sein professionelles Eingreifen mit Wohlwollen, während sie dem Schiffsarzt assistierte und Heinos Hand hielt. Da beugte sich Heino vor und flüsterte Paula Tracy ins Ohr: "Ich flehe Sie an, junge Frau, telegraphieren Sie meiner Frau. Hannelore soll mich hier RAUSHOLEN!" Verständnisvoll drückte Dr. Tracy seine Hand.


52. Folge: Chrisquito lebt (von Paula_Tracy)

Nobbi, Kaschi und Gandalf hatten von den aufregenden Vorfällen an Deck überhaupt nichts mitbekommen. Das lag unter anderem an Kaschis selbstgebranntem Korn, den er seit Jahren unter der Hand an die Passagiere weiter verkaufte (ein zweites Standbein schadete nie) und an dem russischen Wodka, den Gandalf aus dem Medizinschränkchen von Dr. Few Master geklaut hatte. Sogar Nobbi, der eigentlich einen klaren Kopf wegen der bevorstehenden Hochzeit behalten wollte, hatte sich zu fünf, sechs klaren Schnäpschen überreden lassen... Er erzählte den staunenden Zuhörern, was er und Lady Patricia seit ihrer Kündigung an Bord alles erlebt hatten, und alle vergaßen die Zeit. Während oben die Rettungsboote zu Wasser gelassen wurden, zog man in den Frachtraum um. „Was ist das denn?“ staunte Gandalf, der selten nach unten kam. „Solar...solar...Solardingsbums“, meinte Kaschi. „Sonnenbänke. Von meinem alten Kumpel Werder.“ „Das is ja’n Ding! Kann man die ausprobieren?“ fragte Gandalf begeistert und öffnete eine der größeren Bänke. „Ein bisschen Farbe schadet ja nie!“ sagte Nobbi, dem ganz schummerig war. „Wär’ das nichts für den Heino? Der soll ja ein Albino sein, hab’ ich gehört... Ich nehm’ die hier“, auch Nobbi kletterte unter einen Sonnenhimmel. Mein Gott, war er froh, sich endlich hinlegen zu können, alles drehte sich um ihn. Ob einer von den Schnäpsen schlecht war? „Kaschi, schaltest Du mal den Strom an?“ Kaschi nickte gedankenverloren, wurde aber abgelenkt, als er ein sanftes Jaulen aus der hintersten Ecke vernahm. „Habt Ihr das gehört?“ fragte er, doch Nobbi und Gandalf reagierten nicht mehr, sie hatten den Sonnenhimmel schon heruntergelassen – niemand würde auf die Idee kommen, dass jemand darunter lag. Kaschi stolperte mehr, als er ging, auf die Ecke zu, aus der die Geräusche kamen. „Chrisquito!“ rief er erstaunt aus, „Viele Chrisquitos!“ Tatsächlich, aus dem kleinen Hundekörbchen schauten ihm nicht nur ein Hund, der dem toten Chrisquito verdächtig ähnlich sah, sondern auch noch vier kleine Welpen, entgegen. „Chrisquito!“ sagte Kaschi wieder, nahm sich eines der Welpen heraus und legte es sich auf die Brust. „Dass wir uns noch mal wieder sehen...“ Er setzte sich in die Ecke, dachte an die alten Zeiten mit seinem Schäferhund Zito und Kater Mikesch dem Ersten und schlief ein... Und noch immer ahnte niemand, was in der Zwischenzeit alles passiert war...

 

 

53. Folge: Soda und Gomorrhum (von Paula_Tracy, Scarlet und Baby Jane)

Und während Schiffsjunge Willi hinter Pudel Chrisquito herjagte und versuchte, von der teuren Brille zu retten, was noch zu retten war, da machte Sir Hilary eine schreckliche Entdeckung... Auf diesem Schiff ging es ja zu wie in Soda und Gomorrhum!

Dr. Few Master kümmerte sich immer noch um den völlig hysteri
schen Heino, und obwohl Paula eigentlich nicht müde wurde, seinen Bemühungen zuzusehen, machte sie sich nun doch auf den Weg in den Funkraum, um die Bitte des Sängers zu erfüllen und Hannelore ein Telegramm nach Bad Münstereifel zu schicken. Zugleich dachte sie darüber nach, welch ein Lied sie sich dafür von Heino wünschen sollte, wenn es tatsächlich jemals zu dem angedrohten Auftritt kommen sollte. Vielleicht „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ oder doch lieber „Caramba, Caracho, ein Whiskey“? Paula erschrak zu Tode, als plötzlich Sir Hilary wie ein Geist vor ihr stand und bevor sie etwas sagen konnte, ihr den Mund zuhielt. „Miss Tracy, keinen Ton! Ich muss Ihnen etwas zeigen – aber bitte keinen Ton! Ich habe eine schreckliche Entdeckung gemacht! Kommen Sie mit, Sie müssen helfen!“

 

54. Folge: Sir Hilarys Entdeckung (von Scarlet und Baby Jane)

Mit schreckensweiten Augen nickte ihm Paula zu. Als Sir Hilary die Hand von ihrem Mund nahm, musste Dr. Tracy erst einmal tief durchatmen. Er wischte sich den Schweiß von seiner Stirn. Paula merkte, dass er am ganzen Körper bebte und sein Hemd an ihm klebte. "Kommen Sie mit mir. Aber ich flehe Sie an, Miss Tracy, seien Sie leise", flüsterte er. Sie machte Sir Hilary klar, dass sie zuerst das Telegramm an Hannelore schicken müsste, da sie es Heino versprochen hat. Sir Hilary willigte ein, „Aber dann müssen sie sofort mit mir kommen, es ist wichtig!“, sagte er.
Schnell funkte Paula das Telegramm nach Münster-Eifel zu Hannelore, allerdings wollte sie die arme Frau nicht aufregen, denn wie sie von Willi erfahren hatte, hat Hannelore ein
schwaches Herz. Und so telegrafierte sie: „Liebste Hannelore – stopp – Brille von Hund zerbissen – stopp – vermisse dich – stopp – möchte so schnell wie möglich nach Hause – stopp – unternimm etwas – stopp – Heino - stopp.“ Das konnte Hannelore doch unmöglich missverstehen…
Sir Hilary hatte nur mit halbem Ohr zugehört, was Paula ge
schrieben hatte und murmelte nur abwesend: „Ja ja, das passt schon, nun kommen sie mit mir!“ Er nahm Dr. Tracy an der Hand und zog sie mit sich: Vorbei am Funkapparat, vorbei am Schreibtisch des Captains, aus dem Funkraum. Hatte sie jetzt auf „Senden“ gedrückt oder nicht, schoss es Paula durch den Kopf, aber Sir Hilary ließ nicht locker. Er zog sie vorbei an der halboffenen Tür zum Erste Hilfe-Raum, vorbei an der verriegelten Tür des Kühlraumes neben der Kombüse, vorbei an männerarmdicken gestapelten Tauen bis zu den Treppen, die hinunter in den Maschinenraum - ins geheimnisvolle, tiefste Innere des Schiffes, in den dunklen, öligen Bauch der Werderania - führten. Wo brachte er sie nur hin? Paula Tracy spürte ihr Herz bis zum Hals klopfen. Sie und Sir Hilary stolperten - sich gegenseitig stützend und auffangend - die ölverschmierten Stiegen hinunter. Was war wohl passiert, dass er ihre Hilfe benötigte?
Er rannte mit ihr durch das Unterdeck bis sie endlich keuchend vor dem Frachtraum standen. Dort angelangt zückte Hilary eine Ta
schenlampe und schaltete sie ein. Bevor er den Lichtkegel auf den Zwischenraum zwischen zwei riesigen, heftig stampfenden Motorenkolben richtete, dreht er sich zu Paula um: "Bereit, Miss Tracy?...Hier drinnen…schrecklich…sehen sie…selbst“, schnaufte er, dann bekreuzigte sich Sir Hilary und tat, was er tun musste: er trat einen Schritt zurück, um Paula an die Türe zu lassen.
Paula lau
schte an der Türe, sie hörte merkwürdige winselnde, wimmernde Geräusche. Was mochte hinter dieser Türe wohl auf sie warten? „Gehen sie hinein“, forderte sie Hilary auf, „sie müssen helfen!“ Vorsichtig öffnete Paula die Türe und ging langsam hinein, Sir Hilary folgte ihr und schloss danach sofort die Türe. Im selben Moment rannten auch schon kleine, winselnde, wimmernde weiße Wollknäuels um Paulas Füße: Pudel, kleine, weiße Pudel. Sie waren so schnell, dass Paula sie gar nicht zählen konnte, aber es waren vier Stück. Sahen die nicht genauso aus, wie dieser Teufelshund, der Heino gerade zuvor die Spezialbrille geklaut hatte? „Ist das nicht fürchterlich?“, fragte Hilary. Aber was sollte an vier weißen Pudeln so fürchterlich sein, fragte sich Paula. Gut, es gab noch einen fünften Hund der sich an Deck herumtrieb und Sonnenbrillen zum Spielen missbrauchte, aber was soll daran so fürchterlich sein? Das ist normal. Hunde haben eine ausgeprägten Spieltrieb, aber sollte sie das jetzt Sir Hilary erklären? Und das war es, wobei sie ihm als Veterinär-Medizinerin helfen sollte?

 

 

55. Folge: Zuviel Sonne ist ungesund (von Scarlet)

Gerade, als sie ihn das fragen wollte, bemerkte sie, dass Sir Hilary eigentlich gar nicht auf die spielenden Tiere achtete, sondern in eine ganz andere Richtung sah. Sie folgte seinem Blick. Zuerst sah sie Kaschi, der am Boden - gegen eine der Sonnenbänke gelehnt - saß, eine Flasche Wodka in der Hand hielt und zu schlafen schien, aber er murmelte etwas wie „Chrisquito lebt… Chrisquito… Chrissielein, Platz Zito! Komm sch’n her Mikesch. Aaaach, Baby Jane!!!“ „Meine Güte, der ist ja sturzbetrunken!“, rief Dr. Tracy. „Dem kann ich im Moment auch nicht weiterhelfen…“ Doch dann wanderte ihr Blick zu den Sonnenbänken selbst und da sah sie es: Die Sonnenbänke waren eingeschaltet und aus einer hing ein lebloser Arm heraus, der zu einem Mann gehören musste. Erschrocken sah Dr. Tracy Sir Hilary an. „Wer ist diese Leiche?“, fragte er, „Und was ist mit dem? Wer hat das nur getan? Wer kann so grausam sein? Das muss doch eine grässliche Art sein, zu sterben! Wer kann sich so etwas Entsetzliches nur ausdenken! Schrecklich!!“
„Jetzt beruhigen sie sich erst einmal Hilary, wir wissen doch noch gar nicht, was wirklich passiert ist“, meinte Paula und ging zielstrebig auf die Sonnenbank zu um sie zu öffnen und nachzusehen, wer darin lag. Da bemerkte sie, dass auch die benachbarte Liege besetzt war. „Kommen sie her und helfen sie mir, da liegt ja noch einer.“, forderte sie Hilary auf. „Was, gleich zwei Tote! Das wird ja immer
schlimmer! Das ist ein Geisterschiff, hier treibt sich ein Massenmörder herum!!“, rief er entsetzt. „Jetzt machen sie nicht so ein Theater und helfen sie mir lieber“, herrschte ihn Paula an, die es als Ärztin gewohnt war, in schwierigen Situationen Ruhe zu bewahren. Schnell schaltete sie die Sonnenbänke ab und öffnete sie. Was sie jetzt sah, war kein schöner Anblick, aber im Laufe ihrer Karriere als Tierärztin hatte sie schon weitaus Schlimmeres gesehen. „Schnell Hilary, holen sie Dr. Master. Die beiden hier sehen ja aus wie zwei gekochte Hummer!! Wir werden jede Menge After-Sun Lotion benötigen!“ Zwar war der Schiffsarzt nicht unbedingt für Sonnenbrände zuständig, aber Paula fand, das war eine gute Gelegenheit, dem Doktor näher zu kommen. Sir Hilary machte sich sofort auf den Weg, erleichtert, dass es offenbar doch keinen Massenmörder an Bord gab.