8. Staffel
123. Folge:
Morgendämmerung (von Scarlet)
Die
Schlafenden im Speisesaal wurden am nächsten Morgen unsanft vom Scheppern der
Kochtöpfe geweckt. Anarky, der das Geschirr, das am Abend
zuvor als Schlagzeug verwendet wurde, wieder in die Küche bringen sollte, stolperte
über Willi, der zu Heinos Füßen zusammengerollt auf der Bühne lag. Heino hatte
die Nacht auf der Bühne verbracht. Er war der Meinung, dass die Vibrations dieses fulminanten Abends, die Aura dieses
außerordentlichen Konzerts noch in der Luft lagen. Er ließ sich vor dem
Schlafen gehen die Bühne von Lady Patricia auspendeln und außerdem ließ er sich
von ihr, die ja unzählige ‚Schöner Wohnen mit Feng Shui’
- Sendungen auf RTL gesehen hatte, die Erfolgsecke auf der Bühne zeigen. Genau
an dieser Stelle wolle er schlafen, um so wie ein
Schwamm die positive Energie aufzusaugen und für sein kurz bevorstehendes
Comeback zu sammeln. Willi fand diese Idee großartig und bewunderte den blonden
Künstler für seine Weitsichtigkeit. Heino erlaubte dem Schiffsjungen in seiner
Nähe zu übernachten. War er doch schon bei der
Assistentenstelle zu kurz gekommen, so wollte er ihn doch zumindest von seiner Feng-Shui-Erfolgsecke profitieren lassen, aber nicht zu
viel, denn schließlich plante er ja sein Comeback und wozu
brauchte ein Schiffsjunge schon Erfolg.
Als jetzt die Kochtöpfe mit lautem Geklapper von der
Bühne fielen, waren alle im Schlaf-Speisesaal mit einem Schlag wach. Betroffen
stand Anarky auf der Bühne und wusste nicht recht, was er jetzt sagen sollte,
also zuckte er nur mit den Schultern, grinste verlegen und sammelte eilig seine
Töpfe auf und verschwand schnell in die Küche, wo
von Ona und ihrer Mannschaft in Kürze das
Frühstück zubereitet werden sollte.
In der Kabine des Schiffsarztes erwachte nun auch Dr. Tracy. Verwirrt sah sie
sich in der Kabine um, bis sie sich wieder erinnerte, was passiert war. Ein
Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie das auf dem
Boden liegende Buch sah: ein Gedichtband von Rilke. Eine Seite war aufgeschlagen, eine Ecke der
Seite war umgebogen. Das Gedicht, das auf dieser Seite zu lesen war, stand auch
in dem Brief, den sie bei sich trug, seit sie ihn von Baby Jane bekommen hatte,
bei der er versehentlich gelandet war.
Sanft hob Paula jetzt den Kopf des noch immer schlafenden Few Master
von ihrer Schulter und versuchte aufzustehen, ohne ihn zu wecken. Er murmelte
etwas auf Russisch drehte sich um, rollte sich auf dem Boden
vor dem Bücherregal zusammen und schlief weiter. Das
leichte Schmerzmittel, das ihm Paula gestern Nacht noch gegeben hatte, da seine
Platzwunde wehtat, schien noch immer zu
wirken. Paula beschloss, sich an Deck in einen der Liegestühle
zu setzen und dort zu warten, bis es Zeit für das Frühstück war. Sie mochte den
Schiffsarzt wirklich sehr gerne, doch sie brauchte jetzt ein bisschen Zeit für sich
selbst, um die Gedanken, die ihr durch den Kopf gingen, zu ordnen. Sie ging auf
das Sonnendeck, wo sie sich in einen Liegestuhl setzte. Sie zog den Brief mit
dem Rilke Gedicht aus ihrer Hosentasche und las ihn wieder
und wieder. Jetzt wo sie wusste, wer der Absender war, sah sie ihn mit ganz
anderen Augen. Sie drückte den Brief mit beiden Händen an ihre Brust und
seufzte tief. Paula schloss die Augen und
lehnte sich zurück …
124. Folge: Reeder
unter Schock (von Baby Jane)
Die
Morgensonne wärmte Paulas Gesicht. Sie döste ein wenig vor sich hin. Auch das
allmorgendliche Ritual H.-G. Werderaners, sich mit
seinem Badetuch die beste Liege am Pool zu reservieren, störte sie heute nicht
als klein kariert und spießig. Er winkte ihr freundlich guten Morgen. Paula
lächelte zurück. Was für ein schöner, friedlicher
Tagesbeginn! Ein Morgen wie ein Gedicht!
Plötzlich zuckten beide zusammen. Ein holpriges, lautes Motorengeräusch durchschnitt die Stille an
Deck. „Tuck tuck tuck“ - „Woing woing woing“. Dann verstummte das
Dröhnen wieder. Paula und der Reeder sahen sich erstaunt an. Die Ärztin erhob
sich und ging zu Reling. Der Reeder trat neben sie. Beide schauten auf das Deck
unter ihnen. Ihnen bot sich ein Bild der Eintracht, ein Bild ungetrübter
Zweisamkeit: Cessnaritter und Miss Scarlet, beide ölverschmiert, aber mit vor
Freude glühenden Backen, knieten nebeneinander vor dem Flugzeug. Mit
Schraubenziehern und Kneifzangen hatten beide die halbe Nacht an der Maschine gearbeitet. Miss
Scarlet entfernte gerade mit ihren bloßen Händen etwas Füllmasse, das
gefährlich zwischen zwei Hitzekacheln am Bauch der Cessna
hervorgeragt war. Womöglich war dieses kleine Teil Schuld an der
Fluguntauglichkeit gewesen! Triumphierend hielt sie es dem Ritter hin. „Meine
Güte, Miss Scarlet, Sie sind genial!“, rief Cessna. Er sprang auf die Beine,
packte die Wienerin, hob sie hoch und wirbelte mit ihr ausgelassen um die Maschine. Dann drückte er
ihr einen innigen, dicken Schmatz auf die liebliche Wange. Und noch einen! Und
noch einen!
Paula merkte, dass der Reeder, der die Szene wortlos beobachtete, neben ihr,
wie versteinert war. Seine Stimmung schien verdüstert, sein
Blick plötzlich trübe. „H.-G., ist Ihnen nicht gut? Kann ich helfen?“, fragte
Paula besorgt. Werderaner schüttelte den Kopf. „Es
ist nichts, danke, Miss Tracy“, sagte er tonlos. Dann ging der alleinige
Inhaber der größten Reederei Hamburgs wie ferngesteuert zu seiner Liege, nahm
sein Handtuch und verschwand unter Deck.
125. Folge:
Missverständnisse (von Paula_Tracy)
„Huhu
Scarlet, huhu Cessna!“ rief Paula und winkte den beiden Mitpassagieren
begeistert zu. „Komm runter, Paula!“ rief Scarlet. „Das musst du dir ansehen!“
- „Ich komme!“
Paula rannte die Treppe runter zum Deck und sah sich an, was Scarlet und
Cessnaritter über Nacht geschaffen hatten. „Toll“,
staunte sie, auch wenn sie nicht ehrlich etwas davon verstand, aber sie war
heute so gut drauf, dass sie die Stimmung in keinem Fall gefährden wollte. „Das
habt Ihr ja gut hingekriegt! Wann ist sie denn wieder flugfähig?“ - „Dazu
brauche ich wohl erst mal Kaschis Hilfe“, meinte
Cessna. „Aber Miss Scarlet hat mir schon sehr geholfen ...“
- „Hab ich doch gern gemacht“, winkte Scarlet bescheiden ab. „Was machst du
denn so allein da oben, Paula?“ - „Es war so friedlich“, meinte Paula, „es geht
nichts über eine friedvolle Morgenstimmung. Allein war ich auch nicht, der
Reeder war bei mir – allerdings ist er gerade wieder in seine Kabine gegangen,
irgendetwas scheint ihm gewaltig die Laune verhagelt zu
haben.“ Scarlet sah sie erschrocken an: „Hat er uns
gesehen?“ Sie drückte Cessna einen ölverschmierten Lappen in die
Hände. „Ich ... ich muss etwas erledigen ... Paula, hilf du doch mal – es ist
auch nicht mehr viel. Ich muss gerade mal ... Ich komme gleich wieder ...“ Wie
ein aufgescheuchtes Huhn rannte Scarlet davon – in die
Richtung der Reederkabine, aber das wussten Paula und Cessnaritter ja nicht,
obwohl Cessnaritter eine vage Ahnung hatte. Er seufzte und warf Paula einen
Schraubenschlüssel zu, den diese etwas ratlos in der Hand
drehte. „Sie mögen Scarlet wohl sehr?“ fragte Paula. „Sie ist ganz nett“,
meinte Cessna kurz. „Sie halten den Schraubenschlüssel falsch, Paula.“ Paula
lächelte verständnisvoll. Ach, die Männer! Freundschaftlich nahm sie
Cessnaritter in den Arm. „Keine Frau würde mit Ihnen die ganze Nacht arbeiten,
wenn sie Sie nicht auch sehr mögen würde. Immerhin hat Scarlet Flugangst – das
war ein großes Opfer für sie!“ Entsetzt sah Cessnaritter Paula an. „Sie hat
Flugangst? Miss Scarlet?“ Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander und er
erinnerte sich an seine erste Frau, Karin Sommer. Die Ehe war nicht nur wegen
des immer viel zu starken Kaffees gescheitert – nein, Karin
litt auch unter Flugangst. Sehr, sehr lange hatte er gebraucht, um sie zu überzeugen,
einmal mit ihm zu fliegen. Ausgerechnet bei diesem Flug ging ihm der Sprit aus
– und sie mussten in Bitterfeld notlanden. Karin war total hysterisch gewesen – und hatte
Tage später die Scheidung eingereicht. Nein, niemals mehr eine Frau mit Flugangst
– das hatte er sich geschworen. Da war die
Drei-Wetter-Taft-Frau schon ein anderes Kaliber
gewesen! Letzten Endes war zwar die Ehe auch gescheitert, aber das war
eine andere Geschichte ...
Dr. Few Master war zwischenzeitlich auch
aufgewacht und etwas enttäuscht, sich alleine in der
Kabine zu finden. Aber wahrscheinlich hatte Paula
Hunger. Immerhin hatten sie das Mitternachtsbuffet mit Onas berühmter Aalsuppe
verpasst. Schon neun Uhr! Sein Kopf schmerzte noch leicht,
aber vielleicht hatte Paula ja wirksame Behandlungsmethoden? Beschwingt machte er sich
auf den Weg zum Sonnendeck, wo er die Kollegin vermutete. Da – er hörte ihre
Stimme, aber sie war wohl ein Deck tiefer. Er beugte sich hinunter und
erstarrte: Paula lag in den Armen eines anderen Mannes! Und es ging auch noch
ganz offensichtlich von ihr aus! Sie drängte sich ihm ja regelrecht auf. Er war
ja so ein Trottel! Wie behutsam war er vorgegangen, mit Gedichten, schönen Worten ... Und
sie? Sie hatte wahrscheinlich etwas ganz
anderes im Sinn. Frauen! Nein, das war jetzt wirklich das letzte Mal, dass er
auf eine hereinfiel. Das würde ihm nie, niemals mehr passieren!
Er setzte sich auf die Liege, auf der eben noch Paula gesessen hatte, und schloss die Augen. Wie
sollte er ihr jetzt noch in die Augen schauen können, dieser
falschen Schlange? „Morgen, Master!“ Er schreckte hoch. Falk
Rickmers stand vor ihm. „Hat man Ihnen nicht gesagt, dass Sie sich um 9.00 Uhr
bei mir melden sollten? Ich warte schon seit einer
Viertelstunde. Ich denke, wir haben einiges zu besprechen.“ Falk Rickmers
wandte sich ab und ging. Oh Mann, das hatte er ja komplett vergessen. Wahrscheinlich gab es jetzt
die Abmahnung wegen des Vorfalls in der Kapitänskabine. Hatte er gestern noch
gedacht, einen schlimmen Tag zu erleben – dieser Tag würde wahrscheinlich noch viel schlechter werden.
126. Folge: Die große
Liebe des Dr. Few Master (von Deckard)
Mochte
die Sonne auch noch so schön scheinen, mochten die
Wellen noch so glitzern und sich hie und da sogar ein paar Delfine am Horizont zeigen
... für Dr. Few Master hing der Himmel voller schwarzer Wolken. Gerade
erst war er seiner Angebeteten näher gekommen ... hatten sie sich auf höchst
romantischem, lyrischen Weg ihre Liebe gezeigt
... und *hüstelhüstel* etwas später auch auf etwas
körperlichere Weise ... und dann das! Schon am nächsten Morgen lag sie in den
Armen eines anderen. Aber so war das ja schon immer gewesen mit
ihm und den Frauen ...
Mühsam schleppte sich der Arzt zu einem Salontischchen seiner Kabine,
auf der eine Flasche Johnny Walker stand, nichts ahnend, dass
dies schon bald dem Sender arge Schwierigkeiten
bringen würde, da es sich hier um eindeutige Schleichwerbung, auch Product
Placement genannt, handelte. Ganz entgegen seiner Gewohnheit verzichtete er auf
ein Glas, setzte die Flasche an und stürzte eine
beachtliche Menge Whisky auf einen Satz hinunter. Anders konnte er die
Erinnerungen nicht ertragen, die nun angesichts dieser erneuten Untreue in ihm aufstiegen
... denn auch seine große Liebe hatte ihn betrogen. Sie, die er so geliebt
hatte. Die ihn dann ohne einen Grund so plötzlich verlassen hatte. Und die er schließlich durch eine
zynische Laune des Schicksals auf ebendiesem Schiff
wiedertreffen sollte - auch wenn beide so taten, als würden sie sich nicht
kennen.
Dr. Few Master musste einmal hicksen und stürzte dann den Rest der Flasche hinunter. Zu schlimm waren die
Ereignisse, die sich damals zwischen ihm und der Gräfin Ermakova
zugetragen hatten ...
127. Folge: Die
Wahrheit über den Doktor und die Gräfin (von Deckard)
In
der Zwischenzeit saß Gräfin Ermakova in ihrer Kabine
und sann noch immer über ihren missglückten Rachefeldzug nach. Sollte sie noch
Genugtuung bekommen? Oder wollte ihr das Schicksal nicht gönnen, diesen Mann
endlich leiden zu sehen, der für all ihr Unglück verantwortlich war?
Gut: SIE war es, die ihn verlassen hatte; nach einer kurzen, aber leidenschaftlichen Affäre.
Immerhin war sie verheiratet, stammte aus dem Hochadel und konnte sich so einen
Skandal gesellschaftlich nicht leisten. Wo sie doch gerade
erst - man gedenke - den Verein zur "Wahrung von Sitte und Anstand"
gegründet hatte! (Wenn auch nur, um ja keinen Verdacht zu erregen ...)
Außerdem liebte sie ihren Mann damals immer noch. Es hatte also einen guten
Grund, dass sie den Doktor damals verließ ... Doch niemals hätte sie gedacht,
dass die Ereignisse sich dann so überschlagen sollten.
Die Gräfin schloss die Augen; es kostete sie merklich
Kraft, das nun Folgende noch einmal in ihrer Erinnerung aufleben zu lassen: Der
Doktor hatte die Geschichte ihrer geheimen
Liebe inklusive aller pikanten Details an die Presse weitergegeben, worauf sich
halb Budapest das ach so feine Maul über sie zerriss.
Aber das war noch nicht schlimm genug - es sollte
noch dicker kommen: Der Graf, ihr Danilo, ihr ein und alles, ihr Freund und
Zwetschkenröster - ihr Graf kam darüber nicht
hinweg. Und verunglückte kurz darauf mit seinem Jaguar auf der Fahrt ins
Schloss tödlich - mit 2,8 Promille Alkohol im Blut.
Eine einsame, bittere Träne lief über die Wangen der Gräfin, die in dieser Zeit
ein paar Fältchen einkassiert hatte. Ihr Mann war kein Trinker gewesen - oh
nein! Das Unglück, dieser Verlust ... alles nur wegen der Demütigung. Wegen der
enttäuschten Liebe .....
wegen diesem ... FEWMASTER!!!!!!!!!!!!!!!!!!
„Du kannst ruhig weiterhin so tun, als ob du mich nicht kennst, mein lieber
Doktor“ murmelte sie mit einem bitteren Lächeln. „Das kommt mir sogar sehr
gelegen. Und es wird dich nicht vor mir und meiner Rache retten ...“
128. Folge: Der Mann in
Kabine 137 (von Paula_Tracy)
Die
Gräfin stand auf. Es wurde Zeit, dass der Mann in Kabine 137 endlich den
Auftrag bekam, für den sie ihn an Bord holen ließ. Es war einfach zu
gefährlich, die Dinge so weiter laufen zu lassen. Momentan war der Schiffsarzt
abgelenkt – eine gute Gelegenheit also. Wenn er sich vielleicht wieder an das
Foul unter Wasser erinnerte und daran, zu welchen Dingen sie fähig war – wer
weiß, ob er dann nicht misstrauisch wurde. Männer waren
zwar bei weitem nicht so schlau wie Frauen, aber
der Mann hatte immerhin studiert!
Sie schaute vorsichtig nach draußen – niemand auf
dem Flur. Sie musste äußerst vorsichtig sein. Außer ihr und dem Steward Gandalf
hatte noch niemand den Mann in Kabine 137 gesehen. Offiziell war er ein
italienischer Geschäftsmann, der anonym
bleiben und nur in seiner Kabine bleiben wollte. Gestern bei der
Flutkatastrophe hatte er zwar kurzfristig die Kabine verlassen müssen, aber
nachdem Mr. Butermaker aus seiner Kabine verschwunden war, hatte sich
Matalo – die Gräfin kannte nur den Vornamen des Mannes – in dessen Kabine
versteckt. Da Mr. Butermaker schon am Nachmittag
zurück in die Kabine kam, hatte er den Rest des Tages – bis zum Abendessen –
unter Mr. Butermakers Bett verbracht, auf dem
zeitweise sogar Kaschi, Paula Tracy und der
Cessnaritter Platz genommen hatten. Gestern Abend war er verständlicherweise
etwas genervt gewesen – aber wofür zahlte sie ihn denn?
Sie huschte über den Flur und klopfte dreimal an die
Tür. Als er ihr öffnete, lief ihr ein Schauer über den Rücken. Ja, er sah schon furcht erregend aus
... „Sagen Sie mir jetzt endlich, was ich zu tun habe?“, fragte er nur. Die
Gräfin setzte sich auf einen der Sessel, die immer noch leicht feucht waren.
„Sie sind mir von Brooklyn empfohlen worden“, begann sie. „Er meinte, Sie seien
diskret und gründlich.“ - „Worum geht es?“ fragte Matalo und musterte sie von
oben bis unten. „Um den Schiffsarzt. Ich möchte, dass Sie ihn ... ausschalten.“ Die Gräfin
holte Papiere aus ihrer pinkfarbenen Handtasche, die mit
lilafarbenen Biesen abgesetzt war. „Ich habe hier eine Liste aller seiner
Vorlieben und ein paar Fotos. Momentan schwebt er ein wenig über
den Wolken, weil er sich mit dieser Tierärztin angefreundet hat. Daher habe ich
auch über sie ein paar Details gesammelt. Falls nötig, kümmern Sie sich auch um
sie. Auch über die Arzthelferin steht einiges darin. Machen Sie notfalls auch
mit ihr kurzen Prozess. Aber ich warne Sie: Nichts darf jemals darauf
hinweisen, dass ich meine Finger im Spiel habe, verstanden?“ - „Verstanden“,
sagte Matalo. „Wo ist das Geld?“ Die Gräfin nahm einen weiteren Umschlag aus der Tasche. „Wie versprochen.
10.000 Vorschuss, den Rest bei Leistung.“ Matalo nahm das
Geld und zählte es kurz durch. „Stimmt. Nur eines noch: Wie führe ich mich
jetzt ein? Es muss doch merkwürdig scheinen, wenn ich
plötzlich aus meiner Kabine komme?“ - „Reden Sie mit Gandalf, er wird Ihnen
bestimmt helfen“, sagte die Gräfin. „Er ist ein wenig einfältig, er glaubt fast
jede Geschichte. Am besten, Sie sagen ihm einfach, Sie
wollten mal wieder unter Menschen. Die anderen werden
es hinnehmen, die glauben auch alles. Die lieben sogar Heino-Konzerte.“
129. Folge: Wie sag ich
es meinem Kinde? (von Paula_Tracy)
Matalo
grinste, als die Gräfin verschwunden war. Die hielt
andere für einfältig, war es wohl aber selber. Brooklyn hatte ihm schon erzählt, dass die
Gräfin seit Jahren, seit dem unseligen Vorfall, von Rachegedanken geplagt war
und ihm jedes Mal Angst und Bange wurde, wenn er davon
hörte. Er wusste selbst nicht genau, warum - aber das war auch egal. Fest
stand, dass er an Bord war, um zu verhindern, dass die Gräfin einen Fehler
machte, den sie vielleicht einmal sehr bereuen würde. Zum Glück hatte sie ihren
Sekretär damit beauftragt, einen ‚Profi’ zu suchen. Matalo war Profi, aber
wahrhaftig kein Profikiller! Tatsächlich war Matalo Schauspieler, er hatte sich
als Nebendarsteller in einigen Spaghetti-Western einen Namen gemacht. Und nun
spielte er eben einen Profikiller – Rolle war Rolle. Er pfiff ein wenig vor
sich hin und grinste, als er an die Gräfin dachte. Teufel, die hatte aber auch
eine gute Figur!
Im Büro des Kapitäns wartete Falk Rickmers auf seinen Schiffsarzt, der sich
jedoch nicht blicken ließ. „Das schlägt doch dem Fass die
Krone ins Gesicht“, murmelte er. Und an seine Sekretärin gewandt „Tapetchen,
wir schreiben ihm eine Abmahnung. So geht das
wahrhaftig nicht weiter ... Schreiben Sie bitte ...“
In seiner Kabine hingegen zog Kat sich das Kleid von gestern an. Verspielt
drehte sie sich um die eigene Achse und betrachtete sich im Spiegel. Der Ausschlag war fast weg, zum
Glück! Überhaupt – sie strahlte vor Liebe und Glück. Der Kapitän war ihr
Traummann, und sie brannte darauf, Xhosa die letzte Entwicklung zu erzählen.
Aber sie wusste auch vorher musste sie noch etwas erledigen. Die Aussprache mit
De Guy stand ihr noch bevor. Und das war zweifellos das Schlimmste, was sie in
den letzten zehn Jahren tun musste. Sie fühlte sich ganz elend dabei. Er war so
lieb zu ihr gewesen, sie hatte sich in den ersten Tagen so wohl an seiner Seite
gefühlt – und nun zog sie ihm wahrscheinlich den Boden
unter den Füßen weg. Sie setzte sich wieder auf das breite Bett des Kapitäns
und strich versonnen über die dunkelroten Seidenlaken. Wie konnte sie ihm das
nur sagen?
Aber auch Scarlet war aufgeregt. Sie stand vor der Tür des Reeders und atmete
tief durch. Wie konnte sie ihm nur begreiflich machen, dass nicht sie den
Cessnaritter, sondern er sie geküsst hatte? Und dass sie ihm nur bei seiner
Arbeit geholfen hatte? Was musste er nur von ihr denken? Vorgestern hatte sie
ihm noch erzählt, dass sie den Piloten gar nicht so sehr mochte, und heute
musste er ja glauben, dass sie gelogen hatte! Ein wenig geschwindelt hatte sie schon – sie mochte den
Cessnaritter schon, sie hatte Werderaner nur beruhigen wollen,
er war ja immer so impulsiv. Aber sie mochte Werderaner auch. Musste das Leben
immer so kompliziert sein? Erst hatte man Mühe, überhaupt einen netten Mann zu
finden, und dann gab es gleich zwei in ihrem Leben. Und sie wusste überhaupt
nicht, wer ihr besser gefiel ... Aber erst einmal musste sie in den sauren
Apfel beißen und mit Werderaner reden. Sie klopfte. Die Tür wurde aufgerissen.
Bleich wie Heino stand der Reeder vor ihr. „Miss Scarlet?“
130. Folge: Rückblick
der Gräfin (von Helli Gräfin E.)
In
Gräfin Ermakova machte sich eine Ruhe breit. Nun hatte sie alles getan, was
getan werden musste und die Dinge würden ihren Lauf nehmen, ohne dass sie
darauf Einfluss hätte.
Lange hatte sie mit sich gehadert, Rache zu nehmen. Ja, auch damit, einem Menschen das Leben zu
nehmen.
Aber es war ja nicht nur der Tod ihres Grafen gewesen, den sie dem Doktor
anlastete. Jahre später hatte der nichts ahnende Brooklyn ihr geliebtes Ninschen zu eben diesem Mann geschickt und dieser hatte
nichts Besseres zu tun gehabt, als ihrer kleinen Prinzessin Übergewicht und
Hypochondrie zu unterstellen.
Ninschen war nach diesem Termin
nie wieder gesehen worden, mit ihren damals 15 Jahren hatte sie sich einem
Wanderzirkus angeschlossen, der vor der
Praxis des Kurpfuschers seine Zelte aufgeschlagen hatte. Und dabei
wollte sie doch immer Jura studieren und hatte jedes Schulpraktikum bei Frau Salesch, einer guten alten
Freundin der Gräfin verbracht.
Die Gräfin seufzte tief. Was war ihr vom Leben geblieben?
Der Budapester Tratsch damals hatte wehgetan,
oh ja, aber es war nichts gegen diese Leere, diese Einsamkeit in ihrem Leben.
Wehmütig dachte sie an ihre Jugend und Kindheit zurück, an die unbeschwerten Tage am
Weserdeich, im Kreise ihrer Familie, dem wunderschönen Vater, Graf Ubbo von Ubbeken und ihrer
bezaubernden Mutter, der Freiherrin von Elfe von Kalckreuth.
Sorglos hatten sie gelebt, bis ihr Vater eine so genannte Midlife-Crisis bekam
und ein Verhältnis mit drei minderjährigen Schwestern anfing, die er auch noch
allesamt schwängerte. Elfe von Kalckreuth überlebte das Ganze
nicht, sie hatte vergeblich auf Antworten ihrer Fragen gewartet und wurde aber
selbst von Nachbarn mit dummen Sprüchen abgespeist: „Du findest schon wieder einen, nun jammere
mal nicht“.
Nach dem Tod der Mutter ging die Gräfin nach Budapest zu Verwandten. Weg, nur
weg, wollte sie. Aber die Jahre des Glücks hielten nicht lange an.
Wenn sie doch nur das Ninschen wieder hätte. Einmal
hatte sie gedacht, ihren Engel zu sehen: Ein bezauberndes junges Mädchen war im
Hintergrund von ‚Stars in der Manege’ auf einem Schimmel durch das Bild
geritten. Aber alle Nachforschungen verliefen ins
Leere.
Nein, sie hatte nichts mehr, Geld ja, aber was brachte das schon.
Sie musste ihren Hass loswerden. Auch wenn die sympathische Dr. Tracy Schaden
nehmen würde. Sie hatte man schließlich auch nicht
gefragt.
Die Gräfin bekämpfte die aufkeimenden Fragen des Gewissens. Nein, sie wollte
diesen blutigen Weg zu Ende gehen.
Dann würden vielleicht auch endlich mal diese bohrenden Kopfschmerzen aufhören. Und
dieses Magengrimmen. Und das ständige Zwacken im Nacken.
131. Folge: Liebe ohne
Worte (von Deckard)
Scarlet
war wie vom Donner gerührt. Da stand er nun vor ihr, dieser Werderaner - und
plötzlich wusste sie überhaupt nicht mehr, was sie sagen sollte:
„Es ist nicht so, wie es aussieht!“ (zu abgelutscht)
„Wollen Sie mit mir einen Spaziergang an Deck machen?“ (zu unverbindlich)
„Es tut mir alles so Leid!“ (zu sehr ein Schuldbekenntnis)
„Reeder sind doch viel interessanter als Piloten!“ (zu unglaubwürdig)
„Ich muss mir erst über meine Gefühle klar werden!“ (zu riskant)
„Ich liebe Sie!“ (zu verbindlich)
„Sie haben da was an ihrer Wange kleben!“ (ganz daneben!)
Und während sie da stand und vor Nervosität zitterte, tat der Werderaner das Einzige,
was ihm richtig erschien: Ohne ein Wort zog
er Miss Scarlet ganz sanft in seine Kabine und schloss die Tür - nicht,
ohne zuvor das Schild ‚Do not disturb’
an die Türe zu hängen. Der Mann war ja so was von praktisch veranlagt!
132. Folge: Der
Pianomann spielt verrückt (von Helli Gräfin E.)
Kat
hatte beschlossen, dass nichts besser wäre, als De Guy schonungslos die Wahrheit
zu sagen. Zwar tat es ihr furchtbar Leid, einem Menschen wehtun zu müssen,
aber jede Verzögerung, jede Ausrede würde sein Leid nur vergrößern.
Sie atmete daher tief durch, marschierte zur Kabine des
Pianomannes und klopfte energisch an die Tür.
Er öffnete ihr, bewandt mit seinem Poncho, was, so schoss es ihr durch den
Kopf, diesen Schritt noch leichter machte. Schnell zog er sie an sich „Geliebte,
was führt dich zu mir? Du machst mir Sorgen? Was ist los?“ und nur mit Mühe
konnte sie sich befreien. In kurzen knappen Worten schilderte Kat, dass sie
sich in den Kapitän verliebt habe und nichts dafür könne, aber er, De Guy
bestimmt bald einen andere, würdigere Frau finden würde als sie und er möge ihr
verzeihen, dass sie ihm weh täte. Regungslos verharrte der Musikus. Kein
Mienenspiel war zu erkennen und trotz mehrfacher Ansprache durch Kat sagt er
nichts. Achselzuckend wandte sie sich daher zur Tür und wollte hinausgehen. Was
hätte sie auch mehr tun können? Auf einmal umschlang er sie und warf
sie auf das Bett. Bevor der bittere Geruch von Chloroform, dass er mit einem
Tuch auf ihr Gesicht presste, sie in eine dunkle Nacht versetzte, hörte sie nur
noch sein hasserfülltes Flüstern: „Wenn ich dich nicht bekomme, bekommt dich
keiner!“
133. Folge: Die
Tragödie des Cessnaritter (von Paula_Tracy)
Paula
war etwas ratlos. Wo blieb Scarlet nur? Sie wünschte sich, gar nicht zu
den beiden gegangen zu sein, denn offensichtlich war Scarlet jetzt in Werderaners Kabine und Cessnaritter am Boden zerstört. Und
sie selbst wollte unbedingt jetzt mal nach Few sehen - der musste allmählich
auch ausgeschlafen haben. Gerade, als sie dem Piloten
erklären wollte, dass sie nicht länger bleiben konnte, begann er zu schluchzen. „Was ist denn
los?“, fragte sie erschrocken „Soll ich den
Doktor rufen?“ „Nein, nein“, wehrte Cessnaritter ab. „Ich habe nur gerade an
meine geschiedenen Frauen denken müssen.“ Paula setzte
sich neben ihn. „Wollen Sie mir davon erzählen?“ fragte sie. Cessna sah sie misstrauisch an. Konnte er ihr
trauen? Immerhin war sie eine Frau und verstand vielleicht nicht, was er
meinte. Aber sie war ja Ärztin und hatte Schweigepflicht; so was musste es ja bei
Tierärzten auch geben. Er zuckte die Schultern. Warum eigentlich nicht?
Die Ehe mit Frau Karin Sommer dauerte nur ein Jahr, die unüberwindbare
Flugangst war ein Riesenproblem für die Ehe gewesen, aber die Trennung von der
Drei-Wetter-Taft-Frau schien ihn noch immer
mitzunehmen. Obwohl die von ihm ausgegangen war, ja! Drei Jahre lang durfte er
sie in der Weltgeschichte herumfliegen,
denn es musste ja getestet werden, bei welchem Wetter die Frisur überall hielt.
Was hatte er alles für sie getan! Überall, ja wirklich überall lagen ihre Haare
herum: auf dem Boden, in Büchern, auf Stühlen, belegten Brötchen - es war schrecklich. Und das
Haarspray erst! Als der Hamster einging, weil sie ihn zu sehr eingenebelt
hatte, war es endgültig genug! Cessna reichte die Scheidung ein. Noch heute
rätselte sie wahrscheinlich, warum - er
hatte es ihr nie gesagt. „Sie haben nie über diese Probleme gesprochen?“ Paula
war entsetzt. „Wissen Sie denn nicht, dass die meisten Ehen scheitern, weil zu wenig
geredet wird? Worüber haben Sie sich denn überhaupt unterhalten?“ - „Sie hat
nie verstanden, was mich interessierte“, sagte Cessna. „Ich unterhalte mich
gerne über Technik, Flugzeugmotoren z. B., Sport oder auch alte Filme. Sie
interessierte sich nur für ihre Haare, hin und wieder mal die Blumendekoration
im Fenster oder die neueste Schuhmode. Und Kochrezepte! Ich bitte Sie, Miss
Tracy - sie hat sich nie auch nur die Mühe gegeben, mich zu verstehen! Mit so
einer will ich niemals mehr zusammen sein. Frauen und Männer leben nun mal in
verschiedenen Welten.“ - „Das mag sein“, Paula
zögerte ein wenig. Wie sollte sie ihm sagen, dass auch ein Mann sich manchmal
ein wenig bemühen musste, eine Frau zu verstehen? In dem er ihr z. B.
Gedichte vorlas? Eine romantische Nacht auf dem nassen
Kabinenboden mit ihr verbrachte? Nein, der Cessnaritter war bestimmt ein
aussichtsloser Fall. Gut, dass Scarlet das wahrscheinlich auch erkannt
hatte. Sie stand auf. Solchen Menschen zu raten, war
sinnlos - sie würden es nie verstehen. Sie musste Scarlet unbedingt von ihm
abraten, sollte sie ernsthaft eine Verbindung mit ihm erwägen. „Wir sollten
frühstücken gehen“, sagte sie. „Dann sieht die Welt schon ganz anders aus.
Gehen Sie mit?“ Doch Cessna schüttelte nur resigniert
den Kopf. Er hatte es gewusst, sie hatte ihn auch nicht verstanden. Das Leben
war einfach nur gemein.
134. Folge: Eine Abfuhr
und eine Beobachtung (von Paula_Tracy)
Gandalf
hatte sich zwar etwas gewundert, dass der Italiener in Kabine 137 plötzlich
doch am Bordleben teilnehmen wollte, aber bei 50 Euro Trinkgeld fragte er nicht
mehr lange nach. Warum er allerdings unbedingt am Tisch der Gräfin sitzen
wollte, konnte er nicht verstehen. Ihm wäre die viel zu zickig – aber Geschmäcker waren nun mal
verschieden, und Italiener standen ja auf Blondinen,
das war allgemein bekannt.
Im großen Speisesaal waren nun auch die Schlafsäcke und Matratzen entfernt
worden, das Frühstücksbuffet stand für die Passagiere und die Crew bereit. Anna
Nümosia und ihr Prinz saßen bereits an einem kleinen Zweiertischchen. Auch Baby Jane
und Yeti-Klaus strahlten in trauter Zweisamkeit. Sir Hilary, Andreas Hansen,
Mr. Butermaker und Fischkrepp saßen an einem
Vierertisch. Ebenso wie Det und die Gräfin und auf
diesen Tisch steuerte nun Gandalf zu, mit einem großen,
geheimnisvollen, dunklen Fremden im Schlepptau. Die Gräfin schaute irritiert. Es
flackerte ein wenig in ihren blauen Augen, während Det den Fremden höchst
interessiert musterte. Das war ja mal eine nette Abwechslung an Bord! „Meine
Damen“, meinte Gandalf. „Darf ich Ihnen Signor Matalo vorstellen. Er bewohnt
Kabine 137 und würde sich freuen, bei Ihnen sitzen zu dürfen.“
Die Gräfin nickte zurückhaltend. So ein Mist aber auch! Was sollte das denn
jetzt? Wollte er sie in Verlegenheit bringen? Der sollte sich doch um den
Doktor kümmern. Wo war der überhaupt?
Paula eilte nach unten, um den Doktor zum Frühstück zu holen. Dass Männer immer
so kompliziert waren! Das hätte sie vom Cessnaritter wirklich nicht gedacht,
aber so konnte man sich täuschen! An der Kabine des
Reeders stoppte sie kurz und lächelte wissend. ‚Please
do not disturb’ – Aha! Der
wusste, was er wollte! Hoffentlich wusste Scarlet das auch.
Sie klopfte kurz an die Tür des Schiffsarztes und trat ein, ohne ein „Herein!“
abzuwarten. „Few? Kommst du zum Frühstück?“ Sie erschrak, als sie den
völlig in sich zusammen gesunkenen Doktor und die fast völlig geleerte Flasche Johnny Walker sah.
Nanu? Hatte er ihr nicht erzählt, er trinke nur hin und wieder etwas russischen Wodka? Und warum
starrte er sie so feindselig, ja geradezu hasserfüllt, an? „Few? Was ist mir
dir?“ - „Geh ... gehen Sie mir aus den Au ... aus den Augen!“ lallte Dr. Few
Master. „Sprech ... sprech
... reden Sie nie wieder mit mir. Sie sind auch nicht besser als die Gräfin!
Hinaus!“ Er wirkte so bedrohlich, dass Paula tatsächlich die Flucht ergriff.
Völlig von der Rolle starrte sie die geschlossene Tür der
Schiffsarztkabine an. Hatte sie das nur geträumt? Was war aus dem netten Arzt
geworden, mit dem sie gestern Bruderschaft getrunken hatte?
Der ihr von seiner Jugend in Russland und seinen Zukunftsträumen erzählt hatte?
Der Gedichte gelesen und ihre Hand gehalten hatte? Und was meinte er damit, sie
sei auch nicht besser als die Gräfin? Was war nur los? Sie wischte sich eine Träne aus
den Augen. Hatte sie was falsch gemacht? Ihn
beleidigt? Von Dingen geredet, die er nicht verstand? Die Lust aufs Frühstück
war ihr jedenfalls gründlich vergangen. Sie musste erst mal darüber nachdenken
– in ihrer Kabine. Doch bevor sie in den Aufzug zum Zwischendeck steigen konnte,
geschah etwas. Die Tür neben der Schiffsarztkabine
wurde geöffnet, und der Pianomann guckte vorsichtig hinaus. Paula drückte sich
an die Wand. Es musste ja nicht jeder sehen, dass sie sich bei den
Personalkabinen herumtrieb, man kam so schnell ins Gerede. Die
Tür wurde nun weiter geöffnet und De Guy zerrte einen Jutesack hinaus, in dem
sich offensichtlich etwas Schwereres befand. Vorsichtig schwang er diesen über
seine Schulter, schaute sich noch einmal um und ging mit seiner
Last davon. Paula meinte, aus dem Sack ein leichtes Stöhnen zu hören, war sich
aber nicht ganz sicher. Was ging denn hier vor? Sollte sie ihm folgen? Ach was,
der entrümpelte wahrscheinlich nur seine
Kabine, und sie war immer noch geschockt von der Abfuhr,
die sie gerade bekommen hatte. Wahrscheinlich war nach der
Flut gestern so viel in Mitleidenschaft gezogen worden,
dass er einiges wegwerfen musste. Sie machte sich mal wieder viel zu viele
Gedanken. Sie musste diese erst einmal ordnen. Und dann musste sie unbedingt
mit Baby Jane reden – unbedingt! Baby Jane würde schon wissen, was zu tun
wäre. Nicht nur wegen Heino, da war sie ganz sicher.
135. Folge: Die
Ereignisse überschlagen sich (von Deckard)
Es
war dunkel, es war muffig und ein seltsam chemischer Geruch lag in der Luft
... Mit brummendem Schädel kam Kat langsam wieder zu sich. Wo war sie? Was war
passiert? Und warum konnte sie nichts sehen, geschweige denn, sich
bewegen?
Panik erfasste sie. Fühlte sich an wie ein Sack, wie man ihn zum Kohletragen
oder Sackhüpfen verwendete. Wobei ja beides in diesem Fall wohl eindeutig auszuschließen war. Und ganz
offensichtlich wurde sie derart ‚verpackt’ von irgendjemandem durch die Gegend
geschleppt.
Und dann, nach und nach, kehrte das Grauen der Erinnerung zurück: dieser De
Guy, dieser Wahnsinnige! Was hatte er mit ihr vor?
Kat wollte schreien, doch aus ihrem Mund kam nur ein
Krächzen. Dieser Schuft hatte sie auch noch geknebelt, bevor er sie in den Sack
gesteckt hatte. Sie versuchte, die Fesseln zu lösen, doch es war zwecklos.
De Guy war an der Reling angelangt. Ein perfekteres Timing hätte sich die gute
Frau gar nicht aussuchen können, dachte er grimmig, die anderen waren alle im
Saal versammelt, es war schon fast dunkel ... es
würde keine Zeugen geben. Ohne einen Skrupel, aber mit leichtem Bedauern (diese
Kat war ja schon eine hübsche Person) machte De Guy
sich daran, den Sack auf die Reling zu hieven ... Nanu? ... Hätte er vielleicht
doch ein wenig öfter zum Krafttraining gehen sollen ...?
„Da sind Sie ja!! Mein Gott, ich habe Sie schon überall gesucht!“
Guy erstarrte mitten in der Bewegung. Mit einem nervösen Lächeln drehte er sich
um. Vor ihm stand Heino, in Begleitung von Marjorie Deckard, die schon ein wenig genervt
hin- und herzappelte.
Heino nestelte verschämt an seinem Sakko.
„Ich wollte schon lange mit Ihnen plaudern. Wissen Sie,
wegen meines Comebacks. Es ist mir ein wenig peinlich ...“
Aus dem Sack ertönten dumpfe Geräusche. Marjorie runzelte
die Stirn.
„Ich würde nämlich gern ... *räusper* ... ein paar
Klavierstunden bei Ihnen nehmen“, meinte Heino leicht beschämt. „Sie wissen ja: Wer
Klavier spielt, hat Glück bei den Frauen! Nein, Scherz beiseite, ich alter
Witzbold!, ein wenig Klavierromantik könnte meinem
Image nicht schaden!“
Jetzt hörte man es deutlich: Ein Wimmern und Stöhnen aus dem seltsamen
Jutesack, der da an der Reling lehnte.
Marjorie griff danach: „Was ist denn da ...?“
Doch De Guy war schneller. Mit einer blitzartigen Bewegung griff
er sich die Assistentin des Barden und schleuderte sie über
Bord. Woher er plötzlich diese Kraft hatte? Na ja, die Angst ... Marjorie
dachte gerade noch: „Scheiß drauf, eine echte Wienerin geht nicht unter!“ Aber
dann war sie doch ziemlich froh, dass sie nicht in den Wellen, sondern zufällig
auf dem Beiboot landete, das zwei Meter unter ihr am Rumpf des Schiffes
befestigt war.
Heino wusste gar nicht, wie ihm geschah. Erst, als De Guy
auch ihn über die Reling schubsen wollte, wurde er
lebendig. „Sie ... Sie ... Sie ... Sie ... Sie ...“ (nun ja, fürs
Schlagfertigsein wurde er ja nicht bezahlt) „Sie Verbrecher! Das sollen Sie
büßen! Klavierstunde hin oder her ...“
Ein wilder Kampf begann, bei dem einmal De Guy, einmal Heino Oberwasser zu
haben schien. Die beiden Raufbolde gerieten ins
Trudeln, stürzten gegen die Kabinentür des Reeders und fielen Hals über und eng
umschlungen in die Kabine.
„Können Sie nicht lesen?“
Der Reeder war sichtlich sauer. Scarlet verkroch sich unter der Decke.
„Da steht doch deutlich: DO NOT DISTURB!“
Alleingelassen in ihrem Sack, der noch immer an der Reling lehnte, brütete Kat
düster vor sich hin. Jetzt, wo die Panik verflogen war, überkam sie langsam die
Wut: Das konnte alles nicht wahr sein. War sie denn nur von Wahnsinnigen
umgeben?
136. Folge: Die Frau im
Sack (von Paula_Tracy)
Offenbar
war Kat das wirklich! Denn bevor sie sich freimachen konnte, wurde sie bereits
wieder über die Schulter von jemandem geschmissen, und obwohl sie
sich mit Händen und Füßen versuchte zu wehren (war ja relativ sinnlos, sie war
ja gefesselt), gab es kein Entrinnen. Die Person ging mit flottem Schritt, ohne
sich um das Gezappel im Sack zu kümmern, einige Stufen hinunter. Kat war nicht
gerade ein Orientierungswunder, aber sie musste sich im Passagierdeck befinden.
Eine Tür wurde geöffnet und wieder geschlossen. Eine Stimme,
die Kat nicht kannte, flüsterte: „Seien Sie ganz ruhig, Signorina. Ihnen passiert
nichts.“ Kat blinzelte heftig, als der Sack geöffnet wurde. Vor ihr stand ein dunkelhaariger,
dunkeläugiger, aber durchaus gutaussehender Mann, dessen Augen nur so blitzten.
„Wer sind Sie?“ krächzte Kat, als er ihr den Knebel aus dem Mund nahm. „Ich bin
Matalo“, lachte der Mann und nahm ihr die restlichen Fesseln ab. „Das ist meine
Kabine.“ – „Ich bin Ihnen sehr dankbar, Matalo!“ meinte Kat. „Sie haben mir
wahrscheinlich das Leben gerettet.“ – „Nein, das
wohl kaum“, meinte der Italiener. „Aber ich habe Sie erst mal aus der
Schusslinie gebracht. Ich schlage vor, Sie bleiben
erst mal hier und ruhen sich aus. Hier wird Sie keiner suchen. Ich muss noch zu
Ende frühstücken ...“ Er grinste, als er an die Gräfin dachte. Es machte ihm
richtig Spaß, sie zu verunsichern. Eigentlich hätte er Lust, sie noch mehr zu
verunsichern ... Oh, er hatte noch viel mit ihr vor!
Kat nickte. „Gut, ich bleibe hier. Aber können Sie vielleicht dem Kapitän eine
Nachricht von mir überbringen?“ Sie schrieb etwas auf einen
Zettel und Matalo steckte ihn ein. Dann ließ er sie mit ihren Gedanken allein.
Marjorie war inzwischen wieder nach oben
geklettert und wunderte sich: Der zappelnde Sack war verschwunden, und in Werderaners Kabine schlugen sich Heino und
De Guy immer noch. Die Österreicherin Scarlet saß völlig aufgelöst auf dem Bett
und Werderaner wirkte auch ziemlich hilflos - ein seltener Anblick. Marjorie
eilte an Heinos Seite und verpasste dem fiesen De Guy einen heftigen Tritt, sodass
dieser sofort mit einem Schmerzensschrei zu Boden ging.
Mickey, der zufälligerweise vorbei ging und das Geschrei hörte, eilte
herbei und - eilte wieder weg, um kurze Zeit später mit Kaschi und Cessnaritter wiederzukommen,
die De Guy fesselten und auf den weiß-grün-gestreiften
Polstersessel setzten. Cessnaritter warf Scarlet einen verächtlichen Blick zu.
„Was hat er eigentlich getan?“ fragte Kaschi etwas desorientiert.
„Er ist in meine Kabine eingedrungen, obwohl ich nicht gestört werden wollte“,
erwiderte Werderaner. „Er wollte mir keinen Klavierunterricht geben!“ rief
Heino. „Er wollte einen Sack über Bord werfen“, meinte Marjorie. „Aber
stattdessen warf er mich.“ – „Das war ein Versehen“, knurrte De Guy. „Wir
bringen Sie zum Captain“, meinte Kaschi. „Der wird entscheiden, was zu tun
ist.“ Er packte ihn und zerrte ihn aus dem Sessel. „Kommen Sie, elender
Schurke!“
137. Folge: An Bord der
Zozza (von Helli Gräfin E.)
In
schicken schwarzen Anzügen, jeder
nur einen ebenso kleinen schicken Koffer in der
Hand, waren die dynamischen Jungmanager Grief, Schönfeldt und Harperath an Bord des wiederum sehr schicken und blitzenden
(überall hingen kleine freundliche Verhaltensanweisungen für die Sauberhaltung)
Schiffes gegangen. Nachdem die sympathischen jungen Männer
(allerdings die Gesichter von Sorgen geprägt) rasch ihre Koffer in den
Kabinen verstaut hatten, trafen sie sich im Salon, um die weitere
Vorgehensweise zu besprechen.
Ihr Ziel war klar: Sie wollten Kat zurück! Aber es gab einige Baustellen. User
der Corporation hatten mittlerweile gewagt, unter zum Teil bis zu 91463763
Pseudonymen tätig zu werden, da kam man ja im Leben nicht mehr hinterher. Ebenfalls
hatten die Drei zu ihrem Leidwesen versäumt, sich auch mal die gelben Seiten zu
besorgen ... Eine nahezu Überschwemmung von Rätseln
machte den Corporation-Alltag zur Hölle, die herannahenden Bundestagswahlen
ließen eine Welle von Fred-Schließungen vermuten ... Es war nicht leicht.
138. Folge: Was hat die
Gräfin vor? (von Paula_Tracy)
Falk
Rickmers eilte sofort in Matalos Kabine, als er den Zettel von Kat las. „Meine
Güte, Liebes, was hast du nur durchgemacht? Diesen De Guy werde ich umgehend
hinter Schloss und Riegel bringen. Kaschi hat ihn erst mal
unten in den Heizraum gesperrt.“ - „Tu’ das nicht!“ bat Kat. „Er war einfach
nur durcheinander. Er hat mich verloren, seine Wut und Enttäuschung kannte keine
Grenzen.“ - „Und deshalb wollte er dich töten!“ rief der Kapitän. „Das hat
nichts mehr mit Enttäuschung oder Wut zu tun,
kaltblütig wollte er dich umbringen. Wären Heino und Miss Deckard nicht so
mutig für dich eingetreten, hätte ich dich verloren, kaum, dass ich dich
gefunden habe!“ Er vergrub sein Gesicht in seinen Händen, und Kat strich ihm
zärtlich über seine Locken. „Ich lebe noch, mein Liebster. Und ich bin Heino
und Miss Deckard auch unendlich dankbar. Du solltest Heino ein Engagement auf
Lebenszeit hier auf der Werderania anbieten. Was hältst du von Fanreisen – ‚Verreise
und singe mit Heino?’ Ich könnte gleich ein paar Texte dafür schreiben!“ - „Eine ...
eine gute Idee!“ sagte der Kapitän, und es war ihm nicht anzusehen, ob er es
tatsächlich für eine gute Idee hielt oder ob er nur einfach glücklich war, dass
Kat wieder normal denken konnte. „Vergiss diesen Signor Matalo aber nicht“,
sagte Kat. „Er hat mich immerhin dort weggebracht. Wer weiß, wenn De Guy sich
losgerissen hätte ...“ - „Ich habe ihm schon gedankt!“ sagte der
Kapitän. „Komm jetzt, meine Liebste – ich bringe dich in meine Kabine. Det wird
nach dir schauen, der Doktor hat zu viel getrunken. Ich
weiß nicht mehr, was ich mit ihm machen soll. Ich denke, wir werden uns nach
dieser Reise von ihm trennen müssen. Er ist nicht mehr tragbar. Erst dieser
Vorfall in meiner Kabine, dann ist er spurlos verschwunden, jetzt
betrunken ...“
Heino und Miss Deckard hatten sich in ihre gemütliche Doppelkabine
zurückgezogen und plauderten noch immer über das schreckliche Ereignis an
Bord, als es klopfte. Es waren Baby Jane und Yeti-Klaus, die von dem tapferen
Eingreifen gehört hatten und mehr darüber erfahren wollten. Außerdem wollte
Baby Jane unbedingt noch einmal darauf hinweisen, wie wichtig es wäre, wenn
Heino an Bord bliebe. „Wir brauchen Sie!“, flehte sie geradezu und Heino war
sichtlich gerührt. Alle diese Menschen liebten ihn –
konnte er sie wirklich im Stich lassen? Ein Comeback konnte man doch verschieben. Spätestens in
10 Tagen legte die Werderania in Amerika an, so lange musste das doch Zeit
haben. Ob Hannelore das verstand? „Ich würde zu gerne ein Duett mit Ihnen
aufnehmen!“ meinte Yeti-Klaus. „Sie wissen doch, auch die größten der Großen
haben manchmal Duette gesungen ... Es wäre eine große Chance für mich – ein
drittes Standbein sozusagen neben dem Bergsteigen und Jodeln.“ - „Hat Miss
Tracy Ihnen denn nicht auch gesagt, wie sehr wir Sie brauchen?“ fragte Baby
Jane, die merkte, dass der blonde Barde immer noch etwas unsicher war. „Miss
Tracy habe ich heute noch nicht gesehen“, sagte Heino. „Oder doch – sie lief
über den Flur, als wir De Guy suchten. Marjorie, kam es Ihnen nicht auch so
vor, als ob sie weinte?“ Baby Jane war alarmiert. Da schien ja etwas gewaltig schief gegangen zu sein.
„Ich gehe mal zu Paula“, flüsterte sie Yeti-Klaus zu. „Bleib du hier und bequatsche ihn noch ein wenig.
Er wird schon weich. Das Schnellboot mit Hannelore
müsste in einer halben Stunde da sein, bis dahin muss er umgestimmt sein.“
Die Gräfin Ermakova ärgerte sich währenddessen immer mehr über diesen
impertinenten Killer, der sie ständig musterte und dumme Fragen stellte. Keine Minute
ließ er sie aus den Augen und mischte sich in jedes
Gespräch ein. Als er aufstand, um sich noch eine Portion Rührei zu nehmen,
stand sie ebenfalls auf und flüsterte ihm zu: „Sie sollen nicht mich, sondern
den Doktor umbringen! Wann wollen Sie das angehen? Die Gelegenheit ist günstig,
er ist allein in seiner Kabine, offensichtlich betrunken. Der Kapitän hat so
etwas verlauten lassen. Schmeißen Sie ihn einfach über Bord, das ist am
sichersten. Niemand wird ihn so schnell vermissen.“ Det
beobachtete die beiden interessiert. Was ging da nur vor zwischen den beiden? Es war
ihr gleich schon komisch vorgekommen. Dieser
Matalo flirtete die Gräfin auf eine unverschämte, wenn auch sehr
charmante Art an; die Gräfin war hingegen total verkrampft und nun redete sie
auf ihn ein. Det stand auf. Ein Schokocroissant wäre doch was Feines ... Die
beiden schienen sie nicht zu bemerken und sie verstand
nur, dass Matalo jemanden über Bord schmeißen sollte. Nein,
da hatte sie sich bestimmt verhört. Helli würde doch niemals ... Oder doch? Und
wenn ja – wen? Teufel aber auch, sie musste unbedingt etwas unternehmen. Sir
Hilary - war der nicht Detektiv oder so was Ähnliches? Sir Hilary nahm gerade
ein paar frische Früchte. „Sir Hilary“, rief Det, „Sir
Hilary! Ich muss unbedingt mit Ihnen reden ...“
139. Folge: Eingeschlossen (von Paula_Tracy)
De
Guy hatte sich mittlerweile etwas beruhigt. Im Grunde genommen war er ja nicht
gewalttätig oder bösartig, das hatte Kat ja auch richtig erkannt. Je länger er
darüber nachdachte, umso weniger konnte er seine Reaktion – Kat über Bord schmeißen zu wollen –
verstehen. Vor seinem inneren Auge tanzten Bilder auf und ab, und er überlegte,
was und wer er eigentlich war. Was wusste er schon von seinem früheren
Leben? Nichts. Seit ihn die Werderania an Bord genommen hatte, führte er
regelmäßig Gespräche mit Dr. Few Master, aber auch dies hatte ihn nicht
wirklich weiter gebracht. Er wusste nur, dass er Klavier spielen konnte, und
offenbar gerne Ponchos trug. Mexikaner schien er jedoch nicht zu
sein. Einzig Kat hatte ihm ein wenig das Gefühl von „Heimat“ geben können … Diese
wunderschöne junge Frau mit den Engelslocken hatte so
tiefe Gefühle in ihm ausgelöst ... Aber sie hatte sich von ihm losgesagt. De
Guy schloss die Augen. Was sollte nur aus ihm werden?
Wahrscheinlich übergab man ihn jetzt der Polizei, man
würde ihn ins Gefängnis werfen, Kat würde den Kapitän heiraten und er ... er
würde hier, in dieser Kammer, in die ihn Kaschi gesperrt hatte,
verhungern. Oder doch nicht? Er hörte Schritte, der Schlüssel zur Kammer wurde
gedreht und vor ihm stand ...
140. Folge: Jeder Topf
findet seinen Deckel (von Helli Gräfin E.)
Ona,
die wunderhübsche Köchin der Werderania, ebenso bekannt für
ihre sorgsam ausgefeilten Kommentare an jede Stelle und an jedem Ort. Schon
mehrfach war die glutäugige junge Frau ausgezeichnet worden in internationalen
Rhetorikgremien, auch wenn man munkelte, dass sie bei der notwendigen
Stimmabgabe dafür gesorgt hatte, dass nur ihre Verwandtschaft in den
entsprechenden Jurys saß.
Aber was sollte es, das waren bestimmt nur die Vermutungen böser Neider. Viel
wichtiger war nun, dass sie einen dampfenden Teller Suppe in der Hand hielt,
den sie nun dem traurigen Pianomann hinhielt. Dankbar ergriff der junge Mann
die Gabe und löffelte heißhungrig den Teller leer. Die Köchin setzte sich neben
ihn und streichelte ihm sacht über das Haar.
„Ich hätte auch mal fast so eine Dummheit gemacht, aus blinder Liebe. Seien Sie
froh, dass nicht mehr passiert ist, De Guy. Und glauben Sie mir, wahre Liebe führt
zum Glück und nicht zu unüberlegten Reaktionen. Nichts gegen Ihre Kat, aber
finden Sie, dass jemand, der so mit Ihnen umgegangen ist, es wert ist, geliebt
zu werden? Und dann diese blonden Locken, ich weiß nicht ...“ Dabei warf sie
wie zufällig ihre schwarze Haarpracht
hinter sich und versuchte vergeblich, die dicken Locken zu glätten. De Guy sah
ihr fasziniert zu. Hatte Sie nicht Recht?
Schweigend saßen die beiden nebeneinander.
„Ich helfe Ihnen, De Guy“, meinte Ona schließlich. „Es wird
Ihnen schon niemand den Kopf abreißen.“
Und so hingen beide verträumt ihren Gedanken hinterher und der Himmel, der doch
so düster schien, hing auf einmal wieder voller Geigen.
141. Folge: Zozza auf
Kurs (von Helli Gräfin E.)
Die
Jungmanager der Zozza hatten sich die Köpfe heiß diskutiert über ihr
gemeinsames Unternehmen, sodass sie erst Stunden später bemerkten, dass sie so
richtig niemanden von der Crew, geschweige denn den Kapitän
bisher gesehen hatten. Dabei waren sie schon auf hoher See und dichter
Nebel umgab die Zozza, sodass man kaum die Hand vor Augen sah.
Nicht nur, dass die Mägen beunruhigend anfingen zu knurren, nein, eine seltsame
Stille war auf dem gesamten Schiff, regelrecht unheimlich das Ganze.
„Lasst uns mal jemanden suchen gehen“ beschlossen sie schließlich. Nachdem sie
zunächst getrennt losgingen, sich aber immer wieder ergebnislos und schulterzuckend wiedertrafen,
traten sie den letzten Gang zur Brücke, um dem Kapitän Guten Abend zu sagen,
gemeinsam an.
Doch auch dort: Menschenleere! Alles, nur
der Autopilot zuckte manchmal vor sich hin und aus einem Radio erklang die Melodie:
"Tammy, das Mädchen vom Hausboot".