Tag 4
37.Folge: Der Reiseveranstalter (von Scarlet)
Am
nächsten morgen erschallte der Gong, der
die Passagiere in den Speisesaal zum Frühstück rufen sollte, um zwei Stunden
später als sonst, nämlich um 9:30 Uhr. Es war auch ein sehr, sehr langer Abend
gewesen und mit deutlich mehr Aufregung als ein normaler Tag bieten sollte. Kat
war verwirrt. De Guy hatte sich gestern, vor seinem Sturz ins Meer so seltsam
benommen. Und dann, später, als sich noch einmal alle im Ballsaal trafen, war
da wieder dieser attraktive Unbekannte mit dem Hut, mit dem sich seltsamerweise
diese Tapetchen angeregt unterhielt. Warum sprach er mit der Angestellten? Das
hätte sie noch gerne herausgefunden, aber da war dieser fiese, hinterhältige Fischkrepp, der sie keine
Sekunde aus den Augen ließ und sie sogar noch bis zu ihrer Kabine verfolgte, wo
sie ihm dann erbarmungslos die Türe vor der Nase zuknallte. Aber egal… Kat schlüpfte in ein
hellgelbes, blaugeblümtes kurzes Kleid – die blauen Kornblumen passten
ausgezeichnet zu ihren Augen – und begab sich frohen Mutes in den Speisesaal.
Die meisten der Privatpassagiere waren schon anwesend und auch
ein Großteil der Crew war hier. Heino hatte sich geweigert, seine Kabine zu
verlassen, da sein Konzert derart sabotiert wurde. Allerdings versicherte
Willi, den Heino offenbar zu seinem einzigen Vertrauten gemacht hatte, dass
Heino so lange wie nötig an Bord bleiben würde. Er wollte seine Fans nicht
enttäuschen und das Konzert auf alle Fälle nachholen.
„Bitte nicht!“, dachte Kat bei sich – und da war sie nicht die einzige.
Falk Rickmers trat in die Mitte des Raumes: „ Liebe Anwesende, Guten Morgen!
Zunächst einmal stelle ich Ihnen Andreas Hansen aus Lübeck vor, den
Reiseveranstalter der Reederei Brandungsfelsen. Er ist sozusagen verantwortlich
für den Fortgang unserer Reise.“ „Er ist auch verantwortlich für das
Zustandekommen meiner Reise“, dachte Kat, „ohne ihn hätte ich mich niemals auf
diesen Schwachsinn eingelassen! Mit einem Sklavenschiff nach Übersee! Ich
kann ja nicht bei Sinnen gewesen sein, als ich diese schweineteuere Überfahrt
gebucht habe. Aber nein, ich musste ja auf Andreas hören „Fliegen ist umweltschädlich, nimm ein
Schiff, wenn sich’s schon nicht vermeiden
lässt. Bla bla bla“ hat er
gesagt. Warum musste ich nur auf ihn hören? Mit dem Flugzeug wäre ich in
maximal 9 Stunden dort gewesen…“ Und während Kat noch darüber nachdachte, was
Andreas alles sagte, hatte der sich schon auf Rickmers Platz
gestellt und referierte: „….Unter ökologischen Aspekten ist diese
Entwicklung keineswegs positiv zu bewerten. Der Primär-Energieverbrauch beträgt
demnach bei einer Reiseentfernung von 1.000 km bei durchschnittlicher Auslastung
je Person 13.354,739 Megajoule!!!!! Die einzige Möglichkeit, diesen Verbrauch
einzudämmen und die Umwelt zu schonen, ist es eben, die
Segel zu setzen und auf günstigen Wind zu warten! Da das die Überfahrt nach
meinen Berechnungen allerdings auf 2 Monate verlängern würde, habe ich
zugestimmt, die Dampfmaschinen wieder in Betrieb
zu nehmen, allerdings nur mit geringer Leistung und nur, wenn kein Wind ist.
Das heißt, wir werden nicht pünktlich in den USA ankommen können. Aber aus
ökologischer Sicht stellt die Verlängerung der Reise
ein geringes Opfer für sie dar. Die Versorgung der an Bord befindlichen
Personen ist gewährleistet, keine Sorge! Das Flugzeug kann auch nicht so schnell repariert werden,
wie sie gehofft haben – ich sage ausdrücklich sie, denn ICH weigere mich, die
Wiederherstellung dieser Spritfressenden Klapperkiste gutzuheißen.“
38. Folge: Die Reeder (von Paula_Tracy)
Einige
der Zuhörer klatschten begeistert Beifall (wohl die
Umweltaktivisten unter den Passagieren), die anderen buhten Andreas Hansen
gnadenlos aus.
Nun erhob sich ein anderer Mann, der bisher kaum in Erscheinung getreten war:
H. G. Werderaner, Gründer der Reederei Brandungsfelsen und Namensgeber des
ältesten Schiffes, auf dem er sich gerade befand. Normalerweise ließ sich der scheue Mann selten auf
seinen eigenen Schiffen blicken, umso erstaunter war Kapitän Falk Rickmers
gewesen, als er seinen obersten Boss an Bord begrüßen musste. Werderaner galt
als gnadenlos und absolut konsequent - wenn er etwas nicht gut hieß, war es
auch nicht gut. Die Reederei war nicht sein einziges Unternehmen, ihm gehören
u. a. noch eine Spirituosenfabrik und die europaweit bedeutendste Fabrik zur
Herstellung von Sonnenbänken. Letztere war auch der Grund, warum er sich an
Bord befand - im Frachtraum des Schiffes befanden sich 48 Sonnenbänke, allesamt
Prototypen, die Werderaner in Los Angeles einem amerikanischen Unternehmen
vorstellen wollte. Wenn dies klappen würde, könnte er sich endlich zurückziehen
und auch seine Reederei, die schon lange keinen Gewinn
mehr abwarf, verkaufen. Und nun machte ihm dieser Hansen einen Strich durch die
sorgfältig erstellte Rechnung! Das Treffen mit den Amerikanern sollte in einer
Woche stattfinden - wie war dieser Termin jetzt noch einzuhalten? Er hatte sich
das Treiben an Bord nun eine Weile mit angesehen - jetzt musste er eingreifen!
Und vor allen Dingen diesen unfähigen Captain absetzen, der noch dämlicher erschien als seine gesamte
Mannschaft zusammen. Aber wer sollte das Schiff
übernehmen? Er selbst? Fischkrepp? Willi? Kaschi Hallmackenreuther?
Heino - der hatte doch immerhin den Motorbootführerschein?
Noch am Überlegen, begann Werderaner: "Nun, meine Damen und
Herren..."
39.Folge: Die Ansprache (von Scarlet)
Gedankenverloren
blickte er in die Runde, alle sahen ihn erwartungsvoll an, und warteten
gespannt, was er ihnen mitteilen würde. Schnell verwarf er den Gedanken wieder,
den Kapitän zu ersetzen. Von allen, die da so vor seinem geistigen Auge aufmarschierten war kaum einer
geeignet das Schiff zu führen. Ja, er selbst hätte das gekonnt, aber er wollte
nicht. Dass er sich jetzt in dieser unsäglichen Lage befand – auf einem
Dampf-Segelschiff, das länger als geplant unterwegs sein
würde – hatte er eigentlich auch sich selbst zuzuschreiben. Was musste er
auch diesen Andreas Hansen als Reiseveranstalter einsetzen. Gut, er vertrat oft
dieselben Ansichten wie er, aber musste dieser Hansen immer gleich so
übertreiben… Der Umweltgedanke – alles recht gut und schön, aber gleich so
militant? So war ja er selbst zum Beispiel Nichtraucher, aber ein liberaler, er
hatte nichts gegen Raucher, nur gegen militante… Aber Werderaner schweifte mit seinen
Gedanken ab… Na ja, er, Werderaner, hätte nicht auf ein Dampf-Segelschiff bestehen sollen,
aber das hatte er jetzt davon. Und schuld daran war nur
dieses Lied „Segel im Wind“ von diesem Peter Cornelius, einem Österreicher! Er
hatte es ja schon immer gewusst, mit diesen Ösis hat man
nichts als Probleme! Und jetzt saß er fest auf diesem Dampfer mit Segel. Wo
sollte das hinführen? Ein Frachtraum voll mit 48 Sonnenbänken und kein Land in
Sicht… Zum Glück war er ausgebildeter Versicherungsfachmann, weshalb er eine
ausgezeichnete Ausfalls-Versicherung abgeschlossen hatte. Wenn er
Glück hatte, dann konnte er aus diesem Desaster sogar noch mit Gewinn
aussteigen!!! Wenn er so recht überlegte, war die Situation ja gar nicht so schlecht für ihn! Und so
wandte er sich an die wartenden: „Also meine Damen und Herren, jetzt sitzen wir
auf dem Dampf-Segelschiff fest. Machen wir
das Beste daraus! Ich tu das ja auch! Schönen Tag noch!“ Und das war es dann?
Dafür hatte er die Anderen so lange auf die Folter gespannt, um ihnen das um
die Ohren zu schleudern? Die Anwesenden sahen sich ungläubig
an.
40. Folge: Oh dieser Reeder (von Helli Gräfin Ermakova)
Zufrieden
schlenderte der Reeder H.G. Werderania nach
seiner, wie er fand, gelungenen Ansprache über das
Schiff und beschloss, den Zustand einer genaueren Inspektion
zu unterziehen. Wie viel Schlamperei war ihm schon im Laufe seines
Lebens untergekommen und die hohen Ansprüche, die er an sich stellte (und
erfüllte) galten auch für seine Angestellten.
So raunzte er auch schnell den Schiffsjungen
Anarky an, als dieser achtlos an einem auf dem Boden liegenden Zigarettenkippe vorbeiging.
"Heb das mal auf, Junge“, was der Angesprochene auch schnell tat, nicht ohne
sich danach schnell davon zu machen, und aus dem Blickfeld
des Reeders zu kommen.
Kopfschüttelnd ging Werderaner weiter, während er mit dem Zeigefinger über die eine oder andere
Geländerstrebe und strich und auch Türrahmen und Lampenschirme auf Staub
untersuchte. Das ging so gerade. Dennoch würde er sich Rickmers heute Abend mal
vorknöpfen müssen.
Und... was war denn das da? Vor Kabine 132? Ah! Eine unglaubliche Sauerei.
Ächzend beugte sich der Reeder hinunter und klaubte aus einer Ecke eine Rose
und eine verdrecktes Kuvert, dass der Kabineneigner wohl beim Herausgehen
übersehen und mit der Tür an die Wand gedrückt hatte.
Im hohen Bogen warf er die Rose über Bord und begab sich auf die Suche nach
einem Papierkorb, um das schwach nach Lavendel
duftende Kuvert gleichfalls zu entsorgen. Doch dann stutzte er, der Brief war
ja noch zu! Verdammt, und keine Anschrift drauf.
Korrekt wie er war, beschloss Werderaner den
Brief dem Kabineneigner zu übergeben, nicht ohne sich schon Worte zurecht zu
legen, was er von Leuten hält, die meinen im Urlaub nicht nach ihrer Post
gucken zu müssen.
So, wo war das noch gewesen? In diesem Gang? Die Kabinenreihe 144-139 starrte
ihn an, nein hier nicht, es war doch der nächste Gang? Oder der übernächste?
Verdammt. Der Reeder, der es nicht gewohnt war, Fehler zu machen, verharrte
kurz, bis aber ein Leuchten über sein Gesicht strich. Da war sie ja. Die Kabine
123!
In seiner Erinnerung war sie zwar etwas näher zur Brücke gewesen, aber man ist
ja schließlich nicht die Liesel von der Post, nicht
wahr. Zwar mochte er nicht mehr klopfen und verzichtete mit einem leichten
Bedauern auf die Standpauke, aber er schob etwas verstohlen
aber mit Schwung den Brief unter der Kabinentür hindurch, dann kam das
wenigstens nicht wieder vor.
41.Folge: Eine weitere Diagnose (von Der schlaue Det)
Die
unvermutete Anwesenheit des Reeders hatte alle Besatzungsmitglieder ein wenig
nervös gemacht. Aus diesem Grund hatte Dr. Master seine Assistentin beauftragt
noch einmal alles in der Krankenstation auf seinen ordnungsgemäßen Zustand zu
überprüfen und die Türrahmen mit Desinfektionsspray zu reinigen. Es war nur
eine Frage der Zeit, bis der alte Werderaner auch hier auftauchen würde, um
seine Nase in Angelegenheiten zu stecken von denen er nichts verstand.
Natürlich hatte Det wie immer gemault, doch nachdem Master – immerhin war die
liebreizende Miss Tracy in Hörweite – ihr freundlich aber bestimmt zu verstehen
gab, wer hier wessen Assistent sei, musste sie klein beigeben und zog beleidigt
ab. Wenigstens dieses eine Mal hatte er triumphieren können, dachte sich
Master, als er sich voll stolz wieder Paula Tracy zuwand...
Det, mittlerweile in der Krankenstation angekommen, schlenderte durch die
Räumlichkeiten und überprüfte, ob auch alles an Ort und Stelle sei. Der schwere Geruch von
erkaltetem Zigarrenrauch hing in der Luft. Sie konnte und wollte es sich nicht
verkneifen ihren Chef als alte Pottsau zu bezeichnen, während sie demonstrativ
das Fenster aufriss. War es denn nötig, dass er bei seinen ach-so-verschwiegenen Unterredungen mit den
"Patienten", besonders diesem eigenartigen Sir Hilary, ein
gemütliches Zigarrchen mit ihnen paffte? Er als Arzt, sollte das doch wohl
besser wissen. Als sie wutschnaubend den Aschenbecher ins Meer
leeren wollte, fiel ihr auf, dass ein Blatt Papier unter den Schreibtisch gefallen sein musste.
Sie hob es auf und sah mit Erstaunen, dass es sich um einen Brief von der
Klinik unter Palmen handelte. Wo mochte der hergekommen sein? Und, was viel
interessanter war: Wo war die erste Seite? Sie konnte nicht widerstehen und
musste den Brief lesen. Es würde ja niemand merken, dachte sie sich. Doch was
sie da las erschreckte sie zutiefst. Bei Herrn Paulsen war die
mysteriöse und seltene Ciguatera, eine sehr
ungewöhnliche Fischvergiftung, diagnostiziert worden! Wie konnte
das möglich sein? Als sie vor der Tür ein Geräusch zu hören glaubte,
steckte sie schnell das Papier in ihre Hosentasche. In ihr keimte ein schrecklicher Verdacht...
42. Folge: Ein Traumpaar (von Scarlet)
Doch das, was Det gehört hatte war nur die Möwe Laura, die vom unkastrierten
Kater Mikesch aufgescheucht wurde und
krähend aufflog. Det atmete Tief durch, zum Glück hatte niemand gesehen, dass sie
den Brief gelesen hatte und legte ihn wieder zurück auf den Tisch. Um sich von dem
Schreck zu erholen putzte sie ausführlich die Türrahmen und desinfizierte die
Türschnallen…
Alle anderen waren noch – mit Ausnahme vom „Paten“ Werderaner – im Speisesaal
sitzen geblieben und beratschlagten ihre Lage. Lady
Patricia und ihr Leichtmatrose Nobbi, die gerade eben erst aus ihrem grün-gelb
verzierten U-Boot geklettert waren, das die Lady liebevoll mittels
Serviettentechnik verziert hatte - am Heck lösten sich schon sichtlich die
ersten Papierfetzen, sie sollte dringend wasserfeste Serviettentechnik
erfinden, das wäre eine Marktlücke - schlenderten selig
lächelnd in den Saal, wo sie von dutzenden verwunderten Augenpaaren gemustert
wurden. Wieso kamen die beiden jetzt erst und warum schauten sie so
überglücklich? Sie gingen direkt auf Falk Rickmers zu, der während Werderaners
Rede an Kats Nachbartisch platz genommen hatte.
Was wollten sie von ihm? Hatten sie einen Vorschlag, wie man die
Überfahrt beschleunigen könnte? Wollten sie die Werderania
etwa mit ihrem Atom-U-Boot umweltfreundlich abschleppen? Alle Blicke
waren gespannt und hoffnungsvoll auf die beiden gerichtet, was Lady Patricia
sichtlich genoss, so hat man sie nicht mehr angesehen , seit sie mit dem
olivgrün-gelb-blau gemusterten Ballonrock und der pinken
Puffärmel-Bluse bei der Gartenparty der Nachbarin der Queen erschien! Das war damals
ein Auftritt! Hach! Beinahe vergaß Lady K. weshalb sie überhaupt mit Rickmers
sprechen wollte… „ Also liebster Kapitän, Sie werden sich bestimmt gefragt
haben, warum mein liebster Nobbi und ich uns hierher zur Werderania begeben
haben. Nun ja, wie sie ja wissen, habe ich meinen Liebsten hier an Bord kennen
und lieben gelernt. Meine Alpha-Wellen schlugen sofort hohe
Wellen, als ich ihn zum ersten Mal sah. Das weiß ich ganz genau, denn mein
Biofeedbackgerät, das ich ständig trage, hat das in dem Moment genau angezeigt
und aufgezeichnet! Und Nobbilein fühlte sich auch
sofort zu mir hingezogen, wie konnte es auch anders sein. Stimmt’s
Nobbi? Ich habe sofort seine Alpha-, Beta- und Gammawellen getestet und die
stimmten einfach überein. So oft wir nur konnten haben wir die Zeit hier an
Bord miteinander verbracht, besonders schön waren immer die
Filmabende im Ballsaal! Da hatte ich immer einen Vorwand, meinem liebsten bei
den gruseligen Szenen bei „Harry Potter“ auf den Schoß zu hüpfen und vor Freude
zu quieken…na ja, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Wie auch immer, aus
diesem Grund…“, sie machte eine bedeutungsvolle Pause, „…aus diesem Grund haben
wir beschlossen, hier auf diesem Schiff zu heiraten
und sie Kapitän Rickmers sollen uns trauen. Würden sie das für uns tun?
Schließlich sind doch die meisten hier an Bord so etwas wie meine Familie, ich
liebe sie doch alle so sehr!“ Und weiter dachte sie: „Und für Nobbi ist es
wirklich endlich Zeit, dass er von seiner Mutter loskommt, das hatte ja schon fast ödipale Züge,
dieses ständige Getue ’Aber Kadylein, einmal im Jahr
muss ich sie doch besuchen, sie ist doch meine Mutter.’ Papperlapapp! Dem werde
ich schon zeigen, wo’s lang geht.“ Falk Rickmers schluckte kurz und schaute sich im Saal um,
gleichgültige Blicke und Schulterzucken um ihn herum. „Ähm,
ja, also Patricia, Nobbi, wenn das Ihr Wunsch ist, werde ich das
natürlich….ähm…gerne machen. Wie haben sie sich die
Zeremonie vorgestellt?“ „So schlicht wie möglich und
so bald wie möglich, aber trotzdem feierlich.“, antwortete Lady Patricia. „Ja
dann würde ich den heutigen Abend vorschlagen. Für heute Abend
war ursprünglich ein Ball geplant. Der Ball könnte dann trotzdem stattfinden
und sie beide sind dann sozusagen die Ehrengäste. Sind sie einverstanden?“ „Ja,
gerne, das wird bestimmt schön.“, meinte Patricia
und lächelte versonnen ihren Nobbi an, der sie verklärt ansah. „Was meinen
sie?“, wandte sich Falk an die anderen anwesenden. Applaus brandete im Saal auf
und Rickmers war zufrieden, er hatte den heutigen Abend gerettet.
Es war nicht mehr lange Zeit bis zum Ball, er sollte um 19:30 Uhr beginne. Der
Lunch würde wegen des späten Frühstücks entfallen, es war mittlerweile nämlich schon 12:20 Uhr. Es würde
einfach am Abend ein großes Galadinner zu Ehren des Brautpaares geben.
43. Folge: Der rote Faden [1. Teil] (von Der schlaue Det)
Nachdem
De Guy von Dr. Master als erschöpft, aber gesund
beurteilt wurde und mit einer handvoll Aspirin - gegen die Schmerzen der
zahlreichen Prellungen, damit er sich davon unbehelligt ausruhen konnte – auf
seine Kajüte geschickt wurde, suchte er noch einmal Kat auf und
bat sie eindringlich zu ihm in die Kabine zu kommen, bevor sie zum
Hochzeitsball ginge. Kat willigte ein und sie verabredeten, dass sie ihn
abholen würde.
Auch Kat entschloss sich mit einem Imbiss und einem guten
Buch die Zeit bis zum Beginn des Festes in ihrer Kabine zu verbringen, in der
Hoffnung ihre Gedanken und Gefühle gegenüber De Guy, Falk Rickmers und den
geheimnisumwitterten Mr. Butermaker sortieren zu können. Alle drei waren auf
ihre Art sehr anziehend und De Guy hatte sich schon als echter
Romantiker beweisen können. Aber, war es wirklich das was sie wollte? Sie
wusste es nicht...
Als die Zeit gekommen war sich auf das Fest vorzubereiten, entschloss sich Kat, dass zu
diesem Anlass ihr seegrünes, kniefreies Etuikleid genau das richtige sein
würde. Als sie umgezogen und frisiert war ging sie zu De Guys Kabine, immer
darauf bedacht nicht gesehen zu werden.
Als sie an De Guys Kür klopfte antwortete niemand. Kat dachte, dass er
vielleicht noch schliefe und ging hinein. Sie wollte nicht
Schuld sein, wenn er das Fest verpasste und wohlmöglich noch entlassen würde,
weil er seinen musikalischen Pflichten nicht
nachkam. Doch er lag nicht im Bett und auch aus dem Bad war kein Geräusch zu hören. Sie sah
sich im Zimmer um. Auf dem Boden entdeckte sie, vor dem Schrank, etwas Rotes. Sie
wollte es aufheben, da sie dieses rote etwas auf dem marineblauen Teppichboden
in ihrem ästhetischen Empfinden störte und merkte, dass es ein
Stück Faden war, der in der Schranktür eingeklemmt war. Verwundert öffnete sie
die Schranktür und sah zu ihrem Entsetzen den Ursprung dieses Fadens. Sie
konnte den Schrei, der sich ihrer Brust entringen wollte, kaum unterdrücken: In
De Guys Schrank hing... ein Rotgemusterter Strick-Poncho!
43. Folge: Der rote
Faden [2. Teil] (von Paula_Tracy)
Während
Kat sich noch über diesen merkwürdigen Strickponcho wunderte (schließlich war es
Sommer, und welcher Mann trug schon einen Poncho),
waren schon einige Passagiere und Teile der Besatzung
in den großen Ballsaal gekommen.
Anna Nümosia und die Gräfin unterhielten sich lebhaft, welches Kleid Lady
Patricia wohl tragen würde, und sogar die vernünftige Paula und die
liebreizende Baby Jane ließen sich davon anstecken. Miss Scarlet trug ein
cremefarbenes Spitzenkleid, das ihre schmale Taille
vorteilhaft betonte, die Gräfin hatte ein leichtes Cocktailkleid aus Shantungseide im Farbton „Azalee“ gewählt. Baby Jane führte
ihr neues rosafarbenes Satin-Ensemble aus, und Paula trug ein knallrotes Kleid
mit einem weiten Rock. Kurz: Die Damen sahen bezaubernd aus. Aber auch die
Herren konnten sich sehen lassen, allen voran Yeti-Klaus. „Eitler Gockel“,
meinte Baby Jane zu Paula verächtlich. „Ich verstehe gar nicht, weshalb ich
noch immer bei ihm bin. Nach der Reise mache ich Schluss. Ich glaube, ich liebe
Falk noch immer. Ich hätte mich nie scheiden lassen sollen.“
Nach einem kurzen Geplänkel betrat der Kapitän die Bühne, Baby Jane seufzte und
die bereits anwesenden Gäste nahmen Platz. Falk Rickmers nahm sein Mikrofon und
begann: „Meine lieben Gäste, heute haben wir ein ganz besonderes Abendprogramm.
Wir werden Zeuge, wie sich zwei Menschen zueinander bekennen
und zwar auf die stärkste Art und Weise, wie es zwei Menschen nur tun können. Sie
sagen „ja“ zueinander. Sie sagen: Ich will dorthin gehen, wo Du auch hingehst.
Ich habe ein ganz besonderes Verhältnis zu diesen beiden Menschen. Sie haben sich
hier – auf diesem Schiff – kennen gelernt. Zwei völlig unterschiedliche Menschen sehen sich und
wissen: Sie sind für einander bestimmt. Und heute: Die Krönung ihrer Liebe. Und
wir alle werden Zeuge sein.“ Kurze Pause, Falk Rickmers räusperte sich. „Nun,
unser Pianist ist noch nicht da, um das traditionelle Hochzeitslied zu spielen,
daher möchte ich die Bühne erst einmal freigeben für einen unserer
Schiffsjungen: Hier kommt Willi! Er hat heute eine große Überraschung für Sie, aber was
es ist – das will er Ihnen selbst sagen. Applaus für unseren Willi!“
43. Folge: Der rote
Faden [3. Teil] (von Paula_Tracy)
Die
Tür klapperte, und Kat erschrak. Da stand er: De
Guy, wie immer etwas verwirrt aussehend, mit einem gütigen, milden Lächeln auf
den Lippen. Kat lächelte unsicher zurück und meinte: "Das ist ein schönes Kleidungsstück,
dieser Poncho... Woher hast Du ihn?" De Guy kam näher, fasste sie um die
Taille und sah ihr tief in die meerblauen Augen. "Ist das wichtig?"
flüsterte er. "C&A, Kaufhof, Karstadt oder Hertie - Namen sind Schall
und Rauch, nur Gefühle sind wichtig..." Langsam ließ er seinen Zeigefinger
unter den Träger ihres seegrünen Etuikleides gleiten (das im Übrigen überhaupt
nicht zu den meerblauen Augen passte), während seine andere Hand... Kat riss
sich los, denn De Guy hatte eine so schreckliche
Knoblauchfahne, dass ihr ein weiteres Näher kommen unerträglich geworden wäre.
"Du warst schon am Buffet?" fragte sie. "Ja, es
gibt ein ausgezeichnetes Zaziki", meinte De Guy. "Sollen wir heute
nicht lieber in der Kabine bleiben?" flüsterte er und kam wieder näher.
"Nur wir beide? Ich habe zwar das Gefühl, Dich schon ewig zu kennen,
weiß aber gar nichts von Dir... Wir sollten uns endlich besser kennen
lernen..." "Nicht heute Abend", wich Kat aus, "ich brauche
noch etwas Zeit, und die Überfahrt ist noch so lang... Außerdem will ich nicht
ins Gerede kommen, diese Anna Nümosia sieht alles. Und wenn sie es weiß, weiß
es bald das ganze Schiff." De Guy lächelte milde. "Das kann ich
verstehen, mein Liebstes. Dann gehen wir heute wohl auch zu der Hochzeit. Ich
muss ja ohnehin den Hochzeitsmarsch spielen, danach hätte
ich erst frei gehabt... Dann gehöre ich ganz Dir!" Kat schloss die Augen. Wie
sollte sie ihm nur sagen, dass sie gegen Knoblauchgeruch allergisch war? Wie sollte sie
ihm heute nur aus dem Weg gehen, ohne dass er böse auf sie war? War das die
erste Prüfung ihrer jungen Liebe?
Während draußen Schiffsjunge Willi von seinen Kollegen Mickey und Anarky
gnadenlos ausgebuht wurde, machten sich ernste Zweifel in Kats Herzen breit -
würde sie diese Allergie nicht überwinden können, wenn sie ihn wirklich liebte?
War es ein Zeichen?
44. Folge: Zaziki und Käsesahne (von
Paula_Tracy)
Willi
war stinkwütend. Diese Zwerge bildeten sich ein, ihn,
den Chef der Schiffsjungen, auslachen und ausbuhen zu müssen! Dabei sang er
genauso gut wie Heino, und seine Version von „Blau, blau, blau blüht der
Enzian“ war einfach genial. Heino suchte einen Nachfolger, der in seine
Fußstapfen treten wollte, und Willi hatte sich heute Nachmittag persönlich in
seiner Kabine beworben. Heino hatte zwar etwas merkwürdig gewirkt, als Willi
anfing zu singen und noch merkwürdiger, als er aufhörte, aber das war sicher
auf seine Kopfschmerzen zurückzuführen, die er angab, als er
Willi bat, ihn allein zu lassen. Mit ihm würde Heino einen würdigen Nachfolger
gefunden haben! Und nun pfiff Mickey und Anarky rief „Buh“ – aber ihm war schon klar, dass Mickey
den nur aufgehetzt hatte. Mickey war scharf auf seinen Posten
und er sägte bei jeder passenden Gelegenheit. Na warte!!!
Ehe sich der verdutzte Mickey versah, war Willi von der Bühne gesprungen und
stürzte sich auf ihn. Eine muntere Prügelei begann, Willi versetzte Mickey
einen derartigen Kinnhaken, dass dieser in die Schüssel mit Zaziki am Buffet
fiel. Sofort formierte sich ein Kreis um die prügelnden Jungen, und Mickey
revanchierte sich, in dem er Willis Kopf in die Ananas-Bowle tauchte. Das ließ
Willi sich natürlich nicht gefallen, und Mickey machte Bekanntschaft mit der
Käsesahnetorte. Es wäre sicherlich noch weiter gegangen, wenn da nicht
unerwartet jemand eingegriffen hätte, von dem man es am wenigsten erwartete...
...
es war der stille Städteplaner Tom, der sich die beiden schnappte und sie anherrschte: "Jetzt ist
aber mal Ruhe! Das ist doch kein Kindergarten!"
45. Folge: Ziel
verfehlt (von Scarlet)
Augenblicklich
waren die beiden Schiffsjungen ruhig, überrascht darüber, dass der
sonst so zurückhaltende Tom die Beherrschung verlor. Mickey sah
den Städteplaner sprachlos – und das kam bei Mickey nicht allzu oft vor – an.
Diese Gelegenheit nutzte Willi und versetzte ihm einen kräftigen Tritt gegen
das Schienbein, woraufhin dieser markerschütternd aufschrie. Dieser Angriff
konnte nicht ungerächt bleiben und so setzte Mickey zu einer erneuten Attacke
an. Tom gelang es nur mit großer Mühe, die beiden Streithähne auseinander zu
halten.
Dr. Tracy war gerade wieder dabei, ihre bewährte Betäubungsspritze auszupacken,
als Xhosa eingriff. Xhosa, die im traditionellen Feiertagsgewand des Stammes
der Xhosa erschienen ist, zog ein Blasrohr aus ihrem Gürtel,
das zu der Tracht gehörte, die sie trug und füllte den dazugehörigen Pfeil mit
Paulas Serum. Blitzschnell und gekonnt
zielte sie und traf… Lady Patricia. Diese war gerade in den Saal gekommen, um
nachzusehen, ob alles in Ordnung war, denn sie hatte anstatt des Hochzeitsmarschs nur ein lautes
Poltern und Schreien gehört. Da bemerkte sie den Streit zwischen Willi und Mickey.
Jetzt konnte sie zeigen, was sie in ihrem Mediatoren-Fernkurs
alles gelernt hatte, dachte sie. Übereifrig war sie zur Stelle um einzugreifen
und den Streit zwischen den beiden
Schiffsjungen zu beenden, denn sie wollte, dass bei ihrer Hochzeit alles
friedlich und harmonisch verläuft.
Erschrocken starrten alle auf Lady Patricia, die
taumelte und nur mehr ein „Ja, ich will!“ flüsterte, bevor sie bewusstlos in
Yeti-Klaus’ starke Arme sank. Yeti-Klaus hatte blitzschnell reagiert, als er
den Giftpfeil kommen sah. Sofort sprang er, ohne Rücksicht auf seinen
tiefseeblauen Armani-Anzug, auf, um der Lady beizustehen. Durch sein
heldenhaftes Handeln hatte er Schlimmeres verhindert und Baby Jane war sehr
stolz auf ihn.
Xhosa machte sich fürchterliche Vorwürfe, dass sie Mickey, ihr eigentliches
Ziel, verfehlt hatte und anstatt dessen die Braut getroffen hatte. Tom, der ja
alles aus allernächster Nähe miterlebt hatte, versicherte ihr, dass sie keine
Schuld trifft, nicht einmal er hätte bemerkt, dass Lady Patricia auf einmal
neben ihm stand. Auch Leo, die neben Xhosa stand, als diese den Pfeil abfeuerte,
bestätigte, das Lady K. ganz plötzlich zwischen die beiden
Schiffsjungen sprang, sodass gar keine Chance bestand, das Unheil zu
verhindern.
Nachdem sich alle einigermaßen beruhigt hatten, beschloss man Nobbi, der
noch immer vor dem Ballsaal auf das Erklingen des Hochzeitsmarsches wartete zu
informieren, was geschehen war. Doch wer
sollte diese schwierige Aufgabe übernehmen?
46. Folge: Der
Schlachtplan (von Paula_Tracy)
Ungeduldig
trat Nobbi von einem Fuß auf den anderen. Warum ertönte denn der Hochzeitsmarsch noch nicht?
Stattdessen schienen sich drinnen irgendwelche Typen zu schlagen – bestimmt
wieder Mickey und Willi, er kannte das noch von früher. Spinnefeind waren sich
die beiden Jungs. Mickey war scharf auf Willis Job,
und Anarky machte mit. Ach ja, als er noch auf dem Schiff war, hatte ein Wort
von ihm genügt, und die beiden waren ruhig. Vielleicht sollte er... Doch da war
ja... Kaschi! Sein alter Freund! Mensch, der sah ja belämmert
drein. „Hey Kumpel, was ist passiert?“ fragte Nobbi, als Kaschi einfach, ohne ihn zu
beachten, an ihm vorbei wollte. „Ach Nobbi, Du bist es...“ Kaschis Augen blickten ein
wenig glasig, fast, als ob er zu tief ins Glas geschaut hatte. „Weißt Du,
wer auf dem Schiff ist? Baby Jane. Du weißt doch...“ Nobbi schlug sich vor die
Stirn. „Na klar! Deine alte Liebe, die Ex vom Chef! Das ist ja dumm für Dich.“
Kaschi nickte sorgenvoll. „Ja, und sie ist immer
noch mit diesem Bergsteiger zusammen – seit 17 Jahren. Wankelmütigkeit kann man
ihr wirklich nicht vorwerfen.“ „Aber... das war doch immer rein platonisch zwischen ihr und Dir?“
fragte Nobbi behutsam (er hatte von Patricia einiges gelernt, er war Mr.
Einfühlsam persönlich). „Nicht nur das“, meinte Kaschi, „sie weiß noch
nicht einmal, was ich für sie empfinde. Damals in Wuppertal hatte sie nur Augen
für den Captain, danach nur für diesen Gockel. Ich weiß nicht, was ich machen
soll.“ „Du musst sie auf Dich aufmerksam machen!“ rief Nobbi. „Aber wie?“ Kaschi war ratlos.
„Vielleicht sollte ich ihr was vorjodeln? Das haben wir früher gerne gemacht.
Ich war besser als der Captain, und Baby Jane fand das immer toll.“ „Hm – das
wäre zwar eine Möglichkeit, aber jodeln kann Yeti-Klaus auch, damit kannst Du
ihr nicht imponieren!“ fand Nobbi. „Vielleicht solltest Du ihr einfach zeigen,
dass andere Frauen Dich attraktiv finden. Manche Frauen werden erst dann auf
einen aufmerksam und werden interessiert. Lass mal überlegen: Gibt es hier auf
dem Schiff eine Frau, die das mitmachen würde? Die so tun würde, als ob sie
ganz verrückt nach Dir wäre?“ „Ach was, das macht keine mit“, resignierte Kaschi. „Was ist mit dieser
Arzthelferin? Die hat ein paar Mal in Deine Richtung geschaut, als wir ankamen
und Du dieses verschwitzte T-Shirt
trugst.“ „Det?“ fragte Kaschi erstaunt. „Det schaut in meine
Richtung?“ Nobbi fasste Kaschi um die Schulter.
„Jetzt pass mal auf, wir gehen jetzt in den Maschinenraum, lassen uns
von Gandalf ein Bier bringen und hecken einen Schlachtplan aus!“ Mit keinem
Gedanken mehr dachte Nobbi an seine Lady, er war nur vom Gedanken beseelt,
seinem alten Freund zu helfen. Und während er mit Kaschi und dem Chef-Steward
Gandalf, der die Reste der Käsesahne und des Zazikis mitbrachte, überlegte, wie
man Baby Jane auf Kaschi aufmerksam machen
konnte, suchte man auf dem ganzen Schiff nach Nobbi. Wo war der Bräutigam?
Sollte denn wieder alles schief gehen an diesem
Abend? Konnte auf diesem Schiff nicht einfach mal etwas normal laufen? Die
Braut bewusstlos, der Bräutigam verschwunden, keine
Käsesahne – kein Steward zum Bedienen der Gäste... Was würde wohl als nächstes
kommen?
47 Folge: Eisberg
voraus
(von
cessnaritter)
Ja,
was würde wohl als nächstes kommen? Kümmerte sich überhaupt noch jemand darum,
wohin dieses Schiff eigentlich gesteuert wurde? Durch die amourösen
Verwicklungen mittlerweile fast aller leitenden Offiziere des Schiffs, war es
niemanden aufgefallen, wie die Werderania immer mehr nordwärts driftete und so
in die berüchtigte Labradorströmung kam, die ja bekanntlich die Heimat vieler
kleiner und großer Eisberge war.
Zu allen Verwirrungen des Tages hörten Passagiere wie Mannschaft plötzlich zunächst
ein Knacksen und dann eine männliche Stimme aus den Lautsprechern:
"Achtung, Achtung! Eisberg voraus!"
Alle sahen sich erschrocken an. Eisberge?
Wo? Und wer sagte dies? Die Stimme aus den Lautsprechern kam kaum jemanden bekannt vor.
Da ging auch schon ein Zittern und Stampfen durch das Schiff.
Offensichtlich versuchte man auf der Brücke, zu retten, was zu retten war.
Eine Sirene begann zu heulen, der Kapitän stürmte auf die Brücke und mit ihm
auch der Reeder und der Reiseveranstalter.
"Was hat dieser verdammte 1.Offizier nun schon wieder
angestellt?" presste der Kapitän beim Spurt auf die Brücke hervor. Auf dem
Weg dorthin kam ihnen schon Fischkrepp entgegen.
"Captain!" rief er laut. "Captain, wir sind auf Eis
gelaufen!" sprudelte er atemlos hervor. "Ich habe gleich Volle Fahrt
zurück und Ruder hart steuerbord befohlen, aber es war zu spät, wir haben eine
Eisscholle gerammt!"
"Meinen Sie, dass das Schiff schwer beschädigt ist?"
fragte der Reeder.
"Keine Ahnung!", meinte der Kapitän. "Aber auf jeden Fall haben
die Passagiere erst einmal die Rettungsboote aufzusuchen. Und jeder, der
mindestens 3x "Die letzte Nacht der Titanic" gesehen hat, bekommt das
Kommando über ein Rettungsboot, verstanden?"
"Aye, aye, Captain!" sagte Fischkrepp dienstbeflissen
und stürmte davon.
48. Folge: Wer wird Filmionär? -
Der Untergang der Titanic + Nachtrag (von Paula_Tracy und cessnaritter)
"Meine
Sonnenbänke, meine Sonnenbänke!" rief H. G. Werderaner wie von Sinnen.
"Das sind Prototypen - Captain, Sie müssen die Werderania in jedem Fall
über Wasser halten - sie darf nicht sinken. Ich mache Sie persönlich für meinen
Verlust verantwortlich." "Wenn Sie meinen!" fuhr Falk ihn an.
"Ich bin vor allen Dingen für meine Mannschaft, meine Passagiere
und deren Leben verantwortlich. Ihre Sonnenbänke sind wirklich das letzte,
worum ich mir momentan Gedanken mache. Gehen Sie sofort an Deck und folgen Sie
den Anweisungen meiner Mannschaft." Der eisige
Blick, mit dem er bedacht wurde, verfehlte seine Wirkung nicht. Werderaner
ging, doch er nahm sich vor, diesen Kapitän so bald wie möglich seines Amtes zu
entheben.
Auf dem Oberdeck war Panik ausgebrochen. Anna Nümosia und die Gräfin hielten
sich weinend in den Armen, Kat hatte sich den roten Poncho von De Guy um ihre
nackten Schultern geschlungen und starrte
fassungslos hinaus. Sollte die Werderania tatsächlich untergehen? Ihr junges
Glück schon vorbei sein? Was zählte wirklich im Leben?
War es wirklich so schlimm, dass De Guy ein
Freund von Knoblauch war? Vielleicht war es in einigen Minuten schon zu spät, jemals
darüber nachzudenken...
Dr. Few Master und Det hatten Mühe, die aufgeregte Menge zu beruhigen. Heino schlug wild um sich, und
nur Willis Versprechen, ihm bald wieder etwas vorzusingen, konnte ihn zum
Schweigen bringen. Paula und Baby Jane machten sich auf, um eventuell in den
Kabinen verbliebene Passagiere aus diesen zu holen. Fischkrepp, Mickey und
Anarky machten währenddessen die Rettungsboote klar.
"Man merkt gar nicht, dass wir sinken", meinte Scarlet zu
Cessnaritter. "Wir sinken ja auch nicht", sagte der nur. "Das
ist nicht die Titanic, und der Autor hat dies nur aus dramaturgischen Gründen eingebaut.
Dies ist das neueste Rätsel aus dem Filmionär - "Der Untergang der
Titanic" - natürlich nur der Film mit Barbara Stanwyck!
Ich mag diese neuen Filme nicht - die alten sind viel besser. Gleich wird der
Kapitän Entwarnung geben, und wir werden zurück in den Ballsaal gehen. Und dann
werde ich Sie um einen Tanz bitten, Miss Scarlet..."
"Aber solange werden wir zumindest noch so tun, als ob wir sinken!"
keuchte Fischkrepp. "In die Rettungsboote, Frauen und
Kinder zuerst!"
Insgeheim freute er sich darüber, dass sein Plan funktionierte. Natürlich hatte
die Werderania nur eine Eisscholle ganz sanft
gestreift, das Schiff war überhaupt nicht beschädigt. Aber sobald
alle Passagiere und Mannschaftsmitglieder in den
Rettungsbooten saßen, würde er auf die Brücke zurückkehren und mit dem Schiff
fliehen. Dann hatte er es endlich geschafft. So war sein
düsterer Plan.
Würde es ihm gelingen?
49. Folge: Zu den
Rettungsbooten (von Scarlet)
Filmionär?
Rätsel? Miss Scarlet war verwirrt. Was hatte der Cessnaritter damit gemeint?
Gestern Abend hatten die Damen in Gräfin Ermakovas klimatisierter Kabine ein
paar Runden „Filmionär“ gespielt und tatsächlich wurde auch einmal nach dem
Film „Untergang der Titanic“ gefragt. Natürlich hatte sie den Film nicht
erraten, überhaupt hatte sie die meiste Zeit nur still daneben gesessen und
kaum einen Film erraten, nach dem gesucht wurde. Aber es war jetzt nicht die
Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Viel wichtiger war, dass der
Cessnaritter gesagt hat, dass das Schiff ja gar nicht sinken würde (woher
wusste er das bloß?) und auch Fischkrepp hatte gesagt,
dass man nur so tun würde als ob… Na ja, damit konnte sie leben, sie würde das
Spiel einfach mitspielen. Sie würde diese hässliche orangefarbene Schwimmweste
anlegen und sich gemeinsam mit dem Cessnaritter zu einem der Rettungsboote
begeben. „Es werden ja wohl hoffentlich genug Boote da sein, denn wie gesagt,
wir sind ja nicht auf der Titanic, wir tun ja nur so…“, dachte sie und begab
sich ruhig zu den Rettungsbooten, wo sie warten wollte, bis endlich die
Entwarnung des Kapitäns kam…
Auch die anderen Passagiere machten sich auf den Weg zu den Rettungsbooten und
trugen dabei ihre Schwimmwesten. Die immer noch bewusstlose Lady Patricia hatte
man der Gräfin Ermakova und Anna Nümosia anvertraut. Sie nahmen sie in die
Mitte und schleppten sie zu den Booten. Auch Dr. Tracy und
Baby Jane erschienen jetzt wieder, um mitzuteilen, dass sich
niemand mehr in den Kabinen befand. Jetzt wurden der Reihe nach die Boote
beladen, wie üblich durften zuerst die Damen einsteigen. Danach begaben sich
die Herren in die kleinen Boote. Nach den Passagieren stiegen dann auch die
Crew-Mitglieder ein. Komischerweise fehlten
Gandalf, Kaschi und Nobbi. Jedoch beschloss man, nicht weiter
nach ihnen zu suchen, da man vermutete, dass sie eines der Boote an der
Backbordseite genommen hätten. Sie kannten sich ja schließlich bestens aus,
was in einem solchen Fall zu tun war, sie hatten schon an zahlreichen
Übungen teilgenommen. Zum Glück ist der Ernstfall – bis heute – noch nie
eingetreten.
Außer dem Kapitän und dem ersten Offizier befand sich nun niemand mehr an Bord
und die in den Booten Sitzenden warteten darauf, dass diese zu Wasser gelassen
würden (und Miss Scarlet wartet zusätzlich auf die Entwarnung durch den
Kapitän).
50. Folge: Auf der
Brücke
(von
Scarlet)
Während
also die Rettungsaktion in vollem Gange war, stand der erste Offizier Fischkrepp auf der Brücke
und hantierte mit den Instrumenten, Plänen und Zirkeln, verglich verschiedene Distanzen auf
den Seekarten, die vor ihm ausgebreitet lagen. Er war ganz auf seine Arbeit
konzentriert und wiegte sich zudem in Sicherheit, da er alle anderen bei den
Rettungsbooten glaubte. Allerdings hatte er da nicht mit dem Kapitän gerechnet
und so zuckte er zusammen, als dieser plötzlich hinter ihm stand und ich
ansprach.
Fischkrepp hatte nicht bemerkt, dass leise die
Türe aufgegangen und der Kapitän eingetreten war. Einige Zeit lang stand er schon dort und hatte den
Offizier beobachtet, gerade lange genug, um sich zusammenreimen zu können, was
dieser vorhatte. „Was haben sie eigentlich vor?“, fragte Rickmers. „Haben sie
denn wirklich gedacht, dass ihr Plan gut gehen könnte? Wie wollten sie es
anstellen, das Schiff zu entführen? Sie haben doch nicht allen Ernstes gedacht,
ich würde mein Schiff, die Werderania, im Stich lassen! Sie wissen doch so gut
wie ich, dass der Kapitän selbst immer zu letzt in eines der Rettungsboote
steigt und sollte dort kein Platz mehr sein, so bleibt der Kapitän bei seinem
Schiff und geht mit ihm unter! Oder haben sie noch nie den „Untergang der
Titanic“ gesehen?“ Rickmers machte eine Pause. „Aber ich habe mir schon gedacht, dass sie
so etwas in der Art vorhaben, sie intriganter Fischkrepp, sie!“ setzte er
fort, „Aus diesem Grund habe ich heute auch diese nicht angekündigte
Notfallsübung angesetzt. Deshalb habe ich auch vor einigen Tagen die Sirene
getestet. Ich habe damals das bezaubernde Fräulein Kat gebeten, die Schuld
dafür auf sich zu nehmen, damit sie keinen Verdacht schöpfen. Der
Cessnaritter war von Anfang an eingeweiht in meinen Plan und sie sind darauf
reingefallen, sie Stümper! Sie sind überführt, ich hoffe, das ist ihnen klar?
Aber ich will mal nicht so sein. Aufgrund unserer langjährigen Zusammenarbeit
und Bekanntschaft will ich ihnen noch eine Chance geben.“
Er dachte an die gemeinsam verbrachten Nächte in den Hafenkneipen mit den Karaoke-Shows zurück, „Aber ich warne sie, sollten sie sich
noch einmal gegen mich wenden…“, er sah Fischkrepp drohend an „Ich
kenne ihre wahre Identität, vergessen sie das nie!!“ Der Offizier sah den
Kapitän sprachlos und schuldbewusst an und
senkte den Kopf. „Und jetzt geben sie das Mikrofon her!“, schrie ihn Rickmers an.
Er reichte es ihm. „Liebe Mitreisende, liebe Kollegen!“, wandte sich Rickmers
mittels des Mikrofons an die Schiffsbesatzung, „Hiermit erkläre ich diese
Notfallsübung offiziell für beendet. Es tut mir leid, dass ich sie über die
Tatsache, dass es sich hier um eine Übung handelte, im Unklaren gelassen habe,
aber um es möglichst realitätsnah zu gestalten, musste ich ihnen das leider
vorenthalten. Ich beglückwünsche uns alle, dass diese
Übung so positiv verlaufen ist und danke ihnen für ihr Verständnis! Als Entschädigung für diese
Unannehmlichkeiten, freue ich mich, ihnen mitteilen zu können, dass der Ball wie
geplant stattfinden kann! Sollten sie noch Fragen an mich haben, sie finden
mich im Ballsaal, dort stehe ich ihnen zur Verfügung!“ Noch einmal blickte Falk
Rickmers strafend auf den ersten Offizier: „Nun bringen sie das Schiff auf Kurs
und denken sie daran, was ich ihnen gesagt habe. Von mir wird niemand etwas von
dem Vorfall hier erfahren.“ Dann drehte sich Falk um und ging.
51. Folge: Frauen am
Rande des Nervenzusammenbruchs / Die Katastrophe (von Helli Gräfin E.,
Baby Jane und Scarlet)
Nach
der Entwarnung kletterten die Damen, unterstützt von den Galans der Werderania,
aus den Rettungsboten und eilten in ihre Kabinen, um sich frisch zu machen. Die Herren
zogen sich geschlossen an die Bar zurück - man wollte sich
einen Erfrischungsdrink gönnen und den Ablauf der Übung
analysieren: "Krombacher - eine Perle der Natur" rief Cessnaritter
und versuchte, sein Bierglas in die Kamera zu halten. Captain Rickmers schob ihn unsanft zu
Seite: "Einmal noch einen deiner subtilen Schleichwerbungsversuche und ich
quetsche deine verdammte Seifenkisten-Cessna
eigenhändig zu einem handlichen, kompakten Schrottpaket." Cessnaritter schwieg gekränkt. Die
anderen Männer lachten dreckig.
Kats Kopf hämmerte und pochte, dass es eine Qual war. Die Kopfschmerzen (die Aufregung
der letzten Tage forderte ihren Tribut) machten sie fast wahnsinnig und sie
begab sich auf die Suche nach einer Aspirin, die sie zum Glück auch von Det,
der freundlichen jungen Arzthelferin bekam. Dankend nahm sie das Angebot an und
setzte sich auf einen Stuhl neben Dets kleinem Schreibtisch, um die Wirkung der
Tablette abzuwarten. Es lief alles mal wieder so anders, als gedacht!!
Sie war regelrecht froh, in dieser kleinen stickigen Kabine Zuflucht zu finden
und Ruhe, auch vor De Guy, den sie, Knoblauch sei Dank, im Moment am liebsten
nur noch von hinten sehen würde.
Warum war das Leben so schwer?
Kats Gedanken flossen zurück in die Jugendzeit, damals, an die unbeschwerten Tage auf dem
Internat Lindenhof, im Kreise der Freundinnen. Oh ja, wie sehr würden sie jetzt
die munteren Zwillinge Hanni und Nanni trösten, wie sehr bräuchte sie jetzt den
verständigen Rat der Klassensprecherin Hilda oder hätte Lust, manch munteren
Streich mit Bobby und Jenny zu spielen, selbst die weinerliche Elli wünschte sie nun an ihrer Seite.
Und die Mitternachtspartys!
Kat lachte auf, was von Det mit einem fragenden Blick quittiert wurde.
"Entschuldigen Sie, Det. Aber ich dachte gerade an
meine Internatszeit zurück. Kennen Sie Lindenhof? Die Direktorin Frl. Theobald
hatte die gütigsten Augen der Welt und unsere Französischlehrerin Mamsell
verlor ständig ihre Haarnadeln aus dem Dutt. Dort habe ich gelernt, was
Gerechtigkeit bedeutet und das jeder vor eigenen Haustüre kehren sollte, sowie
im Glashaus nicht mit Steinen zu schmeißen." Die junge
Det verneinte, erzählt aber, dass ihre Eltern sie hätte nach Schloss Einstein schicken wollen, da es
dort keine Werbepausen gab. Letztlich hätten sie aber kein Geld gehabt und für
ein Stipendium, hier senkte Det etwas verlegen die Stimme, habe sie einfach
nicht genügend gelernt gehabt, so dass sie bei der Aufnahmeprüfung
durchgefallen sei.
Die beiden kamen ins Plaudern und Kat merkte, wie sie sich zunehmend
entspannte. Das war es, war ihr hier fehlte, Freundinnen! Die mit einem durch
dick und dünn gehen! Da lösen sich so manche Probleme von selbst. Und war nicht
schon in der Kabine der Gräfin, als sie alle
miteinander Filmionär spielten, so etwas wie eine Gemeinsamkeit aufgekommen?
Kat stand entschlossen auf. " Wissen Sie was, Det? Ich
mache eine Mitternachtsparty. Ohne die Jungs. Sie lade ich hiermit als Erste
ein, dann können wir mal alles besprechen, was so anliegt. Wo kann man denn
hier Proviant klauen?"
Det verstand zwar nicht ganz, was los war, half aber bereitwillig bei den
Vorbereitungen und schrieb sogar auf Kats
bitte hin kleine Einladungskarten, an die auf dem Schiff befindlichen Damen.
Die Aufregung der Katastrophenübung war bald vergessen, als die letzten
Sonnenstrahlen das Deck des Schiffes in schimmerndes Gold
tauchten und sich auch die Damen (bereits in Ballgarderobe) wieder an die Bar
gesellten. Man plauderte und schlürfte gerade bunte
Cocktails, als Gräfin Ermakova gellend zu schreien begann:
"Der Hund! Der Hund! Seht doch, der Hund!"
Pudel Chrisquito war an Heino hochgesprungen, hatte sich dessen
Designer-Sonnenbrillen geschnappt und rannte mit
der Beute im Maul im Kreis, wobei er seine spitzen Zähne fest in einen der
breiten schwarzen Bügel gebohrt hatte. Man hörte Heino
laut aufstöhnen - doch da war Schiffsjunge Willi zur Stelle. Mit einem Satz
warf er sich auf den lichtempfindlichen Barden und presste seine Wange auf
dessen Gesicht, um ihn vor Blendung zu schützen. "Ruhig,
ganz ruhig, Heino", flüsterte Willi begütigend, seine Lippen in Heinos
weißblondes Haar gepresst, "Ich beschaffe dir eine
Ersatzbrille - koste es, was es wolle!"
Dr. Few Master hatte einige Mühe, Willi von Heinos Körper loszueisen und ein
Tuch, das er in seinem russischen Arztköfferchen
ständig mitführte, über des Sängers Haupt zu breiten.
Paula Tracy beobachtete sein professionelles Eingreifen mit Wohlwollen, während
sie dem Schiffsarzt assistierte und Heinos Hand hielt. Da beugte sich Heino vor
und flüsterte Paula Tracy ins Ohr: "Ich flehe Sie an, junge Frau,
telegraphieren Sie meiner Frau. Hannelore soll mich hier RAUSHOLEN!"
Verständnisvoll drückte Dr. Tracy seine Hand.
52. Folge: Chrisquito
lebt (von Paula_Tracy)
Nobbi,
Kaschi und Gandalf hatten von den aufregenden
Vorfällen an Deck überhaupt nichts mitbekommen. Das lag unter anderem an Kaschis selbstgebranntem
Korn, den er seit Jahren unter der Hand an die Passagiere weiter verkaufte (ein
zweites Standbein schadete nie) und an dem
russischen Wodka, den Gandalf aus dem Medizinschränkchen von Dr. Few
Master geklaut hatte. Sogar Nobbi, der eigentlich einen klaren Kopf wegen der
bevorstehenden Hochzeit behalten wollte, hatte sich zu fünf, sechs klaren
Schnäpschen überreden lassen... Er erzählte den
staunenden Zuhörern, was er und Lady Patricia seit ihrer Kündigung an Bord
alles erlebt hatten, und alle vergaßen die Zeit. Während oben die Rettungsboote
zu Wasser gelassen wurden, zog man in den Frachtraum um. „Was ist das denn?“
staunte Gandalf, der selten nach unten kam. „Solar...solar...Solardingsbums“,
meinte Kaschi. „Sonnenbänke. Von meinem alten Kumpel
Werder.“ „Das is ja’n Ding!
Kann man die ausprobieren?“ fragte Gandalf begeistert und öffnete eine der
größeren Bänke. „Ein bisschen Farbe schadet ja nie!“ sagte
Nobbi, dem ganz schummerig war. „Wär’
das nichts für den Heino? Der soll ja ein Albino sein, hab’ ich gehört... Ich nehm’ die hier“, auch Nobbi kletterte unter einen
Sonnenhimmel. Mein Gott, war er froh, sich endlich hinlegen zu können, alles
drehte sich um ihn. Ob einer von den Schnäpsen schlecht war? „Kaschi, schaltest Du mal den
Strom an?“ Kaschi nickte gedankenverloren, wurde aber
abgelenkt, als er ein sanftes Jaulen aus der hintersten Ecke vernahm. „Habt Ihr
das gehört?“ fragte er, doch Nobbi und Gandalf reagierten nicht mehr, sie
hatten den Sonnenhimmel schon heruntergelassen –
niemand würde auf die Idee kommen, dass jemand darunter lag. Kaschi stolperte mehr, als
er ging, auf die Ecke zu, aus der die Geräusche kamen. „Chrisquito!“
rief er erstaunt aus, „Viele Chrisquitos!“ Tatsächlich, aus dem kleinen
Hundekörbchen schauten ihm nicht nur ein Hund, der dem toten
Chrisquito verdächtig ähnlich sah, sondern auch noch vier kleine Welpen,
entgegen. „Chrisquito!“ sagte Kaschi wieder, nahm sich
eines der Welpen heraus und legte es sich auf die Brust. „Dass wir uns noch mal
wieder sehen...“ Er setzte sich in die Ecke, dachte an die alten Zeiten mit
seinem Schäferhund Zito und Kater Mikesch dem Ersten und schlief ein... Und noch
immer ahnte niemand, was in der Zwischenzeit alles passiert
war...
53. Folge: Soda und Gomorrhum (von Paula_Tracy, Scarlet und Baby Jane)
Und
während Schiffsjunge Willi hinter Pudel Chrisquito herjagte und versuchte, von
der teuren Brille zu retten, was noch zu retten war, da machte Sir Hilary eine schreckliche
Entdeckung... Auf diesem Schiff ging es ja zu wie in Soda und Gomorrhum!
Dr. Few Master kümmerte sich immer noch um den völlig hysterischen Heino, und obwohl
Paula eigentlich nicht müde wurde, seinen Bemühungen zuzusehen, machte sie sich
nun doch auf den Weg in den Funkraum, um die Bitte des Sängers zu erfüllen und
Hannelore ein Telegramm nach Bad Münstereifel zu schicken. Zugleich dachte
sie darüber nach, welch ein Lied sie sich dafür von Heino wünschen sollte, wenn es
tatsächlich jemals zu dem angedrohten Auftritt kommen sollte. Vielleicht
„Schwarzbraun ist die Haselnuss“ oder doch lieber „Caramba,
Caracho, ein Whiskey“? Paula erschrak zu Tode, als
plötzlich Sir Hilary wie ein Geist vor ihr stand und bevor sie etwas sagen
konnte, ihr den Mund zuhielt. „Miss Tracy, keinen Ton! Ich muss Ihnen etwas
zeigen – aber bitte keinen Ton! Ich habe eine schreckliche Entdeckung
gemacht! Kommen Sie mit, Sie müssen helfen!“
54. Folge: Sir Hilarys
Entdeckung (von Scarlet und Baby Jane)
Mit
schreckensweiten Augen nickte ihm Paula zu. Als Sir
Hilary die Hand von ihrem Mund nahm, musste Dr. Tracy erst einmal tief
durchatmen. Er wischte sich den Schweiß
von seiner Stirn. Paula merkte, dass er am ganzen Körper bebte und sein Hemd an
ihm klebte. "Kommen Sie mit mir. Aber ich flehe Sie an, Miss Tracy, seien
Sie leise", flüsterte er. Sie machte Sir Hilary klar, dass sie zuerst das
Telegramm an Hannelore schicken müsste, da sie
es Heino versprochen hat. Sir Hilary willigte ein, „Aber dann müssen sie sofort
mit mir kommen, es ist wichtig!“, sagte er.
Schnell funkte Paula das Telegramm nach Münster-Eifel zu Hannelore, allerdings
wollte sie die arme Frau nicht aufregen, denn wie sie von Willi erfahren hatte,
hat Hannelore ein schwaches Herz. Und so
telegrafierte sie: „Liebste Hannelore – stopp – Brille von Hund zerbissen –
stopp – vermisse dich – stopp – möchte so schnell wie möglich nach
Hause – stopp – unternimm etwas – stopp – Heino - stopp.“ Das konnte Hannelore
doch unmöglich missverstehen…
Sir Hilary hatte nur mit halbem Ohr zugehört, was Paula geschrieben hatte und
murmelte nur abwesend: „Ja ja, das passt schon, nun kommen sie mit
mir!“ Er nahm Dr. Tracy an der Hand und zog sie mit sich: Vorbei am
Funkapparat, vorbei am Schreibtisch des Captains, aus dem
Funkraum. Hatte sie jetzt auf „Senden“ gedrückt oder nicht, schoss es Paula durch den
Kopf, aber Sir Hilary ließ nicht locker. Er zog sie vorbei an der halboffenen
Tür zum Erste Hilfe-Raum, vorbei an der verriegelten Tür des Kühlraumes neben
der Kombüse, vorbei an männerarmdicken gestapelten Tauen bis zu den Treppen,
die hinunter in den Maschinenraum - ins
geheimnisvolle, tiefste Innere des Schiffes, in den dunklen, öligen Bauch der
Werderania - führten. Wo brachte er sie nur hin? Paula Tracy spürte ihr Herz
bis zum Hals klopfen. Sie und Sir Hilary stolperten - sich gegenseitig stützend
und auffangend - die ölverschmierten Stiegen hinunter. Was
war wohl passiert, dass er ihre Hilfe benötigte?
Er rannte mit ihr durch das Unterdeck bis sie endlich keuchend vor dem
Frachtraum standen. Dort angelangt zückte Hilary eine Taschenlampe und schaltete sie ein. Bevor
er den Lichtkegel auf den Zwischenraum zwischen zwei riesigen,
heftig stampfenden Motorenkolben richtete, dreht er sich zu Paula um:
"Bereit, Miss Tracy?...Hier drinnen…schrecklich…sehen
sie…selbst“, schnaufte er, dann bekreuzigte sich Sir Hilary
und tat, was er tun musste: er trat einen Schritt zurück, um Paula an die Türe
zu lassen.
Paula lauschte an der Türe, sie hörte merkwürdige
winselnde, wimmernde Geräusche. Was mochte hinter
dieser Türe wohl auf sie warten? „Gehen sie hinein“, forderte sie Hilary auf,
„sie müssen helfen!“ Vorsichtig öffnete Paula die Türe und ging langsam hinein,
Sir Hilary folgte ihr und schloss danach sofort die
Türe. Im selben Moment rannten auch schon kleine, winselnde,
wimmernde weiße Wollknäuels um Paulas Füße: Pudel, kleine, weiße Pudel. Sie
waren so schnell, dass Paula sie gar nicht zählen konnte,
aber es waren vier Stück. Sahen die nicht genauso aus, wie dieser Teufelshund,
der Heino gerade zuvor die Spezialbrille geklaut hatte? „Ist das nicht
fürchterlich?“, fragte Hilary. Aber was sollte an vier weißen Pudeln so
fürchterlich sein, fragte sich Paula. Gut, es gab noch einen fünften Hund der
sich an Deck herumtrieb und Sonnenbrillen zum Spielen missbrauchte, aber was soll
daran so fürchterlich sein? Das ist normal. Hunde haben eine ausgeprägten
Spieltrieb, aber sollte sie das jetzt Sir Hilary erklären? Und das war es,
wobei sie ihm als Veterinär-Medizinerin helfen sollte?
55. Folge: Zuviel Sonne
ist ungesund (von Scarlet)
Gerade,
als sie ihn das fragen wollte, bemerkte sie, dass Sir Hilary eigentlich gar
nicht auf die spielenden Tiere achtete, sondern in eine ganz andere Richtung
sah. Sie folgte seinem Blick. Zuerst sah sie Kaschi, der am Boden -
gegen eine der Sonnenbänke gelehnt - saß, eine Flasche Wodka in der Hand
hielt und zu schlafen schien, aber er murmelte
etwas wie „Chrisquito lebt… Chrisquito… Chrissielein,
Platz Zito! Komm sch’n her Mikesch. Aaaach,
Baby Jane!!!“ „Meine Güte, der ist ja sturzbetrunken!“, rief Dr. Tracy. „Dem
kann ich im Moment auch nicht weiterhelfen…“ Doch dann wanderte ihr Blick zu
den Sonnenbänken selbst und da sah sie es: Die Sonnenbänke waren eingeschaltet und aus einer
hing ein lebloser Arm heraus, der zu einem Mann gehören musste. Erschrocken sah Dr. Tracy
Sir Hilary an. „Wer ist diese Leiche?“, fragte er, „Und was ist mit dem? Wer
hat das nur getan? Wer kann so grausam sein? Das muss doch eine grässliche Art
sein, zu sterben! Wer kann sich so etwas Entsetzliches nur ausdenken! Schrecklich!!“
„Jetzt beruhigen sie sich erst einmal Hilary, wir wissen doch noch gar nicht,
was wirklich passiert ist“, meinte Paula und ging zielstrebig auf die
Sonnenbank zu um sie zu öffnen und nachzusehen, wer darin lag. Da bemerkte sie,
dass auch die benachbarte Liege besetzt war. „Kommen sie her und helfen sie
mir, da liegt ja noch einer.“, forderte sie Hilary auf. „Was, gleich zwei Tote!
Das wird ja immer schlimmer! Das ist ein
Geisterschiff, hier treibt sich ein Massenmörder
herum!!“, rief er entsetzt. „Jetzt machen sie nicht so ein Theater und helfen
sie mir lieber“, herrschte ihn Paula an, die
es als Ärztin gewohnt war, in schwierigen Situationen
Ruhe zu bewahren. Schnell schaltete sie die
Sonnenbänke ab und öffnete sie. Was sie jetzt sah, war kein schöner Anblick, aber im
Laufe ihrer Karriere als Tierärztin hatte sie schon weitaus Schlimmeres
gesehen. „Schnell Hilary, holen sie Dr. Master. Die beiden hier sehen ja aus
wie zwei gekochte Hummer!! Wir werden jede Menge After-Sun
Lotion benötigen!“ Zwar war der Schiffsarzt nicht unbedingt für Sonnenbrände
zuständig, aber Paula fand, das war eine gute Gelegenheit, dem Doktor näher zu
kommen. Sir Hilary machte sich sofort auf den Weg, erleichtert, dass es
offenbar doch keinen Massenmörder an Bord gab.
56. Folge: War es ein Mordversuch? (von
Paula_Tracy)
In
der Krankenstation ging es hoch her. Det und Paula kochten literweise Kaffee, auch
Baby Jane und Scarlet hatten sich bereit erklärt zu helfen. Baby Jane flößte
dem selig grinsenden, doch völlig weggetretenen Kaschi den Kaffee ein,
während der Doktor sich sorgenvoll die Patienten Gandalf und Nobbi ansah.
Scarlet kümmerte sich in der Zwischenzeit um den noch
immer aufgeregten Heino, der sie anflehte, sie nicht mit Willi allein zu
lassen, da dieser wohl beabsichtige, ihm etwas vorzusingen.
Sir Hilary spazierte unruhig hin und her und meinte dabei, wahrscheinlich handele es
sich um einen äußerst ausgeklügelten und raffinierten Mordplan, der nur durch
sein rasches und umsichtiges Eingreifen vereitelt
wurde. „Und wer sollte Nobbi und Gandalf umbringen wollen?“ fragte Det empört.
„Die tun doch keiner Fliege was!“ „Vielleicht dieser Hallmackenreuther?“
mutmaßte Sir Hilary. „So ein Blödsinn!“ entfuhr es Baby Jane. „Sehen Sie nicht,
dass er total betrunken ist?“ „Alles Tarnung!“ wischte Sir Hilary den
Einwand vom Tisch. „Na, wenn das Tarnung ist, weiß ich es auch
nicht“ sagte Det. „Er hat mindestens drei Promille im Blut. Die anderen
übrigens auch. Er wäre gar nicht fähig gewesen, die zwei unter die Sonnenbank
zu schieben.“ Sir Hilary zog eine Pfeife und ein
Päckchen Tabak heraus und begann, die Pfeife in aller Seelenruhe zu stopfen.
„Lassen Sie mich überlegen... Das ganze ist offensichtlich ein Komplott. Man
will die Hochzeit verhindern. Dr. Tracy!“ Er baute sich in voller Größe vor der
erstaunten Paula auf. „Dass ich daran nicht gedacht habe! Sie haben dafür
gesorgt, dass die Braut außer Gefecht gesetzt wurde und, weil das nicht
genügte, haben Sie auch noch den Bräutigam auf die Sonnenbank verfrachtet.
Jetzt ist mir auch klar, warum ich Sie als erstes getroffen habe, nachdem ich
die drei gefunden habe! Den Täter treibt es immer an den Ort des Verbrechens
zurück!“ Paula war viel zu entsetzt, um irgend etwas sagen zu können, doch Baby
Jane und Scarlet brachen in schallendes Gelächter
aus, und Dr. Few Master konnte ebenfalls nicht mehr an sich halten. Er nahm dem
verblüfften Mann die Pfeife aus der Hand und setzte ihn vor die Tür. „So eine
Landplage! Niemand glaubt das, was er erzählt, keine Angst...“
Nachdem H.-G. Werderaner einen Bauplan der Sonnenbänke gebracht hatte, und sich
herausstellte, dass diese Prototypen eine ganz neue Generation von Solarien
darstellten, die praktisch keine schädlichen Strahlen
durchließen, waren alle beruhigt. „Sie werden ein paar Tage Schmerzen haben und
sehr unansehnlich aussehen,“ meinte Dr. Few Master
„aber sie werden keine bleibenden Schäden davontragen – von den abgestorbenen
Gehirnzellen ihres Vollrausches mal abgesehen...“
Und so begaben sich Baby Jane, Scarlet und Paula erst mal wieder in ihre
Kabinen, wo jede ein kleines Einladungskärtchen von der
bezaubernden Kat vorfand...
57. Folge: Ein
Evergreen (von Helli Gräfin E.)
Ebenso
wie auch die Gräfin und Anna Nümosia, nicht zu vergessen die Möwe Laura und
Xhosa, sie alle öffneten überrascht und erfreut die
liebevoll von Det erstellten Kärtchen, die sich dabei wahrlich alle Mühe
gegeben hatte, Kat bei den Einladungen zu unterstützen. Und: Det hatte sich
selbst übertroffen. Wenn man nämlich die Karte öffnete, ertönte laut Van
Morrison mit "Have I told
you lately", was dazu
führte, dass jede der Damen für sich niedersank in ihren Kabinen und jede hing
den eigenen Gedanken, Träumen und Erinnerungen nach, was hatte man nicht alles
erlebt, und wie traurig war alles, aber irgendwie auch schön und dann doch
wieder verzweifelt, aber eines Tages bestimmt, ganz bestimmt, da wird alles
gut. Und beringte und unberingte Finger wischten sich über geschminkte und ungeschminkte Augen und
fassten sich entschlossen an die mal kleiner mal größere Brust.
Ja, so war das Leben, man musste es eben leben, und es war es doch wert, oder
nicht? Und da alle Damen mehr oder weniger gleichzeitig ihre Kärtchen geöffnet
hatten, erschallte aus den verteilten Kabinen, wie
abgesprochen und inszeniert, dabei kommt so etwas doch nur im Fernsehen vor,
gemeinsam mit mal rauchiger (Frau Nümosia) mal glockenheller (Scarlet) Stimme :
Have I told you lately that
I love you
Have I told you there’s no one above you
Fill my heart
with gladness
Take away my sadness
Ease my troubles,
that’s what you do
Und die Herren auf der Werderania horchten auf, als sie diesen Frauenchor
erhörten, und selbst Fischkrepp und der Reeder,
der zunächst gegen diesen ruhestörenden Lärm angehen wollte, verharrten und
standen still, denn… Was wäre das Leben denn schon ohne die Damen?
Ein Schiss, wie George Clooney im Vergleich zum Kapitän?
Letzter wischt sich verzweifelt, die immer stärker
fließenden Tränen aus den Augen und presste zuletzt sein Gesicht in das Fell
eines der gerade vorbeilaufenden Chrisquitos, den er hochnahm und liebkoste,
als sei er Exfrau Baby, die bezaubernde Kat, die Gräfin, ach eben die geliebte
Frau, die nicht an seiner Seite war.
Die drei Schiffsjungen hielten sich bei den Händen, begannen leise mitzusummen
und dann, wann hatte man so etwas schon erlebt, sangen die
Männer, der Kapitän etwas laut, Kaschi etwas lallend, der
Prinz in einer Art Lautsprache, da er kein Englisch konnte:
Take away my sadness
Fill my life with gladness
Ease my troubles
that’s what you do
Fill my life with gladness
Take away my sadness
Ease my troubles
that’s what you do.
Und es war Ruhe auf der Werderania, zum ersten mal seit Tagen und ein Frieden schlich sich ein unter
den Reisenden, die nun auf einmal, obwohl fast alle für sich waren, eine tiefe
Verbundenheit spürten auf dieser Reise, die man ja so auch noch nicht erlebt
hatte.
Det hatte zufrieden gelauscht, nicht ohne das eine
oder andere Tränchen der Rührung geweint zu haben und dachte bei sich:
"Wie gut, dass ich nicht wieder Herbert Grönemeyer mit "Mensch" genommen habe.
Da hätten sie alle Pipi gemusst."
58. Folge: Die Absage (von Scarlet)
Leise
schlichen alle in ihre Kabinen, um dort ihren
eigenen Gedanken nachzuhängen. Manche wankten auch dorthin, um ihren Rausch auszuschlafen und einige
hingen dort auch nicht ihren Gedanken nach sondern rieben sich mit
After-Sun-Lotion ein, die freundlicherweise von den Mitreisenden zur Verfügung
gestellt wurde. Nobbi und Lady Patricia wurden von Willi und Anarky in ihr
U-Boot gebracht. De Guy blieb noch im Ballsaal und setzte sich ans Klavier, wo
er "Have I told you lately" anstimmte,
dessen Geist noch immer über dem Schiff schwebte und unweigerlich
musste er an Kat denken… Was hatte sie nur gegen seinen roten Strickponcho?
Wieso hatte sie ihn so merkwürdig angesehen, als sie ihn in seinem Schrank
entdeckte? Und warum war ihm Kat heute Abend ständig ausgewichen? Er würde den
Poncho bei nächster Gelegenheit wohl in die Altkleidersammlung werfen, wenn der
eine so abschreckende Wirkung auf Frauen hat…
Die besinnliche Stille an Bord wurde plötzlich durch ein kratzendes, knackendes
Geräusch unterbrochen, die Passagiere horchten auf –
es war dasselbe Geräusch, wie das, das sie
gehört hatten, als die Notfallsübung per Bordlautsprecher durchgesagt wurde.
Das Knarren und Kratzen wurde abgelöst durch die Stimme des Kapitäns, die
seltsamerweise sehr belegt klang, wie den meisten Damen sofort auffiel. „Liebe
Mitreisende, liebe Mitarbeiter, hier spricht der Kapitän.“ – Pause – Deutlich
hörbar putzte sich der Kapitän die Nase. „Also, was ich eigentlich sagen
wollte: ich finde, ich… äh… wir hatten für diesen Tag wieder einmal genug
Aufregung, deshalb bin ich dafür, dass der Ball heute nicht mehr stattfindet.
Auch die für heute angesetzte Hochzeit unserer ehemaligen Mitarbeiter kann
aufgrund der Unpässlichkeiten der beiden Beteiligten heute ohnehin nicht
stattfinden, sodass ich der Meinung bin, wir sollten das alles verschieben. Über das
weitere Vorgehen die Abendgestaltung betreffend werden wir morgen beim
Frühstück sprechen. Ich wünsche ihnen allen eine
angenehme Nachtruhe! Over and out. “
Den meisten an Bord kam diese Absage des Balls ganz gelegen. Niemand war mehr
so recht in der Stimmung für ein großes gesellschaftliches Ereignis,
nachdem was heute Abend schon alles geschehen war. Dr. Few
Master und der Cessnaritter waren vielleicht ein klein wenig enttäuscht über die Absage, da
sie ja Dr. Tracy und Miss Scarlet um einen Tanz gebeten hatten, aber aufgeschoben ist nicht
aufgehoben, dachen die beiden (jeder für sich natürlich) und waren so auch mit
ihrem Schicksal versöhnt.
59. Folge: Einstimmung
auf die Mitternachtsparty (von Scarlet)
In
den Kabinen der Damen kehrte, nachdem der Kapitän den Ball abgesagt hatte noch
längst keine Ruhe ein. Viel zu aufgeregt war man über die bevorstehende
Mitternachtsparty bei der bezaubernden Kat. Das traf sich ausgezeichnet, dass
der Ball und diese Hochzeit heute Nacht nicht mehr stattfinden würden, so würde
man das geheime Treffen ungestört – unbemerkt von den Herren – abhalten können.
Außerdem hatte die Garderobe der meisten Damen unsäglich unter den Strapazen
des Abends gelitten, sodass diese nicht mehr balltauglich war. Zum Beispiel
hatte sich das raffiniert gewickelte Stammeskostüm, das Xhosa trug bei der
Rettungsübung dermaßen gelockert, dass sie es nur mehr mit großer Mühe so
festhalten konnte, ohne dass es für sie peinlich würde. Solange Tom, der
Städteplaner an ihrer Seite war, war das ja kein Problem, aber sobald dann auf
der Krankenstation alle Hände gebraucht wurden um Sonnenbrände zu lindern,
Hunde einzufangen, Heinos Augen vor Lichteinstrahlung zu schützen… Xhosa schüttelte den Kopf beim
Gedanken an diese Szenen, die sich da zuvor abgespielt hatten. Und wie dann
dieser Hilary Dr. Tracy beschuldigt hat, sie hätte
die Braut absichtlich außer Gefecht gesetzt… Sie konnte sich ein Lachen nicht
verkneifen, als sie an Sir Hilary dachte, der sich allen Ernstes einbildete, dem
großen Detektiv Hercule Poirot ebenbürtig zu sein.
Ist ihm denn gar nicht aufgefallen, dass sie das Blasrohr mit der
Betäubungsspritze eingesetzt hat? Gut, das Betäubungsmittel war von Dr. Tracy,
aber die wollte ja eigentlich die randalierenden Schiffsjungen ruhig stellen,
allerdings hatte dann sie, Xhosa, versehentlich die Braut getroffen… Oh Gott,
war ihr das peinlich! Eigentlich war sie nicht ganz unschuldig am Verlauf
dieses Abends, schoss es ihr durch den Kopf. Wie sollte sie das
wieder gut machen, oder sollte sie es einfach auf sich beruhen lassen? Sie nahm
sich vor, dieses Thema bei Kats Party mit den anderen zu besprechen.
In der Zwischenzeit waren auch die anderen Damen in ihren
Kabinen mit den Vorbereitungen zu Kats Mitternachtsparty beschäftigt. Baby Jane
freute sich beispielsweise schon so sehr auf das
Beisammensein mit den anderen, in der Hoffnung vielleicht auch wieder ein paar
Runden Filmionär zu spielen, dass sie nicht einmal auf den Brief achtete, den
sie beim Öffnen der Kabinentüre gegen die Wand drückte. Während sich alle
umzogen und manche auch abschminkten, summten die
meisten immer noch die Melodie, die aus der Einladungskarte erklang.
Die Party sollte eine Pyjama-Party sein, so wie es früher im Internat Lindenhof
war, somit brauchte man nicht groß zu überlegen, was man anziehen sollte. Bevor
das Zusammentreffen jedoch offiziell beginnen sollte, würden sich alle vor Kats
Kabine treffen, von dort aus würde man dann gemeinsam aufbrechen, um Proviant
zu klauen. Die Arzthelferin Det würde ihnen zeigen, wo das möglich war.
Nach und nach trafen die Damen in ihren Nachtgewändern vor Kats Kabine ein.
Aufgeregt kichernd und leise schnatternd, wie
Schulmädchen, warteten sie auf Det. Gegenseitig mahnten sie sich immer wieder
zur Ruhe, um nicht die Aufmerksamkeit der Herren, deren Kabinen sich teilweise
auch auf diesem Gang befanden, auf sich zu ziehen. Sie kamen sich wirklich vor,
wie in der, zum Teil schon lange
zurückliegenden, Schulzeit, nur waren es dieses mal nicht die Lehrer, von denen
sie fürchteten ertappt zu werden.
Det sah im Artzimmer schon unruhig auf die
Uhr, sicher warteten die anderen schon auf sie, aber Dr.
Few Master war noch ins Ordinationszimmer gekommen und bat sie, gemeinsam mit
ihm das Medikamentenschränkchen zu
kontrollieren. Sie beeilte sich damit und gab vor, schon sehr müde zu sein.
Dafür hatte der Arzt Verständnis und entließ sie mit den Worten: „Ja, Det,
liebes, es war wirklich ein langer, harter Tag für sie. Danke, dass sie mir
hier noch geholfen haben, ich weiß gar nicht, was ich ohne sie hier tun würde,
sie sind mir wirklich eine große Hilfe. Aber jetzt können sie gehen, ruhen sie
sich aus. Bis morgen!“ Det lächelte ihn dankbar an, sagte schnell gute Nacht und
winkte, als sie aus dem Zimmer lief. Schnell ging sie in ihre Kabine, die 5
Türen vom Arztzimmer entfernt lag, schlüpfte in ihren
Bärchen-Pyjama und verließ ihre Kabine wieder – nicht ohne sich umzusehen, ob
sie auch bestimmt keiner beobachtete – und rannte zu Kats Kabine, wo die
anderen schon auf sie warteten.
60. Folge: Der Raubzug (von Der schlaue Det)
"Die
Damen, bitte folgen Sie mir unauffällig!" sagte Det – noch ein wenig außer
Atem – nach dem sie mit leisem Hallo von den aufgeregt wartenden Ladies begrüßt
wurde. Sie wollte gerade zu ihrer Entschuldigung über die
tolle Idee des Chefs schimpfen, mitten in der
Nacht die Medikamente zu zählen, als Sie sich angesichts Paula Tracy eines
besseren besann. So schlimm war er ja auch
wirklich nicht, es hätte sie härter treffen können, dachte sie so für sich.
Auf Zehenspitzen schlich sich die
Damengruppe in Richtung Kombüse, immer wieder von aufloderndem, mädchenhaftem
Kichern erschüttert. Det warnte noch ein letztes Mal
eindringlich vor den scharfen Ohren der
"iberischen Küchenfurie" - wie Ona, die Köchin scherzhaft von der Crew
genannt wurde – und öffnete schließlich die Türe zum
Allerheiligsten. Die Frauen erstarrten vor Ehrfurcht. Reihenweise standen dort
Würstchen im Glas, Obst jeglicher Sorten, frisch und eingedost, Speck
hing von der Decke, ebenso Räucherfisch und Dauerwurst.
Verträumt lagerten Dutzende Baguettes im Regal und erwarteten das
Frühstückbuffet und auf der großen Arbeitsfläche thronten 4 verschieden Kuchen, eine
große Platte kaltgewordener Braten und einige Salate, die alle wegen der
ausgefallenen Feier übrig geblieben waren. In Erwartung weiterer Köstlichkeiten
öffnete Scarlet einen Vorratsschrank und entdeckte zu
ihrer Überraschung haufenweise säuberlich entleerte
Nuss-Nougat-Creme-Gläser. Die großen! Kopfschüttelnd aber amüsiert schloss sie den Schrank
wieder. Die anderen hatten bereits angefangen ihre Schlafanzugtaschen und ein paar
Schüsseln, die sie aus den Regalen genommen hatten, mit den Leckereien zu
füllen. Aber war da nicht ein Geräusch? Da schlich doch noch jemand
mitten in der Nacht vor der Küche herum? Das Geflüster verstummte, die Damen
standen wie zur Salzsäule erstarrt...
61. Folge: Ein weiterer
Küchenräuber (von cessnaritter)
Geistesgegenwärtig
löschte Kat das Licht, und drängte die Anwesenden
in eine hintere Ecke.
Die Tür öffnete sich und Kaschi wankte herein. Noch
nicht wieder ganz nüchtern, aber durchaus nun mit einem gehörigen Durst
ausgestattet, schlurfte er zum großen Getränkekühlschrank. Prüfend wanderte
sein Blick über die verschiedenen Flaschen.
Die Damen hielten weiter den Atem an und einige blickten im Dunkeln ganz
erbost. Im Lichtschein der Beleuchtung des geöffneten Kühlschranks sahen sie, wie
Kaschi eine 2 Liter-Flasche Himbeersaft ansetzte
und dann ließ er den rötlichen Inhalt durstig in seine Kehle laufen.
"Unser schöner Himbeersaft!" dachten manche der
Damen. Das war doch nun mal das traditionelle Getränk bei Mitternachtspartys.
Det kamen fast die Tränen vor Enttäuschung und sie holte laut
hörbar Luft. Aber Kaschi war so lautstark mit
dem Verzehr des Saftes beschäftigt, dass er nichts
bemerkte. Außerdem war er noch längst nicht voll auf der Höhe.
Aber sein Durst und sein Appetit schienen ungebrochen und
die Damenriege hatte ja erst begonnen, Vorräte einzuladen. Das, was sie hatten,
war längst nicht genug für ein zünftiges Mitternachtsfest.
Voller Entsetzen sahen sie nun, wie Kaschi offensichtlich
geplant hatte, ebenfalls einen kleinen Küchenraub zu begehen. Er hatte einen
großen alten Seesack dabei, den er nun mit den vielen Köstlichkeiten füllte,
die die Schränke bargen: Würstchen, Obstkonserven, Hering in Gelee und
Erdbeermarmelade verschwanden in der Tiefe
des Seesacks. Dazu noch zwei weitere große Flaschen mit Orangensaft.
Danach räumte Kaschi die Würste ab und wandte sich den Torten
zu.
Das wurde dann doch zuviel für die mittlerweile ebenfalls zum Teil sehr
hungrigen Damen. Das wäre das Ende der Mitternachtsparty noch vor ihrem
eigentlichen Beginn.
Entschlossen ging Kat zum Lichtschalter, und gleich
darauf war die Kombüse und der Vorratsraum in hellem
Licht.
Kaschi erschrak, schaute sich verwundert
um, rülpste kräftig zweimal und sagte: "Guten Abend, meine Damen! Warten
Sie auch auf den Omnibus zum Wannsee?" Dann sank er, den Seesack liebevoll
umklammernd auf dem Boden zusammen und schlief augenblicklich
ein, was auch durch das gut vernehmliche Schnarchen erkennbar war.
62. Folge: Hochbetrieb
in der Küche (von Scarlet)
Det
deckte den schnarchenden Kaschi mit einer Wolldecke
zu und schob ihn sanft in eine Ecke, damit er sich
anlehnen konnte. Seinen Seesack nahm sie ihm aus der Hand, dessen Inhalt würden
sie heute Nacht noch selbst brauchen. Da hörten die Damen erneut Geräusche vor der Türe. Hatte
Kaschi etwa einen Komplizen? Wer konnte das nur
sein? Um diese Zeit? Hinaus konnten die Frauen nicht, sonst würde man sie
entdecken. Was sollten sie jetzt tun? Det deutete vielsagend auf eine andere
Türe, „Die Vorratskammer!“ flüsterte sie und bedeutete den anderen, ihr dorthin
zu folgen. Die Kammer war gerade so groß, dass sich alle hineindrängen konnten
und knapp darin Platz hatten. Schnell zogen sie die
Türe zu, aber nicht ganz, einen Spalt breit blieb sie offen, man wollte ja schließlich sehen, wer da
zu so später Stunde vor der Küche herumschlich. Gerade als alle
mitgebrachten Taschenlampen erloschen und die letzten
„Ruhig“, „Leise“, „Pst“, Pscht!!“ verstummten,
öffnete sich die Küchentüre und jemand schaltete das Licht ein.
Kat und die Gräfin, die gleich beim Türspalt standen konnten zuerst nicht
erkennen, wer da hereinkam, da ihnen Anna Nümosia mit einem der entwendeten
Baguettes vor den Augen herumwedelte. Schnell schob es Kat beiseite. In
dem Moment hatte sich der Mann – der Störenfried war also ein Mann – umgedreht.
Er trug einen orange-grün gestreiften Nicki-Schlafanzug! Kat drehte sich
entsetzt zu den anderen Damen um und schüttelte den Kopf. Sie
beobachteten weiter, wie der Mann sich bei den Teigwaren zu schaffen machte, er nahm
eine Hand voll Spaghetti aus einer hohen Glasdose, dann holte er einen Kochtopf
aus einem der Regale, füllte ihn mit Wasser und stellte ihn auf eine der
Herdplatten, die Nudeln legte er inzwischen daneben. Bis jetzt
hatte er noch nicht in die Richtung der Vorratskammer geschaut, aber jetzt, jetzt
drehte er sich um und kam direkt auf die Kammer zu, in der sich die Damen
versteckten. Die Gräfin erschrak, doch Baby Jane
konnte ihr rechtzeitig mit der Hand den Mund zuhalten und so wurde aus dem
ursprünglich berüchtigten spitzen Schrei der Gräfin nur ein kaum hörbares,
unterdrücktes Glucksen. Der, der da draußen in der Küche herumwerkte war kein
anderer als der Reeder H.-G. Werderaner höchstpersönlich. Die Damen machten in
ihrem Versteck noch einen Schritt zurück und klammerten sich zitternd
aneinander, Frau Nümosia trat dabei Xhosa auf den Fuß, die ihre Schmerzenslaute
nur schwer unterdrücken konnte. Mit großen Augen
starrten die Frauen auf den Reeder, der die Hand nach der Türe ausstreckte und
dann, im letzten Moment nach rechts griff, wo einige Regale standen. Er suchte
etwas, fand es, griff danach und drehte sich wieder um. Mit einer Dose
Tomatenmark marschierte er wieder zu seinem Kochtopf. Dort
blieb er dann stehen… Lange 9 Minuten… Solange bis das Wasser kochte, die
Tomatensoße aufgewärmt und die Nudeln fertig waren. Dann leerte er alles auf
einen Teller, nahm ihn und verließ die Küche wieder.
Die Frauen warteten noch einige Sekunden in ihrem Versteck, dann stießen sie
die Türe auf, stürzten heraus und brachen vor Erleichterung, nicht entdeckt
worden zu sein in schallendes Gelächter
aus! „Habt ihr das gesehen?“ „Dieser Pyjama“ „Und vorne hat er auch noch ein
weißes ‚W’ aufgestickt, seine Initialen!“ riefen die Damen gar nicht damenhaft
durcheinander „Und zum Glück hat er Kaschi nicht bemerkt!!!“,
rief Leo erleichtert. Jetzt konnte also eigentlich nichts mehr schief gehen: Kaschi schlief, H.-G. Werderaner
war mit Spaghetti versorgt. Die Ladies packten Kaschis vollen Seesack und
noch einige andere Leckerein, Dr. Tracy umklammerte fest eine Dose Pfirsiche
und Würstchen, und so machten sich die Damen auf den Rückweg zu Kats Kabine.
63. Folge: Gespräche
unter Frauen (von Der schlaue Det)
Flugs
huschten sie zurück durch die dunklen Flure in
Kats Kabine. "Endlich in Sicherheit" dachten sie sich wohl alle, mit
klopfenden Herzen. Kaum war die Tür ins Schloss gefallen brach ein großes
Gelächter unter der Damenriege aus, soviel Aufregung hatten sie schon lange nicht mehr
gehabt! "Jetzt lasst uns aber mal sehen, was wir erbeutet haben!"
rief die Gräfin und breitete ihren Anteil am Diebesgut auf dem Tisch aus. Die anderen
taten es ihr gleich. "Puuuh, wer hat denn den
Harzer Roller mitgenommen? Und das Hühnchen in Aspik?" fragte Leo und schüttelte sich.
Natürlich antwortete niemand, aber Anna Nümosia errötete. Über Geschmack sollte man nicht
streiten und so taten sie es auch nicht, verbannten den Harzer aber dennoch an
einen Ehrenplatz gleich unter dem geöffneten Fenster.
Die Auswahl war nicht schlecht, wenn auch
vielleicht zu wurstlastig, hatte Kaschi doch allerlei Fleischliches in seinen
Seesack gestopft. Als jede von ihnen mit dem Lieblingsfutter ausgestattet war,
setzten sie sich zum gemeinsamen Schmausen und Quatschen im Kreis zusammen.
Mampfend wandte sich die immer wissbegierige Gräfin an Xhosa: "Ich würde
ja zu gerne mehr über Sie erfahren... Ihr ungewöhnlicher Name, Ihre aufregenden
Kostüme... Und was hat es nun mit Ihnen und diesem Tom auf sich, hmmm?" Zuerst schaute die junge Frau
verdutzt, war sie doch von dieser unverblümten Neugier überrascht worden, brach aber
dann in schallendes Gelächter aus. "Also, wenn es
mehr nicht ist..." fing sie an.“Meine Eltern befanden
sich damals mit dem berühmten Dr. Grzimek auf Expedition in Südafrika. Als
meine Mutter merkte, dass sie schwanger war, verriet
sie erst nichts, weil sie die Expedition nicht abbrechen wollte und am Ende kam
es wie es kommen musste: Sie vertraute sich einigen Xhosa-Frauen
an, die ihr als Hebammen dienten und ihr halfen wo sie nur konnten. Aus
Dankbarkeit gegenüber diesen freundlichen Menschen haben meine Eltern
mich Xhosa getauft. Genauso, wie meine Eltern, habe ich viele Jahre in
Südafrika verbracht und mein Herz an das Land verloren, was mich auch dazu
gebracht hat den Beruf zu wählen, den ich habe. Daher rührt auch meine – wie
sie sagen – "aufregende" Kleidung. Ich liebe es einfach die
traditionellen Gewänder zu tragen." "Und Tom?", fragten die Frauen
ungeduldig im Chor. Xhosa konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Ich
war mal wieder in meiner Wahlheimat Südafrika, "meine" Xhosa-Tanten besuchen, als dort im Dorf ein paar Mönche des
Thomassiner-Ordens auftauchten" fing sie an.
"Thomassiner-Mönche? Sind das nicht die
Bierbrauermönche, die den Fortschritt der Technik
preisen und ihre fleischlichen Gelüste in die
Zucht von Insekten fressenden Pflanzen kanalisieren?!", warf Anna Nümosia
ein. "Ja", lachte Xhosa, weil es sich so zusammengefasst schon komisch anhörte. "Tom
und sein Glaubensbruder und guter Freund Bug waren jedenfalls dabei...
64. Folge: Salz fehlt! (von
Paula_Tracy)
H.-G.
Werderaner ging mit seinem Spaghetti-Teller in seine Kabine zurück, nicht ohne
sich vorher zu vergewissern, dass ihn auch niemand gesehen hatte. Das hätte
noch gefehlt, wenn ihn diese flotte kleine Köchin oder – schlimmer noch – Miss
Scarlett gesehen hätte. Aber es gab nun mal nicht besonders viel zu den
Hauptmahlzeiten, Ona musste strecken – immerhin musste das Essen nun für ein
paar Wochen länger reichen. Und das alles, weil er auf diesen Andreas Hansen
gehört hatte. H.-G. Werderaner, oder wie ihn seine Feinde nannten – „Ätsch Dschi“, nahm sich zum
wiederholten Male auf dieser Reise vor, sich einen anderen Veranstalter zu
suchen. Hatte nicht der Cessnaritter sogar gesagt, er habe ein kleines
Reiseunternehmen und beabsichtige, zu erweitern? Im Grunde konnte er ja mit dem
auch nicht besonders, aber der war wenigstens nicht so ein Umweltaktivist.
Hm – die Tomatensoße war ja nicht schlecht – aber irgendwas
fehlte... Was war das nur? Ach ja, jetzt war er auf diesem Schiff, hatte diese
niedliche Miss Scarlet wieder gesehen, und diese kleine Köchin hätte ihm
durchaus auch gefallen können... Schade, dass Scarlet die falsche Nationalität hatte –
aber ein Werderaner und eine Österreicherin, nein, undenkbar. Was war das denn
nur – ach natürlich, Salz! Die Nudeln waren zu salzig, aber der Soße fehlte
eindeutig noch eine Prise. Machte ja nichts, ging er eben noch mal los...
Bei den Frauen in der Kabine hatte man währenddessen beschlossen, „Schwesternschaft“ zu trinken. Der
Vorschlag der Gräfin war mit Begeisterung
aufgenommen worden – nur Kat und Baby Jane schauten etwas ratlos,
denn die beiden fanden auf Grund ihrer Zuneigung zu Falk einfach keinen Draht
zueinander – und Scarlet war dazu auserwählt worden, in die Kombüse zu schleichen und eine Flasche Champagner aus dem
Kühlschrank zu mopsen. Aufgeregt und mit klopfendem
Herzen – in ihrem allerschönsten Herzchenpyjama
– machte sich Scarlet auf den Weg in die Kombüse...
65. Folge: Würstchen
und Baguettes (von Reggae-Gandalf)
"Wir
hätten doch nicht Kaschi gehen lassen
sollen" sagte Sir Hillary unruhig. Auch die Herren an Bord hatten sich
noch Pläne für die Nacht gemacht. Ähnlich wie die Frauen, wollten sie den Abend
noch nicht enden lassen und schlichen sich heimlich
aus ihren Kabinen. Sie trafen sich in der etwas größeren Kabine des
Cessnaritter. Da alle mit Verköstigung auf dem Ball rechneten blieben ihre
Mägen leer. Doch sie wollten sich Abhilfe verschaffen.
"Bestimmt hat er sich verlaufen" stimmte Mickey mit ein, "er war
halt doch noch zu betrunken. Wir sollten ihn suchen gehen." Alle stimmten
ihm zu und beschlossen gemeinsam loszuziehen. Schließlich
fanden sie ihn auch ziemlich schnell, zusammengekauert
in einer Ecke der Kombüse. "Ein Bild für die Götter" meinte Mickey,
und selbst Willi stimmte mit einem verkniffenen Lächeln zu. Sie wunderten sich schon etwas. Hatten sie
die Küche doch wesentlich gefüllter erwartet, mit allerlei Leckereien, die noch
vom abgesagten Ball hätten übrig sein müssen, dachten sich aber nichts weiter
dabei. Sie stecken nur einige Würstchen und Baguettes mit ein, da sie in ihrem
Hunger keine Lust hatten nach mehr zu suchen und auch noch Kaschi in seine Kabine
tragen mussten.
"Wenn Werderaner sie jetzt nur sehen würde, oder die Frauen" dachten
sie sich...
66. Folge: Der Reeder unterm
Küchentisch (von Paula_Tracy)
Scarlet
sah sich vorsichtig um und flitzte, so schnell und so leise sie
konnte, den Gang entlang. Hoffentlich sah sie bloß keiner – es wäre zu peinlich
gewesen, wenn Cessnaritter oder Werderaner sie gesehen hätten! Eigentlich war
der Cessnaritter ja sehr nett, aber ihr Herz – so unvernünftig es auch war – schlug noch immer höher,
wenn sie den Reeder sah. Aber er hatte ja schon mal durchblicken
lassen, dass er nur eine Zukunft für sie beide sah, wenn sie die deutsche Staatsbürgerschaft annahm. Scarlet
seufzte und stellte sich vor, wenn sie – z. B. als Frau des Reeders – entscheiden dürfte, wie das
Schiff weiterfahren sollte. Von ihr aus könnte es ewig dauern! Im Grunde
genommen konnte man ja diesem Andreas Hansen nur dankbar sein. Sie hatte
richtig nette Freundinnen und zwei Verehrer gefunden. Und wer weiß – vielleicht
lag dem Werderaner ja doch etwas an ihr...
Vorsichtig öffnete Scarlet die Küchentür – alles war dunkel, nur der Kühlschrank rauschte vor sich hin. Auf
Zehenspitzen tapste sie in dessen Richtung und erstarrte. Gerade konnte sie
noch unter den riesigen Küchentisch springen. Der Kühlschrank stand weit offen und vor ihm praktisch
alle auf dem Schiff vorhandenen Männer – nur der Captain, der Doktor und Fischkrepp fehlten – und
staunten auf Grund der Leere des Schranks. Nun sah Scarlet auch, dass sie nicht
allein unter dem Küchentisch hockte... Leider
konnte sie nicht erkennen, wer es war – es war zu dunkel. Die Männer
inspizierten währenddessen noch die Vorratskammer, und Willi und Anarky schleppten Kaschi in seine Kabine.
„Genug jetzt“, meinte der Cessnaritter. „So sehr soll es ja morgen nicht auffallen.“
„Ich schließe besser ab“, sagte Mickey. „Nicht dass
die Frauen auf die gleiche Idee kommen – ich möchte Ona nicht erleben, wenn sie
morgen die Kombüse so vorfindet...“ „Oh nein“, dachte Scarlet und wollte schon aufspringen, um
sich notfalls zu erkennen zu geben – doch da wurde das Schloss schon zugedreht... „Das
darf nicht wahr sein!“ stöhnte Scarlet auf. In dem Moment flackerte ein
Streichholz auf, und Scarlet sah direkt in die Augen von H.-G. Werderaner.
„Miss Scarlet, was machen Sie denn hier?“ „Ich wollte... Ich wollte nur eine
Flasche Champagner holen!“ stotterte Scarlet. „Und
Sie?“ „Salz“, trotz der merkwürdigen Situation lächelte der Reeder. „Für die
Tomatensoße.“ „Warten Sie!“ Scarlet war – ähnlich wie Paula – sehr praktisch veranlagt. Sie kroch
unter dem Küchentisch hervor und machte
zunächst eine kleine Lampe über dem Herd an. Dann fischte sie eines der
Portionspäckchen Salz aus dem Vorratsschrank und setzte sich
wieder zu Werderaner unter den Tisch. „Darf ich denn
wenigstens mitessen?“ fragte sie keck, und bereitwillig stellte Werderaner
seinen Spaghettiteller in die Mitte. „Dann müssen Sie aber auch den Champagner
spendieren – raus kommen wir hier ohnehin nicht!“ sagte er. „Ach, ich denke,
die anderen Frauen werden mich irgendwann vermissen und uns hoffentlich hier
rausholen!“ hoffte Scarlet. „Wenn sie bloß keinen Filmionär spielen – dann
vergessen sie alles andere, besonders Baby Jane und Paula Tracy.“ „So ein
Blödsinnsspiel!“ wehrte Werderaner ab. „Wir machen es uns hier einfach gemütlich,
was meinen Sie? Wollen Sie mir nicht ein wenig aus Ihrem Leben erzählen, Miss
Scarlet? Haben Sie... ich meine, sind Sie irgendwie... liiert? Nicht, dass es
mich irgendetwas anginge, aber ich...“
67. Folge: Champagner-Klau (Scarlet)
Und
noch bevor H.-G. Werderaner weiter sprechen konnte, hörte man erneut ein
Sperren am Schloss der Küchentüre. Gespannt schauten die beiden unter
dem Küchentisch Sitzenden in Richtung Türe, die aufging. Es
wurde das große Licht eingeschaltet und Scarlet
erkannte Det in ihrem Bärchen-Pyjama. „Scarlet? Wo sind sie denn?“ rief sie in
die leere Küche und schaute sich ratlos um.
Schnell kroch Miss Scarlet unter dem Tisch hervor „Hier bin ich!
Mir ist nur…“, schnell bückte sie sich noch einmal unter den Tisch und hob etwas auf,
„…das Salz auf den Boden gefallen, das habe ich gerade gesucht. Hier ist es
wieder!“ sagte sie und zeigte die Portionspackung Salz in Dets Richtung. Det
nickte. „Mir ist eingefallen, dass sie den Champagner ja gar nicht finden
können, der ist ja separat weggesperrt! Aber ich habe einen Generalschlüssel, damit kann ich
den Weinkühlschrank aufsperren. A
propos
Schlüssel: Warum war eigentlich die Küchentüre versperrt?“ Scarlet spürte ein
Ziehen an ihrem linken Pyjama-Hosenbein, sie blickte verstohlen nach unten und
sah H.-G. Werderaner, der ihr mit einer Art Zeichensprache hektisch deutete, nichts von
seiner Anwesenheit zu verraten. Sie verstand, was er sagen wollte und erzählte
Det nur von den anderen Herren, die sie in der Küche überrascht hätten, als sie den
Champagner suchte. Das war zwar eine kleine Notlüge, aber den Gefallen wollte
sie dem Reeder schon tun. Außerdem war es ihr selbst auch ganz
recht, nicht erklären zu müssen, dass sie sich mit dem Reeder gemeinsam unter
dem Tisch getroffen hatte, um dort Spaghetti zu essen…
Das klang selbst für sie, die es ja miterlebt hatte, ein klein wenig
unglaubwürdig. Aber wer weiß, wenn sich die Gelegenheit ergeben würde,
vielleicht würde sie es ja später bei der Party nach zwei bis drei Gläschen Champagner
erzählen, wie es wirklich gewesen ist. Sie wollte doch eigentlich keine
Geheimnisse vor ihren neuen Freundinnen haben.
Unauffällig ließ Miss Scarlet die Salzpackung wieder unter den Tisch fallen und machte
sich dann gemeinsam mit Det daran, die Champagnervorräte zu plündern. Sie hatte
nicht einmal Angst, dass H.-G. Werderaner wegen dieses Raubzugs etwas gegen sie
unternehmen würde, er war ihr jetzt schließlich etwas schuldig.
Det und Scarlet nahmen je zwei Flaschen Champagner, zur
Sicherheit auch noch eine Flasche Sekt, sie meinten,
das müsste eigentlich reichen, um Schwesternschaft zu trinken,
kicherten und zwinkerten sich zu. Die beiden versicherten sich, dass sie auch
sonst nichts mehr vergessen hätten und machten sich dann auf zu den anderen,
die schon sehnsüchtig auf die Getränke warteten.
Gewissenhaft schaltete Scarlet das Licht in der Küche aus,
zuvor lächelte sie– als Det gerade nicht hersah – und winkte in Richtung
Küchentisch…
68. Folge: Grillparty
auf dem Sonnendeck (von Paula_Tracy)
Nachdem
die Damen endlich wieder komplett waren, wurde erst einmal fröhlich angestoßen
und „Schwesternschaft“ getrunken. Sogar Kat und Baby Jane
überwanden ihre Abneigung und umarmten sich kurz. „Ach, es ist so schön, die Luft ist so
lau“ schwärmte Paula, die ein Bullauge geöffnet
hatte. „Am liebsten würde ich an Deck gehen. Gibt es nicht ein Eckchen, wo uns
keiner sehen kann, Det?“ Det überlegte. „Eigentlich nicht. Aber auf dem
Sonnendeck ist abends keiner mehr, und Fischkrepp macht da auch
keinen Rundgang. Sollen wir wirklich nach oben ziehen?“ Scarlet protestierte
zwar, immerhin war das eine Pyjama-Party, und sie hatte noch nie gehört, dass
die draußen stattfanden, aber sie beugte sich der Mehrheit. „Was denkst Du, Det
– wäre es nicht toll, eine Grillparty zu veranstalten?“ hakte sich Anna Nümosia
bei der Arzthelferin ein. „Im Kühlschrank lagen jede Menge Würschtl rum. Und eingelegte
Steaks...“ Die Gräfin riss die Augen auf. „Aber wo bekommen wir einen Grill
her? Und die Holzkohle? Und das riecht man doch? Und wer soll grillen?“ Det
winkte ab. „Das ist kein Problem. Ein Grill steht im Maschinenraum, Kaschi grillt regelmäßig da
unten, Grillkohle ist bestimmt auch noch da.“
Gesagt, getan – die Damen zogen aufs Sonnendeck, Baby Jane und Det holten Grill
und Kohle, während Leo sich bereit erklärt hatte, das Grillen zu übernehmen.
Scarlet fiel die Aufgabe zu, das Fleisch aus der Küche zu
besorgen. Ein kleines Lied summend, brach sie auf, natürlich in der Hoffnung,
den Reeder dort noch anzutreffen.
Leo heizte erst mal den Grill an, die Damen stießen weiterhin fröhlich an und
die eine oder andere hatte schon verdächtig rote
Wangen – genau wie Scarlet, die erst nach zwanzig Minuten mit Bratwürsten und
Steaks nach oben kam. Die Gräfin schlug vor, ein Lied
anzustimmen, doch so recht wollte man sich nicht einigen, auf welches – Paula
und Scarlet wollten etwas romantisches, Baby Jane etwas
flotteres, Smartie (ja, die war auch dabei) schlug natürlich nur
Werbesongs vor, doch als Kat meinte, sie könne sich keinen schöneren Song vorstellen
als „Ganz in weiß“, schwiegen alle Damen erst
einmal, um dann gemeinsam einzustimmen:
„Ganz in weiß – mit einem Blumenstrauß,
so siehst Du in meinen schönsten Träumen aus.
Ganz verliebt schaust Du mich strahlend an,
es gibt nichts mehr, was uns beide trennen kann...
Ganz in weiß – so gehst Du neben mir,
und die Liebe lacht aus jedem Blick von Dir...
Und dann reichst du mir die Hand,
und Du siehst so glücklich aus,
ganz in weiß, mit einem Blumenstrauß...“
Anna Nümosia wischte sich eine Träne aus dem Auge und dachte an
ihre tragisch verstorbenen Ehemänner, Kat, Paula und
Scarlet träumten vor sich hin, Baby Jane dachte an Falk und die Hochzeit in Las
Vegas... Leo legte die ersten Würstchen auf den Grill, es zischte, und man war wieder
in der Wirklichkeit...
Auch in der Kabine der Männer ging es hoch her. Sir Hilary erzählte ein paar
kleine Anekdoten aus seiner Jugend, Prinz Malko schwärmte vom Länderspiel
der Luxemburger gegen den Senegal, und die Schiffsjungen Willi und Mickey
stritten sich mal wieder – kurz: Es war alles normal – bis Cessnaritter das
Fenster öffnete... Was war das? Was musste seine feine Nase riechen? Sein geschultes Fliegerohr
hören?
69.
Folge: Party-Feeling
(von Scarlet)
War
das nicht der typische Geruch von Gegrilltem,
dieser beißende Geruch, der einem an lauen Sommerabenden nur allzu oft in
kleinen Hinterhöfen von Mietshäusern in die Nase steigt? Und das Geräusch? Dieses Lachen,
Singen und Gläserklirren, bei dem man unter normalen Umständen kein Auge
zubekam, was aber heute anscheinend ohnehin keiner
vorhatte? Das klang und roch doch eindeutig nach einer Grillfeier! Und, was erschwerend hinzukam: Nach
einer Grillfeier, zu der sie, die Herren, offensichtlich nicht eingeladen
waren, was gelinde gesagt eine Frechheit, eine Unverschämtheit war! Das
konnte nicht so weitergehen. Auch den anderen Männern waren, nachdem das
Fenster geöffnet wurde, dieser Geruch und diese Geräusche nicht entgangen.
Alle waren sich einig, dass diese illegale Grillerei nicht zulässig war,
solange sie nicht dabei waren und so wurde einstimmig beschlossen, gegen die
Veranstalter – wer auch immer das sein mag - aber dem würde man jetzt gemeinsam
auf den Grund gehen – vorzugehen. Kampflustig und siegessicher machten sich die
Männer in Schlafanzügen und Pantoffeln auf den Weg zum Sonnendeck, woher der
dichte Rauch eindeutig kam. Je näher sie kamen, umso lauter wurde das Gekicher
und Getratsche. Als die Herren näher kamen, sahen sie, was
die Ursache für die Lärm- und Geruchsbelästigung war: Sämtliche weiblichen
Passagiere waren hier versammelt und feierten ausgelassen und schienen sich dabei
ausgezeichnet zu unterhalten. Dr. Tracy saß auf einem Rettungsring und
verzehrte genüsslich ein Paar Bratwürstchen, neben sich hatte sie ein
Schüsselchen mit Pfirsichhälften stehen. Kat, die in ihrem hellblauen Negligé
mit Sternenmuster entzückend aussah, unterhielt sich angeregt mit der Gräfin
und Det stand beim CD-Spieler, der sich bei der Bar befand und nahm Musikwünsche der anderen Damen
entgegen. Nur mit großer Mühe konnte sie Smartie davon abhalten „The very best of Werbemusic“
einzulegen. Soeben hatten sich Baby Jane und Miss Scarlet „I am from Austria“ gewünscht, wehmütig sangen sie
den Refrain mit. Xhosa und Leo tanzten zur Musik indem sie eine Art Stammestanz
aufführten und Anna Nümosia wiegte sich mit erhobenen Armen im Takt der Musik.
Als das Lied zu ende war und eine kurze Pause entstand, bemerkten die Damen die
Anwesenheit der Herren, die an der Treppe zum Sonnendeck standen und das bunte
Treiben mit fassungslosen Blicken verfolgten, unfähig etwas zu sagen. Wie auf
Kommando rannten alle hysterisch kreischend zu dem etwas geschützterem Eck, wo sich die Bar,
der CD-Spieler und Det befanden und versuchten sich jeweils hinter der anderen
zu verstecken. Dort stand jetzt das aufgeregte, ertappte Damen-Grüppchen und
auf der anderen Seite die nicht weniger irritierte Männergruppe. Was sollte man
jetzt tun, wie sollte man reagieren?
70. Folge: Die
Tanzstunde (von Scarlet)
Nach
einigen Augenblicken, die allen Beteiligten wie eine halbe Ewigkeit vorkamen,
brach der luxemburgische Prinz den Bann. Er
trat aus der Herrengruppe heraus und ging auf die Damen zu. In seinem
dunkelblau-bordeaux gestreiften Satin-Schlafanzug mit goldgelbem Familienwappen
auf der Brust sah er direkt elegant aus. Er blieb ein paar Schritte vor den
Ladies stehen, die ihn erwartungsvoll anblickten, dann verbeugte er sich und
sah Anna Nümosia an und fragte sie, ob er sie um einen Tanz bitten dürfte. Anna
sah die anderen Damen fragend an, einige zuckten mit den Schultern, aber dann
nickten doch alle und Anna machte einen Schritt nach vorne und streckte dem
Prinzen ihre Hand entgegen, die in dem geblümten Ärmel ihres langen
rosafarbenen Nachthemdes steckte. Schnell legte Det eine Walzer-CD ein und schaltete das Gerät ein,
leise begann der Frühlingsstimmen-Walzer von Johann Strauß und das Paar bewegte
sich anmutig im Takt dazu. Die Stimmung lockerte sich zusehends und Frau
Nümosia schien Gefallen am Tanzen (und vielleicht auch
an dem Prinzen) zu finden. Auch die anderen wurden im ¾-Takt mitgerissen und
konnten nicht länger ruhig stehen bleiben und so gesellten sich immer mehr
Tänzer auf die Tanzfläche. Xhosa forderte den Städteplaner auf und die Gräfin
wagte ein Tänzchen mit Sir Hilary. Und bald schon war die Party
wieder im Gange. Als der Donauwalzer erklang, wischte sich Miss Scarlet
verstohlen ein Tränchen aus dem Augenwinkel, wehmütig blickte sie auf das weite
Meer und die Sichel des Mondes, als plötzlich der Cessnaritter neben ihr stand
„Miss Scarlet, wissen sie noch, was ich ihnen bei der Rettungsübung gesagt
habe? Ich sagte, ich würde sie beim Ball um einen Tanz bitten. Würden sie mir
jetzt wohl die Ehre erweisen?“ Er streckte ihr die rechte Hand entgegen, mit
einem Blick, der kein Nein akzeptieren würde. Sie blickte verlegen zu Boden,
reichte ihm jedoch die Hand und stand auf und ging mit ihm zur Tanzfläche. Wie
von alleine folgten ihre Bewegungen dem Takt der Musik. „Sie tanzen
ausgezeichnet, Miss Scarlet.“ flüsterte ihr der Cessnaritter ins Ohr, der mit
seinem starken Arm ihre schmale Taille umfasste.
„Danke, sie auch. Der Walzer liegt mir einfach im Blut.“ sagte sie. „Wiener
Blut.“ scherzte der Cessnaritter.
Die Gesellschaft feierte so ausgelassen - sogar Baby Jane
hatte sich mit Kat näher angefreundet – sodass keiner bemerkte, dass sie alle
eigentlich immer lauter wurden. Und mit der Zeit lockten der Grillgeruch, die
Musik und das Lachen so ziemlich alle auf das Sonnendeck, die sich an Bord der
Werderania befanden. Sogar der Kapitän, Fischkrepp und der Doktor
erschienen gemeinsam, wobei der Kapitän einen
marineblauen Samt-Schlafrock mit einer Doppelreihe goldener Knöpfe trug, der
Doktor einen schlichten weißen Leinen-Pyjama und der Fischkrepp hatte zu seinem
geschmacklosen braunen Schlafanzug – man wird es
nicht für möglich halten – Pantoffeln mit Gummikreppsohle an! Dr. Tracys Herz schlug höher, als sie Dr.
Few Masters erblickte und auch er sah in ihre Richtung, ja er kam sogar auf sie
zu! Er hatte sein Versprechen, mit ihr zu tanzen nicht vergessen. So feierte
man eine ganze Weile und gerade als Ona, die spanische Köchin auf der Bar
einen Flamenco tanzen wollte, erschien H.-G. Werderaner
in orange-grünem Nicki auf der Bildfläche…
71. Folge: Des Reeders Wutausbruch (von
Scarlet)
Augenblicklich
kehrte Ruhe ein, die Party-Gesellschaft erstarrte in
Ehrfurcht und alle schauten den Reeder erschrocken und
erwartungsvoll an. Was würde passieren, was wird er sagen? Würde er den Kapitän
feuern, müssten die Passagiere zur Strafe jetzt in die USA rudern anstatt zu
segeln?
„Was ist denn hier los?“ polterte er los. „Muss ich denn den ätzenden
Grillgeruch in meinem Schlafzimmer tolerieren, wenn ich dem nächsten Morgen
entgegenschlummere? Vom Lärm der Besoffenen gar nicht zu
reden! Von Rücksicht haben sie wohl noch nichts gehört, aber das Wort verliert
ja sowieso immer mehr an Bedeutung, wie mir scheint! Ich meine, ich
lasse dann auch schon mal gerne die
Wutz raus. Zur Erklärung: „Die Wutz rauslassen“ heißt nichts anderes, als
„feiern bis der Arzt kommt“, also man kann es auch eine Metapher nennen – aber
was ich eigentlich damit sagen will: Grillgeruch, wenn man nicht mitfrisst, ist doch nichts Schönes.“
Die anderen standen fassungslos da, aber Ona, die immer noch auf der Bar stand,
sprang jetzt hinunter, ergriff einen Teller mit Koteletts und Grillwürsten und
drückte ihn dem Reeder mit funkelnden Augen und den Worten „Na dann essen sie
halt mit, anstatt sich hier aufzuregen und herumzubrüllen!“ in die Hand.
H.-G. Werderaner sah in die wie betäubt dastehende Runde, Miss Scarlet
zwinkerte ihm zu, mit einem Blick, der ihm sagen sollte: Seien sie kein
Spielverderber. Um den Mund des Reeders zuckte es verdächtig und sein Gesicht
verfärbte sich rot, er sah aus, als würde er jeden Moment zerplatzen. Erschüttert starrten ihn
die Umstehenden an, diese unüberlegte Handlung der Köchin würde sicher böse
Folgen für sie haben. Mit einem Werderaner spaßt man nicht ungestraft. Und als
jeder für sich ausmalte, wie die Strafe wohl aussehen würde, brach H.-G.
Werderaner in haltloses Gelächter aus. Er lachte bis ihm die Tränen kamen und
trommelte dabei mit der Faust auf das Treppengelände. Es war ein Anblick für
Götter: Ein vor Lachen weinender H.-G. Werderaner im orange-grünen Nicki-Pyjama
(mit weißem ‚W’ auf der Brust) einen Pappteller mit Gegrilltem in der einen
Hand und mit der anderen Hand trommelnd… Ona stand wie angewurzelt vor ihm und
starrte ihn entgeistert an, sie drehte sich zu den anderen um und sah Scarlet,
die sich die Hand vor den Mund hielt und versuchte, krampfhaft das Lachen zu
unterdrücken. Als diese aber in das fassungslose Gesicht der spanischen Köchin sah, konnte
sie sich einfach nicht mehr beherrschen und lachte laut los
und auch Ona konnte jetzt nicht mehr anders als Lachen.
Erleichtert stimmten bald alle anderen in das ansteckende Lachen der drei ein
und einige wischten sich Lachtränen aus den Augen. Scarlet
war froh, dass die Situation nicht eskaliert ist, denn es hätte auch anders
ausgehen können, so gut kannte sie H.-G. Werderaner schon. Aber genauso gut
wusste sie auch, dass er ja im Grunde seines Herzens kein Unmensch war. Auf ihn traf der
Spruch „Harte Schale, weicher Kern“ so gut wie auf keinen anderen zu. Und genau
das hatte er jetzt bewiesen, indem er lachend die Köchin aufforderte, ihm den
Flamenco beizubringen.
72. Folge: Die Party
geht weiter (von Paula_Tracy)
Nachdem
der Bann gebrochen war, ging die Feier fröhlich weiter. Nur Willi fand, dass es
nicht korrekt sei, dass Heino nicht eingeladen wurde. „Das war keine Absicht!“
sagte der betroffene Cessnaritter. „Wir haben ihn vergessen, aber wir könnten
ihn ja noch holen...“ „Mr. Butermaker und Pete Morgan fehlen auch noch“ warf
Falk Rickmers ein. „Butermaker kann sich mal wieder vom Premiere-Programm nicht
losreißen und Morgan hatte wohl eine Inspiration für einen neuen
Gruselkrimi...“ „Nichts da, die werden rausgeholt!“ rief die fröhliche Ona, die
sich merkwürdigerweise überhaupt nicht dafür interessierte, wie das Fleisch aus der Küche auf den
Grill gekommen war. „Heute wird gefeiert – wir lassen die
Wutz raus!“ „Yeti-Klaus ist auch noch in der Kabine“ erinnerte Baby Jane, „und
Kaschi schläft wahrscheinlich seinen Rausch aus.“ „Allmählich
müsste er nüchtern sein“ der Doktor sah auf die Uhr. „Ich gehe mal nach ihm schauen, die anderen
bringe ich auch mit... Willi, Du gehst am besten mit, Heino sieht ohne Brille
nicht so gut.“ „Ach was, die Brille ist doch nur sein Markenzeichen,“ protestierte Willi „er braucht sie gar nicht. Und bei
Nacht ist er auch nicht lichtempfindlich. „Egal,“
sagte Few Master, „du solltest ihn nach oben bringen. Er wird begeistert sein!“
Die anderen grinsten und auch Few Master konnte sich ein Lächeln nicht
verkneifen. „Ich muss auch mal nach Nobbi, Patricia und dem armen Gandalf schauen. Paula, kommen
Sie mit? Vielleicht brauche ich Ihren kollegialen Rat...“ „So ein Dummschwätzer,“ murmelte Det. „von einer Tierärztin...“ Dr. Master, Dr.
Tracy und Willi verschwanden, und die
anderen steckten die Köpfe zusammen, um darüber zu spekulieren, warum der
Doktor die Hilfe einer Tierärztin bei einem Sonnenbrand brauchte, und ob Heino
wohl etwas singen würde – und wie man das verhindern konnte.
Der Kapitän kam auf die bezaubernd aussehende Kat zu.
„Kat, darf ich um den nächsten Tanz bitten?“ Kat errötete und sah im
Augenwinkel, wie De Guy schmerzvoll die Augen schloss. Immerhin hatte
sie mit ihm noch gar nicht getanzt – der Knoblauchgeruch war noch zu stark -
wenn er jetzt eifersüchtig war? Und ihre neue Freundin – Baby Jane? Oh je, die schaute auch wieder ganz
giftig! Dabei konnte sie doch nichts dafür... Doch sie lächelte den Kapitän an.
„Gerne, wie könnte ich dem Kapitän einen Tanz verwehren?“ Der Kapitän zog sie
fest an sich, sie konnte den männlich-herben Duft seines Aftershaves riechen –
welches war das noch mal – hatte sie nicht sogar den Werbetext dafür geschrieben? Beglückt schloss sie die Augen.
Det legte „Something stupid“ auf (natürlich die
Sinatra-Version) und die beiden tanzten versonnen und in sich versunken. De Guy
wandte sich ab, er konnte es nicht mit ansehen. Doch da fasste jemand nach
seiner Hand. Es war Baby Jane. „Geben Sie nicht auf, De Guy! Machen Sie Kat
eifersüchtig! Sie soll sehen, was Sie an Ihnen hat. Tanzen Sie mit mir!“
Bereits in diesem Augenblick wusste Baby Jane, dass sie es bereuen würde – der
Knoblauchgeruch war, wenn das überhaupt möglich war, noch schlimmer geworden...
Doch tapfer – und selbstlos natürlich – ließ sie sich von De Guy zur Tanzfläche
führen...
Inzwischen waren auch Pete Morgan, Mr. Butermaker
(sehr widerwillig) und der tatsächlich ernüchterte Kaschi auf dem Deck
eingetroffen. Pete Morgan trug einen braun-beige gestreiften Baumwollpyjama mit
kurzer Hose, Mr. Butermaker einen schwarzseidenen Pyjama
mit rotem Premiere-Emblem (ein Werbegeschenk) und Kaschi, den der Doktor und
Paula erst mal unter die Dusche gestellt hatten,
einen Frottee-Schlafanzug in verschiedenen Blautönen. Det
legte sofort ihre CD, die sie gerade einlegen wollte, aus der Hand. „Der gehört
mir!“ sagte sie laut.
73. Folge: Morgenstund
hat Brief im Mund (von Reggae-Gandalf)
Sie
ging auf Dr. Master, der mit Gandalf - Stützenderweise - ankam, zu. „Was ist
denn jetzt...“ wollte Few Master grade loslegen, als Det an den beiden vorbei
rannte, gradewegs auf Dr. Tracy zu. „Das ist mein Sekt“ keifte sie Paula an.
Doch diese ließ sich davon nicht beeindrucken und wollte einfach an Det
vorbeigehen. Kaum an ihr vorbei drehte sich Det um und schlug, Blind vor
Eifersucht, Paula gegen den Sektglas haltenden Arm. Das Glas rutschte Paula aus der Hand
und flog in hohem Bogen gradewegs auf den Teller von Werderaner. Wieder war
alles still. Doch Werderaner rührte sich nicht. Langsam und vorsichtig ging der
Cessnaritter in Richtung von Werderaner, der auf einem der an Deck stehenden
Liegestühle platz genommen hatte, zu. Er schaute ihm über die
Schulter. Erst flüsterte er etwas Unverständliches. Dann sagte er etwas lauter:
„Der Werderaner ist eingeschlafen! Er hat nichts
mitbekommen.“ Alle atmeten auf. Bevor die Situation doch noch eskalieren
konnte, wurden Paula und Det, Geistesgegenwärtig von den anderen, getrennt und
man schob Werderaner einen neuen gefüllten Teller
unter.
Die Party ging bis in die frühen Morgenstunden. Langsam wurden alle aber müde,
da sie einen langen und aufregenden Tag hinter sich hatten. Die ersten gingen
in ihre Kabinen. Gegen 5 Uhr 30 huschte Baby Jane leise und
von den noch verbliebenen Mitpassagieren unbemerkt in ihre Kabine Nr. 123. Ihr
rötliches Haar war zerzaust, sie wirkte müde aber glücklich und ihre Wangen schimmerten rosig. Sie
bemerkte nun endlich, dass jemand einen Briefumschlag unter ihrer Tür in
den Raum geschoben hatte. Sie bückte sich, hob ihn auf und
öffnete das Kuvert.

Rasch war das Schreiben
überflogen, und rasch war festgestellt,
dass der Brief irrtümlich bei ihr gelandet sein musste. Denn die zarte Botschaft voller Poesie war
ganz offensichtlich an die Bewohnerin der Kabine Nr. 132 gerichtet. Baby Jane
ordnete rasch ihre Kleider, brachte schnell das Haar in
Ordnung, trat auf den Gang und klopfte trotz früher Morgenstunde an die Tür Nr.
132: „Paula, aufstehen! Post für dich!“
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